Mitarbeiterfuehrung Schirmer
Mitarbeiterführung
Uwe Schirmer, Sabine Woydt
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Mitarbeiterführung
Uwe Schirmer
Sabine Woydt
3. Auflage
BA KOMPAKT
BA KOMPAKT
Reihenherausgeber
Martin Kornmeier , Duale Hochschule Baden-Württemberg , Mannheim , Deutschland
Gründungsherausgeber
Martin Kornmeier , Duale Hochschule Baden-Württemberg , Mannheim , Deutschland
Willy Schneider , Duale Hochschule Baden-Württemberg , Mannheim , Deutschland
Die Bücher der Reihe BA KOMPAKT sind zugeschnitten auf das Bachelor-Studium im
Studienbereich Wirtschaft an den Dualen Hochschulen und Berufsakademien. Sie erfüllen
vollständig die im Curriculum zur Erlangung des Bachelor festgelegten Anforderungen
(Lerninhalt, Lernmethoden, Konzeption und Ablauf der Veranstaltungen).
Die Reihe BA KOMPAKT zeichnet sich aus durch:
• Fokussierung auf die elementaren Lernziele
• Starker Praxisbezug durch konkrete Beispiele
• Einbindung von Fallstudien für Einzel- und Gruppenarbeit
• Unmittelbare Anwendbarkeit des vermittelten Wissens durch Tipps und Hintergrundin-
formationen
• Übersichtliche, anschauliche Darstellung durch zahlreiche Kästen, Abbildungen und
Tabellen
• Kontrollfragen zur Prüfung des Lernerfolgs
Weitere Bände in dieser Reihe http://www.springer.com/series/7570
Uwe Schirmer • Sabine Woydt
Mitarbeiterführung
3., aktualisierte und erweiterte Aufl age
Uwe Schirmer
Duale Hochschule Baden-Württemberg
Lörrach
Lörrach , Deutschland
Sabine Woydt
Duale Hochschule Baden-Württemberg
Heilbronn
Heilbronn , Deutschland
ISSN 1864-0354
BA KOMPAKT
ISBN 978-3-662-47914-8 ISBN 978-3-662-47915-5 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-662-47915-5
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Vorwort zur dr itten Aufl age
Die Bedeutung des Themas „Mitarbeiterführung“ wird durch die ungebrochene Vielzahl
neuer Publikationen im Buchmarkt eindrucksvoll dokumentiert. Dabei fi nden sich innova-
tive und belastbare Ansätze, aber leider auch weniger geeignete Ideen, die mehr auf subjek-
tiven „Ratschlägen“ als auf wissenschaftlich basierten Untersuchungen gründen, in den
Veröffentlichungen.
In diesem Kontext ist es unser Anliegen mit der dritten Aufl age des Buches „Mitarbei-
terführung“ in der Reihe BA KOMPAKT interessierten Lesern eine aktuelle, fundierte und
orientierende Einführung in das Themenfeld zu bieten. Unser Anliegen ist es dabei nicht,
jede Theorie im letzten Detail darzustellen, sondern weiterhin einen gründlichen Ge-
samtüberblick für Einsteiger in das Thema zu bieten – eine didaktische Herausforderung,
die uns hoffentlich wieder gut gelungen ist. Dabei haben wir auf der Basis unserer Erfah-
rungen aus einer mittlerweile großen Zahl an Vorlesungen und Gesprächen mit Studieren-
den und Praktikern die Chance genutzt und die dritte Aufl age des Buches inhaltlich neu
konzipiert, noch stringenter ausgerichtet, aber auch wieder um aktuelle Themen erweitert.
So fi nden sich als neue bzw. vertiefte Themenfelder zum Beispiel die Bereiche Führungs-
ethik, Sozialisation und Persönlichkeit, soziale Wahrnehmung im Führungsprozess, voli-
tionspsychologische Inhalte sowie generationenspezifi sche Führungsaspekte. Zudem
haben wir wieder Beispiele und Hintergrundinformationen aktualisiert und ergänzt.
Zur Zielgruppe der dritten Aufl age gehören wie bisher zum einen alle Studierenden und
Dozenten an Berufsakademien, Dualen Hochschulen, Fachhochschulen und Universitä-
ten – sowohl betriebswirtschaftlicher als auch technischer, geisteswissenschaftlicher und
sozialwissenschaftlicher Studiengänge. Zum anderen richtet sich das Buch an alle Prakti-
ker, die ihr Führungshandeln refl ektieren und weiter entwickeln wollen.
Wir wünschen allen Lesern eine „transformationale und inspirierende“ Lektüre!
Lörrach und Heilbronn, im April 2016
Sabine Woydt
Uwe Schirmer
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Inhaltsverzeichnis
1 Führung – Erfolgsbeitrag und Legitimation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
1.1 Führungsverständnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
1.2 Führungsprozess und Rahmenbedingungen der Führung . . . . . . . . . . . . . . 3
1.2.1 Personale und strukturale Führung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3
1.2.2 Führungsprozess und Führungsaufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
1.2.3 Kernfunktionen der Führung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12
1.2.4 Führungsrollen und Führungsbeziehung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
1.2.5 Makropolitischer Führungskontext . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19
1.3 Beitrag von Führung zum Unternehmenserfolg. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24
1.3.1 Zielgrößen des Führungserfolgs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24
1.3.2 Unternehmerisches Zielsystem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26
1.3.3 Konkretisierte Führungsziele: Balanced Scorecard . . . . . . . . . . . . 29
1.3.4 Führen mit Zielen: Management by Objectives . . . . . . . . . . . . . . . . 31
1.4 Legitimation von Führung und Führungsautorität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33
1.4.1 Weisungsrecht , Versetzung und Änderungskündigung . . . . . . . . . . 34
1.4.2 Vertretungs- und Entscheidungsbefugnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35
1.4.3 Soziale Machtgrundlagen der Führung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36
1.4.4 Führungsethik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39
1.4.5 Führungskompetenz und Kompetenzprofi l . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45
1.5 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47
1.6 Kontrollaufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
2 Individualpsychologische Grundlagen der Führung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55
2.1 Führender und Geführter – zwei Individuen in der Führungsdyade . . . . . . 55
2.1.1 Persönlichkeit und Persönlichkeitsdimensionen . . . . . . . . . . . . . . . 56
2.1.2 Persönlichkeitsentwicklung durch Sozialisation
und Enkulturation. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60
2.1.3 Wahrnehmung und Attribution . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64
2.1.4 Selbstkonzept und Selbstvertrauen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68
viii
2.2 Menschenbilder und Führung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70
2.2.1 Bedeutung von Menschenbildern in der Führung . . . . . . . . . . . . . . 71
2.2.2 Unterschiedliche Menschenbilder in der
Mitarbeiterführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72
2.3 Grundlagen der Motivation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75
2.3.1 Motivation und Leistung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76
2.3.2 Rahmenmodell der Motivation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77
2.3.3 Leistung und Arbeitszufriedenheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
2.4 Inhaltsanalytische Aspekte der Motivation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82
2.4.1 Theorie der Bedürfnishierarchie nach Maslow . . . . . . . . . . . . . . . . 82
2.4.2 Zwei-Faktoren-Theorie nach Herzberg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84
2.5 Prozessanalytische Aspekte der Motivation. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88
2.5.1 Das VIE- Modell nach Vroom . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88
2.5.2 Rückkoppelungsmodell nach Porter und Lawler . . . . . . . . . . . . . . . 91
2.5.3 Leistungsmotivationstheorie nach McClelland
und Atkinson . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93
2.5.4 Flow-Konzept nach Csikszentmihaly . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95
2.6 Realisierung von Handlungsabsichten: Rubikon-Modell . . . . . . . . . . . . . . 96
2.7 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99
2.8 Kontrollaufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101
3 Sozialpsychologische Grundlagen der Führung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107
3.1 Grundkonzepte der Soziologie und Sozialpsychologie . . . . . . . . . . . . . . . . 107
3.1.1 Identität und Gruppe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108
3.1.2 Rollentheorie: Soziale Rolle und soziale Position . . . . . . . . . . . . . . 108
3.1.3 Kultur: Soziale Normen und Werte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110
3.1.4 Formelle und informelle Führung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111
3.1.5 Gruppendynamik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113
3.2 Das soziale System Gruppe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114
3.2.1 Arbeitsgruppe und Hochleistungsteam . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115
3.2.2 Teamentwicklungsphasen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
3.2.3 Der Wunsch nach Zugehörigkeit (Input-output-Hypothese) . . . . . . 119
3.2.4 Gruppendynamische Phänomene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119
3.2.5 Lateral Führen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121
3.2.6 Virtuell Führen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121
3.3 Das soziale System Unternehmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123
3.3.1 Konzept der Unternehmenskultur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123
3.3.2 Basisannahmen in einer Organisationskultur . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126
3.3.3 Werte und Standards in Organisationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127
3.3.4 Symbolsystem der Organisationskultur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128
3.3.5 Typen von Unternehmenskulturen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129
Inhaltsverzeichnis
ix
3.3.6 Mikropolitik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132
3.4 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133
3.5 Kontrollaufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135
4 Kommunikationspsychologische Grundlagen der Führung . . . . . . . . . . . . . . 137
4.1 Kommunikation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137
4.2 Kommunikationsbedürfnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138
4.3 Kommunikationstheorien und -modelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140
4.3.1 Das Eisberg-Modell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140
4.3.2 Das Kommunikationsquadrat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140
4.3.3 Die Ich-Zustände nach der Transaktionsanalyse . . . . . . . . . . . . . . . 143
4.4 Konfl iktmanagement . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146
4.4.1 Defi nition und Bewertung von Konfl ikten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146
4.4.2 Konfl iktanalyse und -diagnose . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148
4.4.3 Konfl iktintervention und -lösung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151
4.4.4 Lösungen verhandeln mit dem Harvard-Konzept . . . . . . . . . . . . . . 152
4.5 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155
4.6 Kontrollaufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156
5 Führungstheorien und -modelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157
5.1 Führungsansätze im Überblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157
5.2 Eigenschaftsbasierte Ansätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159
5.2.1 Eigenschaftsansatz – „great man theory“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159
5.2.2 Charismatische Führung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161
5.3 Verhaltensansätze (Führungsstile) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163
5.3.1 Eindimensionale Führungsstile (Führungsstiltypologien) . . . . . . . . 165
5.3.2 Zweidimensionale Führungsstilansätze:
Ohio-State-Leadership- Quadrant und Grid-Ansatz . . . . . . . . . . . . . 167
5.3.3 Mehrdimensionaler Führungsstil: 3-D-Modell
nach Reddin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171
5.4 Situationsansätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174
5.4.1 Kontingenzmodell der Führung nach Fiedler . . . . . . . . . . . . . . . . . 174
5.4.2 Reifegradmodell der Führung nach Hersey
und Blanchard . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177
5.4.3 Weg-Ziel-Theorie nach House . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 180
5.4.4 Situationsanalytisches Entscheidungsmodell
von Vroom/Yetton . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183
5.5 Transformationale New Leadership-Ansätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 184
5.5.1 Neocharismatische Führung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185
5.5.2 Transformationale Führung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187
Inhaltsverzeichnis
x
5.5.3 Super Leadership . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191
5.5.4 Authentische Führung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194
5.5.5 Shared Leadership und agile Führung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195
5.6 Systemische Führung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201
5.7 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 204
5.8 Kontrollaufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 206
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207
6 Führungsinstrumente in der Praxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213
6.1 Monolog-orientierte Führungsinstrumente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 214
6.1.1 Information . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 214
6.1.2 Anweisung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215
6.1.3 Unterweisung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215
6.1.4 Delegation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 216
6.1.5 Feedback . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 217
6.2 Dialog-orientierte Führungsinstrumente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 218
6.2.1 Kritikgespräch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 218
6.2.2 Personalbeurteilungsgespräch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 220
6.2.3 Personalentwicklungsgespräch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 224
6.2.4 Zielvereinbarungsgespräch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225
6.3 Nicht-verbale Führungsinstrumente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 230
6.3.1 Anreizsystem e . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231
6.3.2 Motivierende Arbeitsgestaltung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233
6.3.3 Führungsgrundsätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 234
6.3.4 Performancemanagement und Selbstregulation . . . . . . . . . . . . . . . . 237
6.4 Prozess-orientierte Führungsinstrumente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 238
6.4.1 Moderation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 238
6.4.2 Coaching . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 240
6.4.3 Mediation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 241
6.5 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 242
6.6 Kontrollaufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 243
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 243
7 Soziale Verantwortung der Führungskraft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 245
7.1 Sicherheit und Gesundheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 245
7.1.1 Fürsorgepfl icht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 246
7.1.2 Work-Life-Balance . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 246
7.1.3 Burnout-Prävention . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 247
7.1.4 Verhalten bei vermutetem Alkohol-
und Drogenmissbrauch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 250
7.1.5 Verhalten bei Mobbing . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 252
Inhaltsverzeichnis
xi
7.2 Gleichbehandlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 254
7.2.1 Geschichte des Gleichbehandlungsrechts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 255
7.2.2 Auswirkungen des AGG auf das Personalmanagement . . . . . . . . . 257
7.2.3 Gender Mainstreaming. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 258
7.2.4 Genderforschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 261
7.2.5 Diversity Management . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 263
7.2.6 Praktische Implikationen für Führungskräfte . . . . . . . . . . . . . . . . . 265
7.3 Beschäftigungsfähigkeit (Employability) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 266
7.3.1 Hintergrund der Employability-Diskussion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 266
7.3.2 Lebenslanges Lernen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267
7.3.3 Employability der Mitarbeiter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269
7.3.4 Die eigene Employability . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 270
7.4 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 270
7.5 Kontrollaufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 270
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271
Lösungen zu den Kontrollfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275
Lösungshinweise zu den Aufgaben aus Kapitel 1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275
Lösungshinweise zu den Aufgaben aus Kapitel 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 277
Lösungshinweise zu den Aufgaben aus Kapitel 3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 278
Lösungshinweise zu den Aufgaben aus Kapitel 4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 279
Lösungshinweise zu den Aufgaben aus Kapitel 5 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 280
Lösungshinweise zu den Aufgaben aus Kapitel 6 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 281
Lösungshinweise zu den Aufgaben aus Kapitel 7 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 281
Stichwortverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 283
Inhaltsverzeichnis
1
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2016
U. Schirmer, S. Woydt, Mitarbeiterführung, BA KOMPAKT,
DOI 10.1007/978-3-662-47915-5_1
1
Führung – Erfolgsbeitrag und Legitimation
Lernziele
Dieses Kapitel vermittelt
• was unter Personalführung zu verstehen ist,
• welche Einfl ussfaktoren auf den Führungsprozess wirken,
• wie Mitarbeiterführung zum Unternehmenserfolg beiträgt,
• wie Führung legitimiert ist,
• woran erfolgreiche Mitarbeiterführung erkannt werden kann und
• welches Kompetenzprofi l Führungskräfte erfüllen sollten.
1.1
Führungsverständnis
Führung ist ein vielschichtiges Phänomen, das in alltäglichen und berufl ichen Situatio-
nen zu beobachten ist. Führung wird dabei in verschiedenen Wissenschaftsgebieten
(Pädagogik, Psychologie, Soziologie, Wirtschaftswissenschaften etc.) aus unterschied-
lichen Erkenntnisperspektiven diskutiert und mit unterschiedlichen Konnotationen
belegt (vgl. Neuberger 2002 , S. 2 ff.; Blessin und Wick 2014 , S. 23 ff.). Innerhalb der
Betriebswirtschaftslehre gibt es zwei Betrachtungsschwerpunkte, die eng miteinander
verbunden, aber auch voneinander zu differenzieren sind.
Aus Sicht der umfassenden Unternehmensführung wird unter Führung die zielorien-
tierte Planung, Strukturierung und Kontrolle von ganzen Organisationen verstanden (vgl.
Steinmann et al. 2013 , S. 6 ff.). Dabei wird Führung in eine institutionelle und eine funkti-
onale Perspektive unterteilt. Erstere bezeichnet die Gesamtheit aller Führungspositionen in
einem Unternehmen, d. h. die Führungsstruktur – „das Management“. Die funktionale Pers-
pektive bezieht sich dagegen auf die notwendigen Handlungen, die im Rahmen der Leitung
von Unternehmen zu erbringen sind – „das Managen“. Personalmanagement bezeichnet
2
dabei fokussiert alle Rahmenhandlungen, die zum optimalen Einsatz der Ressource Personal
im Kontext der Unternehmensführung dienen und durch die Personalabteilung erbracht
werden (vgl. Oechsler und Paul 2015 , S. 282; Wegge und Rosenstiel 2014 , S. 315 ff.). Davon
zu unterscheiden ist das konkrete Führen von Mitarbeitern , das zwar ebenfalls zu den
Managementaufgaben gehört und somit eine Teilfunktion der Unternehmensführung dar-
stellt (vgl. Steinmann et al. 2013 , S. 9 ff.; Bröckermann 2012 , S. 240 f.;), sich aber in einem
sozial-funktionalen Verständnis auf den Prozess der zielgerichteten Verhaltensbeeinfl us-
sung von Mitarbeitern bezieht. Eine Vielzahl von unterschiedlichen Begriffsdefi nitionen
stellen dabei auf nuancierte Aspekte ab und erschweren ein einheitliches Verständnis des
Betrachtungsgegenstandes (vgl. zu unterschiedlichen Führungsdefi nitionen Weibler 2016 ,
S. 20 f.; Blessin und Wick 2014 , S. 23 ff.).
Folgendes Verständnis wird im Weiteren zugrunde gelegt: Personalführung, synonym
Mitarbeiterführung, ist ein dynamischer, wechselseitiger und ethisch legitimierter Einfl us-
sprozess , um das Verhalten eines oder mehrerer Mitarbeiter in einer interaktionalen Bezie-
hung auf die Einhaltung bzw. Erreichung bestimmter Werte und Ziele der Organisation hin
auszurichten. Dies schließt auch ein Führungsverständnis ein, dass sich im Sinne von
Self-Leadership oder Shared Leadership darauf konzentriert, einen zielführenden Rahmen
zu defi nieren, innerhalb dessen Mitarbeiter befähigt werden, selbstorganisiert zweckgerich-
tet zu handeln ( Facilitating ).
Dynamisch ist Mitarbeiterführung, da sich die Befi ndlichkeiten der Beteiligten sowie
die Grundstruktur der Führungssituation schnell und stetig verändern können. Fand am
Morgen eine Aufgabendelegation in entspannter Arbeitsatmosphäre statt, kann am Nach-
mittag ein wichtiger Kundenbesuch oder ein entgangener Auftrag zu erheblichen Stim-
mungseffekten bei allen Beteiligten führen und ein anders Führungsverhalten erfordern
bzw. verursachen. Führung fi ndet zudem in einer dialogischen Konstellation in Bezug
auf Kommunikation und Beeinfl ussung zwischen Führer und Geführtem statt. So diri-
giert der Vorgesetzte nicht im Sinne einer Einweg-Kommunikation. Vielmehr äußern Mitar-
beiter ihre Meinung und senden Erwartungshaltungen und Verhaltenssignale an den
Vorgesetzten, der dadurch mittels einer Zweiweg-Kommunikation selbst beeinfl usst
wird. Auf einen gutmütigen, leistungsbereiten und Extra-Rollenverhalten zeigenden Mit-
arbeiter geht ein Vorgesetzter ggf. einfacher zu, als auf einen eher abwehrenden, verwei-
gernden Mitarbeiter. Führer und Geführter sind somit in einer wechselseitigen Beziehung
miteinander verbunden (vgl. Somech und Drach-Zahavy 2002 , S. 169). Mitarbeiterfüh-
rung muss für ein dauerhaftes Funktionieren im Kontext von Erfolgs- und Humanver-
antwortung ethisch legitimiert sein und darf nicht zu Gunsten einer einseitigen
Bevor zugung ökonomischer Ziele zu Lasten der Mitarbeiter gehen. Verhaltensbeein-
fl ussung , die nicht im Sinne von verborgener Manipulation, dem Mitarbeiter nicht be-
wusst werdender Steuerung seines Wahrnehmens und Verhaltens zu verstehen ist, sondern
als offene, auf gegenseitigem Einverständnis beruhende Eingrenzung möglicher indivi-
dueller Verhaltensdispositionen im Sinne von Arbeitskonkretisierung zu denken ist, ist
moralisch und gesetzlich legitimiert und beinhaltet Akzeptanz. Beide Parteien, Vorge-
setzter und Mitarbeiter, haben auf der Basis von zwei freiwillig abgegebenen
1 Führung – Erfolgsbeitrag und Legitimation
3
Willenserklärungen einen Arbeitsvertrag nach § 611 BGB geschlossen, der das in § 109
GewO defi nierte Weisungsrecht des Arbeitgebers beinhaltet: Der Arbeitnehmer wusste,
dass er Anweisungen erhalten wird und war ex ante damit einverstanden. Transparente
Verhaltensbeeinfl ussung in diesem Sinne benötigt kommunikative Interaktion , um auf-
einander einzuwirken (vgl. Blessin und Wick 2014 , S, 263 ff.). Die Verhaltensbeeinfl us-
sung zielt dabei sowohl auf die Erreichung bestimmter Sachziele , als auch auf die
Einhaltung bzw. Erfüllung defi nierter normativer Vorgaben ab. So kann dem Mitarbei-
ter eines Möbelherstellers als Sachziel durchaus aufgegeben werden, den Einkaufspreis
exotischer Holzarten um 1,7 % zu senken, dabei aber die normativ-ökologische Ausrich-
tung des Unternehmens zu beachten und solche Hölzer nur bei Produzenten mit zertifi -
zierter, nachhaltiger Plantagenwirtschaft zu ordern, um ungewollte Urwaldrodungen
nicht zu unterstützen. Dynamik tritt in der Mitarbeiterführung nicht nur in der mikropo-
litischen Führungssituation auf, sondern wird auch durch schnelle und umfassende Ver-
änderungen auf makropolitischer Ebene wie dem technologischen Fortschritt, der
Digi talisierung, der Globalisierung des Wettbewerbs, der demografi schen Entwicklung
usw. beeinfl usst. In einem derartigen Kontext von sich rasch ändernden Rahmenbedin-
gungen ist es oftmals für Vorgesetzte nicht mehr möglich, alles zu überblicken und
rechtzeitig richtige Entscheidungen zu treffen. Deshalb ist es notwendig, die Mitarbeiter
im Rahmen agiler Führung und im Sinne eines Empowerment und Facilitating dazu
zu befähigen, selbstorganisiert vor Ort zielgerichtete Entscheidungen zu treffen und um-
zusetzen.
1.2
Führungsprozess und Rahmenbedingungen der Führung
Die Führung von Mitarbeitern ist ein fordernder Prozess, der vonseiten der Vorgesetzten
persönliches Engagement, Empathie und die Berücksichtigung rahmengebender Situations-
variablen erfordert. Personale Führung alleine reicht nicht aus, um Führungserfolg hinrei-
chend erklären zu können, dieser wird auch durch Umfeldbedingungen auf mikro- und
makropolitischer Ebene mit beeinfl usst. Durch eine entsprechende Ausgestaltung der Füh-
rungsrolle lässt sich aber eine positive Führungsbeziehung zwischen Mitarbeiter und Füh-
rungskraft entwickeln, die das gemeinsame Erreichen organisationaler und sozialer Ziele
unterstützt.
1.2.1
Personale und strukturale Führung
Mitarbeiterführung integriert in einer grundsätzlichen Perspektive zwei konstituierende
Determinanten, die ursächlich für Führungserfolg sind: die personale Führung und die
umgebenden Situationsbedingungen innerhalb der Organisation. Letztere werden hier in
einem umfassenden Verständnis als Rahmenfaktoren verstanden, die auch makropoliti-
sche Einfl üsse integrieren, und als strukturale Führung bezeichnet werden.
1.2 Führungsprozess und Rahmenbedingungen der Führung
4
Die personale Führung beinhaltet die unmittelbaren, interaktionellen, bewusst ausge-
übten Einfl ussversuche des Führenden, wie z. B. anweisen, motivieren oder kontrollieren,
um systemkonformes Verhalten zu erzeugen. Dabei wirken sich die Persönlichkeitsmerk-
male des Vorgesetzten mittelbar über sein gelebtes Führungsverhalten auf den Führungs-
erfolg aus.
Strukturale Führung fi ndet in Teilen unrefl ektiert statt bzw. nutzt in einem aktiven
Verständnis die Steuerungswirkung organisationaler Rahmenbedingungen, die das Ver-
halten der Mitarbeiter unabhängig von der Führungskraft beeinfl ussen (vgl. Wegge und
Rosenstiel 2014 , S. 317 ff.).
Zusammenführend ergibt sich daraus, dass Mitarbeiterführung eine aktiv umzusetzen-
de, personenbasierte Aufgabe ist, die innerhalb eines durch die jeweilige Organisation
vorgegebenen Rahmens, der sich z. B. durch Unternehmenskultur, Hierarchien oder Auf-
gabengestaltung manifestiert, zu erbringen ist (vgl. Wunderer 2011 , S. 4 ff.). Persönliches
Führungsverhalten bleibt ohne Berücksichtigung der umgebenden Rahmenbedingungen
oftmals hinter den erhofften Einfl usserwartungen zurück bzw. scheitert grundsätzlich.
Ein autoritärer Vorgesetzter wird sich als Creative-Director in einer sehr offen und selbst-
organisierend strukturierten Marketingagentur schwer tun, seine direktiven Vorgaben
umzusetzen. Aus der Erkenntnis, dass situative Rahmenfaktoren einen nicht zu unter-
schätzenden Einfl uss auf die Führung haben, folgt weiterhin, dass sich personale Füh-
rung in Abhängigkeit der Branchenzugehörigkeit des Unternehmens, des umgebenden
kaufmännischen oder gewerblich-technischen Bereichs und der hierarchischen Position
der Führungskraft unterscheiden kann.
Letztlich bietet gerade das abgestimmte, integrative und sich wechselseitig unterstützen-
de Zusammenwirken beider Komponenten, personales Führen und strukturaler Füh-
rungsrahmen , die Chance zu echtem Führungserfolg (vgl. Abb. 1.1 sowie Rosenstiel
2014a , S. 3 f.).
Die Rahmenfaktoren stellen in diesem Sinne grundsätzlich Führungssubstitute dar
(vgl. Kerr und Jermier 1978 , S. 375 ff.; Greenberg und Baron 2007 , S. 500 ff.; Rybnikova
2014 , S. 259 ff.), die mit ihren verschiedenen Wirkungen personale Führung ersetzen, wir-
kungslos werden lassen bzw. verstärken. Substitute im eigentlichen Sinn sind organisa-
tionale Bedingungen, die dazu führen, dass personale Führung überfl üssig wird, da die
beabsichtigte Einfl ussnahme bereits durch die situativen Faktoren erzeugt wird. Einem
Mitarbeiter, der selbsterklärende, getaktete und wiederkehrende Arbeitsschritte am Fließ-
band durchführt, braucht die Führungskraft nicht zu erklären, in welcher Zeit er welchen
Prozess wie ausführen muss. Neutralisierer als Sonderform der Substitute behindern
bzw. heben die Einfl usswirkung personalen Führungsverhaltens auf (vgl. Weibler 2016 ,
S. 348). So reduziert ein konsequent leistungsunabhängiges Anreizsystem erheblich die Ein-
fl usswirkungen eines auf Leistungssteigerung angelegten Führungsverhaltens. Vom Unter-
nehmen gestaltete Substitute sind Teil der bewussten strukturalen Führung und sollen
als „Steigerer“ bzw. „Verstärker“ den Einfl ussversuch der Führungskraft unterstützen
(vgl. Howell et al. 1986 ; Neuberger 2002 , S. 446). Derartige Führungssubstitute können
von der Führungskraft aktiv im personalen Führungsprozess eingesetzt werden und stellen
1 Führung – Erfolgsbeitrag und Legitimation
5
damit Führungsinstrumente dar. So wirkt ein leistungsorientiertes Vergütungssystem als
Führungssubstitut grundsätzlich unterstützend für das auf Leistungssteigerung gerichtete
Verhalten der Führungskraft. Das konkrete Versprechen einer Leistungsprämie anhand der
im Entgeltsystem defi nierten Kriterien durch die Führungskraft ist dann ein Führungsins-
trument.
Grundsätzlich ist festzuhalten, dass sich die wirkungsbezogene Differenzierung der
Führungssubstitute nicht durchgesetzt hat. Vielmehr wird die für den Führungserfolg mo-
derierende (beeinfl ussende) bzw. mediatierende (vermittelnde) Wirkung situativer Bedin-
gungen grundsätzlich anerkannt und versucht, im Führungsprozess zu berücksichtigen.
Insgesamt haben Kerr und Jermier ( 1978 ; S. 378) 14 verschiedene Führungssubstitute
defi niert und in drei Kategorien (Merkmale der Mitarbeiter, Merkmale der Aufgabe und
Merkmale der Organisation) eingeordnet (vgl. Abb. 1.2 ). Die spezifi sche Kombination und
Ausprägung der Rahmenfaktoren defi niert den jeweiligen Grad der situativen Günstigkeit
für die Führungskraft. Konsequent zu Ende gedacht, wäre personale Führung nur noch dann
notwendig, falls offene Lücken in der Führungsstruktur zu schließen wären (Residual- oder
Lückentheorie der Führung; vgl. Türk 1981 ). Personale Führung in diesem Verständnis wäre
gleichsam ein Restfaktor zur Sicherung der sozialen Kontrolle in Organisationen, die durch
situative Kontrollmechanismen nicht erreicht würde (vgl. Rybnikova 2014 , S. 263 f.).
Wesentliche Elemente bewusster strukturaler Führung, d. h. vom Unternehmen gestal-
teter Führungssubstitute, sind (vgl. Wunderer 2011 , S. 5 ff. und S. 72 ff.) die Unterneh-
menskultur, das Anreizsystem und die Organisationsstruktur:
Kommunizieren
Ziele setzen
Motivieren
Loben
Tadeln
Konflikte
managen
Entscheidungen
treffen
Struktur + Person = Führungserfolg
Entgeltsystem
Kommunikations-
technologie
Mitbestimmung
Delegieren
Kooperieren
personaler
Führungsprozess
Führungsphilosophie
(Werte)
Führungspolitik
(Ziele)
Führungsgrundsätze
(Normen)
Karriere-
kriterien
Führungskultur
Arbeitsordnung,
Betriebsverein-
barungen
Organisation
strukturaler
Führungsrahmen
Unternehmens-
kultur
Abb. 1.1 Personale und strukturale Führung . Quelle: eigene Darstellung
1.2 Führungsprozess und Rahmenbedingungen der Führung
6
• Unternehmens- und Führungskultur
Wird Kultur aus einer funktionalen Perspektive als gestaltbare Erfolgsvariable interpretiert
(vgl. Heinen und Fang 1997 , S 15 ff.), kann sie als Element strukturaler Führung entwickelt
und eingesetzt werden (vgl. zu Möglichkeiten kultureller Transformation Schein 2010 ,
S. 219 ff. und Hentze et al. 2005 , S. 485 ff.). Kultur entsteht durch das Zusammenleben von
Menschen (vgl. Steinmann et al. 2013 , S. 652 ff.). Dabei werden sowohl durch das intenti-
onelle und inzidentelle Handeln und Denken der Menschen Merkmale im Sinne von
Normen, Werten und Denkmustern geschaffen, die charakteristisch für eine jeweilige
Gruppierung (Belegschaft) sind. Unternehmenskultur bezeichnet dann die organisations-
immanenten Vorstellungs- und Interpretationsmuster , die das Verhalten der Mitglieder
prägen. Diese Muster basieren auf kollektiv geteilten Werten und Basisannahmen . Herrscht
eine Unternehmenskultur vor, die sich in ihren Basisannahmen mit der Unternehmensvisi-
on und -strategie deckt, wird die operative Führungsarbeit erleichtert, da Mitarbeiter „von
sich aus“ die richtigen Handlungen vornehmen. Im Sinne einer unternehmenskulturzent-
rierten Führung werden Mitarbeiter und Management organisationsspezifi sch sozialisiert.
Die Unternehmenskultur wirkt dann als verstärkendes Führungssubstitut handlungsleitend
und bietet Orientierung in Entscheidungssituationen. Besonders gut leisten kann dies eine
starke Unternehmenskultur. Eine solche ist gegeben, wenn sie prägnant sowie unter den
Mitarbeitern verbreitet und verankert ist (vgl. Steinmann et al. 2013 , S. 664 ff.).
Innerhalb des strukturalen Führungsrahmens bilden die kulturellen Basisannahmen ei-
ner Organisation zudem den normativen Rahmen, der über die Führungskultur die Gren-
zen für das individuelle Führungsverhalten der Vorgesetzten defi niert. Ausgehend von den
Basisannahmen der Unternehmenskultur und der daraus abgeleiteten Werte zur Führung
( Führungsphilosophie ) können die Führungsziele in der Führungspolitik formuliert
werden. Daraus können wiederum Führungsgrundsätze erarbeitet werden, welche die
zentralen Verhaltensnormen für die Personalverantwortlichen festlegen (vgl. Abb. 1.1 ).
9.
Formalisierung
10. Mangelnde Flexibilität
11. Unterstützung durch Bera-
tung und Stäbe
12. Kohäsive Arbeitsgruppen
13. Von Führungskraft unkon-
trollierte organisationale
Belohnungen
14. Räumliche Distanz zwischen
Vorgesetzten und Mitarbei-
tern
1. Fähigkeiten, Erfahrung,
Wissen
2. Unabhängigkeitsstreben
3. Profesionelle Orientierung
4. Gleichgültigkeit gegenüber
organisationaler Anreize
5. Gleichbleibende Routine-
aufgaben
6. Methodische Invarianz
7. Rückmeldung durch die
Aufgabe
8. Intrinsisch befriedigende
Aufgaben
Merkmale der Organisation
Merkmale der Mitarbeiter
Merkmale der Aufgabe
Abb. 1.2 Führungssubstitute. Quelle: in Anlehnung an Rybnikova ( 2014 , S. 273) und Blessin und
Wick ( 2014 , S. 228) auf Basis von Kerr und Jermier ( 1978 , S. 378)
1 Führung – Erfolgsbeitrag und Legitimation
7
Beispiel
Auszug aus den Führungsgrundsätzen der Axel Springer SE
Präambel: „Kreativität, Unternehmertum, Integrität. Diese drei Werte bestimmen
das Selbstbewusstsein von Axel Springer. Sie sind die Maßstäbe unseres täglichen
Handelns. Wir führen, indem wir Raum für Kreativität schaffen, Ziele defi nieren
und Wandel gestalten. Wir wollen Axel Springer weiterhin mutig zu unternehmeri-
schem Erfolg führen. Im Mittelpunkt stehen unsere Mitarbeiter, die wir fördern,
fordern und zu eigenverantwortlicher Arbeit ermutigen. Bei all unseren Aktivitäten
achten wir konsequent auf die Einhaltung von Recht und Gesetz sowie unserer Un-
ternehmensrichtlinien.“
(1) Motivation und Begeisterung vorleben: Wir begeistern und überzeugen. Wir er-
kennen neue Möglichkeiten und machen sie begreifl ich. Wir leben Motivation
und Höchstleistung vor. Wir fordern nur das, was wir auch selbst einhalten. Wir
binden unsere Mitarbeiter ein, inspirieren zu Veränderung und fördern den Spaß
an der Arbeit.
(2) Ergebnisse erzielen: Wir setzen uns und unseren Mitarbeitern motivierende und
transparente Ziele. Wir geben klare Prioritäten vor. Ergebnisse überprüfen und
kontrollieren wir konsequent. Wir feiern Erfolge gemeinsam und analysieren
Rückschläge ohne Schuldzuweisung, um daraus zu lernen.
(3) Respektvoll kommunizieren und handeln: Achtung und Fairness prägen unsere
Führungsarbeit. Wir haben erkannt, dass Anerkennung und Respekt die wich-
tigsten Grundlagen für Leistung sind. Wir führen einen regelmäßigen Dialog
mit unserem Team sowie einzelnen Mitarbeitern und sind für unsere Mitarbeiter
stets ansprechbar. Wir kommunizieren Entscheidungen ehrlich und respektvoll.
Wir sind loyal zum Unternehmen wie auch zu unseren Mitarbeitern – auf allen
Hierarchieebenen.
(4) Mitarbeiter fördern und fordern: Die Förderung von Mitarbeitern ist wesentli-
cher Bestandteil unserer Führungsphilosophie. Wir vertrauen unseren Mitarbei-
tern und übertragen ihnen Verantwortung, um sie zu fördern. Die Fähigkeiten
unserer Mitarbeiter entscheiden über unseren Erfolg als Führungskraft. Wir ver-
wenden auf ihre Entwicklung einen bedeutenden Anteil unserer Zeit. Für unsere
Mitarbeiter suchen wir gezielt Entwicklungsmöglichkeiten, auch wenn diese
außerhalb des eigenen Bereichs liegen. Wir sorgen dafür, dass die Besten zu
Axel Springer kommen und hier bleiben. Das heißt: Wir suchen nach Exzellenz
und fördern vor allem Mitarbeiter, die besser sind als wir selbst.
Quelle: Axel Springer ( 2015 )
1.2 Führungsprozess und Rahmenbedingungen der Führung
8
• Anreizsystem
Das betriebliche Anreizsystem als Zusammenfassung aller bewusst gestalteten Arbeitsbe-
dingungen (vgl. Berthel und Becker 2013 , S. 568 f.) ist ein weiteres zentrales Führungs-
substitut. Als Anreizarten können wie in Abb. 1.3 dargestellt materielle (monetäre) und
immaterielle (nicht-monetäre) Anreize unterschieden werden (vgl. Weibler 2016 ,
S. 417 ff. und Abschn. 6.3.1 dieses Buches).
Je besser die betrieblichen Anreize auf die Unternehmensvision und -strategie ausge-
richtet sind, desto stärker fällt die Steuerungswirkung aus und desto mehr wird die opera-
tive Führungsarbeit unterstützt. Ist es z. B. das taktische Ziel eines Vertriebsbereichs den
Marktanteil in einer Produktgruppe bis zum Jahresende zu erhöhen, führt ein Prämien-
lohnsystem, welches die Verkaufszahlen als Bezugsgröße nutzt, zu einer zielgerichteten
Verhaltenssteuerung.
Im Bereich der monetären Anreize, die primär die extrinsische Motivation aktivie-
ren, kann zwischen den Kernelementen der Vergütung und den Nebenleistungen diffe-
renziert werden (vgl. zur Ausgestaltung des Entgeltmanagements Lindner-Lohmann
et al. 2016 , S. 109 ff.). Im Bereich der nicht-monetären Anreize sind insbesondere
Maßnahmen zur persönlichen Entwicklung (Karriere und Personalentwicklung) sowie
Vergütung
Nebenleistungen
Lernen und Entwicklung
Arbeitsumfeld
■Grundvergütung
■Variable Vergütung
■Sonderzahlungen
■Spontane Leistungsprämien
■Long-Term-Incentives
■Mitarbeiterbeteiligung
■Altersvorsorge
■Gesundheitsvorsorge
■Risikovorsorge
■Firmenwagen
■Sozialleistungen (Job-Ticket…)
■Zusatzversicherungen
■Personalentwicklung
■Masterprogramme, Promotion
■Management Development
■Karriereentwicklung
■Nachfolgeplanung
■Herausfordernde Aufgaben
■Mitwirkungsmöglichkeiten
■Age-Management
■Sabbatical für Weiterbildung
■Weiterbildung in der Elternzeit
■Lebensphasengerechtes Lernen
■Familienfreundliche Maßnahmen
■flexible Arbeitszeitmodelle inkl.
Lebensarbeitszeitkonten
■Entscheidungsspielräume
■Teamarbeit
■Outplacement (Exit-Prozess)
■Diversity Management
■Betriebsklima
■Wiedereingliederungsmanagement
■Telearbeit
■Arbeitsinhalte
nicht monetär
monetär
Abb. 1.3 Beispielhaftes Anreizsystem als Führungssubstitut. Quelle: in Anlehnung an AON Hewitt
( 2012 )
1 Führung – Erfolgsbeitrag und Legitimation
9
zur bedürfnisgerechten Gestaltung des Arbeitsumfeldes effektiv. Die nicht-monetären
Anreize wirken vorrangig auf die intrinsische Motivation der Mitarbeiter.
• Organisationsstruktur
Auch die Organisationsstruktur ist ein wesentliches Führungssubstitut (vgl. Pinnow 2012 ,
S. 149 ff.), da sie Entscheidungs- und Handlungsspielräume , Formen der Zusammenar-
beit, Wege der Kommunikation und Abhängigkeitsverhältnisse der Mitarbeiter zueinander
bestimmt und damit deren Verhalten steuert (vgl. auch Türk 1995 ). Die Organisations-
struktur ist idealerweise so zu gestalten, dass die Erfüllung des Unternehmenszwecks ge-
fördert wird, dabei aber Grundbedürfnisse der Belegschaft nicht außer Acht gelassen
werden, um diese intrinsisch zu motivieren. Das kann sowohl sehr offene als auch sehr
enge Strukturen zur Folge haben.
Für qualifi zierte Mitarbeiter, z. B. im Forschungsbereich, die selbstorganisiert als Mitun-
ternehmer agieren sollen, sind Denk- und Handlungsspielräume wichtig (vgl. Wunderer
2011 , S. 79.). Dies erfordert eine Abkehr von mechanistischen hin zu organischen Orga-
nisationsstrukturen (vgl. Schirmer 2007 , S. 53). Klassische Einliniensysteme funktionaler
Prägung mit intensiver Zentralisation der Entscheidungsautonomie auf höchster Ebene sind
wenig geeignet, Selbstorganisation und Intrapreneurship der Mitarbeiter zu steigern. Not-
wendig sind dagegen offene Ermöglichungsstrukturen, die Handlungs- und Entscheidungs-
spielräume schaffen. Zu denken ist hier an die Etablierung von Projektarbeit, teilautonomen
Arbeitsgruppen oder von offenen Entwicklungsprozessen z. B. nach der Scrum-Methodik
(vgl. zu Scrum Gloger und Margetich 2014 ).
1.2.2
Führungsprozess und Führungsaufgaben
Führung von Mitarbeitern ist ein Prozess der beabsichtigten sozialen Einfl ussnahme, der
auf einer asymmetrischen Verteilung der Einfl usspotenziale beruht. Dabei ist der Erfolg
des Führungsprozesses keinesfalls garantiert, da sich die Befi ndlichkeit und die Zusam-
mensetzung der in der sozialen Beziehungsstruktur „Führung“ aufeinandertreffenden
Menschen stetig ändert und ein komplexes Wirkungsgefüge im Prozess der Führung er-
zeugen (vgl. Steinmann et al. 2013 , S. 617 ff.). Der Erfolg im Führungsprozess ist neben
den spontanen Beziehungszuständen auch von der grundsätzlichen Qualität der Führer-
Geführten- Beziehung, der Führungsdyade, abhängig (vgl. im Folgenden Neuberger 2002 ,
S. 31 ff. sowie zur Führungsdyade Weibler 2016 , S. 151 ff.). Beide, Vorgesetzter und Mit-
arbeiter, möchten in Organisationen ihre persönlichen Ziele durchsetzen und sind somit in
einer austauschorientierten Geber- und Nehmer-Beziehung miteinander verbunden.
Durch den interaktionellen Führungsprozess, der durch spezifi sche Aufgabenstellun-
gen, Probleme wie Qualitätsmängel, Terminverzögerungen usw. ausgelöst wird, versucht
der Führende sicherzustellen, dass die aus dem betrieblichen Zielsystem abgeleiteten
Plangrößen erreicht werden (vgl. Abb. 1.4 ). Auf dieser Basis unternimmt er einen durch
1.2 Führungsprozess und Rahmenbedingungen der Führung
10
das Weisungsrecht legitimierten Einfl ussversuch . Da das Weisungsrecht jeder Füh-
rungskraft zur Verfügung steht, es dennoch bei verschiedenen Führungskräften in ähnli-
chen Situationen zu unterschiedlichen Führungsergebnissen kommt, reicht eine rechtliche
Betrachtung zur Erklärung von Führungserfolg nicht aus. Die „ Überzeugungs- Quali-
tät “ der Weisung hängt erheblich von der Persönlichkeit der Führungskraft, d. h. von ih-
rer Intelligenz, ihrem Selbstwirksamkeitskonzept, ihren Werten, ihrem Menschenbild,
ihrer Sozialisierung und Generationenprägung usw. ab. Dies bestimmt dann auch, mit
welchem Führungsstil (von autoritär über kooperativ bis hin zu laissez-faire) und dazu
kombinierten Führungsinstrumenten wie Delegation , Feedback , Coaching usw. Ein-
fl ussversuche umgesetzt werden. Dieses Zusammenspiel bestimmt letztlich die Qualität
der Weisung. Die Überzeugungskraft der Weisung wird weiter von den sozialen Macht-
grundlagen einer Führungskraft, also z. B. von der Frage, ob der Führende über persönli-
che Ausstrahlung verfügt oder bereit ist, vorhandene Sanktionspotenziale einzusetzen,
mithin Macht auszuüben, determiniert. Alle Faktoren zusammen ergeben das Einfl uss-
potenzial einer Führungskraft.
Aber selbst ein „hervorragendes“ Führungsverhalten garantiert nicht, dass sich Mitar-
beiter wie gewünscht verhalten. Die Geführten wägen intuitiv-unbewusst auf Basis ihrer
eigenen Persönlichkeit , ihrer Bedürfnisse sowie Ziele und Wertevorstellungen ab, ob es
lohnend ist, dem Einfl ussversuch zu folgen, oder ob es individuell nutzbringender ist,
sich diesem zu verweigern bzw. nur bedingt zu folgen. Auch refl ektieren die Geführten
Einflussversuch = Weisung
Führ-
ungs-
dya-
de
„Überzeugungsqualität“ der Weisung
Soziale
Macht-
grundlagen
Sozialisierung,
Generationenprä-
gung, Führungs-
erfahrung
Menschenbild
inkl. Alters- und
Jugendbild
Ziel des
Beeinfussers
(Führungskraft)
Macht-
ressourcen
Sozialisierung, Genera-
tionenprägung, Arbeits- und
Mitarbeiter-Erfahrung
Bedürfnisse,
Werte, Ziele
Persönlichkeit des Mitarbeiters
Persönlichkeit der Führungskraft
Techniken,
Instrumente,
Führungsstil
Zielsystem Unternehmen
Mitarbeiter
zeigt ge-
wünschtes
Verhalten
ja
konditionierende
Rückkoppelung
nein
konditionierende
Rückkoppelung
Situative
Rahmen-
Bedin-
gungen/
Führungs-
substitute
(unter-
nehmens-
intern
und
-extern)
Stereotype und mögliche Verständnisprobleme
Mitarbeiter
widersetzt sich
dem Einfluss-
versuch
Ist der Nutzen der Zustimmung
größer als die „Kosten“?:
gewünschtes vs.
ablehnendes Verhalten
Eigen-
schaften,
Einstellungen
Abb. 1.4 Führung als Einfl ussprozess. Quelle: in Anlehnung an Steinmann et al. ( 2013 , S. 620);
erweitert
1 Führung – Erfolgsbeitrag und Legitimation
11
in diesem Zusammenhang eigene Machtpotenziale , die sie der hierarchischen Macht des
Vorgesetzten entgegensetzen können, um eine mögliche Verweigerung faktisch durch-
führen und möglichst „ungestraft“ überstehen zu können. Solche mikropolitischen
Machtfundamente auf Seiten der Mitarbeiter können z. B. in deren Expertenwissen oder
Leistungsbereitschaften begründet liegen (vgl. Weibler 2016 , S. 136 ff.). Insofern ist der
Führungsprozess eine Konfl ikttheorie der Führung , da nicht davon auszugehen ist,
dass Anweisungen im Rahmen der organisatorischen Hierarchie immer unkritisch be-
folgt werden. Einfl ussversuche, die zu einer Erfüllung der Individualziele der Geführten
beitragen, sind unproblematisch und werden nutzenbringend wahrgenommen und umge-
setzt. Widersetzt sich ein Mitarbeiter dagegen einer Anweisung zeigt er dies selten durch
eine offenkundige Arbeitsverweigerung. Stattdessen treten subtile Verweigerungsfor-
men wie Dienst nach Vorschrift, Unwohlsein und Rückdelegation auf. Die Einfl usspo-
tenziale einer Führungskraft müssen demzufolge umso stärker ausgeprägt vorhanden
sein, je weniger Anweisungen zu den Bedürfnissen der Mitarbeiter passen bzw. je weni-
ger die Geführten das erwartete Verhalten von sich aus akzeptieren und zeigen wollen.
Durch ihr zustimmendes oder verweigerndes Verhalten, das als Führungserfahrung auf
die Vorgesetzten zurückwirkt, konditionieren die Geführten das Handeln der Vorgesetz-
ten in künftigen Führungssituationen. Dieser Effekt wird zum Teil bewusst als induktive
„ Führung von unten “ zur Lenkung von Führungskräften eingesetzt (vgl. Weibler 2016 ,
S. 139 f.). Das Verhalten der Geführten ist im Führungsprozess somit nicht nur als abhän-
gige, sondern auch als unabhängige Variable zu interpretieren (Wegge und Rosenstiel
2014 , S. 328).
Beeinfl usst wird der Führungsprozess zudem durch die situativen Randbedingungen,
die als Führungssubstitute auf diesen Prozess hemmend, neutralisierend oder fördernd
einwirken. Auch hängt der Führungsprozess davon ab, von welcher Qualität die Zweier-
Beziehung ( Führungsdyade ) zwischen dem Führer und dem Geführten ist. Handelt es
sich nur um ein transaktionales Verhältnis oder bestehen auch weitergehende Vertrauens-
und Beziehungsstrukturen? Gegenseitiges Vertrauen und vorhandene gemeinsame Erfah-
rungshintergründe erleichtern das gegenseitige Verständnis und fördern auf Seiten der
Geführten die Bereitschaft zu folgen.
Die Überzeugungsqualität des Vorgesetzten im Führungsprozess ist auch davon abhän-
gig, wie es ihm im Kontext seiner Persönlichkeitsstruktur und seiner gesammelten Füh-
rungserfahrungen gelingt, die zur Zielverfolgung notwendigen Führungsaufgaben zu
erfül len. Entspricht der Umfang und die Qualität der Umsetzung den Erwartungen der
Mitarbeiter, ist es plausibler, dass diese den Einfl ussversuchen folgen. Zu den Kernaufga-
ben von Führungskräften gehört es (vgl. Malik 2014 , S. 165)
• Ziele vorzugeben,
• zu organisieren,
• zu entscheiden,
• zu kontrollieren, messen und zu beurteilen sowie
• Mitarbeiter zu fördern.
1.2 Führungsprozess und Rahmenbedingungen der Führung
12
Diese Aufgaben können durch Werkzeuge wie Sitzungen, Reports und schriftliche Kom-
munikation , Aufgabengestaltung und Einsatzsteuerung, persönliche Arbeitsmethodik, Bud-
getierung, Leistungsbewertung und das konsequente Hinterfragen von Prozessen, Strukturen,
Produkten etc. in Bezug auf Relevanz für den Erfolg realisiert werden.
In einer ergänzenden Betrachtungsweise lassen sich weitere Detailaufgaben differen-
zieren und in ein Gesamtmodell integrieren, das neben den direkt auf die Zielerreichung
fokussierenden Maßnahmen auch Aufgaben zur Förderung der Zusammenarbeit und zur
Eigenentwicklung der Führungskraft beinhaltet (vgl. Abb. 1.5 ).
1.2.3
Kernfunktionen der Führung
Die unterschiedlichen Aufgaben der Führungskräfte lassen sich in den Grunddimensionen
auf zwei Kernfunktionen der Führung reduzieren (vgl. grundsätzlich Hentze et al. 2005 ,
S. 24 f.; Bröckermann 2012 , S. 252: die Lokomotions- und die Kohäsionsfunktion .
Führungskräfte tragen in besonderem Maße Verantwortung für den Unternehmenserfolg.
Auf der Basis des Weisungsrechts und der übertragenen Entscheidungsbefugnisse haben
gerade sie die Möglichkeit, darauf Einfl uss zu nehmen. Im Sinne eines Mitunternehmer-
tums (vgl. Wunderer 2011 , S. 51 ff.) sollen Führungskräfte durch Innovationen, Risikobe-
reitschaft, vorausschauendes Denken und eigenverantwortliches Ergreifen von Chancen das
Unternehmensergebnis steigern. Ein solches Intrapreneurship bzw. Mitunternehmertum
(vgl. grundsätzlich Pinchot 1988 ) erfordert in starkem Maße strategisches Denken und er-
•
Kreativität stimulieren
•
Menschen begeistern, inspirieren
•
positives Denken und Selbstvertrauen
fördern
•
Initiativen belohnen
•
Handlungsspielräume und Rahmenbe-
dingungen schaffen
Planen, innovieren
und Ziele vorgeben
Organisieren
und koordinieren
Entscheiden
Kontrollieren
Mitarbeiter fördern
und entwickeln
Zusammenarbeit fördern
Selbstorganisationsfähigkeit fördern
Gegenseitiges Vertrauen entwickeln
•
Visionen kommunizieren
•
Aufgaben delegieren
•
Ressourcen managen
•
Informationen verteilen
•
Kommunizieren und
vernetzen
•
Prozesse definieren und
optimieren
•
Informationen sam-
meln und auswerten
•
Alternativen entwi-
ckeln und bewerten
•
Nutzwert-Analysen
durchführen
•
Folgen erfassen
•
final entscheiden
•
Qualitätskriterien
definieren
•
Termine vereinbaren
und überwachen
•
Status erheben
•
Berichte erstellen
•
Eigenverantwortlich-
keit integrieren
•
Coachen und quali-
fizieren
•
Potenziale erken-
nen und fördern
•
Vernetztes Denken
entwickeln
•
Feedback geben:
„Lob und Tadel“
•
Strategien entwickeln
•
vernetzt denken
•
neue Wege gehen
•
Freiräume nutzen
•
Ziele definieren und
vereinbaren
•
Herausforderungen
annehmen
Selbstführungsbezogene Aufgaben
•
Work-Life-Balance beachten
•
sich selbst motivieren
•
persönliches Zeitmanagement optimieren
•
Wandel menschlich bewältigen
•
integer handeln
•
verlässlich agieren und Zusagen einhalten
•
Mitarbeitern zuhören und um Befindlichkeit
kümmern
•
für Mitarbeiter einsetzen
•
Vertrauen „schenken“
•
Spaß an der Arbeit sichern
•
Teamgeist fördern
•
motivieren
•
gemeinsamen Erfahrungshintergrund
schaffen
•
Kontaktpunkte schaffen
•
Konflikte lösen
•
aus Fehlern lernen
•
eigenes Handeln und Verhalten reflektieren
•
alternative Lösungen und Meinungen akzeptieren
Am Managementprozess orientierte Führungsaufgaben
Mitarbeiterbezogene Führungsaufgaben
Abb. 1.5 Zentrale Führungsaufgaben . Quelle: auf Basis von Fleishman et al. ( 1991 , S. 245 ff.);
Wunderer ( 2011 , S. 24) und Malik ( 2014 , S. 165)
1 Führung – Erfolgsbeitrag und Legitimation
13
folgsorientiertes Handeln. Zudem müssen Führungskräfte ihren eigenen Verantwortungsbe-
reich ständig optimieren. Dazu gehört auch, bei den Mitarbeitern ein solches Intrapreneurship
zu entwickeln. Die zentrale Kernfunktion besteht somit darin, die Leistung und Fähigkeiten
der Mitarbeiter auf die angestrebten Sachziele hin zu auszurichten (Lokomotionsfunktion),
um dadurch die Formalziele des jeweiligen Verantwortungsbereiches zu realisieren. Hierbei
handelt es sich um die sach-rationale Dimension der Führung (vgl. Bleicher und Meyer
1976 , S. 37 ff.).
Plausibel gefördert wird die Leistungsfähigkeit von Arbeitsgruppen dann, wenn sich
die Mitglieder wohlfühlen und ein Zusammengehörigkeitsgefühl untereinander empfun-
den wird ( Kohäsion ) (vgl. im Folgenden Rosenstiel 2014b , S. 327 ff.). Folglich müssen
Führungskräfte die Gruppenkohäsion, d. h. das „Wir-Gefühl,“ unter ihren Mitarbeitern
stärken (Kohäsionsfunktion). Da die Kohäsion plausibel die Lokomotion fördert, steht sie
zu dieser in einer Mittel-Zweck-Beziehung. Zu bedenken ist, dass dieser Zusammenhang
empirisch nicht zwingend ist. So kann es gerade in hoch kohäsiven Arbeitsgruppen infolge
reglementierender Leistungsnormen oder infolge von unter Gruppendruck getroffener
Fehl entscheidungen zu schwachen Arbeitsergebnissen kommen.
Grundsätzlich umschreibt Kohäsion zum einen das Ausmaß des Zusammengehörig-
keitsgefühls in einer Gruppe und ist zum anderen ein Maß für die Beschreibung der At-
traktivität von Gruppen . Hoch kohäsive Arbeitsgruppen verfügen über einen intensiven
Zusammenhalt, welcher Absentismus und Fluktuation entgegenwirkt und damit den Be-
stand der Gruppen sichert. Gleichzeitig wirken solche Gruppen auf Außenstehende so at-
traktiv, dass sich diese um eine Mitgliedschaft bemühen.
1.2.4
Führungsrollen und Führungsbeziehung
Die Frage nach den von einer Führungskraft zu erbringenden Aufgaben lässt sich nur im
Kontext des Konstruktes der Führungsrolle beantworten (vgl. im Folgenden grundsätz-
lich Blessin und Wick 2014 , S. 151 ff.). Allerdings ist es nicht möglich, hier eine
abschließende Rollendefi nition oder gar ein fi nales Bündel an Führungsaufgaben zu de-
fi nieren – es existieren zu viele Variationsmöglichkeiten in Abhängigkeit der situativen
Gegebenheiten. Eine Rolle bezeichnet dabei grundsätzlich die Gesamtheit der Verhal-
tenserwartungen, die aus dem relevanten sozialen Umfeld an einen Positionsinhaber ge-
stellt werden. Position umschreibt wiederum eine Stelle im Organisationsgefüge, hier
insbesondere eine Führungsstelle (Instanz). Der Positionsinhaber ist somit nicht frei in
seiner Rollenausgestaltung und unterliegt vielmehr einem kollektiven Anforderungs-
druck . Dies bedingt eine deutliche Abkehr von der Sicht des Vorgesetzten als souverä-
nen, allein entscheidenden und gestaltenden Akteur. Vielmehr agiert bzw. reagiert die
Führungskraft innerhalb eines Gefüges von Erwartungszwängen. Die Verhaltenserwar-
tungen werden dem Positionsinhaber im Rahmen der Rollenepisoden (vgl. Katz und
Kahn 1966 , S. 182 ff.) vermittelt. Das konkrete Set an Verhaltenserwartungen kann über
1.2 Führungsprozess und Rahmenbedingungen der Führung
14
drei Theorieansätze argumentiert werden: den strukturalistischen, den funktionalisti-
schen und den symbolisch- interaktionistischen Ansatz.
Auf Basis des strukturalistischen Rollenansatzes ist eine allgemeingültige inhaltliche
Rollenbestimmung per se nicht möglich, da sich Führungsrollen offensichtlich im Kontext
des jeweiligen Sozialgefüges etablieren, das sich in jeder Organisation mit unterschiedlichen
Teilnehmern und damit verschiedenen Rollenerwartungen konstituiert. Der Vorgesetzte be-
fi ndet sich in diesem radikalen Denken gleichsam in einer „Opfersituation“, da sein Tun in
erheblichem Maß durch andere Akteure bestimmt wird (vgl. Abb. 1.6 ). Gleichwohl wird
dem Rolleninhaber zugebilligt, eine gewisse Interpretation der Rollenerwartungen vorzu-
nehmen bzw. in einen Aushandlungsprozess mit den Rollensendern zu gehen.
Dieses Verständnis der inhaltlichen Rollenkonkretisierung denkt ex ante konfl iktäre
Erwartungsvorstellungen mit und geht davon aus, dass nicht immer alle Rollenerwartun-
gen unterschiedlicher Anspruchsgruppen in einem harmonischen Verhältnis zueinander
stehen müssen. Insgesamt können hier sechs Kategorien von Rollenkonfl ikten unter-
schieden werden (vgl. Steinmann et al. 2013 , S. 560 ff. sowie Abschn. 3.1.2 in diesem
Buch): der Intra-Sender-, der Inter-Sender und der Inter-Rollen-Konfl ikt, die Rollenüber-
lastung, die Rollenambiguität und der Person-Rollenkonfl ikt.
Im funktionalistischen Rollenkonzept erfolgt eine Perspektivenänderung dahingehend,
dass Rolle defi niert wird, als das Set an zu erbringenden, bestandssichernden Funktionen für
die Organisation. Die Bedeutung der Position ergibt sich somit aus dem Beitrag zum Erhalt
des Unternehmens und wird durch die Systemerfordernisse defi niert. Auch hier hat die Füh-
rungskraft einen eher geringen Einfl uss auf die notwendig zu erbringenden Aufgaben.
Henry Mintzberg hat auf empirischer Basis ein Konzept für Manager entwickelt, das
zehn verschiedene Rollen beinhaltet, welche drei Bereichen zugeordnet sind und im
funktionalistischen Sinn zum Erhalt von Organisationen beitragen (vgl. Mintzberg 1980 ).
Rollenerwartungen an
die Führungsposition
Betriebs-/
Personalrat
Vorgesetzte
Kollegen
außerorganisatorisch
innerorganisatorisch
Gesellschaft
Geschäftliche
Kontakte: Behörden,
Kunden, Lieferanten,
Banken usw.
Mitarbeiter
Organisation:
• Stäbe
• Spezialisten
• Gremien
• Ausschüsse
• Normen…
Familie, Partner,
Kinder, Verwandte,
Freunde
Abb. 1.6 Rollensender im strukturalistischen Rollenkonzept . Quelle: Blessin und Wick ( 2014 ,
S. 157), leicht modifi ziert
1 Führung – Erfolgsbeitrag und Legitimation
15
Im Bereich der interpersonellen Beziehungen fungieren Führungskräfte als (1) Ga-
lionsfi gur, d. h. sie stellen ihren Bereich nach innen gegenüber Kollegen und anderen
Führenden sowie nach außen gegenüber Kunden und Geschäftspartnern dar. Als (2) Vor-
gesetzte führen sie ihre Mitarbeiter und beurteilen diese. Als (3) Vernetzer integrieren sie
ihren Verantwortungsbereich in ein umfassendes internes und externes Kontaktnetzwerk.
Das Informationsmanagement ist als zweiter Bereich sehr bedeutsam. Hier nehmen
Füh rungskräfte als (4) Beobachter im Kontaktnetzwerk Informationen auf und verteilen
diese als (5) Sender bedarfsbezogen an ihre Mitarbeiter. Als (6) Sprecher vertreten Ma-
nager ihren Bereich oder ihr Unternehmen in der Öffentlichkeit. Im dritten Bereich der
Entscheidungen treten Führungskräfte als (7) Innovatoren auf, d. h. sie organisieren den
geplanten Wandel in ihren Abteilungen und streben nach ständiger Optimierung. Als (8)
Problemlöser sind sie für Konfl iktlösungen und die Beseitigung unerwarteter Schwierig-
keiten zuständig. Das damit verbundene Zuweisen von Aufgaben und Kompetenzen so-
wie fi nanzieller Kapazitäten umschreibt die Rolle des (9) Ressourcenzuteilers. Als (10)
Verhandlungsführer vertreten Führungskräfte ihren Bereich, z. B. bei der Anbahnung neu-
er Geschäftskontakte.
Ein weiteres, weit verbreitetes funktionalistisches Rollenkonzept stellt das in Abb. 1.7
aufgenommene Konzept in Anlehnung an Dave Ulrich ( 1996 ) dar. Dieses zielt darauf ab,
dass sich die notwendig von Führungskräften zu erbringenden Aufgaben im Spannungs-
feld von operativer Tagesarbeit und Zukunftsorientierung bewegen. Weiter müssen sich
Führungskräfte als Ergebnisverantwortliche und Intrapreneure mit „harten“ Fakten und
Prozessen auseinandersetzen, auf der anderen Seite aber das Erfolgspotenzial ihrer Mitar-
beiter entwickeln. Somit lassen sich vier Rollen beschreiben:
Zukunftsorientierung
Tagesarbeit
Menschen
„weiche“
Prozesse
Inhalte
„harte“
Prozesse
Administrativer Experte/Fachmann
• Beherrschung der operativen Pro-
zesse (Kosten, Qualität und Zeit)
• Optimierung des Informations-
managements
• Klärung fachlicher Probleme
• usw.
Change Agent
• Sicherung der Organisations-
entwicklung
• Schaffung neuer Strukturen
und Prozesse
• Veränderung der Unternehmens-
kultur
• usw.
Mitarbeiter-Helfer/Dienstleister
• Berater für Leistung und Karriere
• Steigerung von Motivation
und Commitment
• Sicherstellung der Personal-
entwicklung für die Mitarbeiter
• usw.
Strategischer Partner/Unternehmer
• Verantwortung für den Unterneh-
menserfolg
• Entwicklung von Bereichsstrategien
• Optimierung der Produktivität
• Managen von Diversity
• Erschließen von Erfolgspotenzialen
• usw.
Abb. 1.7 Führungsrollen . Quelle: in Anlehnung an Ulrich ( 1996 , S. 24 ff.); modifi ziert
1.2 Führungsprozess und Rahmenbedingungen der Führung
16
• Strategischer Partner/Unternehmer
Diese an ökonomischen Zielen ausgerichtete, zukunftsorientierte Rolle umschreibt die Er-
wartungen an Führungskräfte, neue Strategien zu entwickeln, sich der ständigen Optimie-
rung und Produktivitätssteigerung zu verpfl ichten und die personale Vielfalt zum Nutzen
des Unternehmens zu steuern.
• Change Agent
Als Change Agent agiert die Führungskraft ebenfalls zukunftsgerichtet und optimiert ih-
ren Verantwortungsbereich. Hier steht aber eine ganzheitliche Betrachtung im Vorder-
grund, die auch die Unternehmenskultur und die Mitarbeiterzufriedenheit integriert, also
stärker die „weichen“ Aspekte fokussiert.
• Administrativer Experte/Fachmann
In dieser Rolle werden die Erwartungen zusammengefasst, die sich auf die operative Ta-
gesarbeit beziehen. Das Verfolgen betrieblicher Ergebnisgrößen unter Beachtung ertrags-
und kostenanalytischer Aspekte ist hier vorrangig. Der Führende ist als Experte der
operativen Arbeitsprozesse gefordert, gemeinsam mit seinen Mitarbeitern die Sachziele
zu erreichen und Probleme zu lösen.
• Mitarbeiter-Helfer/Dienstleister
Neben der betriebswirtschaftlich geprägten Tagesarbeit müssen sich Führungskräfte um
die Zufriedenheit , die Kohäsion und das Commitment ihrer Mitarbeiter kümmern. Als
Diplomat und Förderer müssen sie bei Konfl ikten eingreifen und sich um die Personalent-
wicklung ihrer Mitarbeiter kümmern.
Der symbolisch-interaktionistische Rollenansatz geht davon aus, dass die Führungs-
kraft nicht nur eine passive „Rollenzumutung“ erträgt, sondern aktiv an der Interpretation
der Rollenerwartungen Teil hat. In der Interaktion mit den Rollensendern erfolgt eine ge-
genseitige Beeinfl ussung im Rahmen der Rollendefi nition, die inhaltlich nur im konkreten
Beziehungsgefüge der beteiligten Akteure ausgestaltet werden kann. Hinzu kommt, dass
die gestellten Rollenerwartungen nicht als fertig formulierte Fakten zu betrachten sind,
sondern erst einer symbolhaften Interpretation durch den Positionsinhaber zugänglich
gemacht werden müssen. Der Vorgesetzte interpretiert die an seine Position geknüpften
Rollenerwartungen auf der Basis seiner Erfahrungen und seiner sozialisationsbedingten
Identität . Die Führungskraft gestaltet die offene Rolle so aktiv mit, formt und entwickelt
sie weiter. Vorherrschende Widersprüche zwischen unterschiedlichen Rollenerwartungen
regen explizit zur Weiterentwicklung der Führungsrolle an.
Zusammengefasst ergibt sich daraus für die Führungsrolle, dass es keine absolut allge-
meingültige Ausformulierung derselben geben kann. Basierend auf dem funktionalistischen
1 Führung – Erfolgsbeitrag und Legitimation
17
Gedanken der Systemerhaltung können durchaus inhaltliche Vorgaben mit normativem Cha-
rakter gegeben werden. Diese müssen aber im jeweiligen Kontext entsprechend dem struk-
turalistischen Denken durch den Einbezug aller Stakeholder und deren Rollenvorstellungen
weiterentwickelt und im Sinne einer symbolisch-interaktionellen Verarbeitung der Rollener-
wartungen durch die Führungskraft interpretiert und ausgestaltet werden. Eine Konkretisie-
rung der Führungsrolle ohne Einbezug des Vorgesetzten dürfte überwiegend zu suboptimalen
Umsetzungsergebnissen führen.
Die als Ergebnis kollektiver Erwartungen, systemnotwendiger Vorgehensweisen und
individueller Interpretationen ausgestaltete Führungsrolle trägt im konkreten Einzelfall
dann erheblich dazu bei, wie sich die Beziehung zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern
gestaltet (vgl. im Folgenden grundsätzlich Graen und Uhl-Bien 1995 ; Weibler 2016 ,
S. 151 ff.; Yukl 2012 , S. 222 ff. und Stock-Homburg 2013 , S. 511 ff.). Ausgehend von einer
formalen Vorgesetzten-Mitarbeiter-Beziehung, der Führungsdyade (Zweier-Beziehung
zwischen Führendem und Geführten), sind hier verschiedene Weiterentwicklungen denk-
bar. Auf der Basis einer austauschtheoretisch gedachten Beziehungsstruktur in der Füh-
rer und Geführter durch ein gegenseitiges Geben und Nehmen ihre persönlichen Ziele
realisieren wollen, kann es zu „low-quality exchange relationships“ und zu „high-quality
exchange relationships“ kommen. In Folge des transaktionalen Austauschgedankens wird
dies als „Leader-Member Exchange Theory“ (LMX-Theorie) bezeichnet, in der für die
Erklärung von Führungserfolg neben der Person des Führers und der Person des Geführten
ausdrücklich auch die Führungsbeziehung betrachtet wird. Diese basiert auf dem sozialen,
reziproken Austauschgedanken, dass eine Partei eine Leistung von der anderen Partei er-
hält und sich dann zu einer Gegenleistung verpfl ichtet fühlt.
Führungsdyaden entwickeln sich individuell zwischen dem Vorgesetzten und jedem sei-
ner Mitarbeiter und können ganz unterschiedlich ausgeprägt sein. Die Ausbildung der Be-
ziehungsqualität beginnt ab dem ersten Zusammentreffen des Vorgesetzten mit seinem
Mitarbeiter (vgl. Abb. 1.8 ). Zu diesem Zeitpunkt werden sehr schnell gegenseitige Erwar-
tungen aneinander formuliert und deren Erfüllungsmöglichkeiten geklärt und überprüft, die
Rollendefi nition fi ndet statt. Dies erfolgt im Rahmen der bereits erwähnten Rollenepisoden
in der das „role making“ und „role taking“ stattfi ndet. Die Rollenepisoden fi nden dabei
eingebettet in die Bearbeitung der vom Vorgesetzten übertragenen Aufgaben statt. Ent-
spricht in diesem Zusammenarbeiten die Ausgestaltung der Führungsrolle den Erwartun-
gen des Geführten und umgekehrt das motivierte und qualitative Agieren des Mitarbeiters
den Erwartungen des Vorgesetzten, entsteht eine von Vertrauen und gegenseitigem Respekt
geprägte Beziehung. In solch einer „hoch-qualitativen“ Führungsperson- Mitarbeiterbezie-
hung können sowohl Führungskraft als auch Mitarbeiter ihre Ziele durch eine sich gegen-
seitig unterstützende, positiv geprägte Austauschbeziehung realisieren, die neben dem rein
berufl ich bedingten Austausch von Ressourcen nun auch private, persönliche Bereiche be-
inhaltet. Damit lässt sich erfolgreiche Führung einfacher umsetzen, da beide Seiten einan-
der verstehen und sich helfen. Mitarbeiter mit denen eine derartige positive Beziehung
entsteht, werden als In-Group-Mitglieder bezeichnet, denen intensiv Handlungsspielräu-
me etc. gewährt werden. Infolge dazu verfügen diese Mitarbeiter über hohe Ausprägungen
1.2 Führungsprozess und Rahmenbedingungen der Führung
18
bzgl. Commitment, Arbeitszufriedenheit, Leistungsbereitschaft usw. und sind geprägt von
hoher Loyalität und hohem Involvement. Mitarbeiter dagegen, die andere Erwartungen an
die Führungsrolle haben, als diese der Vorgesetzte interpretiert und umsetzt und die die
Vorstellungen des Vorgesetzten an Mitarbeiter weniger erfüllen, werden als Out-Group-Mit-
glieder bezeichnet. Gegenüber Out-Group-Mitarbeitern ist die Führungsbeziehung eher
formal geprägt und beschränkt sich auf unumgängliche Interaktionen; hier wird im eigent-
lichen Sinne nicht geführt, sondern nur beaufsichtigt und kontrolliert, da diese Mitarbeiter
für den Vorgesetzten weniger Transaktions-Ertrag bringen.
Die qualitativen Führungsbeziehungen zwischen Vorgesetztem und In-Group- Mitglie-
dern sind durch eine Entwicklung hin zu einem transformationalen Verhältnis geprägt,
das u. a. dadurch gekennzeichnet ist, dass sich Führungskraft und Mitarbeiter
• engagiert einbringen und gemeinsam Beiträge leisten, um die Ziele zu erreichen.
• loyal zueinander verhalten und sich unterstützen.
• sowohl fachlich als auch emotional schätzen.
• nicht nur auf einer berufl ich-ökonomischen Basis, sondern auch auf einer persönlich-
privaten Ebene austauschen.
Führungsdyaden sind dynamisch und können sich ausgehend von einem eher distanzier-
ten erstmaligen Aufeinandertreffen in der Phase des Fremdseins über einen intensiver
werdenden gegenseitigen Austausch hin zu hochqualitativen Führungsperson- Mitar-
beiterbeziehungen entwickeln. Die einmal entwickelte Transaktionsqualität , d. h. die
Bezeichnung
Reife
Art des Austauschs
Entwicklungsphase
der Führungsdyade
Zeitspanne des
Austauschs
Ausmaß des
Austauschs
Qualität der
Beziehung
•
Rollen-
implementierung
•
Ökonomisch-
berufliche und pri-
vate Ressourcen
•
unbegrenzt
•
hoch
•
hoch
Fremdsein
•
Rollenfindung
•
„Cash & Carry“:
ökonomische
Ressourcen
•
unmittelbar
•
gering
•
gering
Bekanntschaft
•
Rollengestaltung
•
Ökonomische
und erste private
Ressourcen
•
mit Verzögerung
•
mittel
•
mittel
Zeit
Abb. 1.8 Phasenmodell zur Entwicklung der Führungsdyade. Quelle: Graen und Uhl-Bien ( 1995 ,
S. 231), modifi ziert
1 Führung – Erfolgsbeitrag und Legitimation
19
Art der dyadischen Führungsbeziehung, ist grundsätzlich sehr stabil. Veränderungen sind
aber nicht ausgeschlossen und können sowohl von der Führungskraft als auch von dem
Mitarbeiter ausgehen (vgl. Weibler 2016 , S. 153). Dies gilt auch für den Fall einer aktuell
niedrigen Beziehungsqualität.
1.2.5
Makropolitischer Führungskontext
Der organisationsinterne strukturale Führungsrahmen (Substitutions- und Residualtfaktor-
theorie), innerhalb dessen personale Führung, der Führungsprozess und die Entwicklung
der Führungsbeziehung stattfi ndet, wird auch geprägt durch übergeordnete, unternehmens-
externe Entwicklungen auf makropolitischer Ebene. Wesentliche Veränderungstrends, die
hier von außen einwirken sind die Globalisierung und die damit einhergehende Diversität
der Belegschaften, die Digitalisierung mit der Entwicklung neuer Arbeitswelten sowie der
demografi sche Wandel , der generationenbedingt auch gesellschaftliche Normen und Wer-
te einer Veränderung unterzieht.
Mit der Zunahme der internationalen bzw. globalen Ausrichtung vieler Unternehmen
steigen die Anforderungen an die Führungsaufgaben (vgl. im Folgenden Stock-Homburg
2013 , S. 641 ff.). Vorgesetzten, die im internationalen Vertrieb oder in länderübergreifen-
den Projekten arbeiten, stellt sich schon seit langem die Aufgabe, Mitarbeiter mit unter-
schiedlichen kulturellen Lebensbezügen zu führen. Durch die zunehmende Freizügigkeit
und Mobilität von Arbeitnehmern innerhalb der Europäischen Union und weltweit, wer-
den auch „heimische“ Belegschaften immer diverser. Je größer dabei die Kulturdistanz
der neuen Mitarbeiter zur vorherrschenden, eigenen Landeskultur ist, desto höher sind
die Führungsherausforderungen . Notwendig sind auf Seiten der Führenden Bereitschaft
und Fähigkeit zur interkulturellen Empathie und Anpassung, welche bei Führungskräf-
ten sehr unterschiedlich ausgeprägt sind (vgl. zur Typologie interkultureller Anpassungs-
fähigkeit und -bereitschaft Stock-Homburg und Ringwald 2006 , S. 163 ff.). Generell
wächst damit die Forderung nach einem „Managing Diversity “ (vgl. zum Diversity Ma-
nagement Thomas 2001 ; Vedder 2003 , S. 13 ff.; Stuber 2014 ; Franken 2015 sowie Ab-
schn. 7.2 in diesem Buch), das auch und gerade die kulturellen Unterschiede der Ge führten
berücksichtigt und refl ektiert. Kulturelle Vielfalt wirkt sich in vielen alltäglichen Situati-
onen aus. So können die grundsätzlichen Einstellungen zur Arbeitstätigkeit an sich, aber
auch zu Führungskräften, z. B. religionsbedingt gegenüber weiblichen Führungskräften,
oder in Bezug auf das Bedürfnis nach Partizipation bzw. Hierarchie ganz unterschiedlich
ausgeprägt sein. Dies nicht nur in der Führungsdyade, sondern auch unter den Mitarbei-
tern selbst.
Globalisierung und die damit einhergehende kulturelle Diversität wirken sich auf die
Unternehmenskultur und infolge dessen auf die Führungskultur und die Führungsgrund-
sätze aus. Auch Entlohnungssysteme müssen ggf. im Rahmen von Entsendungspolitiken
ebenso wie Karriereregeln, die nun ggf. einen verpfl ichtenden Auslandsaufenthalt bein-
halten, überdacht werden.
1.2 Führungsprozess und Rahmenbedingungen der Führung
20
Die Dynamik, welche durch die zunehmende Digitalisierung und ihren vielfältigen
Einfl üssen auf Kommunikation, Datenverarbeitung ( Big Data ) und das Entstehen neuer
Arbeitswelten (Industrie 4.0, Arbeiten 4.0 , Crowdsourcing, cyberphysische Systeme, de-
mokratische Unternehmensführung usw.) ausgelöst wird, ist in ihren letztlichen Auswir-
kungen für die Führungsarbeit noch nicht abschließend erfass- oder beschreibbar (vgl.
zum Arbeiten 4.0 BMAS 2015 ). Zumal mit der Digitalisierung auch eine stille Umwäl-
zung von den Menschen selbst ausgeht. Es fi ndet derzeit ein grundlegender kultureller
Wandel mit neuen Ansprüchen an die Organisation von Arbeit hin zu mehr Partizipation
und Demokratisierung statt. Somit ist eine sozialpartnerschaftliche Gestaltung der Ar-
beitsbedingungen notwendig, welche sowohl die Erwartungen und Fähigkeiten der Be-
schäftigten als auch die Herausforderungen für Unternehmen in der neuen Arbeitswelt
gleichermaßen berücksichtigt.
Die Dynamik der Arbeitswelt im Zuge von Arbeiten 4.0 fordert schnell zu treffende
effektive Entscheidungen, um die „Time-to-Market“ zu verkürzen und den immer höhe-
ren Kundenansprüchen und dem insgesamt schneller werdenden Wettbewerb gerecht zu
werden. Diese Entwicklungstendenzen fordern partiell agile Führungsmethoden im
Sinne von Super- bzw. Shared Leadership (vgl. Schirmer 2010 , S. 123 ff.), da der über-
holte „great man“-Vorgesetzte nicht mehr in der Lage ist, die zunehmende Menge an In-
formationen in einer immer kürzer werdenden Zeit für Entscheidungen zutreffend
aufzu bereiten und zu analysieren. Geteilte Führung mit einem Transfer von Entschei-
dungskompetenzen an Mitarbeiter ist in vielen Situationen unumgänglich, d. h. Mitarbei-
ter müssen losgelöst von ihrer Führungskraft fähig sein, Entscheidungen schnell, fl exibel
und richtig treffen zu können. Zudem führen die Fortschritte im kommunikationstechno-
logischen Bereich zu einer partiellen Substitution der persönlichen Interaktion zwi-
schen Führenden und Mitarbeitern. Dies hat Auswirkungen auf die Beziehung zwischen
Arbeitnehmern und Führungskräften, weil hierdurch wesentliche „Nebeneffekte“ der
persönlichen Kommunikation nicht mehr genutzt werden können. Kommunikation be-
steht nicht nur aus transportierten Inhalten, sondern tangiert immer auch die Beziehungs-
ebene . Letztere wird gerade durch nonverbale Kommunikationsaspekte (Körpersprache,
Mimik, Gestik usw.) beeinfl usst. Wird der Austausch „persönlicher“ Kommunikations-
elemente unterbunden, wird damit die Ausbildung gegenseitiger Sympathie behindert,
die mit der Anzahl persönlicher Kontakte steigen kann (vgl. Homans 1960 ). Auch eine
intensive Zusammenarbeit mittels Kommunikationsmedien auf der Sachebene wirkt sich
nur schwach auf das Zusammengehörigkeitsgefühl aus (vgl. Reichwald und Möslein
2009 , S. 632).
Für die Führungskräfte bietet die technologische Entwicklung im Bereich des In-
formationsmanagements erhebliche Chancen, aber auch Risiken. Die Möglichkeit
zur problem losen Verbreitung von Informationen an jeden Ort zu jeder Zeit erfor-
dert einen be wuss ten Umgang mit dieser Option. Eine Informationsüberlastung der
eigenen Mitarbeiter kann dazu führen, dass diese wichtige Inhalte nicht erkennen
und mit ihrer Arbeitszeit stark gebunden werden. Die bewusste und zielgerichtete
1 Führung – Erfolgsbeitrag und Legitimation
21
Informationsfilterung, -kanalisierung und -weitergabe sind wesentliche Aufgaben in
Zeiten von Big Data und mediengestützter Führung .
Die Veränderungen im Zuge der Digitalisierung wirken sich z. B. auf die situativen
Rahmenbedingungen Unternehmenskultur und -hierarchie, Kommunikationssystem und
Karrieremodell aus.
Unternehmen stehen durch die demografi sche Entwicklung in Deutschland und Eu-
ropa vor großen Herausforderungen in Bezug auf den Arbeitsmarkt (vgl. im Folgenden
grundsätzlich Schirmer 2016 ). Umso erstaunlicher ist es, dass sich die Unternehmen
den demografi schen Risiken in Teilen zwar bewusst sind, daraus aber keine hin-
reichenden Konsequenzen für ihr Personalmanagement und ihre Führungsarbeit ablei-
ten. Nur 21,6 % von 1.499 Unternehmen gaben z. B. in der Demografi e Exzellenz-Studie
2015 an, ihre Führungskräfte zur nachhaltigen Sicherung der Beschäftigungsfähigkeit
ihrer Mitarbeiter zu schulen (vgl. Schirmer 2015 , S. 20) – und das obwohl die Erhöhung
des Bezugszeitpunktes der Regelaltersrente bereits für das Jahr 2029 auf 67 Jahre ange-
hoben wurde und mit einer weiteren Erhöhung in den kommenden Jahren zu rechnen ist.
Verschärft wird die demografi sche Problematik dadurch, dass in der Vergangenheit sys-
tematisch Belegschaftsstrukturen geschaffen wurden, die sich künftig als „demografi -
sche Hypothek“ erweisen werden. Ehemals jugendzentrierte Strukturen sind die
alterszentrierten Belegschaften von morgen. Die Vorausberechnung zur Bevölke-
rungsentwicklung in Deutschland führt den demografi schen Wandel mit den Struktur-
verschiebungen im Altersaufbau der Gesellschaft deutlich vor Augen (vgl. Statistisches
Bundesamt 2015 ). Drei Effekte dominieren aktuell die Entwicklung in Deutschland.
Zuerst werden die Gesamtzahl der Einwohner (Bevölkerung) und auch das Erwerbsper-
sonenpotenzial weitestgehend konstant bleiben. Allerdings kommt es innerhalb der
Bevölkerung zu einer „Veralterung“ der Gesellschaft. Als Ursachen für diese Verände-
rungen lässt sich die seit den 1970er-Jahren auf geringem Niveau stagnierende Gebur-
tenrate von heute ca. 1,4 Kindern je Frau festmachen. Andererseits erhöht sich die
Lebenserwartung deutlich. Mittelfristig wird die steigende Lebenserwartung die unge-
nügende Geburtenrate aber nicht ausgleichen können. Auch die aktuellen hohen Migra-
tionsbewegungen im Rahmen weltweiter politischer Krisen mit ihren positiven
Zuwanderungsraten nach Deutschland werden dauerhaft nicht zu einem Ausgleich,
wohl aber zu steigender Heterogenität in der Gesellschaft als zweiten Effekt führen.
In Folge dazu ist in naher Zukunft mit dem dritten demografi schen Effekt zu rechnen –
mit der Reduktion der Bevölkerungs- und Erwerbspersonenzahl .
In Folge der demografi schen Effekte und der damit verbundenen veränderten Alters-
struktur in den Belegschaften erhöht sich die Komplexität im Führungsprozess . So werden
künftig immer mehr jüngere Führungskräfte damit konfrontiert sein, ältere Mitarbeiter zu
führen. Dies erfordert ein altersgerechtes Führungsverhalten , welches das Erfahrungs-
wissen, die unterschiedlichen Norm- und Wertvorstellungen oder ganz grundsätzlich die
differierenden Kommunikationsstile verschiedener Generationen refl ektiert, berücksich-
tigt und integriert.
1.2 Führungsprozess und Rahmenbedingungen der Führung
22
Mit den Veränderungen in der Altersschichtung der Bevölkerung gehen auch Verschie-
bungen im Wertekanon einher. Die, wenn auch nicht zu überschätzende, Generationen-
prägung führt zu partiell anderen oder ganz neuen Normen und Wertorientierungen der
jüngeren Menschen (vgl. Klaffke 2014 , S. 3 ff.). Diese gesellschaftlichen Werte und
Normen beeinfl ussen das Denken und Verhalten der Organisationsmitglieder, die selbst
Mitglieder der Gesellschaft sind. Führungskräfte müssen somit den gesellschaftlichen
Wertekanon refl ektieren und in ihre Führungsarbeit integrieren.
Beispiel
Intergenerative Führungskonfl ikte: Jungspund an der Spitze
„Gisela Kuhl war 15 Jahre eine allseits geschätzte und zufriedene Mitarbeiterin in
einer Steuerkanzlei zwischen Aachen und Köln. Dann kam der neue Chef, und alles
wurde anders. Denn der ist jung. Zu jung, fi ndet die Steuerfachgehilfi n: „Der könnte
mein Sohn sein, das ist ein komisches Gefühl, von ihm Anweisungen zu erhalten.“
Seit seinem Einstieg in die Kanzlei schwelt ein Generationenkonfl ikt. Mitarbeiterin
und Führungskraft sehen die Welt mit gänzlich anderen Augen.
Während sie ihr eigenes Tempo hat, Gründlichkeit und einen Plausch mit langjäh-
rigen Kunden pfl egt, wittert er Trägheit und Ineffi zienz. Sie legt Wert auf Umgangs-
formen, bügelt ihre Blusen morgens nochmals auf und trauert in alter Loyalität dem
gediegenen Vorgänger nach. Die „alberne Duzerei“, die der Junge eingeführt hat, ist
ihr ein Gräuel und für sie Zeichen von „Pseudolockerheit. Wenn ich dieses hinge-
blaffte Gisela, komm bitte! schon höre …“ Sie schimpft sich in Rage: „Dieser Jung-
spund tritt auf, als hätte er das Pulver erfunden, dabei hat er außer einem nassforschen
Auftreten und einem ordentlichen Examen nicht viel vorzuweisen.“ Mangelnder Re-
spekt vor langjähriger Berufserfahrung, hektische Neuerungen („der spricht immer
von Innovation“) statt bewährter Abläufe („ich stehe als Blockierer da“), lässiger
Umgang statt distanzierter Höfl ichkeit – die Mängelliste, die die Ende 50-Jährige
„diesem 31 Jahre alten Möchtegernmanager“ ausstellt, ist stattlich. „Fachlich ist ja
nicht alles verkehrt, was der macht. Aber den würde ich sofort wegen schlechter
Führung entlassen.“
Die neuen, jungen Chefs lassen sich duzen, sind bei Facebook, während ihren
älteren Mitarbeitern nie in den Sinn kommen würde, mit privaten Details ins Netz
zu gehen. Ritualisiertes Betriebsfest mit kontrollierter Feierlaune war gestern.
Heute lädt der junge Chef zum Brunch, morgen kritisiert er vor versammelter
Mannschaft, „dass Rainers Arbeitsleistung absolut nicht ausreicht“. Unterschied-
liche Lebensauffassungen prallen aufeinander. Die Jungen ticken anders als die
Älteren.“
Quelle: Kals ( 2010 )
1 Führung – Erfolgsbeitrag und Legitimation
23
Hintergrundinformation
Wertewandel und Führung in Deutschland
Waren in den 1960er-Jahren in Deutschland noch Primärtugenden (Pfl icht- und Akzep-
tanzwerte) wie Disziplin, Gehorsam, Fleiß und Pünktlichkeit dominant, hat seitdem ein
Wertewandel eingesetzt, in dem stärker Sekundärtugenden (Selbstentfaltungswerte) wie
Sinnerfüllung, Spaß an der Arbeit, Mitbestimmung und Mitsprache am Arbeitsplatz
handlungsbestimmend sind. Durchgesetzt haben sich somit postmaterialistische Werte.
Ein durchgängig autoritärer Führungsstil würde mittelfristig wahrscheinlich zu Problemen
mit den Mitarbeitern führen, da dies dem Wunsch nach Partizipation und Mitsprache am
Arbeitsplatz widerspricht.
Gerade für die Mitglieder der Generation Y, die zwischen ca. 1980 und 1995 gebo-
ren wurden und die sich aktuell verstärkt in der Arbeitswelt etablieren, ergeben sich
infolge der nochmals gewandelten Werte- und Bedürfnisbasis neue Herausforderungen
an die Mitarbeiterführung. Materielle Werte und klassische Statussymbole rücken
mehr und mehr in den Hintergrund. Dagegen gewinnen Werte wie Gemeinschaft,
Kooperation – bedingt durch die Web 2.0-Sozialisation –, Selbstverwirklichung,
Erlebnis, Feedbackorientierung usw. deutlich mehr an Bedeutung. Hierauf müssen
Führungskräfte durch einen wertschätzenden, offenen, kooperativen und persönlichen
Führungsstil reagieren.
Der Wertewandel könnte sich mit der jüngsten Generation neuer Mitarbeiter, den
Vertretern der Generation Z noch weiter verstärken. Hier sind allerdings erst noch be-
lastbare empirisch belegbare Nachweise abzuwarten.
Quelle: Wunderer ( 2011 , S. 181 ff.); Parment ( 2013 ); Klaffke ( 2014 , S. 3 ff.);
Schirmer (2014, S. 22) und Scholz ( 2014 )
Führungskräfte dürfen sich in ihrem Verhalten allerdings nicht einem willkürlichen Werte-
wandel unterwerfen, sondern müssen dort, wo es notwendig erscheint, versuchen, Grund-
überzeugungen der Mitarbeiter zu beeinfl ussen und zu entwickeln (vgl. Wunderer 2011 ,
S. 196.). Sie müssen unerwünschte Verhaltensweisen, wie z. B. zu lockerer Umgang mit
Sicherheitsvorschriften, ansprechen und kommentieren, gegebenenfalls auch sanktionie-
ren. Dies gilt im Umkehrschluss auch für die Belohnung gewünschter Handlungen. Durch
ihr Vorbild und ihr aktives Tun können sie geforderte Normen aktiv vorleben und dazu
beitragen, dass sich diese in der Belegschaft verbreiten ( symbolische Führung, vgl. Weib-
ler 2016 , S. 389 ff. ). Im Einzelfall kann es notwendig sein, Mitarbeiter zu qualifi zieren, um
sie zu befähigen, zeitgemäße Werteorientierungen, wie z. B. Selbststeuerung und Intrapre-
neurship, die im Unternehmen gefordert werden, umsetzen zu können.
Aus dem Wertewandel resultiert für Führende auch die Herausforderung, die eigenen
Werthaltungen zu refl ektieren und eventuell zu erweitern (vgl. Schirmer 2014 , S. 26 ff.).
Selbst wenn ein Führender sich mit einzelnen gesellschaftlich bedeutsamen Werten nicht
identifi zieren kann, ist er gefordert, auf die daraus resultierenden Erwartungen seiner Mit-
arbeiter an das Führungsverhalten zu reagieren. So muss eine Führungskraft z. B. dem
1.2 Führungsprozess und Rahmenbedingungen der Führung
24
Wunsch nach fl exiblen Arbeitszeitmodellen im Kontext einer höheren Wertschätzung der
Work-Life-Balance nachkommen, auch wenn er von Teilzeit- oder Telearbeit selbst nicht
überzeugt ist und diese ablehnt.
Der demografi sche Wandel wirkt sich u. a. auf die Führungssubstitute Unternehmens-
und Führungskultur, auf Karrieremodelle, Konzepte der Zusammenarbeit usw. aus.
1.3
Beitrag von Führung zum Unternehmenserfolg
Mitarbeiterführung ist zweckgerichtet und dient im betriebswirtschaftlichen Umfeld der
unternehmerischen Zielerreichung. Dabei kann Führungserfolg nicht ausschließlich über
die ökonomische Erfolgsverantwortung defi niert werden, sondern muss gleichzeitig die
Humanverantwortung integrieren.
1.3.1
Zielgrößen des Führungserfolgs
Die Bestimmung des Führungserfolgs ist in der Praxis keinesfalls banal, da hier -wie be-
reits gezeigt- eine Vielzahl situativer Faktoren einwirken, die gerade personale Führungs-
aktivitäten intermedieren bzw. moderieren. Zudem ist grundsätzlich zu klären, aus welcher
Perspektive Führungserfolg bewertet wird (vgl. Blessin und Wick 2014 , S. 241 ff.):
• Vorgesetztenperspektive : Führungserfolg ist dann gegeben, wenn der Führende mit
seinen Verhaltensweisen zufrieden ist und seine persönlichen Ziele bzgl. Karriere, Ein-
kommen usw. erreicht hat.
• Unternehmensperspektive : Führungserfolg ist dann gegeben, wenn die vom Unter-
nehmen gesetzten ökonomischen und sozialen Ziele erreicht sind.
• Geführtenperspektive : Führungserfolg ist dann gegeben, wenn Mitarbeiter ihre per-
sönlichen Ziele bzgl. Einkommen, Familie usw. realisieren konnten.
Zu unterscheiden sind beim Führungserfolg zudem Führungseffektivität und Führungs-
effi zienz. Erstere bezieht sich auf die realisierten Output-Größen, d. h. darauf, in welchem
Umfang die angestrebten Zielvorgaben erreicht wurden. Dies kann aber sowohl mit ho-
hem als auch mit geringem Ressourcenverbrauch erreicht werden. Dies bildet die Füh-
rungseffi zienz ab, welche die Zielerreichung in Relation zu dem dafür erforderlichen
Führungsaufwand setzt, also die Input-Output-Relation analysiert. Effi zienzindikatoren
sind z. B. die Zeitdauer für Entscheidungsfi ndungen, der gesamte Zeitbedarf für Führungs-
aktivitäten, Häufi gkeit von Meetings, Besprechungen usw.
Der Erfolg einer Führungskraft bestimmt sich aus Unternehmensperspektive im Kontext
ökonomischer und sozialer Ergebnisgrößen (vgl. Hentze et al. 2005 , S. 36 ff.; Wunderer
2011 , S. 13 f.; Wesche et al. 2015 , S. 239 ff.), wobei diese in Abhängigkeit der betrachteten
Organisationsebene in Individual-, Team- und Unternehmensresultate differenziert werden
können (vgl. Abb. 1.9 sowie Weibler 2016 , S. 62 ff.; Blessin und Wick 2014 , S. 230 ff.).
1 Führung – Erfolgsbeitrag und Legitimation
25
Auch wenn die unternehmensbezogenen Ergebnisgrößen im betriebswirtschaftlichen Be-
trachtungsfeld im Vordergrund stehen, dürfen soziale Ergebnisgrößen nicht vernachlässigt
werden. Neben Arbeitszufriedenheit, Kohäsion und Commitment sind Führungskräfte im
sozialen Zielbereich auch angehalten, ein besonderes Engagement der Mitarbeiter, das sog.
Organizational Citizenship Behaviour, zu fördern. Das Erreichen der Ergebnisgrößen kann
bei ex ante defi nierten Kennzahlen (Plangrößen) periodenbezogen überprüft werden ( Füh-
rungscontrolling ).
Die ökonomischen Erfolgsgrößen der Personalführung fokussieren auf den Wert-
schöpfungsbeitrag der Mitarbeiter und stellen dabei fi nanzielle sowie ertrags- und kosten-
analytische Aspekte in den Vordergrund (vgl. Wunderer 2011 , S. 4 ff.). Neben den direkt
monetären Leistungsgrößen wie z. B. Gewinn , Umsatz und Rentabilität , gehören dazu
aber auch die spezifi schen Leistungsziele , die abhängig vom jeweiligen Aufgabenfeld des
Mitarbeiters oder der Arbeitsgruppe zu erreichen sind. Die ökonomischen Erfolgsgrößen
können in quantitative und qualitative unterteilt werden. Drücken erstere vorrangig den
direkt messbaren und meist auch monetär bewertbaren Einfl uss auf den Unternehmenser-
folg aus, stellen letztere oftmals die Basis hierfür dar. So kann ein Außendienstmitarbeiter
z. B. seine Umsatzziele (quantitativ) besonders gut erreichen, wenn er über die notwendi-
gen Kompetenzen (qualitativ), hier z. B. Abschlussfähigkeit, verfügt.
Arbeitszufriedenheit, Zugehörigkeitsgefühl ( Kohäsion ) und Commitment der Mit-
arbeiter sind wesentliche Sozialziele der Führung . Arbeitnehmer, die mit ihrer sozi-
alen Integration, ihren Aufgaben und Verantwortlichkeiten zufrieden sind, fühlen sich
ihrem Unternehmen gegenüber stärker verbunden und werden sich plausibel mehr für
die Organisation engagieren und leistungsbereiter sein, mithin ein Extra-Rollenver-
halten zeigen.
ökonomisch
sozial
quantitativ
qualitativ
Zufriedenheit, Kohäsion
und Commitment
Organizational
Citizenship Behaviour
Indivi-
duum
Team
Unter-
nehmen
- Individuelle
Zielerreichung nach
Aufgabengebiet
- Individualeffizienz
- Erreichung definier-
ter Outputs
- Teamzielerreichung
nach Aufgabengebiet
- Teameffizienz
- Fehlzeiten und
Fluktuation
- Erreichen der Formal-
ziele: Umsatz, Rentabi-
lität, Cash flow usw.
- Steigerung Share-
holder Value
- Produktivität der
Belegschaft
- Arbeitsgüte
- Fehlzeitenreduktion
- Kompetenzsteigerung
- Unfallfreiheit
- Intrapreneurship
- Leistungsmotivation
- Kollektiv abgestimmte
Prozessoptimierungen
- Fehlerfreie Zusammen-
arbeit
- Selbstorganisation
- Termintreue
- Wettbewerbsfähigkeit
- Organisationales
Lernen
- Leistungskultur
- Innovationsfähigkeit
- Kundenorientierung
- Arbeitszufriedenheit
- Commitment
- Beachtung normativer
Rahmenbedingungen
- Potenzialentfaltung
- Abteilungsklima
- Teamgeist und „Wir-Gefühl“
- Respektvoller Umgang
im Team
- Freundschaft
- Integrative Unternehmens-
kultur
- Durchschnittliche Betriebs-
zugehörigkeit von Mitar-
beitergruppen
- Verbundenheit der Beleg-
schaft
- Hilfsbereitschaft
- Zuverlässigkeit
- Flexibilität
- Kooperationsbereitschaft
- Rücksicht
- Integrität
- Gegenseitige Unter-
stützung
- Verantwortung für das
Kollektivergebnis
- Einbringen von Verbes-
serungsvorschlägen
- Positives Unterneh-
mensbild verbreiten
- Soziales Engagement
(Corporate Social
Responsibility)
- Sustainable Behaviour
Abb. 1.9 Beispielhafte Ergebnisgrößen des Führungserfolgs aus Unternehmensperspektive. Quelle:
eigene Darstellung
1.3 Beitrag von Führung zum Unternehmenserfolg
26
Arbeitszufriedenheit kann defi niert werden als Differenz aus eigenem Anspruchsni-
veau und erlebter Bedürfnisbefriedigung sowie subjektiver Bedeutsamkeit der Abwei-
chung: Arbeitszufriedenheit = f (Soll-Ist-Differenz) x subjektiver Bedeutsamkeit (Schirmer
2007 , S. 50). Damit individuelle Arbeitszufriedenheit entstehen kann ist es wichtig, dass
die Führenden bei den Mitarbeitern keine unrealistischen Erwartungen in Bezug auf die
Arbeitswelt entstehen lassen sowie zentrale Anforderungen der Mitarbeiter an Anspruchs-
niveau der Aufgaben, Führungsverhalten usw. erfüllen.
Insbesondere die Arbeitszufriedenheit trägt in erheblichem Maße zur Entstehung eines
tragfähigen Commitments der Mitarbeiter bei. Commitment ist als mehrdimensionales
Konstrukt zu verstehen, welches sich aus dem Zusammenspiel affektiver, rationaler und
normativer Aspekte ergibt (Meyer und Allen 1997 , S. 11; Schirmer 2012 , S. 6 ff.; Schir-
mer 2013 , S. 33 ff.). Affektives Commitment beschreibt die emotionale Verbundenheit
gegenüber dem Unternehmen. Diese entsteht durch das Erleben positiver Erfahrungen und
dem Erfüllen von Erwartungen, was zu Zufriedenheit führt. Gerade der affektive Aspekt
ist überdurchschnittlich bedeutsam für das Entstehen von Commitment und Mitarbeiter-
bindung. Aus rationaler Perspektive refl ektiert ein Individuum, welche Vor- und Nachteile
das Verbleiben in einer Organisation hat. Das normative Commitment bezeichnet die Ver-
bundenheit einer Person auf der Basis moralisch-ethischer Überlegungen, weil das Unter-
nehmen den Mitarbeiter gut behandelt und sich die Werte des Unternehmens weitgehend
mit den eigenen Werten decken.
Arbeitszufriedenheit und Commitment sind die Basis für emergente Effekte auf Team -
und Unternehmensebene, wie z. B. positives Abteilungsklima . Gelingt es durch eine begeis-
ternde und wertschätzende Führung, die Arbeitszufriedenheit und das Commitment der
Mitarbeiter zu steigern, kann das zu einer erhöhten Leistung der Arbeitnehmer führen. Dies
äußert sich darin, dass über die arbeitsvertraglichen Pfl ichtbeiträge hinaus besondere Good-
will-Beiträge (vgl. Richter 1999 , S. 8 ff.) erbracht werden. Letztere sind dadurch gekenn-
zeichnet, dass sie über die klassische Rolle des ausführenden Arbeitnehmers hinausgehen und
Ausdruck eines unternehmerisch denkenden und sozial verantwortlich handelnden Mitarbei-
ters sind. Motiviertes Arbeitsverhalten, selbstverständliche Unterstützung von Kollegen,
selbstständiges Reagieren auf Kundenanfragen usw. sind Beispiele für Goodwill-Beiträge.
In der Summe trägt dieses als Organizational Citizenship Behaviour bezeichnete
Verhalten (vgl. Organ 1988 , S. 4) erheblich zum ökonomischen Erfolg eines Unternehmens
bei. Aus dem freiwilligen Arbeitsengagement, das sich in Leistungsbeiträgen oberhalb der
formal beschriebenen Rollenerwartungen als Extrarollenverhalten darstellt, resultiert
ein Wettbewerbsvorteil gegenüber konkurrierenden Unternehmen (vgl. Nerdinger 2004 ,
S. 293 ff.; Felfe 2008 , S. 116 ff.).
1.3.2
Unternehmerisches Zielsystem
Welche Ziele durch die Führungskräfte in ihren jeweiligen Verantwortungsbereichen kon-
kret zu verfolgen sind, leitet sich aus dem übergeordneten Zielsystem des Unternehmens
ab. Das Zielsystem wird im Rahmen des jährlichen Management- und Planungsprozesses
1 Führung – Erfolgsbeitrag und Legitimation
27
entwickelt und fortgeschrieben. Ein effektives Zielsystem basiert auf grundsätzlichen, stra-
tegischen Überlegungen, die zunehmend auf taktischer und operativer Ebene konkretisiert
werden, um damit verhaltenssteuernde Wirkungen und Orientierungen für die Führungs-
kräfte und Mitarbeiter zu bieten. Der initiale strategische Planungsprozess lässt sich inhalt-
lich typischerweise in vier Bereiche gliedern, die zu bearbeiten sind, um eine fundierte und
nachhaltige Unternehmensstrategie zu defi nieren: Umweltanalyse, Unternehmensanalyse,
strategische Alternativenplanung sowie Alternativenselektion bzw. Strategieauswahl (vgl.
Steinmann et al. 2013 , S. 157 ff.). Hierbei kommen problembezogen eine Vielzahl von
Analyse- und Planungsmethoden wie die SWOT-Analyse (Strenghts, Weaknesses, Oppor-
tunities, Threats), die Wertketten-Analyse, die Nutzwertanalyse, die Portfoliotechnik oder
die Szenariotechnik zum Einsatz. Ist die grundlegende strategische Ausrichtung defi niert,
kann die Strategieimplementation und -umsetzung mit weiteren Planungs- und Steuerungs-
methoden, wie z. B. der Balanced Scorecard, unterstützt werden, indem konkrete strategi-
sche Ziele bestimmt werden, die mit Handlungsprogrammen hinterlegt werden.
Das unternehmerische Zielsystem basiert im Ebenenmodell der integrierten Unter-
nehmensführung (vgl. im Folgenden Bleicher 2011 , S. 85 ff.) auf der im normativen Füh-
rungsbereich formulierten Vision und Mission eines Unternehmens und setzt sich über die
strategischen Vorgaben bis zu den operativen Zielen hin fort (vgl. Abb. 1.10 ).
Vision
Mission
Strategische Ziele
Taktische Ziele
Operative Ziele
Bild der herbeizuführenden Zukunft:
Richtung der Unternehmensent-
wicklung
Unternehmensauftrag: Nutzenstiftung
für Bezugsgruppen: „Warum gibt es
uns?“
Übergeordnete Handlungsvorgaben:
„Was ist in 3-5 Jahren zu erreichen?“
Zwischenziele für die Erreichung der
strategischen Ziele: „Was müssen wir
dieses Jahr erreichen?“
Konkrete Arbeitsvorgaben für einen Tag
bis zu mehreren Monaten
Inhaltliche Ausrichtung des Führungs- und Mitarbeiterverhaltens
Zielhierarchie
Inhalte
Zweck
Führungs-
ebenen
Normativ
Strate-
gisch
Taktisch-
operativ
Legitimiert unternehmerisches
Handeln und bietet Sinnstiftung
und Identität
Tagesbezogene Steuerung des
betrieblichen Wertschöpfungs-
prozesses
Legitimiert innerorganisatorisch
unternehmerisches Handeln
Definiert Zielausrichtung und
Grundorientierung für das tak-
tisch-operative Handeln
Konkretisierung strategischer
Ziele auf jahresbezogener
Operationalisierungsebene
Abb. 1.10 Betriebliches Zielsystem. Quelle: eigene Darstellung
1.3 Beitrag von Führung zum Unternehmenserfolg
28
Die normative Vision beschreibt ein Bild der Zukunft, welches das Unternehmen her-
beiführen will und gibt damit die grundsätzliche Richtung vor, in die sich die Organisation
im Rahmen des selbsttransformatorischen Entwicklungsprozesses bewegen soll. Damit le-
gitimiert sich innerorganisatorisch unternehmenspolitisches Handeln und beantwortet die
Frage „Wo wollen wir hin?“. Ergänzend und aus der Vision deduziert wird die Mission
formuliert, die den Unternehmensauftrag in Bezug auf die Nutzenstiftung für Bezugsgrup-
pen in Gesellschaft und Wirtschaft formuliert und den Rahmen vorgibt, welche Dienstleis-
tungen und Produkte angeboten werden (vgl. auch Winkelmann 2012 , S. 62 ff.). Dies
vermittelt den Mitgliedern im System Unternehmung Sinn und Identität. Vision und Missi-
on bilden zusammen die normative Unternehmenspolitik ab und begründen das Handeln
der Unternehmung.
Aus diesen Vorgaben sind im Rahmen der konkretisierenden Planung die strategischen
Ziele zu bestimmen, deren Zweck es ist, ausrichtend auf die unternehmerischen Aktivitäten
zu wirken. Die strategischen Ziele übersetzen somit die normativen Handlungsorientierun-
gen in übergeordnete Handlungsvorgaben, die die Basis für die Ausrichtung der Unterneh-
mensaktivitäten in den verschiedenen Funktionsbereichen und Geschäftsfeldern bilden und
als strategische Programme bezeichnet werden können. Strategische Ziele sind dabei von
langfristiger Natur (drei bis fünf Jahre) und haben eine fundamentale Bedeutung für das
Unternehmen.
Strategische Ziele bieten somit noch keine ausreichend konkretisierte Handlungsvorga-
be für den operativen Vollzug im Unternehmensalltag. Sie müssen im Zuge des operativen
Managements weiter operationalisiert werden. Diesem Zweck dienen Zwischenziele auf
taktischer und operativer Ebene. Taktische Ziele stellen zu erreichende Zwischengrößen
dar und haben meist einen zeitlichen Horizont von bis zu einem Jahr. Darauf basierend
lassen sich dann abschließend die operativen Ziele formulieren, welche mit einem Zeitbe-
zug von einem Tag bis zu maximal mehreren Monaten detailliert die primären und sekun-
dären Geschäftsprozesse in der betrieblichen Wertschöpfungskette steuern. Die operativen
Ziele bilden dann auch die Basis für das konkrete Führungshandeln der Vorgesetzten im
Rahmen ihrer Lokomotionsfunktion. Sie müssen das Verhalten der Mitarbeiter inhaltlich
auf diese Vorgaben ausrichten, um im Zusammenwirken aller Unternehmensmitglieder si-
cherzustellen, dass die individuellen Handlungen einen Beitrag zur Unternehmensstrategie
und damit auch zur Unternehmensvision und -mission leisten. Somit wird einer Verschwen-
dung von Arbeitszeit und -leistung entgegengewirkt.
Hintergrundinformation
Produktivitätsstudie Proudfoot Consulting 2008
Rund 34 Prozent der in den Unternehmen weltweit geleisteten Arbeitszeit werden gemäß
der Studie von Proudfoot vergeudet. Jeder Mitarbeiter in deutschen Unternehmen ver-
schwende damit 1,7 Tage je Arbeitswoche infolge von schlechter Kommunikation, unzu-
reichender Managementfähigkeit der Führungskräfte und mangelnder Motivation der
Belegschaft bei Veränderungsprozessen , d. h. infolge unzureichender Führung und Pla-
nung. Eine zentrale Ursache für die unproduktiv genutzte Arbeitszeit sei die schlechte
1 Führung – Erfolgsbeitrag und Legitimation
29
Anleitung der Mitarbeiter durch die Führungskräfte. Dies resultiere aus der Tatsache,
dass sich Manager zu wenig Zeit zum Führen nähmen und das Engagement ihrer Mit-
arbeiter nicht zielgerichtet beeinfl ussten. Nur ca. 10 % ihrer Arbeitszeit würden die
Führungskräfte für die Anleitung und Supervision ihrer Mitarbeiter einsetzen.
Quelle: Proudfoot Consulting ( 2008 )
Alle Zielsetzungen ergeben zusammen das Zielsystem eines Unternehmens. Dieses stellt
in der Praxis meist eine Kompromisslösung aus den Forderungen verschiedener Interes-
sensgruppen ( Stakeholder ), wie z. B. Eigentümer, Manager und Kapitalgeber, dar. Grund-
sätzlich kann innerhalb des Zielsystems noch zwischen monetären (z. B. Gewinn , Umsatz ,
Kostensenkung) und nicht-monetären Zielen (z. B. Wachstumsziele, Sicherung der Ar-
beitsplätze) sowie Formal- (allgemeine Erfolgsgrößen wie Rentabilität oder Liquidität)
und Sachzielen (konkrete Handlungsvorgaben in Bezug auf die Leistungserstellung) un-
terschieden werden.
1.3.3
Konkretisierte Führungsziele: Balanced Scorecard
Die Balanced Scorecard (vgl. Kaplan und Norton 1997 ) stellt ein methodisch fundiertes
Planungstool dar, um die Strategie tatsächlich in verfolgbare Ziele und Kennzahlen zu
übersetzen und mit strategischen Handlungsprogrammen zu hinterlegen. Die BSC ist so-
mit ein Bindeglied zwischen Strategie bzw. Strategieentwicklung und Umsetzungsebene.
Dabei defi niert sie einen multidimensionalen Referenzrahmen für die Unternehmenssteu-
erung, indem sie die vier zentralen Erfolgsbereiche eines Unternehmens in einem integ-
rierten Zielsystem so miteinander verbindet, das damit in einem ausgewogenen Mix
vergan genheitsorientierte und zukunftsgerichtete sowie intern und extern orientierte
Kennzahlen vorhanden sind. Die vier Erfolgsperspektiven sind:
• Finanzwirtschaftliche Perspektive: Die fi nanzwirtschaftlichen Ziele geben die zentrale
Ausrichtung für alle anderen BSC-Perspektiven vor.
• Kundenperspektive: Konsequente Kundenorientierung aller Unternehmensprozesse als
Vorbedingung für Markterfolg.
• Interne Prozessperspektive: Konzentration auf die Prozesse und das Equipment, wel-
ches die Leistung für den Kunden erst ermöglicht.
• Lern- und Entwicklungsperspektive: Bezeichnet die Kompetenzen und die Infrastruktur,
die geschaffen werden müssen, um die Ziele der anderen Ebenen zu erreichen.
Zur Konstruktion einer unternehmensspezifi schen BSC (vgl. Abb. 1.11 ) sind aus der Visi-
on mittels eines Ursachen-Wirkungs-Modells die strategischen Ziele für die oben darge-
stellten vier Perspektiven in einem Top-down-Prozess zu entwickeln (vgl. Horváth et al.
2016 ). Dabei wird zuerst für die Finanzebene ein strategisches Ziel aus der Vision abge-
leitet und dann für die Kundenperspektive geklärt, welches Ziel dort erreicht werden muss,
1.3 Beitrag von Führung zum Unternehmenserfolg
30
damit dieses als Ursache für das Erreichen der Finanzziele dienen kann. Dieses Vorgehen,
das den Vorteil hat, dass die verschiedenen Kennzahlen nicht isoliert nebeneinander ste-
hen, sondern annähernd die realen Abhängigkeiten der verschiedenen Unternehmensbe-
reiche abbilden, wird über die Prozessebene bis zur Lern- und Innovationsebene fortgesetzt.
Alle Ursachen-Wirkungsket-ten ergeben zusammen die Strategy-Map der BSC und bil-
den den ersten Teil des Planungstools.
Die in der Strategy-Map aufgenommen und miteinander in Beziehung gesetzten Ziele
werden in einem zweiten Schritt durch geeignete Messgrößen und konkrete Zielvorga-
ben, die gemeinsam eine Kennzahl bilden, überprüfbar formuliert. Anhand dieser opera-
tionalisierten Vorgaben lässt sich am Ende der Geschäftsperiode gut beurteilen, ob das
jeweilige strategische Ziel realisiert werden konnte. Dies müsste bei guter kausaler Ab-
leitung der Kennzahlen dann der Fall sein, wenn die damit verknüpften Planvorgaben
erreicht wurden. Um die Realisierung der Planvorgaben sicherzustellen, werden zusätz-
lich operative Umsetzungsmaßnahmen beschrieben, die unterjährig abzuarbeiten sind.
Das jeweilige strategische Ziel, die dazugehörigen Kennzahlen und die entsprechenden
Umsetzungsmaßnahmen bilden zusammen die Scorecard.
Rentabilität
Kundentreue
Finanzziele
Kundenziele
Prozessziele
Lern- und
Innovations-
ziele
Prozess-
qualität
pünktliche Lieferung
Durch-
laufzeit
Fachwissen der
Mitarbeiter
Weiterbildung
Vision: „Bis 2025 ist die Gruber GmbH Marktführer“
Strategische
Ziele
Messgrößen
Ziele
für 2017
Durchlauf-
zeiten sind
reduziert
• Ist-Aufnahme Prozesse durchführen
und Soll-Definitionen erarbeiten
• Zeitstudien durchführen
• Störungen eliminieren
• Prozesse sind optimiert
• neue Normwerte sind
definiert
• optimierte Durchlauf-
zeiten sind eingehalten
90 %
100 %
80 %
Maßnahmen
Ursache-Wirkungs-
Zusammenhang
in der Strategy-Map
der BSC
Scorecard
Abb. 1.11 Beispielhafte Ursachen-Wirkungskette und Scorecard in der BSC. Quelle: Lindner-
Lohmann et al. ( 2016 , S. 170), modifi ziert
1 Führung – Erfolgsbeitrag und Legitimation
31
1.3.4
Führen mit Zielen: Management by Objectives
Das Führungskonzept Management by Objectives (vgl. Drucker 1954 ; Odiorne 1967 ),
d. h. das Führen mit Zielvereinbarungen , stellt ein motivationstheoretisch fundiertes,
integratives Vorgehen dar, in dem Vorgesetzte und nachgeordnete Führungskräfte und
Mitarbeiter gemeinsam Ziele für ihren jeweiligen Verantwortungsbereich vereinbaren. So
gründet das Modell z. B. auf der Überlegung, dass das Selbstentfaltungsstreben nach der
Theorie von Maslow mit den Unternehmenszielen zu verbinden ist, um dadurch eine Leis-
tungssteigerung zu erreichen (vgl. zur weiterführenden Theoriefundierung Schmidt und
Kleinbeck 2006 , S. 11 ff.). Damit werden die Führungsdimensionen Mitarbeiter- und Auf-
gabenorientierung als gleichwertig betrachtet und es werden die Mitarbeiter bei der Ver-
einbarung von Zielen aktiv beteiligt (vgl. zum operativen Zielvereinbarungsgespräch
Abschn. 6.2.4 in diesem Buch).
Der Regelkreis des MbO (vgl. Abb. 1.12 ) beginnt mit der Formulierung der Unterneh-
mensziele und kann hier z. B. auf die Strategy-Map der BSC und die dort formulierten
Ziele zurückgreifen. Nach einer eventuell notwendigen Anpassung der Unternehmensor-
ganisation, um grundsätzliche Voraussetzungen zur Umsetzung der Unternehmensziele zu
schaffen, werden dann die Zielvereinbarungen kaskadenartig, d. h. über alle Hierarchie-
ebenen hinweg, für die verschiedenen Organisationseinheiten abgeschlossen. Dabei ver-
einbaren auf jeder Hierarchieebene jeweils der Führende und sein Mitarbeiter die
Allgemeine
Unternehmensziele
Anpassung der
Organisationsstruktur
Zielvorstellungen des
Vorgesetzten
Zielvorstellungen des
Mitarbeiters
gemeinsam
vereinbarte
Mitarbeiterziele
neue
Impulse
Rückkoppelung durch
Zwischenergebnisse
Aussonderung
unangemessener
Ziele
Periodischer Vergleich
der erzielten Erfolge mit
den gesetzten Zielen
Anpassung des
Arbeitsvollzugs
Rückkoppelung
und Abstimmung
1
2
3
4
5a
7
5b
3
6
5
(neuer Start)
Abb. 1.12 Management by Objectives. Quelle: Odiorne ( 1967 , S. 102)
1.3 Beitrag von Führung zum Unternehmenserfolg
32
spezifi schen Ziele , die unterjährig von dem Arbeitnehmer eigenverantwortlich zu realisie-
ren sind. Notwendig ist es, stets eine Rückkoppelung zu den übergeordneten Bereichs-
bzw. Unternehmenszielen vorzunehmen, um die stimmige Ableitung zu gewährleisten.
Unterjährig müssen dynamische Entwicklungen im Umfeld des Unternehmens beachtet
werden. Diese können dazu führen, dass Ziele modifi ziert bzw. ausgesondert werden müs-
sen. Relevante Ziele werden durch den Mitarbeiter selbstständig bearbeitet, kontrolliert und
durch eine Anpassung des Arbeitsvollzugs realisiert. Der Mitarbeiter hat dabei umfassende
Freiheitsgrade bzgl. der Wahl seines Vorgehens. Dies fördert u. a. die Leistungsmotivation
i.S. des Selbstverwirklichungsstrebens. Die Summe aller erreichten Zielvereinbarungen
stellt die Basis für den Planungsprozess des kommenden Geschäftsjahres dar.
Werden die strategischen Ziele konsequent über die vorhandenen Hierarchiestufen
im Unternehmen bis auf die Ebene einzelner Teams bzw. Mitarbeiter herunter gebro-
chen und konkretisiert (Zielkaskadierung) , entsteht ein System aufeinander bezogener
Ober- und Unterziele, die von allen Beteiligten akzeptiert sind. Abb. 1.13 verdeutlicht
diesen Prozess und greift die strategischen Ziele aus der beispielhaften BSC in Abb. 1.11
als Ausgangspunkt auf, um den Zusammenhang von strategischer Zielplanung (BSC)
und Zielkaskadierung (MbO) zu verdeutlichen. Auf den jeweiligen Hierarchieebenen
können dann in Anlehnung an die BSC selbst wieder operative Scorecards formuliert
Vorstand
Strategisches Geschäftsziel:
„…Durchlaufzeiten sind
reduziert“
Produktionsleiter
Leiter
Endmontage
Teamleiter
Endmontage
(Fertigungs-
straße 1)
Ausschussquote
reduziert
Optimierte
Durchlaufzeiten
sind eingehalten
Umrüstzeiten
verkürzt
Ausfallzeiten
je Maschine reduziert
Komponenten-
qualität
sichergestellt
Wartungen
pünktlich erledigt
A-Verschleißteile
ausreichend bevorratet
Strategische
Ziele
Messgrößen
Ziele
für 2017
Wartungen
pünktlich
erledigt
• Wartungsintervalle definieren
• Mitarbeiter in Bezug auf Einhaltung
der Wartungsintervalle führen
• Schulungseinheit erarbeiten
• Schulungen mit Maschinenführer
durchführen
• Termingerecht durch-
geführte Wartungen
• Durchgeführte Schulungen
„Maschinenwartung“ je
Mitarbeiter
95 %
2
Maßnahmen
Scorecard
für Teamleiter
zur Führung der
Mitarbeiter
Abb. 1.13 Beispielhafte Zielkaskadierung und operative Scorecard. Quelle: eigene Darstellung
1 Führung – Erfolgsbeitrag und Legitimation
33
werden und als Basis für die Zieloperationalisierung genutzt werden. Diese Scorecards
zeigen den Mitarbeitern, welche Ziele sie verfolgen müssen, um die Strategie zu unter-
stützen.
Bei der Führung durch Zielvereinbarungen ist darauf zu achten, dass nicht zu viele
Ziele vereinbart werden, da ansonsten eine Überforderung der Mitarbeiter eintreten kann.
Drei bis sieben anspruchsvolle Ziele gelten als Orientierung (vgl. Weibler 2016 , S. 410).
Bei der Formulierung der Ziele ist zu fragen (vgl. auch Crisand und Rahn 2010 , S. 23 ff.):
Sind die Ziele …
• strategieförderlich, d. h. ist der Bezug zur Unternehmensstrategie gegeben?
• beeinfl ussbar, d. h. kann der Mitarbeiter die Zielerreichung steuern?
• anspruchsvoll, d. h. erfordert das Ziel eine positive Leistungsanspannung?
• realistisch, d. h. entspricht das Ziel dem individuellen Leistungsvermögen?
• akzeptiert, d. h. weder von oben aufgezwungen noch von unten abgetrotzt?
• überprüfbar, d. h. sind messbare Beurteilungskennzahlen defi niert?
• resultatsbezogen, d. h. als Ergebnis und nicht als Prozess formuliert?
• abgestimmt, d. h. vertikal und horizontal in das Zielsystem integriert?
Wichtig ist, dass der Führende dem Mitarbeiter die zur Zielbearbeitung notwendigen
Ressourcen zur Verfügung stellt. Eine Herausforderung ist in der individuell zu defi nie-
renden Anspruchshöhe der Ziele für den einzelnen Mitarbeiter zu sehen (vgl. Weibler
2016 , S. 411 ff.). Mit dem MbO werden verschiedene leistungsförderliche Funktionen
erfüllt, wie z. B. Empowerment , Information , Orientierung und Motivation (vgl. Wunde-
rer 2011 , S. 231).
1.4
Legitimation von Führung und Führungsautorität
Mitarbeiterführung bedingt in dem hier zugrunde liegenden Verständnis eine asymmetri-
sche Machtverteilung , die es einer Person ermöglicht, in einer sozialen Beziehung mit-
tels Einfl ussnahme die Verhaltensdispositionen anderer Menschen zu beschränken bzw.
inhaltlich auszurichten und damit den eigenen Willen auch gegen Widerstand durchzu-
setzen (vgl. Weber 1976 , S. 28). „Mächtige“ Führungskräfte können ihre Mitarbeiter in die
beabsichtigte Richtung lenken. Die von dem Machtpotenzial zu unterscheidende tatsäch-
liche Machtausübung führt dann dazu, dass der Entscheidung der Betroffenen über ihr
Verhalten fremdgesetzte Vorgaben zugrunde liegen. Dabei stellt sich zwingend die Frage
nach den rechtlichen und sonstigen Grundlagen, der Legitimation und den Grenzen einer
solchen Machtausübung. Notwendigerweise sind in diesem Zusammenhang auch die er-
forderliche Kompentenzvoraussetzungen zu diskutieren, über die jemand verfügen sollte,
um solche Machtoptionen überhaupt ausüben zu dürfen und letztlich zweckgerichtet ein-
setzen zu können.
1.4 Legitimation von Führung und Führungsautorität
34
1.4.1
Weisungsrecht , Versetzung und Änderungskündigung
Aus rechtlicher Perspektive ist Führungsmacht wie folgt legitimiert und begrenzt: Ein
Arbeitsvertrag nach § 611 BGB begründet das umfassendere Arbeitsverhältnis , das ne-
ben dem Austausch von Arbeit und Geld (transaktionale Führung ) als Nebenrecht des
Arbeitgebers auch das Weisungsrecht ( Direktionsrecht ) gegenüber dem Arbeitnehmer
beinhaltet (vgl. im Folgenden Griese 2015 , S. 2603 ff.). Die Weisungsabhängigkeit des
Arbeitnehmers ist das charakteristische Merkmal des Arbeitsverhältnisses und grenzt die-
ses gegenüber einem Vertragsverhältnis von freien Mitarbeitern oder Selbstständigen ab.
Das Weisungsrecht obliegt grundsätzlich dem Arbeitgeber. Diesem steht es zu, zur Ab-
wicklung seiner Aufgaben Arbeitnehmer als Hilfspersonen, zu sogenannten Erfüllungsge-
hilfen nach § 278 BGB, zu bestimmen. Der Arbeitgeber kann somit das Weisungsrecht auf
einen dafür vorgesehenen Mitarbeiter, d. h. auf eine Führungskraft , übertragen. Der Vorge-
setzte verfügt damit über ein delegiertes Weisungsrecht seinen Mitarbeitern gegenüber.
Das Direktionsrecht ermöglicht es Führungskräften, die arbeitsvertraglich geschuldete Ar-
beitsleistung der Arbeitnehmer einseitig zu konkretisieren. Dies bezieht sich gemäß § 106
GewO auf Inhalt, Ort und Zeit der zu erbringenden Leistung . Die inhaltliche Konkretisie-
rung umfasst dabei auch die Art und Weise, wie eine Tätigkeit zu verrichten ist.
Das Direktionsrecht unterliegt einer Vielzahl von Begrenzungen . So muss es nach
§ 106 GewO nach billigem Ermessen (§ 315 BGB), d. h. unter Abwägung der Interessen
des Arbeitnehmers und des Arbeitgebers, erfolgen und darf nicht gegen in Arbeitsverträ-
gen, Betriebsvereinbarungen, Tarifverträgen oder Gesetzen geregelte Arbeitsbedingungen
verstoßen. Für den betrieblichen Führungsalltag heißt das, dass ein Vorgesetzter nur eine
Arbeitsleistung verlangen und anweisen kann, die arbeitsvertraglich geschuldet ist. Je ge-
nauer die geschuldete Tätigkeit im Arbeitsvertrag in Bezug auf Inhalt, Ort und Arbeitszeit
beschrieben ist, umso geringer ist der Gestaltungsspielraum der Führungskraft bei der
Zuweisung von Aufgaben (vgl. Straub 2012a , S. 5). Das Direktionsrecht ist dadurch auch
in Bezug auf Versetzungen begrenzt ( „negative“ Versetzungsklausel ).
Soll dem Arbeitnehmer ein anderer Arbeitsbereich zugewiesen werden, der nicht mehr
durch das Weisungsrecht gedeckt ist, bedarf dies einer Versetzung . Versetzung im Sinne
des § 95 Abs. 3 BetrVG ist die Zuweisung eines anderen Arbeitsbereiches, die voraussicht-
lich die Dauer von einem Monat überschreitet, oder die mit einer erheblichen Änderung
der Umstände verbunden ist, unter denen die Arbeit zu leisten ist. Unter einem anderen
Arbeitsbereich sind gemäß § 81 Abs. 1 BetrVG Änderungen in Bezug auf die Aufgabe, die
Verantwortung , die Art der Tätigkeit und die Einordnung in den betrieblichen Arbeitsab-
lauf zu verstehen. Eine Versetzung ist dann möglich, wenn der Arbeitsvertrag eine Verset-
zungsklausel enthält, die es dem Arbeitgeber ermöglicht, dem Arbeitnehmer auch andere
zumutbare, gleichwertige Aufgaben zu übertragen ( „positive“ Versetzungsklausel ) (vgl.
Griese 2015 , S. 2605). Eine Versetzung unterliegt in Unternehmen mit in der Regel mehr
als 20 wahlberechtigten Arbeitnehmern neben den angesprochenen individualrechtlichen
Bestimmungen auch kollektivrechtlichen Regelungen und damit dem Mitbestimmungs-
recht nach § 99 Abs. 1 BetrVG.
1 Führung – Erfolgsbeitrag und Legitimation
35
Beinhaltet der Arbeitsvertrag keine einschlägige Versetzungsklausel und will der Ar-
beitgeber den Arbeitsbereich eines Mitarbeiters erheblich verändern, kann dies durch eine
Änderungskündigung nach § 2 KSchG erfolgen (vgl. Siemers 2012 , S. 978 ff.). Die Än-
derungskündigung ist eine ordentliche Kündigung verbunden mit einem Angebot, das Ar-
beitsverhältnis zu geänderten Bedingungen weiterzuführen. Es geht vorrangig nicht um
die Beendigung, sondern um die Änderung der Inhalte des Arbeitsvertrags. Nimmt der
Arbeitnehmer das Angebot, unter neuen Arbeitsbedingungen zu arbeiten, an, so wird das
Arbeitsverhältnis zu diesen Bedingungen ab dem Zeitpunkt fortgesetzt, zu dem die Been-
digungskündigung wirksam geworden wäre. Lehnt der Arbeitnehmer das Angebot ab, so
hat die Kündigung dieselbe Wirkung wie eine normale Beendigungskündigung. Als dritte
Möglichkeit kann der Arbeitnehmer die Änderungskündigung unter dem Vorbehalt anneh-
men, dass diese sozial gerechtfertigt ist. Hierzu ist die vorbehaltliche Annahme dem Ar-
beitgeber innerhalb von drei Wochen mitzuteilen (§ 2 KSchG) und innerhalb von drei
Wochen nach § 3 KSchG eine Kündigungsschutzklage beim zuständigen Arbeitsgericht
einzureichen. Stellt das Arbeitsgericht fest, dass die Änderungskündigung sozial unge-
rechtfertigt war, kann der Arbeitnehmer auf seinen alten Arbeitsplatz zurückkehren.
Eine besondere Situation besteht für Führungskräfte dann, wenn sie Mitarbeiter führen
müssen, für die sie aufgrund interner Regelungen nur das fachliche aber nicht das diszip-
linarische Direktionsrecht im arbeitsrechtlichen Sinn besitzen (vgl. im Folgenden
Bohinc 2012 , S. 1 ff. und Krämer et al. 2015 ). Dieser Fall tritt z. B. bei der Führung von
Projektgruppen ein. Hier werden Mitarbeiter aus den Linienbereichen für mehrere Wo-
chen und mit einem defi nierten Umfang ihrer Arbeitskapazität einem Projekt zugeteilt.
Der Projektleiter kann zwar Arbeitsinhalte und Bearbeitungstermine im Rahmen des
Projektes vorgeben, das disziplinarische Weisungsrecht , d. h. die Möglichkeit, z. B. Ab-
mahnungen auszusprechen oder Leistungsprämien auszuzahlen, bleibt aber beim Linien-
vorgesetzten. Dies stellt eine besondere Herausforderung für die betroffene Führungskraft
dar, da ein Teil ihrer Machtgrundlagen zur Führung (Sanktions- und Belohnungspotenzial)
erheblich eingeschränkt ist.
1.4.2
Vertretungs- und Entscheidungsbefugnisse
Zur Wahrnehmung ihrer Verantwortung für das Unternehmensergebnis können den
Füh rungskräften weitere Entscheidungskompetenzen übertragen werden. Rechtliche
Vertretungsbefugnisse sind die Prokura und die Handlungsvollmacht , welche im Han-
delsgesetzbuch in den §§ 48 ff. geregelt sind.
Die Prokura ist eine umfassende Handelsvollmacht mit gesetzlich festgelegtem Inhalt
und grundsätzlich unbeschränkbarem Umfang, die gemäß § 48 Abs. 1 HGB nur durch den
Arbeitgeber, bzw. den Inhaber des Handelsgeschäftes, erteilt werden kann (vgl. im Fol-
genden Kania 2015 , S. 2136 ff.). Sie ermächtigt nach § 49 Abs. 1 HGB „zu allen Arten von
gerichtlichen und außergerichtlichen Geschäften und Rechtshandlungen, die der Betrieb
eines Handelsgewerbes mit sich bringt“. Die Führungskraft fungiert damit als Vertreter
1.4 Legitimation von Führung und Führungsautorität
36
des Unternehmers und seine Erklärungen wirken unmittelbar für und gegen den Vertrete-
nen. Als Handelsgewerbe gelten alle gewerblichen Tätigkeiten. Somit sind auch Industrie-
oder Dienstleistungsunternehmen erfasst. Unter die Prokura fallen gewöhnliche und
außergewöhnliche Geschäftshandlungen , d. h. übliche Tätigkeiten wie das Abschließen
von Lieferverträgen und das Abzeichnen von Rechnungen sowie außergewöhnliche Akti-
vitäten wie das Aufnehmen von Krediten oder das Führen von Prozessen. Der Prokurist
kann den gesamten Geschäftsverkehr des Unternehmens führen. Das Veräußern und Be-
lasten von Grundstücken bedarf allerdings einer gesonderten Genehmigung (§ 49 Abs. 2
HGB). Die Unterschrift des Prokuristen muss einen Zusatz enthalten, typischerweise
„ppa.“ (per Prokura), der diese Vollmacht nach außen hin kenntlich macht.
Darf ein Prokurist, dessen Befugnisse auch gegenüber dem Arbeitgeber nicht unbedeu-
tend sind, zudem selbstständig Mitarbeiter einstellen und entlassen, gilt er aus arbeits-
rechtlicher Perspektive als Leitender Angestellter gemäß § 5 Abs. 3 BetrVG. Als nicht
unbedeutend gelten die Befugnisse eines Prokuristen, wenn er wesentliche unternehmeri-
sche Leitungsaufgaben mit erheblichen Entscheidungsspielräumen ausübt.
Die Handlungsvollmacht ist gemäß § 54 HGB jede vom Arbeitgeber, genauer vom
Eigentümer oder einem Prokuristen für sein Handelsgeschäft erteilte Vollmacht zur Aus-
übung der gewöhnlich anfallenden Tätigkeiten (vgl. im Folgenden Wedemann und Flei-
scher 2015 , S. 113 ff.). Aufgrund § 54 Abs. 1 HGB kann ein Geschäftspartner davon
aus gehen, dass der Handlungsbevollmächtigte berechtigt ist, alle üblichen Rechtsgeschäf-
te, die der von ihm vertretene Geschäftsbereich mit sich bringt, zu tätigen. Soll der Hand-
lungsbevollmächtigte auch außergewöhnliche Tätigkeiten wie die Belastung von
Grund stücken, die Aufnahme von Darlehen oder das Führen von gerichtlichen Prozessen
durchführen dürfen, ist dies nur durch Erweiterungen der Vollmacht auf diese Bereiche
möglich (§ 54 Abs. 2 HGB).
Zu unterscheiden sind grundsätzlich die allgemeine Handlungsvollmacht und die Art-
vollmacht. Erstere beinhaltet alle branchentypischen Geschäfte, die zum gewöhnlichen
Betrieb gehören. Personen mit allgemeiner Handlungsvollmacht zeichnen „in Voll-
macht“ (i.V.) . Die Artvollmacht ist eingeschränkt auf spezielle Arten von Rechtsgeschäf-
ten, bspw. alle Rechtsgeschäfte eines Einkäufers oder eines Buchhalters. Personen mit
Artvollmacht zeichnen „im Auftrag“ (i. A.) . Die Handlungsvollmacht ist im Gegensatz
zur Prokura in ihrem Umfang beliebig beschränkbar. Oftmals erhalten Führungskräfte in
Abhängigkeit der hierarchischen Einordnung ihrer Stelle eine allgemeine Handlungsvoll-
macht bis zu einer defi nierten fi nanziellen Obergrenze.
1.4.3
Soziale Machtgrundlagen der Führung
Neben der rechtlichen Legitimität, andere Menschen in einer asymmetrischen Führungs-
situation beeinfl ussen zu dürfen, kann die dafür notwendige Macht bzw. Autorität auch
in positionalen oder personalen Ursachen begründet sein. Zentrale Ressourcen der Macht,
so genannte Machtbasen, von Führungskräften sind nach French und Raven ( 1959 ,
S. 150 ff.):
1 Führung – Erfolgsbeitrag und Legitimation
37
• Macht durch Legitimation
Beruht darauf, dass die Mitarbeiter es akzeptieren, dass der Vorgesetzte von dem Arbeit-
geber ermächtigt wurde, das Weisungsrecht auszuüben. Es gilt als allgemein anerkannte
Norm, dass der Führende in Organisationen Vorgaben macht und der Geführte diesen
nachkommt. Diese Machtgrundlage ist primär nicht an die Person, sondern an die Position
(Instanz) gebunden und legitimiert Führungskräfte, im hierarchischen Gefüge einer Orga-
nisation die formale Ordnung sicherzustellen.
• Macht durch Belohnung
Beruht darauf, dass die Mitarbeiter glauben, dass der Vorgesetzte auf Basis seiner hierar-
chischen Position die Möglichkeit hat, sie zu belohnen. Dies setzt voraus, dass die Mitar-
beiter die Anreize attraktiv fi nden und dass diese hin und wieder faktisch gewährt werden.
Die Mitarbeiter versuchen dann durch das Zeigen gewünschten Verhaltens in den Genuss
solcher Belohnungen wie Gehaltserhöhungen, attraktive Positionen usw. zu kommen (vgl.
Raven 2008 , S. 2).
• Macht durch Zwang
Beruht darauf, dass die Mitarbeiter weiter glauben, dass der Vorgesetzte auch die Mög-
lichkeit hat, sie bei nicht konformen Verhalten bestrafen zu können. Auch hier ist die
sporadische Umsetzung wichtig für die Wirksamkeit. Die Mitarbeiter verhalten sich dann
konform, um derartige Sanktionen präventiv zu vermeiden.
• Macht durch Persönlichkeitswirkung/Identifi kation
Beruht auf der Identifi kation der Mitarbeiter mit der Führungskraft oder auf dem Wunsch
der Mitarbeiter, dem Führenden zu gefallen. Die Führungskraft erscheint den Mitarbeitern
in ihrer Wertschätzung als Vorbild, weil sie z. B. mit deren Werten übereinstimmen oder
deren Auftreten und Lebenslauf bewunderns- und nachahmenswert fi nden.
• Macht durch Wissen und Fähigkeiten (Expertenmacht)
Beruht darauf, dass die Mitarbeiter glauben, dass die Führungskraft Wissens-, Erfahrungs-
und Informationsvorteile in dem einschlägigen Berufs- und Kompetenzfeld hat, die dessen
fachliche Überlegenheit begründen. Diese Machtgrundlage ist auf den Wissensbereich
beschränkt, innerhalb dessen der Vorsprung besteht.
Nachfolgend zu den ursprünglichen Machtbasen wurde von Raven ( 1965 ) die Informa-
tionsmacht als sechste, von der Expertenmacht zu trennende, Machtgrundlage benannt.
Während Expertenmacht darauf beruht, dass die Mitarbeiter dem Wissens- und Erfah-
rungsschatz des Vorgesetzten vertrauen, begründet sich Informationsmacht auf dem Ver-
stehen und der Nachvollziehbarkeit von Handlungsnotwendigkeiten:
1.4 Legitimation von Führung und Führungsautorität
38
• Informationsmacht
Beruht darauf, dass die Führenden über umfassende Informationen zur Organisation,
dem intraorganisationalen Beziehungsgefl echt, den Prozessen usw. verfügen. Durch das
Nutzen und zur Verfügungstellung dieser Informationen werden für die Geführten Rah-
menbedingungen, Prozessnotwendigkeiten etc. nachvollziehbar und einsichtig und sie
folgen den Vorgaben der Vorgesetzten. Durch die Filterung, Zusammenstellung oder Zu-
rückhaltung der Informationen können die Führer gewünschtes Verhalten beeinfl ussen.
In den nachfolgenden Forschungen zu diesen Ursprungs-Machtbasen wurden weitere
Detaillierungen und Differenzierungen herausgearbeitet (vgl. z. B. Yukl und Falbe 1991 ).
Dabei wird nun auch danach unterschieden, ob Machtbasen auf der hierarchischen Positi-
on ( Positionsmacht ) oder in der Person des Führers ( Personmacht ) gründen. Als ergän-
zende, weiter differenzierte Machtbasen wirken somit wie in Abb. 1.14 hervorgehoben
dargestellt (vgl. Yukl 2012 , S. 188 ff. und Weibler 2016 , S. 138 f.):
• Macht durch Situationsgestaltung
Beruht darauf, dass die Vorgesetzten die Gestaltung des Arbeitsumfeldes, ausgehend von
den delegierten Aufgaben über Prozessabläufe bis hin zur konkreten Arbeitsplatzausstat-
tung, steuern können. Über diese Gestaltungsparameter können Mitarbeiter motiviert bzw.
demotiviert und deren Verhalten beeinfl usst werden.
• Überzeugungsmacht
Stellt eine Differenzierung der bisherigen Expertenmacht dar und beruht auf der Notwen-
digkeit und Fähigkeit der Führungskraft, rational schlüssig und überzeugend argumentieren
zu können. Erfolgreicher Experteneinfl uss hängt somit auch von der Argumentationsfähig-
keit ab, da nur sehr wenige Führungskräfte einen derartigen Expertenstatus erreichen, dass
Positionsmacht
Personenmacht
Legitimation
Expertenmacht
Belohnungsmacht
Überzeugungsmacht
Bestrafungsmacht
Identifikationsmacht
Informationsmacht
Charismatische Macht
Situationsgestaltungsmacht
Abb. 1.14 Machtbasen . Quelle: Weibler ( 2016 , S. 139), leicht modifi ziert.
1 Führung – Erfolgsbeitrag und Legitimation
39
ihnen „blind“ vertraut wird, wie z. B. einem Arzt, der ein Medikament zur Einnahme ver-
schreibt, ohne die Wirkung detailliert erklären zu müssen.
• Charisma
Beruht darauf, dass einzelne Führungskräfte auf Basis ihres Auftretens, ihres Charakters
und ihrer Integrität als so außergewöhnlich und nachahmenswert wahrgenommen und
empfunden werden, dass sie Mitarbeiter darüber begeistern und beeinfl ussen können.
Abhängig davon, in welchem Ausmaß die Machtgrundlagen als tatsächlich verfügbar
durch die Mitarbeiter wahrgenommen werden und über welche Gegenmacht die Mitarbei-
ter verfügen, wirkt sich dies auf die „Unterwerfungsbereitschaft“ der Mitarbeiter aus (vgl.
Weibler 2016 , S. 136 ff.). Letztlich ergibt sich daraus die Bedeutung der Machtgrundlagen
für die Rezipienten (Mitarbeiter). Die Androhung auf Entlassung bleibt weitgehend wir-
kungslos, wenn der Arbeitnehmer bereits verbindlich eine andere Anstellung in einem an-
deren Unternehmen zugesagt bekommen hat (vgl. Neubauer und Rosemann 2006 , S. 53 f.).
1.4.4
Führungsethik
Eng verbunden mit den Legitimationsgrundlagen der Mitarbeiterführung ist die Frage
nach der „ guten und gerechten Führung “ (vgl. im Folgenden 2016 , S. 648 ff.) Berkel
2013 ; Göbel 2013 ; Lang 2014 , S. 313 ff.). Führung darf sich aus normativer Perspektive
nicht nur auf die effektive Verhaltensbeeinfl ussung von Mitarbeitern begrenzen, die dazu
dient, das Leistungsverhalten zu steigern und die Sachziele zu erreichen ( Erfolgsverant-
wortung des Vorgesetzten). Fast jedes menschliche Handeln hat Auswirkungen auf ande-
re Menschen und ist vor diesem Hintergrund in Bezug auf seine Folgen für andere zu
refl ektieren. Gerade der Einsatz von asymmetrischer Macht beinhaltet unweigerlich eine
ethische Dimension, da Machtausübung immer die Möglichkeit des Machtmissbrauchs
impliziert, d. h. Macht kann förderlich, aber auch sozial-destruktiv eingesetzt werden. Je
mehr Macht eine Führungskraft hat, umso größer ist ihre Verantwortung (Franken 2010 ,
S. 246), dysfunktionale Effekte des Führungshandelns für andere Menschen zu vermeiden
( Humanverantwortung des Vorgesetzten). Führung automatisch im Sinne eines Füh-
rungs-Harmonismus derart zu denken, dass nur ethische Führung erfolgreich sein kann
( „ light side of leadership “ ), ist unzutreffend. Im Führungsalltag gibt es sehr wohl auch
ein Auseinanderfallen von Führung und Ethik und trotzdem Führungseffektivität. So for-
derte Machiavelli in seinen Ratschlägen für Fürsten bewusst, dass erfolgreiche Führer
auch zu unethischen Handlungen bereit sein müssen (vgl. Machiavelli 2009 ). Druck,
Angst und Manipulation beeinfl ussen ebenso das Verhalten und können Führungserfolg
hervorbringen („ bad leadership “ oder „ dark side of leadership “ ) (vgl. Kellerman 2004 ,
S. 4 ff.). Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, dass für die Machtausübung im Rahmen
des Führungsprozesses sichergestellt werden muss, dass dies gut und fair, mithin ethisch
korrekt erfolgt. Es sind die Grenzen und Formen der Machtausübung zu defi nieren. Wer
1.4 Legitimation von Führung und Führungsautorität
40
aber legt für eine personalisierte, d. h. nicht auf die Rolle der Geführten oder die Gestal-
tung der Situationsparameter ausgerichteten, sondern an die Führung durch den Vorge-
setzten gebundene Führungsethik fest, was unter guter Führung zu verstehen ist und auf
welcher Argumentationsbasis lässt sich „die“ gute Führung letztbegründen? Hinzu kommt
das Problem, wie sichergestellt werden kann, dass als Ergebnis ethisch defi niertes Füh-
rungsverhalten tatsächlich umgesetzt wird.
Normative Führungsethik ist im Begründungsprozess als vernunftbasierte Meta-
Wissenschaft zu verstehen, deren Aufgabe es ist, zu defi nieren, was gutes oder schlechtes
Führungshandeln ist (vgl. Steinmann und Löhr 1991 , S. 7 ff.). Die aus diesen Überlegun-
gen abgeleiteten Handlungsregeln und -normen beschreiben dann konkret die Führungs-
moral : „So hat sich eine Führungskraft zu verhalten!“. Wenn diese Moralen durch die
Führungskraft akzeptiert und verinnerlicht werden, bildet dies das persönliche Führungs-
ethos als freiwillige, innere Verpfl ichtung zum Guten (vgl. Göbel 2013 , S. 23 ff.). Die
Problematik einer allgemeingültigen inhaltlichen Defi nition von Führungsethik besteht in
der Suche nach der metaethischen Letztbegründung (vgl. Abb. 1.15 und im Folgenden
Steinmann und Löhr 1991 , S. 54 ff.).
Eine auf der individuellen Gewissensethik des Einzelnen im Sinne des kategorischen
Imperativs nach Kant basierende Führungsethik kann nicht ausreichen, um ethisches
Führungshandeln zu begründen. Die Vorgabe „Handle stets so, dass die Maxime deines
Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte.“, ist
zu interpretationsoffen. So nutzt ein Vorgesetzter im Rahmen seines Führungshandelns
Handlungsmaxime
anderer Mensch
Einsatz von Führungsmitteln
Führungsziel
(situative Handlungsorientierung)
Persönliche
Handlungsmaxime
(situationsunabhängige
Handlungsorientierung)
Normen
(personenunabhängige Handlungsorientierung)
(zweckorientiertes Tun als Mittel)
Individuum
+
Gesellschaft
(„Universalisierung“)
Naturrecht
(ethische Normen sind in der
menschlichen Natur angelegt)
Dezisionismus
(Normen treten durch Entschei-
dung aus dem Nichts in die Welt)
Dialog
(Normen argumentativ
begründen)
Persönliche
Handlungsmaxime
anderer Mensch
Handeln
(mit subjektiver
Gewissensethik)
Problem des Münchhausen-Trilemma
Offenbarung
(Glaubensgewissheit,
Kardinaltugenden)
Abb. 1.15 Metaethisches Begründungsproblem einer Führungsethik . Quelle: Steinmann und Löhr
( 1991 , S. 57), modifi ziert.
1 Führung – Erfolgsbeitrag und Legitimation
41
individuell als geeignet und gut erscheinende Instrumente, um seine Führungsziele zu er-
reichen. Dabei agiert er auf der Grundlage seiner persönlichen, als stimmig und positiv
erachteten Handlungsmaxime , die situationsübergreifend gültig ist und seine individuel-
le Moral basierend auf seinem subjektiven Gewissen beschreibt. Er handelt nur so, wie er
es vor seinem Gewissen vertreten kann und wie es seiner individuellen Moral entspricht.
Die subjektive Gewissensethik bietet somit keine inhaltlichen Moralen, sondern defi niert
nur eine prozedurale Moral derart, dass die Führungskraft ihr Führungshandeln vor dem
eigenen Gewissen überprüfen soll, ob sie diese rechtfertigen kann: „Was du nicht willst,
dass man dir tut, das füg auch keinem anderen zu!“. Dabei wird schnell deutlich, dass
unterschiedliche Führungskräfte, ganz unterschiedliche individuelle Moralen haben und
sich wieder die Frage stellt, was nun gelten soll.
Notwendig ist somit eine vom Individuum unabhängige Vergesellschaftung, d. h. Uni-
versalisierung , der Begründung von ethischem Führungshandeln. Dabei lassen sich zur
Letztbegründung einer inhaltlich konkretisierten Führungsethik vier zentrale Argumenta-
tionswege heranziehen.
Der Naturalismus geht davon aus, dass ethische Fakten Teil der Natur sind und empi-
risch im Zuge naturwissenschaftlicher Forschungsbemühungen erfasst werden können.
Biologisch betrachtet ist z. B. das Kümmern um Kinder ein solcher Fakt (Verhaltenswei-
se). Nach dem anthropologischen Naturalismus z. B. wollen sich Menschen nicht nur re-
produzieren, sondern streben auch nach einer funktionierenden Gemeinschaft. Insofern
lässt sich ethisches Führungsverhalten aus der Natur ableiten – allerdings nur in einem
deskriptiven Sinne ohne normative Refl exion.
Der Dezisionismus beschreibt eine Denkweise, die Entscheidung und Aktion aus sich
selbst heraus (ohne normative Begründung) legitimiert (vgl. Brodocz 2002 , S. 281 ff.).
Damit ist eine Handlung per se gut, da sie existiert. Das öffnet allerdings Dogmatismus
und Diktatur den Weg. Nur weil etwas getan wird, ist es legitimiert – eine normative Letzt-
begründung ist nicht nötig. Das rechtfertigt jede Art von Handlung.
Auch ist eine Orientierung der Führungsethik an den vier Kardinaltugenden (Tapfer-
keit, Gerechtigkeit, Klugheit und Maß) nach Aristoteles, denen jeder Mensch nachstreben
sollte, um ein „gutes Leben“ zu führen, denkbar. Führung ist dann ethisch, wenn sie tapfer,
gerecht, klug und maßvoll durchgeführt wird (vgl. Weibler 2016 , S. 649 ff.). Allerdings
stellt sich hier sehr schnell die Frage, warum genau es diese vier Tugenden sein müssen.
Es gelingt nicht, einen Generalkatalog abschließender Tugenden zu begründen. Dieselbe
Frage stellt sich, falls die Führungsethik auf Basis einer göttlichen Offenbarung wie z. B.
der zehn Gebote im Christentum begründet wird. Angehörige anderer Religionen werden
sofort kritisieren, dass ihre Glaubensgewissheiten nicht entsprechend vollumfänglich be-
rücksichtigt sind und warum diese und nicht andere Gebote als Grundlage herangezogen
wurden.
Den bisher vorgestellten drei Begründungsversuchen ist gemein, dass sie am Münch-
hausen- Trilemma leiden, d. h. dass jeder Versuch des Beweises eines letzten Grundes
für die inhaltliche Führungsethik zu einem von drei möglichen Ergebnissen führt (vgl.
Albert 1991 ):
1.4 Legitimation von Führung und Führungsautorität
42
a) zu einem Zirkelschluss, (die Schlussfolgerung soll die Prämisse beweisen, benötigt
diese aber, um die Schlussfolgerung zu formulieren) oder
b) zu einem „infi niten Regress“ bzw. unendlichen Rückgriff (es fi ndet sich stets noch eine
weitere Begründung), oder
c) zum dogmatischen Abbruch des Verfahrens („Diese Handlung ist gut!“).
Um diese Begründungsproblematik zu lösen, bietet sich die intersubjektive, vernunftge-
leitete Dialogethik nach Apel und Habermas an, die eine metaphysische Bestimmung des
richtigen Handelns durch Gott oder die Natur etc. verneint (vgl. Apel 1988 ; Habermas
1991 ). Nicht nur in einem inneren, subjektiven Diskurs, sondern in einem herrschafts-
freien Dialog mit allen Beteiligten sind diejenigen Führungsverhaltensweisen zu bestim-
men, für die die „besten Gründe sprechen“. Hier wird ethisches Führungshandeln nicht
mehr nur einseitig durch den Führenden bestimmt. Führungsethik integriert den demo-
kratischen Horizont und bietet allen am Führungsprozess Beteiligten die Möglichkeit,
einen gemeinsam getragenen Ausgleich zwischen den unterschiedlichen führungsrelevan-
ten Zielen (Führende, Organisation und Mitarbeiter) zu schaffen. Damit die diskursive
Konsensethik greifen kann, sind bestimmte Voraussetzungen an den herrschaftsfreien
Dialog zu richten (vgl. Habermas 1991 ), so z. B.:
• Unvoreingenommenheit: alle wollen die kooperative Wahrheitssuche.
• Jeder Teilnehmer ist bereit, eine Festlegung auf alle anderen gleichartigen Fälle anzu-
wenden.
• Machtfreie Diskussion: Jeder darf seine Überzeugungen äußern.
• Bereitschaft, eigene Standpunkte zu hinterfragen und zu verändern.
• Jedes Thema darf eingebracht und angesprochen werden.
Damit wird allerdings auch deutlich, dass die dialogische Führungsethik als prozedurale
Ethik nicht in der Lage ist, eine für alle Organisationen gültige Führungsethik inhaltlich
zu defi nieren, sondern nur den Rahmen vorgibt, anhand derer eine solche entwickelt wer-
den kann.
Als eine erste Orientierung für eine inhaltliche Diskussionsbasis im Prozedere der kon-
senten Dialogethik können folgende Grundpositionen auf der Basis der Ethical Leadership
Scale (ELS-D) nach Rowold et al. ( 2009 , S. 62), dem United Nations Global Compact
(Deutsches Global Compact Netzwerk 2015 ) und den Vorschlägen nach Kuhn und Weib-
ler ( 2012 , S. 140 ff.) betrachtet werden:
Die Führungskraft…
• denkt an die Interessen der Mitarbeiter und sorgt für deren Lebens- und Arbeitsqualität.
• trifft faire und ausgewogene Entscheidungen.
• agiert integer, vertraulich und vertrauensfördernd.
• diskutiert Werte und ethische Sachverhalte mit den Mitarbeitern und bricht damit das
„moralische Schweigen“ in der Organisation. Sie hört auf das, was die Mitarbeiter zu
sagen haben.
1 Führung – Erfolgsbeitrag und Legitimation
43
• beurteilt Erfolge nicht nur nach dem Ergebnis, sondern auch danach wie sie erreicht
wurden und erkennt damit aktiv an, dass es Dilemmata-Situationen zwischen ökonomi-
scher Effi zienz und Führungsethik gibt.
• refl ektiert bei Entscheidungen die Folgen für alle Interessensgruppen und Beteiligten
und geht rücksichtsvoll vor.
• achtet die Würde des Menschen und unterstützt die Menschenrechte.
• sichert die Ausübung der Mitbestimmungsrechte der Geführten.
• wendet sich aktiv gegen jede Form von Korruption, Bestechung, Unterdrückung und
Mobbing.
• geht aktiv gegen die Verletzung ethischer Standards vor.
Ein weiterführender Aspekt führungsethischer Problemstellungen ist darin zu sehen, das
selbst nach ausreichend inhaltlicher Konkretisierung im Führungsalltag Situationen auftre-
ten, die Führungskräfte vor die Situation stellen, Führungsmoralen aus der Perspektive ei-
ner Pfl ichten- oder Verantwortungsethik zu refl ektieren und zu hinterfragen (Göbel 2013 ,
S. 30 ff.). Die deontologische Pfl ichtenethik bietet den Führenden durch klare Regeln für
bestimmte Situationen eine klare Orientierung, z. B. „Du darfst die Gesundheit deiner Mit-
arbeiter nicht gefährden.“ Diese sind immer einzuhalten und haben unbedingte Gültigkeit.
Aus der konkreten Führungssituation können keine Rechtfertigungen für die Handlung ge-
wonnen werden. Die teleologische Folgenethik ( Verantwortungsethik ) postuliert dagegen,
dass gut handelt, wer sein Verhalten an der jeweiligen Situation ausrichtet und die Folgen
des Handelns mit bedenkt. Grundlage für die ethische Bewertung einer Handlung ist das
Nützlichkeitsprinzip (utilitaristische Grundformel): „Diejenige Handlung ist im morali-
schen Sinne gut, deren Folgen für das Wohlergehen aller von der Handlung Betroffenen
optimal sind.“ Diese beiden ethischen Grundpositionen führen in Einzelfällen zu gänzlich
unterschiedlichen Handlungsweisen und stellen die Führungskräfte damit wieder vor ein
Dilemma. Als Beispiel kann hier die von Weibler ( 2012 , S. 660) angeführte Extremsituati-
on nach dem Unglück im Atomkraftwerk Tschernobyl genutzt werden. Einem gesinnungs-
ethischen Pfl ichtenethiker wäre es als Führungskraft nicht möglich gewesen, Mitarbeiter
als „Liquidatoren“ zur Beseitigung der radioaktiven Strahlung in die sichere Erkrankung
(Verstrahlung) zu schicken, da die Gesundheit der Mitarbeiter niemals gefährdet werden
darf. Auch nicht im Gegenwert zu dem Vorteil, eine schlimmere Katastrophe für viele wei-
tere Tausend Menschen zu verhindern. Der Verantwortungsethiker würde genau diese
Überlegung anstellen: „Wie viele Menschen kann ich vor existenzieller Gefährdung durch
die Inkaufnahme der Verstrahlung einiger Mitarbeiter bewahren?“.
Letztlich stellt sich nach den inhaltlichen ethischen Festlegungen die Frage, wie füh-
rungsethisches Handeln grundsätzlich zur Umsetzung gebracht werden kann, d. h. wie
kann sichergestellt werden, dass Führungskräfte ethische Verhaltensweisen befolgen.
In der harmonistisch geprägten Sicht der „light side of leadership“ gibt es hier kein
grundsätzliches Spannungsfeld, da erfolgreiche Führung nur eine ethische Führung sein
kann. Ohne freiwillig, nachhaltig leistungsbereite Mitarbeiter ist kein wirtschaftlicher Er-
folg begründbar, insofern kann nur über die Humanverantwortung die Erfolgsverantwor-
tung realisiert werden (vgl. Kuhn und Weibler 2012, S. 24 ff.). In diesem Verständnis ist
1.4 Legitimation von Führung und Führungsautorität
44
die ethische Qualität der Führung ein Erfolgsfaktor, der sich nachweislich und eindeutig
durch höhere Leistungsbeiträge der Mitarbeiter auszahlt.
Dies ist aber kein zwingender Weg. In der Betrachtung der „Dark side of leadership“
wird offensichtlich, dass auch unzufriedene Mitarbeiter leistungsbereite Mitarbeiter sein
können, wenn sie z. B. Angst um ihren Arbeitsplatz haben. Ethisch fragwürdige Führungs-
mittel sind aus machiavellistischer Perspektive gerechtfertigt, falls sie die bestmöglichen
Ergebnisse liefern. Moralische Personalführung wäre bei einer reinen Reduktion auf die
Erfolgsverantwortung somit nicht notwendig, da auch unzufriedene Mitarbeiter hohe
Leistung erbringen. Ursachen zur Erklärung schlechter, unethischer Führung können wie
in Abb. 1.16 dargestellt in der Person des Führenden (schlechte Charaktereigenschaften),
der Geführten (tolerieren oder fördern unethisches Führungsverhalten) und der Führungs-
situation (Stresssituationen, Ausmaß leistungsorientierter Führungskräftevergütung usw.)
liegen, die dann zu schlechten Führungszielen und schlechtem Führungshandeln führen.
Notwendig sind für die Führungspraxis offensichtlich stützende Rahmenbedingungen,
die die Umsetzung einer Führungsethik fördern. Neben der grundsätzlichen Proklamie-
rung ethischer Führung können z. B. folgende Maßnahmen eingesetzt werden (vgl. Bles-
sin und Wick 2014 , S. 426 ff.):
• setzen von Grundwerten (z. B. „ Code of Conduct “ oder „ Ethikleitfaden “) unter Mit-
wirkung der Mitarbeiter.
• striktes Einhalten und Durchsetzen des „Code of Conduct“ und gesetzlicher Vorgaben
kontrollieren und sanktionieren.
• Aufnahme der „ethischen“ Dimension in Kompetenzmodelle.
• Führungsethik als Kriterium bei der Mitarbeiterbeurteilung und Entlohnung.
• ethischer Situationsbezug bei Trainingsmaßnahmen.
• einsetzen einer innerbetrieblichen „Ethik“-Kommission und eines Ethikbeauftragten.
Schlechte
Führungsziele
Schlechtes
Führungsverhalten
Dimensionen des
Bad Leadership
Determinanten des Bad Leadership
(„toxic triangle“)
Schlechte Führende
Schlechte Situation
Schlechte Geführte
Abb. 1.16 Bezugsrahmen Bad Leadership . Quelle: Weibler ( 2016 , S. 641)
1 Führung – Erfolgsbeitrag und Legitimation
45
• verantwortliches Verhalten durch die Geschäftsführung vorleben, um damit „ethische
Vorbilder“ zu schaffen.
• Entwicklung einer „Geführten-Ethik“, die Verstöße aktiv einklagt („whistle-blowing“).
• Entwicklung einer „moralischen“ Unternehmenskultur als basale Prämisse auf der
Mesoebene.
1.4.5
Führungskompetenz und Kompetenzprofil
Der Führungsprozess, die Führungsaufgaben und die Führungsrolle sowie die Beach-
tung der Erfolgs- und Humanverantwortung stellen erhebliche Anforderungen an die
Führungskräfte und deren Kompetenzen. Vorgesetzte müssen über eine ausgeprägte
Beispiel
„Danfoss Ethik-Leitfaden: Ethische Richtlinien für Mitarbeiter und Führungs-
kräfte“ (Auszug)
Wer ist für die Einhaltung der ethischen Richtlinien verantwortlich?
Jeder, der für Danfoss arbeitet, muss nach unseren ethischen Richtlinien handeln.
Das gilt gleichermaßen für Mitarbeiter, Führungskräfte, Berater, Praktikanten und
Studierende. Falls Sie die Position eines Vorgesetzten haben, sind Sie insbesondere
dafür verantwortlich, dass Ihre Mitarbeiter die Richtlinien und Erwartungen von
Danfoss kennen und verstehen.
Diskriminierung
Danfoss respektiert kulturelle Unterschiede und achtet jeden Mitarbeiter. Wir to-
lerieren keine Diskriminierung am Arbeitsplatz und möchten sicherstellen, dass nie-
mand Opfer ungerechter Behandlung wird. Für die Entwicklung des Konzerns ist es
von Bedeutung, dass alle Mitarbeiter die Möglichkeit bekommen, ihr Potenzial zu
entfalten. Diskriminierung am Arbeitsplatz verhindert dies.
Zwangsarbeit und Arbeitsbedingungen
Danfoss toleriert keine Zwangsarbeit oder andere Formen unfreiwilliger Tätigkeit.
Wir respektieren das Recht des Arbeitnehmers auf ein gesundes Gleichgewicht zwi-
schen Arbeit und Freizeit und richten uns hierbei nach den Konventionen der ILO.
Korruption und Bestechung
Danfoss toleriert keine Korruption! Korruption ist jedweder Missbrauch einer
Position zum eigenen Vorteil oder dem von Danfoss. Das Gebiet umfasst u. a. Beste-
chung, Geldwäsche, Erpressung, Schutzgelder und Vetternwirtschaft (bevorzugte Be-
handlung von Verwandten oder Freunden). Unter Bestechung versteht man das
Gewähren oder den Erhalt eines Wertes (Angebot, Versprechen, Unterstützung, Ge-
schenke/Geld oder Darlehen) und daraus resultierende Vorteile, die nicht auf ehrli-
che und legale Art erworben werden können.
Quelle: Danfoss ( 2015 )
1.4 Legitimation von Führung und Führungsautorität
46
Führungskompetenz verfügen. Diese lässt sich übergeordnet auf Basis der Handlungs-
regulationstheorie defi nieren als die Fähigkeit eines Menschen, auf der Grundlage sub-
jektiv bewerteter offener Situationsanforderungen, eigener Fähigkeiten und Kenntnisse
sowie der vorherrschenden Kultur, alleine oder im Zusammenwirken mit anderen, ein
zweckmäßiges Handlungsmuster zum Erreichen von Handlungs- respektive Führungs-
zielen zu entwerfen, umzusetzen sowie zu kontrollieren. Führungskompetenz beinhaltet
Selbstorganisationsfähigkeit und Refl exionsbereitschaft (vgl. Schirmer 2006 , S. 62 f.).
Damit Führungskompetenz entstehen kann, sind konstituierende Teilkompetenzberei-
che bei den Führungskräften notwendig (vgl. Blessin und Wick 2014 , S. 259 ff.). Diese
können wiederum nicht allgemeingültig beschrieben werden, da Führung in unterschiedli-
chen Situationen, auf unterschiedlicher Hierarchieebene, in verschiedenen Branchenumfel-
dern und organisationalen Kontexten stattfi ndet. Je höher eine Führungskraft in der
Hierarchie z. B. tätig ist, desto weniger wichtig ist Fachkompetenz im Vergleich zur
General- Manage ment- Kompetenz (vgl. Lieber 2011 , S. 255 ff.). Zentrale Kompetenzen
lassen sich aber durchaus als Vorschlag defi nieren und in einem nominalskalierten, generi-
schen „one size fi ts all“-Kompetenzprofi l wie in Abb. 1.17 gezeigt, darstellen (vgl.
Oppermann- Weber 2004 , S. 33 ff.; Erpenbeck und Heyse 2007 ; Franken 2010 , S. 11; Wun-
derer 2011 , S. 23; Regnet 2014 , S. 29 ff.). Die Basis bilden dabei die vier klassischen Teil-
kompetenzen, welche durch die Aktivitäts- und Umsetzungskompetenz ergänzt werden.
Die Fachkompetenz wird in dem nachfolgenden Modell um die immer bedeutsamer wer-
dende Medienkompetenz erweitert und die persönliche Kompetenz um das Themenfeld
der individuellen Gesunderhaltung vervollständigt. Im Kontext einer zunehmenden Ar-
Sozialkompetenz
(Fähigkeit zum Umgang mit anderen
Menschen)
Persönliche Kompetenz
(Fähigkeit zur Selbstorganisation und
Gesundheitsverhalten)
Umsetzungskompetenz
(Fähigkeit zum Umsetzen von Aktivitäten)
Methodenkompetenz
(Fähigkeit zum systematischen
Planen und Vorgehen)
• Resilienzfähigkeit
• Intelligenz (Problemlösungsfähigkeit)
• Selbstmanagement und -führung
• Entscheidungskompetenz
• Gesundheitskompetenz
• Durchsetzungsvermögen
• Veränderungsfähigkeit
• Intrapreneurship
• Innovationsfähigkeit
• Risikobereitschaft
• Koordinationskompetenz
• Analysefähigkeit
• Strategische Planungskompetenz
• Ganzheitliches Denken
• Projektmanagementkompetenz
• Moderationskompetenz
• Unternehmerisches
Denken und Facilitating
• Führungsinstrumente be-
herrschen: delegieren,
loben usw.
Führungs-
kompetenz
Fachkompetenz
inkl. Medienkompetenz
(Fachliche Fähigkeiten, Kenntnisse
und Fertigkeiten)
• Fachwissen im Aufgabengebiet
• Branchenwissen
• Sprachkenntnisse
• Web2.0-, Digitalisierungs-, IT-Kompetenz
• Kommunikations- und Konfliktfähigkeit
• Teamfähigkeit
• Emotionale Intelligenz (Empathie)
• Diversitymanagement-Kompetenz
• Fähigkeit zu Vertrauen
Abb. 1.17 Kompetenzprofi l Führungskraft . Quelle: eigene Darstellung
1 Führung – Erfolgsbeitrag und Legitimation
47
beitsverdichtung und einer längeren Lebensarbeitszeit eine nicht mehr zu vernachlässigen-
de Kompetenz von Führungspersonen. Ein solches Kompetenzprofi l bietet zum einen eine
Systematik zur Einordnung für weitere Einzelkompetenzen sowie zum anderen eine Such-
und Analysesystematik für die Identifi kation noch fehlender Einzelkompetenzen.
Damit Führende kompetent agieren können, benötigen sie Fach-, Methoden-, Sozial-,
Umsetzungs- und Persönlichkeitskompetenz. Erst durch das Zusammenwirken dieser
Kom petenzdimensionen kann Führungskompetenz entstehen. Führung ohne fachliche
Expertise oder die Fähigkeit mit anderen sozial angemessen umzugehen, ist unter Effi zienz-
und Effektivitätsbetrachtungen ebenso wenig vorstellbar, wie planlose Führung oder Füh-
rung ohne ausreichenden Gestaltungswillen.
Führende müssen somit über das notwendige Fachwissen verfügen, wozu auch Sprach-
und IT- bzw. Social-Media-Kompetenzen und Kompetenzen im gesamten Digitalisierungs-
feld gehören. Um die planerischen Herausforderungen bewältigen zu können, sind im
Bereich der Methodenkompetenzen insbesondere Analysefähigkeit und strategische Pla-
nungskompetenz wichtig. Eine arbeitsteilige Organisation ist ohne die Fähigkeit, tragfähige
zwischenmenschliche Kontakte zu etablieren, nicht vorstellbar. Aus diesem Grund müssen
Führungskräfte im Rahmen der Sozialkompetenz fähig sein, mit anderen Organisations-
mitgliedern zu kommunizieren, sich auf diese einzulassen (Empathie) und heterogen be-
setzte Arbeitsgruppen zu leiten. Hierfür sind wiederum persönliche Kompetenzen
er forderlich. Arbeitsdruck und Ergebnisverantwortung erfordern eine hohe Belastbarkeit,
Intelligenz im Sinne fl uider Intelligenz als Problemlösungsfähigkeit und Selbstmanage-
mentkompetenz. Die notwendig zu treffenden Entscheidungen setzen ein hohes Maß an
Entscheidungskompetenz voraus. Zu den immer wichtiger werdenden Selbstkompetenzen
für Führungskräfte gehört auch die Fähigkeit, sich selbst gesund zu erhalten und somit auf
einen angemessenen Ausgleich von Belastung und Entspannung zu achten. Eine wesentli-
che Aufgabe von Führungskräften ist es zum einen, Prozesse und Strukturen zu gestalten,
und zum anderen, begonnene Projekte und Initiativen zu fi nalisieren. Aus diesem Grund ist
die Umsetzungskompetenz sehr wichtig.
Die auf den fünf Teilkompetenzen basierende Führungskompetenz fokussiert noch
zusätzliche Einzelkompetenzen. So müssen Führungskräfte u. a. unternehmerisch denken
und die einschlägigen Führungsinstrumente beherrschen. Im Kontext einer in diesem
Buch postulierten konsenten Diskursethik und den zunehmenden Demokratisierungsten-
denzen (Selbstorganisation, agile Führung, Scrum-Methodik usw.) sollten Führungskräfte
auch in der Lage sein, im Sinn eines Facilitators die Rahmenbedingungen zu schaffen und
die Mitarbeiter so zu befähigen, damit diese verstärkt selbstgesteuert und eigenverant-
wortlich agieren können.
1.5
Zusammenfassung
Personalführung , als ein Teilbereich der Unternehmensführung , versucht, das Arbeits-
verhalten der Mitarbeiter in einer ethisch legitimierten, dynamischen und wechselseitigen
Beziehung auf die Unternehmensziele und -werte hin zu beeinfl ussen.
1.5 Zusammenfassung
48
Dies erfolgt im direkten Kontakt mit den Mitarbeitern ( personale Führung ) und durch
die Steuerungswirkung organisationaler Rahmenbedingungen ( strukturale Führung ),
die als Führungssubstitute auf die direkte Führung einwirken und zum Teil bewusst ge-
staltet werden. „Erfolgssteigernde“, d. h. die personale Führung unterstützende, Elemente
der strukturalen Führung sind insbesondere eine entsprechend ausgestaltete Unterneh-
menskultur, ein zielgerichtetes Anreizsystem sowie eine förderliche und motivierende
Organisationsstruktur. Dabei ist personale Führung dynamisch und der asymmetrisch an-
gelegte Führungsprozess ist ein komplexes Wirkungsgefüge, an dessen Ende keinesfalls
immer ein erfolgreich durchgeführter Einfl ussversuch stehen muss. Denn auch die Mitar-
beiter verfolgen mit den ihnen zur Verfügung stehenden Machtressourcen eigene Ziele.
Die Vielzahl der Aufgaben, die von den Führungskräften zu erbringen sind, lassen sich auf
zwei Kerndimensionen konzentrieren: Wichtig für die erfolgreiche Führung ist, dass Vor-
gesetzte Ziele klar formulieren, ihre Mitarbeiter dafür motivieren ( Lokomotionsfunkti-
on ) sowie den Zusammenhalt zwischen den Mitarbeitern stärken ( Kohäsionsfunktion ).
Wie Vorgesetzte dabei vorgehen, hängt in hohem Maße von der Interpretation und Ausge-
staltung ihrer Führungsrolle ab. Die Führungsrolle gestaltet sich in verschiedenen orga-
nisationalen Kontexten sehr unterschiedlich, da sie letztlich die Gesamtheit der
Verhaltenserwartungen, die aus dem relevanten sozialen Umfeld an einen Positionsinha-
ber herangetragen werden, darstellt. Auf Basis der gelebten Führungsrolle gestaltet sich
dann auch die Führungsdyade , die Zweier-Beziehung zwischen Führer und Geführtem.
Deren Qualität wirkt wiederum erheblich auf den Ablauf und Erfolg des Führungsprozes-
ses ein. Dabei wird der Führungsprozess immer auch durch übergreifende Entwicklungen
auf gesamtgesellschaftlicher und wirtschaftspolitischer Ebene beeinfl usst. So sind Füh-
rungskräfte mit dem demografi schen Wandel , der Digitalisierung und der Globalisie-
rung konfrontiert und durch diese herausgefordert.
Der Führungsprozess trägt aus Unternehmensperspektive dazu bei, die ökonomischen
und sozialen Ziele zu erreichen. Im Zielsystem der Organisation werden die zu errei-
chenden Planvorgaben im Zuge der normativen, strategischen und taktisch-operativen Pla-
nung so weit konkretisiert, dass die Vorgesetzten damit die inhaltliche Ausrichtung des
Mitarbeiterverhaltens steuern können. So leiten sich die Ziele aus der Vision und der
Unternehmensstrategie ab und können z. B. mithilfe der BSC und einer systematischen
Zielkaskadierung im Rahmen des Management by objectives für die operative Füh-
rungsarbeit nutzbar gemacht werden.
Die Führung von Mitarbeitern ist ein interaktionaler Prozess , der permanent zu ge-
stalten ist. Um der unternehmerischen Verantwortung gerecht zu werden, können den
Führungskräften Vertretungsrechte wie Prokura und Handlungsvollmacht übertragen
wer den. Die arbeitsrechtliche Grundlage für die sozialen Einfl ussversuche bildet das Wei-
sungsrecht . Dieses reicht jedoch nicht aus, um den Erfolg von Mitarbeiterführung zu er-
klären. Ergänzend wirken die verfügbaren sozialen Machtgrundlagen darauf ein, ob
intendiertes Verhalten bei den Mitarbeitern ausgelöst werden kann. Damit es nicht zu ei-
nem Machtmissbrauch und einer Beeinträchtigung der Lebens- und Arbeitsqualität der
Arbeitnehmer kommt, muss Führung gut, d. h. ethisch legitimiert , erfolgen. Neben der
1 Führung – Erfolgsbeitrag und Legitimation
49
Erfolgsverantwortung müssen Vorgesetzte auch ihrer Humanverantwortung gerecht
werden. Wie gute Führung auszusehen hat, kann im Rahmen der herrschaftsfreien Dis-
kursethik unter Beteiligung aller in den Führungsprozess involvierten Parteien (Organi-
sation, Vorgesetzte und Mitarbeiter) ausgearbeitet werden. In der Zusammenführung
resultieren daraus für die Führungskräfte ein vielfältiges Aufgabenfeld und ein sehr an-
spruchsvolles Anforderungsprofi l , welches umfassende Fach-, Methoden-, Sozial-, Per-
sönlichkeits- und Umsetzungskompetenzen erfordert.
1.6
Kontrollaufgaben
Aufgabe 1.1 Erläutern Sie den Führungsbegriff im Kontext strukturaler Führung .
Aufgabe 1.2 Füllen Sie die Lücken im Text mit den entsprechenden Begriffen aus.
Aus ………….……… Perspektive stellt Unternehmenskultur eine gestaltbare Erfolgs-
variable dar und kann als Element der …………………… Führung eingesetzt werden.
Die Unternehmenskultur prägt durch die organisationsimmanenten ……………… und
…………………… das Verhalten der Mitarbeiter. Eine starke Unternehmenskultur liegt
vor, wenn diese ……………………………, ………………… und …………………. ist.
Aufgabe 1.3 Was ist unter den Kernfunktionen der Führung zu verstehen?
Aufgabe 1.4 Welche Zielsetzung steht beim funktionalistischen Rollenkonzept im
Vor dergrund?
Aufgabe 1.5 Beschreiben Sie, wie die Führungsbeziehung zwischen einem Vorgesetzten
und einem Mitarbeiter der In-Group geprägt ist.
Aufgabe 1.6 Nennen Sie drei zentrale Einfl ussfaktoren, mit denen Führende im Füh-
rungsprozess konfrontiert sind und die als moderne Führungsherausforderungen zu be-
trachten sind.
Aufgabe 1.7 Warum ist Organizational Citizenship Behaviour ein wichtiges Erfolgs-
kriterium in der Führung ?
Aufgabe 1.8 Was ist unter einer Zielkaskadierung zu verstehen und durch welche Füh-
rungstechnik wird diese realisiert?
Aufgabe 1.9 Markieren Sie, ob die folgenden Aussagen richtig oder falsch sind!
Das Weisungsrecht dient dem Vorgesetzten dazu, den operativen Arbeitsanfall in Be-
zug auf Zeit, Ort und Inhalt zu konkretisieren.
Richtig □ Falsch □
1.6 Kontrollaufgaben
50
Das Weisungsrecht steht unmittelbar dem Vorgesetzten zu.
Richtig □ Falsch □
Die negative Versetzungsklausel im Arbeitsvertrag regelt aus Sicht des Arbeitnehmers,
dass er nicht an einen anderen Arbeitsplatz versetzt werden darf.
Richtig □ Falsch □
Auf eine Änderungskündigung kann der Arbeitnehmer nur mit einer Ablehnung oder
einer Annahme reagieren.
Richtig □ Falsch □
Die Mitbestimmung des Betriebsrates bei Versetzungen ist im § 95 BetrVG geregelt.
Richtig □ Falsch □
Aufgabe 1.10 Ein Abteilungsleiter beschwert sich, dass seine Mitarbeiter nur bedingt
das tun, was er ihnen anordnet. Obwohl er mehrmals am Tag betont, dass er hier schließ-
lich der Chef sei und deswegen zu tun sei, was er sagt. Auf welche Machtgrundlage stützt
dieser Vorgesetzte vorrangig seine Führungsautorität? Welche alternativen Machtbasen
gibt es?
Aufgabe 1.11 Was ist im Kontext der Führungsethik unter „light side of leadership“ zu
verstehen?
Aufgabe 1.12 Geben Sie an, auch welche zentralen Kommunikationsregeln für eine er-
folgreiche Dialogethik zu achten ist.
Aufgabe 1.13 Wie kann die Umsetzung ethischer Verhaltensweisen durch die Vorgesetzten
im Führungsprozess unterstützt werden? Nennen Sie fünf Möglichkeiten.
Aufgabe 1.14 Erläutern Sie den Begriff Führungskompetenz .
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1 Führung – Erfolgsbeitrag und Legitimation
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© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2016
U. Schirmer, S. Woydt, Mitarbeiterführung, BA KOMPAKT,
DOI 10.1007/978-3-662-47915-5_2
2
Individualpsychologische Grundlagen der
Führung
Lernziele
Dieses Kapitel vermittelt
• was unter Persönlichkeit zu verstehen ist und wodurch Persönlichkeitsentwicklung
beeinflusst wird,
• welchen Einfluss die Persönlichkeit auf die Führungsbeziehung hat,
• was unter den Konstrukten Wahrnehmung, Attribution, Selbstkonzept und Menschen
bild zu verstehen ist und wie sich diese im Führungsprozess auswirken,
• wie Mitarbeitermotivation entsteht und von welchen Faktoren diese abhängt und
• welche Prozesse den erfolgreichen Abschluss eines Handlungsziels beeinflussen.
2.1
Führender und Geführter – zwei Individuen in der
Führungsdyade
Die Qualität der Führer-Geführten-Beziehung wird in hohem Maße durch die Persönlich
keit der daran beteiligten Individuen geprägt. Die Persönlichkeit eines Menschen wird
neben den genetisch bedingten Anlagen umfassend durch Sozialisation und Enkul
turation sowie Lebensphaseneffekte und Alternsprozesse geprägt. Die Persönlichkeit
bestimmt in der Führungsdyade dann die gegenseitige Wahrnehmung und die subjektiv
konstruierten Wirklichkeiten auf deren Basis sich im Zusammenspiel mit dem eigenen
Selbstkonzept das konkrete Verhalten und die Art der Interaktion in der Zweierbeziehung
entwickelt.
56
2.1.1
Persönlichkeit und Persönlichkeitsdimensionen
Die Persönlichkeitspsychologie befasst sich mit der Beschreibung und Erklärung inter-
und intraindividueller Unterschiede im Erleben und Verhalten von Menschen. Was dabei
genau unter Persönlichkeit zu verstehen ist und was eine solche ausmacht lässt sich nicht
pauschal definieren, sondern hängt von der zugrunde liegenden Theorieposition ab (vgl.
Salewski und Renner 2009, S. 14; Jung 2014, S. 5 f.). Neben psychoanalytischen, lerntheo
retischen, humanistischen, biologischen, interaktionistischen und konstruktivistischen
Ansätzen ist insbesondere der Eigenschaftsansatz der Persönlichkeit weit verbreitet, der
auch hier zugrunde gelegt wird (vgl. zu den verschiedenen Ansätzen die Übersicht bei
Weber und Rammsayer 2005, S. 51 ff.; Salewski und Renner 2009, S. 37 ff., Asendorpf und
Neyer 2012, S. 23 ff. und im Folgenden zum Eigenschaftsansatz Angleitner und Riemann
2005, S. 93). Persönlichkeit wird im Folgenden verstanden als die Gesamtheit von Eigen
schaften eines Menschen, die als zeitlich relativ stabile Verhaltensdispositionen ein fort
während gleichartiges Denken und Handeln in ähnlichen Situationen begründen (vgl.
Hossiep und Mühlhaus 2015, S. 26 f.). Jemand gilt somit als „uneigennützig“, wenn er be
obachtbar in vielen Situationen sein eigenes Wohl zugunsten anderer Menschen zurück
stellt. Dabei lässt sich die Eigenschaft „Uneigennützigkeit“ nicht direkt beobachten, son
dern nur aus dem gezeigten Verhalten erschließen (vgl. Asendorpf und Neyer 2012, S. 3).
Eigenschaften basieren auf genetisch bedingten biologischen Strukturen und Prozessen
(Gehirnaktivitäten, Geschlecht und damit verbundene hormonelle Prozesse usw.) und wer
den durch Umwelteinflüsse (Erziehung, Schulausbildung, Freundeskreis usw.) geformt.
Die relative Stabilität von Dispositionen, die sich auf mindestens mehrere Monate bezieht,
impliziert deren Veränderbarkeit im Laufe des Lebens (vgl. Asendorpf 2005, S. 15). Per
sönlichkeitseigenschaften können individuelle Erlebens- und Verhaltenstrends über ver
schiedene Situationen hinweg zusammenfassen, künftiges Erleben und Verhalten vorhersa
gen und interindividuelle Unterschiede in diesen Bereichen erklären. Jeder Mensch ist auf
Basis seiner Eigenschaften einzigartig und nimmt die Realität auf seine ganz persönliche
Art und Weise wahr. Diese Wahrnehmung und Interpretation der Umwelt steuert das Den
ken und Handeln des Individuums (vgl. Rammsayer 2005b, S. 61).
Eine wesentliche Herausforderung der eigenschaftsorientierten Persönlichkeitstheorie
ist die Suche nach einem einheitlichen Eigenschaftsmodell, um die Persönlichkeit ver
schiedener Personen vergleichen zu können. Es geht dabei um die Fragen wie viele und
welche Eigenschaften die Persönlichkeit von Menschen prägen. Auf der Basis kombinier
ter lexikalischer und faktoranalytischer Studien hat sich in den letzten Jahrzehnten ein Set
von fünf basalen Persönlichkeitseigenschaften als bewährt erwiesen, das als Fünf-Faktoren-
Modell (FFM) oder als „Big Five“ bekannt ist. Dabei begann die Erforschung dieser
Primärdimensionen bereits in den 1930er-Jahren (vgl. im Folgenden grundsätzlich Fehr
2006, S. 113 ff.). Die Amerikaner Allport und Odbert hatten 1936 im Denken der lexikali
schen Analyse mit ihren Arbeiten begonnen (vgl. Allport und Odbert 1936). Die Grundidee
dabei war, dass es für alle relevanten Aspekte persönlicher Unterschiede bzw. Eigenschaften
in der Sprache eines Kulturraums bezeichnende Wörter geben muss. Allport und Odbert
2 Individualpsychologische Grundlagen der Führung
57
hatten auf diesem Gedanken aufbauend eine Liste von 17.953 Adjektiven aus Webster’s
New International Dictionary für die englische Sprache erstellt und konnten daraus rund
4.500 Adjektive herausfiltern, die Persönlichkeitseigenschaften gut und abgrenzbar vonein
ander beschreiben. Der ebenfalls in diesem Bereich forschende Amerikaner Cattell reduzier
te diese Liste in den späten 1940er-Jahren mithilfe statistischer Verfahren auf zum Schluss
sechzehn grundlegende Persönlichkeitsfaktoren und entwickelte dazu einen Fragebogen,
den 16-PF-Test (16-personality factors), um diese zu messen (Cattell 1949). Durch Clus
teranalysen wurden diese Persönlichkeitsdimensionen in den Arbeiten von Costa und
McCrae weiter verdichtet und zu fünf robusten Faktoren als stabile Grunddimensionen der
Persönlichkeit zusammengeführt (vgl. McCrae und Costa 1987, S. 81 ff.). Damit werden
fünf Hauptdimensionen der Persönlichkeit postuliert, mit denen sich jeder Mensch einord
nen und beschreiben lässt: Neurotizismus, Extraversion, Offenheit für Erfahrungen, Verträg
lichkeit und Gewissenhaftigkeit (vgl. Abb. 2.1). Zur Messung formulierten McCrae und
Costa das Fünf-Faktoren-Inventar NEO-PI-R (Neuroticism, Extraversion, Openness-Per
sonality Inventory – revidierte Version) (Costa und McCrae 1992).
Die fünf Dimensionen der Persönlichkeit lassen sich wie folgt beschreiben (vgl. Muck
2004, S. 213 ff.; Fehr 2006, S. 113 ff.; Blessin und Wick 2014, S. 51):
• Neurotizismus beschreibt Unterschiede zwischen emotionaler Robustheit und Emp
findsamkeit. Personen mit hoher emotionaler Labilität (Neurotizismus) sind empfindlich
und ängstlich. Sie geraten leicht aus dem emotionalen Gleichgewicht, sind insgesamt
reizbarer und können sich weniger kontrollieren und neigen in Folge dazu zu unange
messenen Formen der Problembewältigung. Zudem sind sie bei Vorwürfen gegen ihre
Person verletzlich und haben Schwierigkeiten, auf Stresssituationen angemessen zu re
agieren. Der emotional Sensible erfährt Gefühle stärker und deutlicher als andere. Per
sonen mit niedrigen Neurotizismuswerten sind eher ruhig, zufrieden, stabil, entspannt
und sicher. Sie erleben seltener negative Gefühle.
Neurotizismus
Extraversion
Offenheit
Verträglichkeit
Gewissenhaftigkeit
• für Fantasie
• für Ästhetik
• für Gefühle
• für Handlungen
• für Ideen
• für Werte- und
Normsysteme
• Ängstlichkeit
• Reizbarkeit
• Depression
• Soziale
Befangenheit
• Impulsivität
• Verletzlichkeit
• Kompetenz
• Ordnungsliebe
• Pflichtbewusstsein
• Leistungsstreben
• Selbstdisziplin
• Besonnenheit
• Herzlichkeit
• Geselligkeit
• Durchsetzungs-
fähigkeit
• Aktivität
• Erlebnissuche
• Positive Emotionen
• Vertrauen
• Freimütigkeit
• Altruismus
• Entgegenkommen
• Bescheidenheit
• Gutherzigkeit
Abb. 2.1 Big Five-Persönlichkeitsdimensionen. Quelle: Weibler (2016, S. 102), auf Basis Ostendorf
und Angleitner (2004, S. 39 ff.)
2.1 Führender und Geführter – zwei Individuen in der Führungsdyade
58
• Extraversion beschreibt die Art des zwischenmenschlichen Verhaltens. Extravertierte
Menschen sind gesellig, freundlich, unternehmungsfreudig, heiter und aktiv. Sie fühlen
sich im Zusammensein mit anderen wohl. Hinzu kommt, dass solche Personen optimis
tisch, durchsetzungsfähig, selbstbewusst und dominant sind. Extraversion bezeichnet
grundsätzlich die Stärke der Tendenz der Zuwendung nach außen. Introvertierte Personen
sind dagegen im zwischenmenschlichen Bereich zurückhaltender, schüchtern und kön
nen sich gut alleine beschäftigen, da sie unabhängig von anderen sind.
• Offenheit für Erfahrungen erfasst die Eigenschaft, wie aufgeschlossen jemand für neue
Ideen, Anregungen, Erlebnisse und Sichtweisen ist. Offene Menschen sind fantasievoll,
kreativ und neugierig. Sie nehmen ihre Gefühlswelt deutlich wahr und sind eher bereit,
bestehende Normen kritisch zu hinterfragen und sind überhaupt unkonventionell in ih
ren Wertorientierungen. Personen mit einer geringen Tendenz zur Offenheit neigen zu
konventionellem Verhalten und besitzen eher traditionelle, konservative Einstellungen.
Sie ziehen Bekanntes und Bewährtes dem Neuen vor.
• Verträglichkeit bezeichnet die Eigenschaft, anderen Menschen kooperativ, hilfsbereit und
freundlich gegenüberzutreten, Konflikte zu vermeiden und sich anzupassen. Verträgliche
Menschen neigen dazu in Auseinandersetzungen nachzugeben und wirken auf andere ggf.
als wenig konsequent bzw. durchsetzungsstark. Der nachgiebig-anpassende Mensch neigt
in altruistischer Weise auch dazu, seine persönlichen Bedürfnisse denen des Gegenübers
oder der Gruppe unterzuordnen. Bei einer geringen Ausprägung der Verträglichkeit neigen
Menschen dazu, egozentrisch und misstrauisch gegenüber anderen aufzutreten. Sie sind
unfreundlich, grob, wenig empathisch und eher kompetitiv als kooperativ. „Unverträgliche“
beharren auf ihren Standpunkt und neigen dazu, grundsätzlich „gegen zu halten“.
• Gewissenhaftigkeit bezieht sich darauf, wie sehr sich jemand seinen Aufgaben und
Zielen verpflichtet fühlt. Solche Personen sind zielstrebig, willensstark, organisiert,
gründlich, beharrlich und ordentlich. Prinzipientreue, Leistungswille und Pflichtbe
wusstsein prägen weiter diese Eigenschaft. Personen mit einer niedrigen Gewissenhaf
tigkeit sind dagegen unorganisiert, sorglos, oberflächlich, unbeständig und weniger
verantwortungsvoll. Solche Menschen lassen sich eher ablenken, sind reizoffen und
weniger fokussiert.
Im Kontext der hierarchisch geprägten Mitarbeiterführung interessiert gerade auf Seiten
des Vorgesetzten, welche Persönlichkeitseigenschaften bzw. welche Kombination davon
für ein erfolgreiches Führen notwendig sind. Dies ist der zentrale Erkenntnisgegenstand
des Eigenschaftsansatzes der Führung, der auf Basis des aktuellen Forschungsstandes aber
nicht abschließend zu beantworten ist (vgl. hierzu Abschn. 5.2 des Buches).
Mit einer etwas anderen Akzentuierung, nämlich grundsätzliche, voneinander abgrenz
bare Persönlichkeitstypen von Führungskräften zu erkennen und zu klassifizieren, hat
sich der psychoanalytische Forschungszweig der Persönlichkeitstheorie dieser Frage zuge
wandt (vgl. im Folgenden Rybnikova 2014, S. 33 ff.). Der psychoanalytische Erklärungs
ansatz zur Persönlichkeit von Menschen geht vereinfacht ausgedrückt davon aus, dass
Denken und Handeln keineswegs das Ergebnis rationaler Prozesse sind, sondern stark durch
2 Individualpsychologische Grundlagen der Führung
59
„das Unbewusste“, d. h. durch Triebregungen, sowie durch frühe Kindheitserfahrungen in
der Elternfamilie, welche die Identitätsentwicklung prägen, beeinflusst sind (vgl. Rybnikova
2014, S. 34 ff.). Damit bleiben dem Menschen die Ursachen seines Verhaltens meist verbor
gen, obwohl sein Handeln keinesfalls ein Zufallsprodukt, sondern immer abhängig von den
unbewussten psychischen Prozessen ist (vgl. Rammsayer 2005a, S. 53.). Beispielhaft wird
hier das eine gewisse Popularität besitzende Konzept nach Maccoby dargestellt. Basierend
auf umfangreichen Befragungen von 250 Führungskräften differenzierte er vier Typen von
Managern mit unterschiedlichen Persönlichkeitsstrukturen, die auf Basis ihres Selbstver
ständnisses, ihrer Wertvorstellungen, ihrer Arbeitsorientierung und ihrer Identität unter
schiedliche Führungsverhaltensmuster aufzeigen (vgl. Maccoby 1977, Wildenmann 2000,
S. 50 ff. sowie zu weiteren Persönlichkeitstypologien Rybnikova 2014, S. 42 ff.):
• Fachmann: Hierbei handelt es sich um einen rational denkenden Menschen, der sich
um Qualität bemüht und objektiv-nüchtern agiert. Sein Selbstwertempfinden beruht auf
Fachkompetenz, Disziplin und Ordnung. Er führt ausgleichend, überlegt, kollegial,
aber wenig begeisternd und ehrgeizig. Er beurteilt seine Mitarbeiter ebenfalls nach
deren Fachkompetenz. Bei Fehlern seiner Mitarbeiter kann er unverhältnismäßig kri
tisch reagieren.
• Dschungelkämpfer: Dieser Typus strebt nach Macht, um seine Ziele und Bedürfnisse
durchzusetzen. Das Leben betrachtet er als Kampf, in dem man sich bewähren muss,
um zu vermeiden, von den Siegern vernichtet zu werden. Dieses negative Bild seiner
Umwelt führt dazu, dass er anderen Menschen gegenüber misstrauisch ist. Mit dem
sozialdarwinistischen Denken „der Beste setzt sich durch“ legitimiert er sein Handeln
und hat kein Verständnis für Unterlegene. Mitarbeiter instrumentalisiert er für seine
Zwecke und führt berechnend egozentrisch. In seiner Wahrnehmung gilt: wer nicht für
ihn ist, ist gegen ihn.
• Firmenmensch: Manager dieser Kategorie verstehen sich als Teil der Organisation
und wollen an deren Erfolg teilhaben. Sie beziehen ihren Selbstwert aus der Arbeit –
ohne ihr Unternehmen sind sie verloren. Dabei ziehen sie Sicherheit einem besonderen
Erfolg vor. Sie streben nach einem harmonischen Umfeld und einem positiven Arbeits
klima. In Konsequenz dazu sorgen sie sich um die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter.
Firmenmenschen führen integrierend, regelnd und achten auf operative Qualität. Inno
vationskraft und visionäre Ziele sind weniger von ihnen zu erwarten.
• Spielmacher: Spielmacher sehen das Leben als inspirierendes Spiel, den Wettbewerb
als Bereicherung. Der Hang zum Erfolg ist ein wesentlicher Antrieb, da der Spielmacher
seine Motivation aus Ruhm und Anerkennung schöpft. Misserfolg und Scheitern sind
die größten Sorgen. Solche Führungskräfte treiben ständig Prozesse und Veränderungen
voran, streben nach Neuem und sind in hohem Maße ergebnisorientierte „Macher“. Sie
sind aktiv und können andere Menschen begeistern, laufen aber Gefahr, Mitarbeiter zu
überfordern. Leistungsstarke Mitarbeiter werden honoriert, für schwächere, weniger
risikofreudige Mitarbeiter besteht aber wenig Verständnis.
2.1 Führender und Geführter – zwei Individuen in der Führungsdyade
60
In der Gesamtbetrachtung wird deutlich, dass die Qualität der Führungsdyade maßgeblich
durch die unterschiedlich ausgeprägten Persönlichkeiten der Beteiligten beeinflusst wird.
Die Persönlichkeiten der Führenden und der Geführten wirken im Führungsprozess kom
plementär aufeinander ein. Dabei sind Persönlichkeitsprofile von Menschen nicht immer
kompatibel, sondern können sich auch konträr gegenüberstehen bzw. bedingt gut mitein
ander harmonieren. Eine Führungsbeziehung, in der zwei extravertierte und wenig ver
trägliche Menschen in der Rolle des Führenden und Geführten aufeinander treffen, dürfte
zu ganz anderen interaktionellen Wahrnehmungen und Handlungskonsequenzen führen,
als wenn einer der beiden stärker verträglich und weniger extroavertiert geprägt ist. Per
sonalverantwortliche, die es mit emotional intelligenter Führung (vgl. Lieber 2011,
S. 92 ff.) empathisch verstehen, die Persönlichkeitsmerkmale ihrer Mitarbeiter zu erken
nen und für die Überzeugungsqualität ihrer Einflussversuche zu reflektieren, haben gute
Aussichten, intendiertes Verhalten auslösen zu können sowie die Kommunikation zu ver
bessern und zu einem positiven Betriebsklima beizutragen (vgl. Jung 2014, S. 8). Zum
gegenseitigen Verständnis der persönlichen Anlagen können bewährte dimensionale Per
sönlichkeitsinventare wie der 16-PF-Test oder das NEO-PI-R-Inventar helfen (vgl. Hossiep
und Mühlhaus 2015). Die in der betrieblichen Praxis weit verbreiteten Typenindikatoren
wie der DISG-Test (vgl. Gay 2012) oder der Myers-Briggs-Typenindikator (vgl. Myers
1998) leiden oftmals unter einer unzureichenden Qualität dahingehend, dass sie den
Gütekriterien der klassischen Testtheorie in Bezug auf Validität, Reliabilität und Objekti
vität nur unzureichend genügen (vgl. Kanning 2015, S. 122 sowie zu den Gütekriterien
Beauducel und Leue 2014, S. 65 ff.). Das Wissen über die Struktur und Wirkung von Per
sönlichkeit hilft Führungskräften auch, sich selbst zu reflektieren, zu verstehen und weiter
zuentwickeln. Auf der Basis eines zutreffenden Selbstbildes, können Verhaltensweisen
modifiziert, ergänzt oder vermieden werden.
2.1.2
Persönlichkeitsentwicklung durch Sozialisation und
Enkulturation
Die Persönlichkeit eines Menschen ist zum Zeitpunkt der Geburt nicht vollständig und
stabil ausgebildet. Die hier vorhandenen genetischen Anlagen (Genotyp) unterliegen ei
nem partiellen Entwicklungsprozess. Persönlichkeit lässt sich aus dieser Perspektive auch
als Gesamtheit der zur Entwicklung gelangten psychophysischen Anlagen eines Men
schen verstehen und stellt ein Konglomerat von Eigenschaften, basierend auf individuel
len Bedürfnissen, Wertvorstellungen, Emotionen, Motiven, Einstellungen usw. dar (vgl.
Wildenmann 2009, S. 113 f.). Die Ausformung der Persönlichkeit ist ein lebenslanger
Prozess, der ausdrücklich nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt abgeschlossen ist (vgl.
Jung 2014, S. 7). Gleichwohl gibt es unterschiedlich intensiv formende Lebensabschnitte.
In Bezug auf Persönlichkeitsentwicklung sind zwei Verläufe zu unterscheiden: durch
schnittliche Entwicklungen, die alterstypisch sind, und differenzielle Veränderungen,
die nicht alterstypisch sind und individuelle Besonderheiten darstellen (vgl. im Folgenden
2 Individualpsychologische Grundlagen der Führung
61
Asendorpf 2005, S. 15 ff.). In einem fokussierenden Sinn wird erst dann von Persön
lichkeitsentwicklung gesprochen, wenn diese differenzielle Veränderungen aufweist, wenn
jemand seine „eigene Persönlichkeit“ ausbildet. So nimmt in Bezug auf die Big Five bei der
Vielzahl der Menschen Neurotizismus mit zunehmenden Alter ab, während Gewissen
haftigkeit und Verträglichkeit zunehmen. Diese altersinduzierten Veränderungen sind somit
durchschnittliche Veränderungen aber keine Persönlichkeitsentwicklung im engeren Sinn.
Dabei erfolgen diese Veränderungen immer im Zusammenspiel von inneren Entwicklungs
prozessen und externen Einflüssen. Bleiben die Persönlichkeitsmerkmale (Eigenschaften)
bei den Mitgliedern einer Geburtskohorte langfristig gleich (absolute Stabilität) oder verän
dern sich bei allen Personen in gleichem Umfang (Rangordnungs-Stabilität) wird das
Merkmal als stabil bezeichnet. Eigenschaften, die sich bei verschiedenen Personen zwi
schen zwei Zeitpunkten unterschiedlich entwickeln, werden dagegen als unstabil bezei
chnet. Empirische Untersuchungen zeigen, dass die Stabilität von Persönlichkeitsmerk
malen bis zum 50. Lebensjahr diskontinuierlich anwächst und erst dort hohe Stabilitätswerte
aufweist (Roberts und DelVecchio 2000, S. 3 ff.). Dies ist insofern wichtig, da dies der
psychoanalytischen Hypothese widerspricht, dass Persönlichkeit maßgeblich bereits in der
frühen Kindheit determiniert wird.
Persönlichkeitsentwicklung als fortwährende Anpassung individueller Eigenschaften
an die relevanten Umweltbedingungen verläuft im Rahmen der Sozialisation und En
kulturation, die durch bewusste Erziehung unterstützt wird. Dabei ist hier nicht von ei
ner einseitigen, quasi-passiven Anpassungsleistung des Individuums an die Umwelt
auszugehen, sondern Persönlichkeitsentwicklung als dynamische Interaktion (transakti
onales Entwicklungsmodell) im Sinne eines wechselseitigen Beeinflussungsprozesses von
Person-Umwelt-Gegebenheiten zu verstehen (vgl. Schneewind 2005, S. 39; Hurrelmann
und Bauer 2015a, S. 144 ff.). Dies impliziert ausdrücklich die Möglichkeit, dass sich
Persönlichkeit nicht nur durchschnittlich sozial genormt entwickeln kann, sondern diffe
renziell und damit abweichend von gesellschaftlichen Erwartungen und Normen. Die
Einwirkung von ein- und demselben Umwelteinfluss führt keinesfalls bei allen Menschen
zu gleichen Reaktionen und Verhaltensweisen, sondern hängt sehr stark vom Set aktuell
ausgebildeter Eigenschaften im Kontext der individuellen Biografie ab. Führt das Ende
einer Partnerschaft z. B. bei einem Menschen zu Niedergeschlagenheit, Depression und
Rückzug aus der sozialen Welt, kann dies bei einem anderen Menschen genau das Ge
genteil derart bewirken, dass es zu einer extravertierten Teilnahme am sozialen Leben und
einer generellen Aktivierung des Organismus kommt, um den belastenden Gefühlszustand
der Einsamkeit zu überwinden. Durch solche Erlebenssituationen wird das Wissens- und
Handlungsrepertoire, mithin einzelne Persönlichkeitseigenschaften, bestätigt, revidiert
oder erweitert (vgl. Hurrelmann und Bauer 2015b, S. 11 ff.).
Jeder Mensch erwirbt im Laufe seines Lebens Basisfähigkeiten, die ihm das Überleben
in dem für ihn relevanten Kulturraum ermöglichen. Dazu gehören z. B. die Fähigkeit, ge
nießbares Essen zu erkennen, der Spracherwerb, das Mimik- und Gestikverständnis usw.
(vgl. Gudjons 2012, S. 188 f.). Dieser Prozess des Sozialwerdens im gesamtgesellschaftli
chen, kulturellen Kontext wird als Enkulturation bezeichnet (vgl. Abb. 2.2).
2.1 Führender und Geführter – zwei Individuen in der Führungsdyade
62
Ergänzend dazu erwirbt der Mensch spezifisch die Fähigkeit, sich in den sozialen Kontext
seiner Umwelt zu integrieren und daran teilzunehmen. Sozialisation umschreibt somit den in
die Enkulturation eingebetteten Prozess des Aufbaus von sozialbefähigenden Verhaltensdis
positionen und der Eingliederung eines Individuums in die Gesellschaft durch das Lernen der
gültigen Normen, Werte, Symbol- und Interpretationssysteme (vgl. Fend 1977, S. 18; Raithel
et al. 2009, S. 59 f. sowie im Folgenden grundsätzlich Gudjons 2012, S. 113 ff.; Hurrelmann
und Bauer 2015b, S. 16 ff.). Ziel ist die so genannte Vergesellschaftung, d. h. die Vermittlung
der zur Teilnahme am sozialen Leben notwendigen Werte und Normen. Erst dadurch wird der
Mensch „gesellschaftsfähig“. Die Sozialisierung erfolgt durch unbewusste und bewusste
Umweltimpulse und wird durch verschiedene Institutionen (Familie, Kindergarten, Schule,
Unternehmen usw.) getragen. Erziehung will u. a. diese Vergesellschaftung unterstützen und
stellt einen aktiven und bewussten Steuerungs- und Einflussprozess dar. Erziehung um
fasst die sozialen Handlungen, durch die Menschen das Gefüge der psychischen Disposi
tionen anderer Menschen dauerhaft zu verbessern oder dessen als wertvoll beurteilten
Komponenten zu erhalten versuchen (vgl. Brezinka 1990, S. 95). Erziehung ist also intentional,
geplant sowie normativ und kann als „bewusster, intentionaler Formungsprozess“ verstanden
werden. Die Herausforderung im Rahmen der Vergesellschaftung des Einzelnen liegt in
der Individuation, d. h. darin, den Einzelnen zu einem sozialen, aber auch eigenständigen
Individuum zu entwickeln. Es geht in der Sozialisation und Erziehung nicht nur darum, vorge
gebene Sozialnormen mechanisch und unkritisch zu übertragen. Ziel ist vielmehr, die
Entwicklung der Persönlichkeit im Kontext der dargebotenen Gesellschaftsnormen derart zu
unterstützen, dass diese auf Basis einer kritischen und selbstorganisierten Auseinandersetzung
des Menschen mit den Gesellschaftsnormen zu einem individuellen Werte- und Normensystem
transformiert wird (Selbstsozialisation). Dies lässt den Menschen zu einem mündigen, gesell
schaftlich handlungsfähigen Subjekt heranreifen.
Die Sozialisation lässt sich in verschiedene, typischerweise altersabhängige Phasen unter
teilen, die durch charakteristische Brüche bzw. Übergänge im Verlauf der Lebensentwicklung
gekennzeichnet sind und in denen unterschiedliche Inhalte vermittelt werden (vgl. Abb. 2.3).
Enkulturation (Erwerb kultureller Basisfähigkeiten – Essen, Hygiene usw.)
Sozialisation (Teil des sozialen Kontextes werden)
Erziehung („sozial machen“)
Individuation (soziales
Individuum werden)
Vergesell-
schaftung
Individuali
sierung
Abb. 2.2 Enkulturation und Sozialisierung. Quelle: Gudjons (2012, S. 188), leicht modifiziert
2 Individualpsychologische Grundlagen der Führung
63
Dabei entstehen wesentliche Wertvorstellungen eines Menschen während der so genannten
formativen (festlegenden) Phase und den dabei vorherrschenden externen Einflüssen. Hierzu
zählen auch die generationalen Einflusseffekte. Generation im soziologischen Sinne ist eine
Kohorte von Menschen, die Geburtsperiode und prägende Kollektivereignisse in Jugend und
Kindheit teilt. Dies begründet eine „gemeinsame Werteklammer“ der einzelnen Kohorten
mitglieder (Mannheim 1928, S. 157 ff.) und wird als Basis zur Differenzierung der verschiede
nen Generationen wie Babyboomer, Generation X, Y und Z genutzt. Die Kindheits- und
Jugendjahre bis zum jungen Erwachsenenalter werden somit als prägend für die Entwicklung
des Wertekanons angesehen. Gleichwohl können sich diese über die gesamte Lebensspanne
hinweg entwickeln und erreichen typischerweise als Teil der Persönlichkeitseigenschaften erst
mit dem 50. Lebensjahr eine weitreichende Stabilität.
Die Sozialisation selbst erfolgt dabei durch verschiedene gesellschaftliche Gruppen
wie Familie, Peergroups, Vereinsmitglieder usw., durch Institutionen wie Kindergrippe,
Kindergarten, Schule, Hochschule, Betriebe, Militär, Kirche sowie durch Medien. Dabei
kommt der Familie als zentrale Institution der primären und auch der sekundären Sozi
alisationsphase eine besondere Bedeutung zu.
Zusammengeführt ergibt sich daraus das nachfolgend in Abb. 2.4 dargestellte vereinfach
te Gesamtmodell der Sozialisation, das im Wechselspiel von persönlichen Anlagen und
Umwelteinflüssen final auch zur Ausbildung der Führenden- bzw. Geführten-Persönlich
keiten beiträgt. Es gilt, dass kein Mensch als Führungskraft geboren wird. Genetische Dispo
sitionen können einem Menschen durchaus einen dominanteren oder charismatischeren
Charakter verleihen, doch Führung wird vor allem in der Sozialisation erlernt. Soziale
Herkunft und das spätere, prägende Berufsleben sind dabei sehr wichtig (vgl. Enste et al.
2013, S. 24). Die hier entstehende Beziehungsorientierung versus Autonomieorientierung
Sozialisation als lebenslanger Prozess
Sekundäre
(formative)
Sozialisation
Quartäre
Sozialisation
Tertiäre
Sozialisation
0 - 1 Jahre
2 - 4 Jahre
5 - 12 Jahre
13 - 17 Jahre
18 - 67 Jahre
68 - 80
80 - ?
Säugling
Frühe Kindheit
Kindheit
Jugend
Erwachsen-
enalter
Junges Alter
Hohes Alter
Übergänge
Primäre
Sozialisation
basale Sprach-
und Handlungs-
fähigkeiten
Werte, Normen,
kulturelle und
soziale
Kompetenzen
berufsspezifische
Kompetenzen,
Werte und Normen
Anpassung der
Werte, Normen und
Kompetenzen
Inhalt
Biologischer
Status
Alter ca.
Phase
Eintritt in den
Kindergarten
Eintritt in die Schule
Geschlechtsreife, Schul-
entlassung, Berufsbildung
Eintritt Berufsleben, Grün-
dung Familie, Erziehung
Kinder, Auszug Kinder
Pensionierung/
Lebensabend
Einschränkungen
Abb. 2.3 Sozialisationsphasen und Übergänge. Quelle: eigene Darstellung
2.1 Führender und Geführter – zwei Individuen in der Führungsdyade
64
sowie Balanceorientierung versus Stimulanzorientierung prägen mit das spätere Verhalten in
der Führungsdyade und den Umgang von Vorgesetzten und Geführten miteinander (vgl.
Paschen und Dihsmaier 2014, S. 40 ff.).
2.1.3
Wahrnehmung und Attribution
Wahrnehmung als wichtiger Prozess im Rahmen der Sozialisation und Persönlichkeitsbildung
beschreibt den Vorgang, über den Menschen mittels Sinneseindrücken diejenigen Informa
tionen aus der Umwelt aufnehmen und einer weiteren Verarbeitung zuführen, die dem Aufbau
und der Entwicklung von Wissen, Werten und Normen als Basis des Verhaltens dienen (vgl.
hierzu und im Folgenden della Picca und Spisak 2013, S. 73 ff.). Im Führungsprozess bezeich
net soziale Wahrnehmung fokussiert den Prozess, mit dem Menschen die eigenen persönli
chen Merkmale sowie die Merkmale anderer Menschen erfassen, verstehen und interpretieren.
Die Wahrnehmung der Umwelt erfolgt über die Sinnesorgane Augen, Ohren, Nase,
Zunge und Haut. Welche Reize überhaupt wahrgenommen werden, hängt sowohl von der
Reizintensität als auch von der Wahrnehmungsschwelle (Aufmerksamkeitsgerichtetheit)
ab. Im Ergebnis nehmen Menschen keinesfalls alle Reize aus der Umwelt wahr, sondern
„erleben“ diese auf Basis einer selektiven Wahrnehmung. Sozialisierend wirken somit
reizintensive Eindrücke wie z. B. besondere Ereignisse, herausragende Führungspersön
lichkeiten, außergewöhnliche Verhaltensweisen von Mitmenschen usw., da sie eher wahr
genommen werden, wie weniger intensive Reize. Auch der Kontext, in dem sich Reize
dem Menschen darbieten, hat erheblichen Einfluss darauf, ob diese wahrgenommen wer
den. Ein autoritär argumentierendes Familienmitglied wird dann besonders wahrgenommen,
Führenden-Persönlichkeit
Geführten-Persönlichkeit
Kultursystem
Sozialsystem
Institutionen
Gruppen
Sozialisatoren
Sozialisand
Vergesellschaftung
Personalisation
Enkulturation
Sozialisierung
Produktive Verar-
beitung der Realität
Abb. 2.4 Vereinfachtes Gesamtmodell Sozialisation. Quelle: eigene Darstellung
2 Individualpsychologische Grundlagen der Führung
65
wenn alle anderen zurückhaltend und ausgleichend auftreten. Schafft dieses Familienmit
glied es, seine Meinung durchzusetzen, führt das über die Wahrnehmung zur Herausbildung
entsprechender Sozialnormen. Auch die Reizeindeutigkeit unterstützt die Wahrnehmung von
Umfeldsignalen. Wahrnehmung ist dabei kein objektiver, die Realität abbildender Prozess,
sondern er ist subjektiv konstruierend, da er einer Vielzahl von Verzerrungen und Einflüssen
unterliegt, den sogenannten Wahrnehmungs- und Urteilstendenzen. Letztendlich gilt gerade
im Umgang von Vorgesetzten und Mitarbeitern: Realität ist das, was im Kopf des Einzelnen als
solche konstruiert wird (vgl. Abb. 2.5 sowie Ansorge und Leder 2011; Goldstein 2015).
Bei der subjektiv wahrgenommen Wirklichkeit, wird ein Stimulus aus der realen
Welt (distaler Reiz), der eine physikalisch messbare Größe hat, über die Rezeptoren
bzw. Sinnesorgane aufgenommen. Daraus wird ein sensorisches Abbild der Realität
(proximaler Reiz) erzeugt. Dieses ist nicht mit der Realität gleich zu setzen, da die
Abbildung subjektiv erfolgt und auf Basis der Aufmerksamkeitsfokussierung und heu
ristischer Verarbeitungsprozesse bereits einer gewissen Informationsverzerrung unter
liegt. Der proximale Reiz ist somit ein auf dem distalen Reiz basierender Stimulus auf
dem jeweiligen Rezeptorpotenzial des aktivierten Sinnesorgans, z. B. der Netzhaut im
Auge. Der proximale Reiz wird dann abschließend zum so genannten Perzept verar
beitet. Das Perzept ist das Ergebnis des gesamten Wahrnehmungsprozesses im Gehirn.
Es ist ein aktiv konstruierter, „mentaler Eindruck“ der Wirklichkeit, welcher durch die
intrapsychischen Prozesse Bewerten von Reizen, Ab- und Vergleich mit vorhandenen
Erinnerungen, Assoziieren, Verallgemeinern usw. auf der Basis von Vorerfahrungen
und Persönlichkeitsmerkmalen geschaffen wird. Wahrnehmung spiegelt nicht die Natur
der physikalischen Welt wider, sondern ist das Ergebnis einer gefilterten Verarbeitung
der physikalischen Welt durch das kognitive System des Menschen.
In der zwischenmenschlichen, sozialen Wahrnehmung beeinflussen zudem typische
Wahrnehmungs- und Urteilstendenzen diesen Verarbeitungsprozess und beeinflus
sen die Urteilsbildung über andere Menschen. Hierzu zählen z. B. der Primacy-/
Recency-Effekt, der Halo-Effekt, der Sympathieeffekt, der Erwartungsfehler usw.
distaler („realer“)
Reiz
Verarbeitung
im Gehirn
Perzept: konstruiertes,
mentales Ergebnis
Auge,
Netzhaut
proximaler
(„sensorischer“) Reiz
Von der Realität zur subjektiven Wirklichkeit
Abb. 2.5 Beispielhafter Wahrnehmungsprozess. Quelle: eigene Darstellung auf Basis u. a. von Gold
stein 2015, S. 21 f
2.1 Führender und Geführter – zwei Individuen in der Führungsdyade
66
(vgl. zu Urteilstendenzen Bröckermann 2012, S. 188 ff.). Diese Urteilstendenzen füh
ren letztlich dazu, wie andere Menschen individuell wahrgenommen werden.
Hintergrundinformation
Urteilsbildung: Halo-Effekt als Korrelationstendenz
Ein Mitarbeiter bringt sich in allen Teambesprechungen, Versammlungen, Kundengesprä
chen und Abstimmungsrunden sehr intensiv ein und stellt seine Leistungen und seine
hohe Belastung zu jeder Gelegenheit aktiv dar. Dieses selbstbewusste und engagierte
Auftreten ist ein besonders auffälliges Merkmal an diesem Mitarbeiter, das die gesamte
Wahrnehmung des Vorgesetzten und damit dessen Gesamteindruck zu diesem Mitarbeiter
beeinflussen kann: „Wer so aktiv und engagiert ist, muss ein Macher sein, der viel be
wegt!“ Die Neigung, das Gesamturteil über einen Menschen besonders auffälligen
Merkmalen anzupassen, wird als Halo-Effekt bezeichnet. Ein besonders „hell strahlen
des“ Merkmal prägt den Gesamteindruck. Da es bei diesem Effekt zu einem unterstellten
Zusammenhang von zwei Merkmalen derart kommt, dass ausgehend von dem überstrah
lenden Merkmal auch ein anderes Persönlichkeitsmerkmal als gegeben unterstellt wird,
fällt der Halo-Effekt unter die so genannten Korrelationseffekte der Wahrnehmung. In
dem oben genannten Beispiel könnte die Realität auch derart aussehen, dass es sich hier
tatsächlich nicht um einen aktiven, leistungsstarken Mitarbeiter, sondern um einen um
gangssprachlich als „Blender“ bezeichneten Arbeitnehmer handelt. Damit werden u. a.
Mitarbeiter bezeichnet, die sich zwar wahrnehmbar in den Vordergrund spielen, tatsäch
lich aber nur eine geringe Leistungsbereitschaft haben und sich im täglichen Arbeits
vollzug eher bewusst zurückhalten.
Im Führungsprozess sind Vorgesetzte ständig gefordert, ihre Mitarbeiter zutreffend einzu
schätzen, d. h. zu beurteilen, um ihnen passende Aufgaben zu delegieren, sie leistungsge
recht zu entlohnen, mit ihnen notwendige Qualifzierungsmaßnahmen zu besprechen, sie
passend zu führen usw.
Dabei kommt noch erschwerend hinzu, dass Menschen die Tendenz haben, Verhalten, das
sie bei anderen Personen beobachten, zu begründen. Es wird automatisch versucht zu inter
pretieren, warum sich eine Person so verhält, wie sie sich verhält. Dieser Vorgang wird als
Attribution (Ursachenzuschreibung) bezeichnet (vgl. Heider 1958; Weiner 1976). Bei der
Begründung von Verhalten kommt es sehr häufig zu einem fundamentalen Attributionsfehler
derart, dass der Einfluss von Situationsfaktoren auf das Verhalten unterschätzt, dagegen der
Einfluss von Personfaktoren überschätzt wird (vgl. Zimbardo und Gerrig 2008, S. 638 ff.).
Auch Vorgesetzte und Mitarbeiter unterstellen sich oftmals eine bewusste Absicht für das je
weils beobachtbare Verhalten der anderen Partei, obwohl das gar nicht zutreffend sein muss
bzw. führen beobachtbares Verhalten schlichtweg auf falsche Ursachen zurück. Dies kann
dann wiederum zu Missverständnissen und Beeinträchtigungen in der gegenseitigen Bezie
hung führen. Attribution als Ursachenzuschreibung von Verhalten findet aber nicht nur nach
außen gewandt statt, sondern tritt auch als intrapsychischer Prozess auf. Menschen neigen
dazu, die Ursachen für Erfolge in sich selbst zu sehen (internale Kausalattribution), dagegen
Ursachen für Misserfolge auf außerhalb der eigenen Person liegende Ursachen zu schieben
2 Individualpsychologische Grundlagen der Führung
67
(externe Kausalattribution). Dieses Vorgehen stellt einen automatisierten Schutzme
chanismus zur Aufrechterhaltung des eigenen Selbstbildes dar, in dem individuelles Scheitern
durch nicht beeinflussbare Situationsfaktoren exkulpiert wird. Dagegen wird in der nach au
ßen gewandten Beurteilung erfolgreichen oder nicht erfolgreichen Verhaltens bei anderen
Menschen ein umgekehrter Attributionsmechanismus ausgelöst. Scheitern andere Menschen
oder haben Probleme, wird die Ursache dafür oftmals in der Person selbst gesehen: unzurei
chender Einsatz, fehlender Wille und Konsequenz sind dann unterstellte Ursachen. Erfolge
werden dagegen z. B. mit einem geringen Anforderungsniveau, der Unterstützung durch an
dere usw. erklärt. Insbesondere bei Zeitdruck und hohem Stress greifen Führungskräfte auf
einfache Standarderklärungen für erlebtes Verhalten bei ihren Mitarbeitern zurück und lei
ten daraus Führungsreaktionen ab (vgl. Blessin und Wick 2014, S. 176 f.). Ein einfaches
Kausalschema (vgl. Weiner 1976), mit dem u. a. Führungskräfte Ergebnisse von Mitarbeitern
bei delegierten Aufgaben beurteilen, sieht wie in Abb. 2.6 dargestellt aus. Arbeitsergebnisse
werden danach grundsätzlich entweder durch stabile bzw. variable personale oder situati
onale Einflussfaktoren erklärt. Kann ein Mitarbeiter eine Aufgabe nur unzureichend lösen,
kann dies beim Vorgesetzten dazu führen, dass dieser das Ergebnis mit unzureichendem
Einsatz und Leistungswillen des Mitarbeiters erklärt, was eventuell entsprechende Sanktions
maßnahmen auslösen könnte. Sympathiebeziehungen zwischen Führendem und Geführten
können diese gegenseitige Ursachenzuschreibung dahingehend beeinflussen, dass einem
sympathischen Gegenüber zugestanden wird, dass sein Scheitern eine Folge von nicht beein
flussbaren Situationsfaktoren ist. Im Kausalschema könnte dann eine Kausalattribution für
das Scheitern in Abhängigkeit der Aufgabenschwierigkeit erfolgen und nachteilige Führungs
konsequenzen würden unterbleiben (vgl. zu einem integrativen und weiterführenden Attribu
tionsmodell im Führungskontext Green und Mitchell 1979).
Die gegenseitige Wahrnehmung in der Führungsdyade beeinflusst die Beziehungs
qualität in deutlichem Maße. Dabei ist die Wahrnehmung und Urteilsfindung über den je
weils anderen Partner keinesfalls ein objektiver Prozess. Vielmehr werden Urteile über
andere Menschen u. a. durch eigene Erwartungen, eigene Wertvorstellungen, empfundene
Sympathien, Urteilstendenzen wie Korrelationseffekte, Kontrasteffekte usw., sowie durch
unzutreffende Verhaltenserklärungen (Attributionen) bestimmt. Diese Vorgänge müssen
sich beide Rollenpartner im Führungsprozess, Vorgesetzter und Mitarbeiter, bewusst ma
chen, um sich in ihren Urteilen über den jeweils anderen kritisch reflektieren zu können.
stabil
variabel
Fähigkeit
Anstrengung
Schwierigkeit
Zufall
internal
external
Abb. 2.6 Kausalschema zur Erklärung von Erfolg und Misserfolg. Quelle: Weiner (1976, S. 221),
leicht modifiziert
2.1 Führender und Geführter – zwei Individuen in der Führungsdyade
68
Dann ist ein valideres Erkennen des anderen, ein besseres Verstehen seiner Handlungen und
in letzter Konsequenz ein besseres Miteinander möglich. Dies wird einfach nachvollzieh
bar am oben dargestellten Kausalschema. Eine Führungskraft, die schlechte Leistungen ei
nes Mitarbeiters auf dessen fehlenden Einsatzwillen zurückführt, wird zu anderen Reaktionen
kommen, als wenn er dafür dessen noch nicht vorhandene Qualifikationen oder die außeror
dentliche Aufgabenschwierigkeit verantwortlich macht.
2.1.4
Selbstkonzept und Selbstvertrauen
Selbstbewusstsein bzw. Selbstaufmerksamkeit ist die Fähigkeit eines Menschen, sich selbst
mit seinen Empfindungen und Persönlichkeitseigenschaften wahrzunehmen und mit innerper
sönlichen Maßstäben und Werten abzugleichen, sich gleichsam selbst zu erkennen. Das aus
diesem inneren Denkprozess resultierende Selbstkonzept, synonym Identität, beinhaltet zum
einen das Wissen (kognitive Struktur) eines Menschen über sich selbst, also über seine aktuel
len Fähigkeiten, Eigenschaften, Verhaltensweisen und physischen Gegebenheiten (Real-
Selbst: wer man ist). Zum anderen ist es verbunden mit den individuellen Wunschvorstellungen
zur eigenen Identität (Ideal-Selbst: wie man sein möchte) (vgl. Salewski und Renner 2009,
S. 59 ff.; Aronson et al. 2014, S. 139 ff.). Das Selbstkonzept als subjektive Selbstdefinition stellt
als Ergebnis die Antwort auf die Frage dar: „Wer bin ich?“. Das Selbstkonzept basiert auf der
eigenen Persönlichkeit, geht aber darüber hinaus, da es nicht nur den Status quo an zeitstabilen
Verhaltensdispositionen repräsentiert, sondern auch eine selbstgeprägte normative Dimension
beinhaltet, die klärt, wie eine Person selbst sein möchte. Für die Genese des Selbstkonzepts ist
der Austausch mit der sozialen Umwelt notwendig. Rückmeldungen, spontane Reaktionen auf
eigene Ansichten und Handlungen etc. sind notwendige Impulse auf dem Weg zur Ausbildung
der eigenen Identität. Die eigene Identität entsteht als Zusammenspiel von Erwartungen des
sozialen Umfeldes und eigenen frühzeitig angelegten Verhaltensdispositionen, Bedürfnissen
und emotionalen Analgen (vgl. Weibler 2016, S. 159 ff.). Dabei ist das Selbstkonzept als Bild
des Menschen von sich selbst mehrdimensional und kann sich aus verschiedenen Teil-Iden
titäten in den unterschiedlichen sozialen Kontexten wie Familie, Beruf, Freizeit, Ehrenamt
usw. zusammensetzen.
Das Selbstkonzept beinhaltet in einem umfassenden Verständnis neben der Wahrneh
mung auch die Bewertung des Selbst (vgl. Herder 1976, S. 510). Die Selbstbewertung
kann sich dabei auf das Verhalten, die körperliche Erscheinung, die eigenen Fähigkeiten
und andere Persönlichkeitseigenschaften anhand internalisierter Standards (Ideal-Selbst)
oder sozialer Normen beziehen (von der Assen 2016, S. 92 f.). Passen Status quo der eige
nen Identität und normativer Anspruch zusammen und werden inhaltlich von der Person
akzeptiert, erlebt der Mensch ein positives Selbstwertgefühl (affektive Komponente): Er
liebt sich so, wie er ist.
Ein auf einem positiven Selbstkonzept (kognitive und affektive Dimension) aufbau
endes Selbstvertrauen beschreibt dann das Vertrauen in die eigene Person und in
die eigene Leistung. Ein Mensch mit hohem Selbstvertrauen begegnet Aufgaben und
2 Individualpsychologische Grundlagen der Führung
69
Herausforderungen relativ optimistisch, angstfrei, sorglos und unbekümmert. Dies hängt
mit seinem Selbstwirksamkeitsempfinden zusammen, d. h. seiner Überzeugung durch
eigenes Tun, Aufgaben und Probleme meistern zu können. Selbstvertrauen wird bereits
positiv in der Kindheit entwickelt, wenn Menschen erleben, dass Handlungen erwünsch
te Wirkungen hervorbringen und wenn sie dafür anerkannt und wertgeschätzt werden.
Gefühle der Minderwertigkeit und Unzulänglichkeit können dagegen die Folge eines
geringen Selbstwertgefühls sein und die eigene Performance im sozialen Alltag gefähr
den. Ein negativer Selbstwert kann durch Inkongruenzen zwischen Real- und Soll-Selbst
entstehen oder durch Umweltwahrnehmungen, die das eigene Selbstkonzept gefährden
(vgl. Rogers 2014). Glaubt eine Führungskraft von sich, dass sie ein analytischer „Zahlen
mensch“ sei, in einem Projekt aber auf einmal erfahren muss, dass die von ihr erarbeitete
Kalkulation voller Fehler ist, gefährdet dies die eigene Identität mit entsprechenden Folgen
für das Selbstwertgefühl und das Selbstvertrauen. Leiden Menschen unter einem negativen
Selbstkonzept nach dem Motto „ich mag mich nicht“ kann dies zu geringer Selbstachtung,
wenig Selbstvertrauen und geringem Selbstwirksamkeitsempfinden führen. Durch partiell
automatisiert verlaufende, intrapsychische kognitive Dissonanzprozesse (Festinger 1957)
werden in Form automatisierter Schutzmechanismen ursprünglich als unbedeutend be
wertete Persönlichkeitseigenschaften, die aber vorhanden sind, aufgewertet, dagegen sol
che normativen Eigenschaften, die ursprünglich als bedeutsam eingestuft, aber faktisch
nicht vorhanden sind, abgewertet. Das Selbstkonzept wird in seiner kognitiven Dimension
neu konstruiert, um in der Eigenwahrnehmung wieder ein positives Selbstwertgefühl zu
ermöglichen. Menschen benötigen für ihr Dasein eine akzeptierte Identität und somit ein
ausgeglichenes, selbstbezogenes kognitives und affektives System. Menschen mit einem
geringen Selbstwertgefühl neigen dann besonders dazu, ihr an sich schon schwach ausge
prägtes und fragil konstruiertes Selbstkonzept gegenüber gefährlich erscheinenden Um
weltimpulsen zu schützen. Die obige Führungskraft, die sich für ausgesprochen analytisch
hält, könnte dann inkongruente Fakten grundsätzlich verleugnen oder uminterpretieren,
bzw. verzerren. Bei der Verleugnung werden Sachverhalte und Erkenntnisse schlichtweg
ausgeblendet und als nicht existent betrachtet, während bei der Verzerrung Erfahrungen
derart interpretiert werden, dass sie wieder mit dem eigenen Selbstkonzept übereinstim
men (vgl. Salewski und Renner 2009, S. 60 f.). Das kann z. B. durch eine externe
Kausalattribution derart geschehen, dass die Kalkulationsfehler nicht passiert wären,
wenn alle Daten von Beginn an verfügbar und ausreichend Zeit für die Berechnungen
vorhanden gewesen wären. Für eine valide und gesundheitsförderliche Selbstaktualisie
rung und Weiterentwicklung der eigenen Identität ist es aber wichtig, dass auch inkongru
ente Wahrnehmungen reflektiert und in das Selbstkonzept integriert werden. Die hier
angesprochene Führungskraft käme dann eventuell zu folgendem Selbstkonzept: „Ich bin
ein guter Analytiker und Kalkulator – solange ich ausreichend Zeit dafür habe.“
Menschen streben nach einem intrapsychisch akzeptierten Selbstkonzept und einem
positiven Selbstwert. Das versuchen sie auch durch die Zugehörigkeit zu sozialen
Gruppen zu erreichen und nehmen damit eine Selbstkategorisierung vor (Tajfel und
Turner 1979). Akzeptierte und von einem Menschen als positiv erachtete Werte, Normen
2.1 Führender und Geführter – zwei Individuen in der Führungsdyade
70
und Ziele einer Gruppe sind dann für diese Person identitätsstiftend, d. h. die charakteris
tischen Merkmale dieser Gruppe treffen auf den zugehörigen Menschen zu (vgl. Wunderer
und Wittmann 1995, S. 22 ff.). Die Ziele, Normen und Perspektiven dieser Gruppe werden
zunehmend als die eigenen gesehen und sogar gegenüber anderen verteidigt (vgl. March
und Simon 1976, S. 63). Das eigene Sozialkollektiv wird zur „Ingroup“, andere Insti
tutionen zur „Outgroup“ (vgl. Franke und Felfe 2008, S. 36).
Das Selbstkonzept wirkt im Prozess der Mitarbeiterführung strukturierend, emotio
nalisierend und handlungsleitend. Als mentales Schema strukturiert es Informationen,
die Führende und Geführte im sozialen Miteinander des Arbeitsalltags wahrnehmen und
hilft, diese zum eigenen Selbstverständnis in Beziehung zu setzen. Es erleichtert damit die
Verortung der eigenen Identität in der Führungsbeziehung – „wo stehe ich als Person in
der Führungsdyade?“ Zum anderen beeinflusst das Selbstkonzept emotionale Reaktionen
in Abhängigkeit der Stimmigkeit der wahrgenommen Impulse sowie der grundsätzlichen
inneren Stimmigkeit des Selbstkonzepts. Passen z. B. gegenseitige Rückmeldungen und
Hinweise zum eigenen Selbstkonzept oder wird dieses dadurch in Frage gestellt? Die am
Führungsprozess Beteiligten können demzufolge ausgeglichen, beunruhigt, niedergeschla
gen, verweigernd oder aggressiv auftreten. Je nachdem, zu welchem Ergebnis die Bewer
tung identitätsrelevanter Impulse führt. Erhält ein Mitarbeiter nach einem schwierigen
Kundengespräch die Rückmeldung, dass er hier gut verhandelt hat und er hält sich selbst
für rhetorisch geschickt und eloquent, wirkt dies zufriedenheitsförderlich und stabilisie
rend. Zusätzlich übt das Selbstkonzept einen regulierenden Einfluss auf das Verhalten und
Handeln von Vorgesetzten und Mitarbeitern (Selbstkontrolle) aus (vgl. Aronson et al.
2014, S. 139 ff.). Sieht sich ein Mitarbeiter als beherrschten und rationalen Menschen,
wird er auch bei einer großen Enttäuschung im Arbeitsalltag keine emotionalen Reaktionen
wie Weinen oder Verzweiflung zeigen, sondern beherrscht reagieren.
Die Selbstkonzepte von Führenden und Geführten wirken sich somit auf individuelle
Verhaltensweisen in Führungssituationen aus und können zumindest partiell das Ver
halten der Partner im Führungsprozess erklären (vgl. Lührmann 2006). Erkennen, verste
hen und akzeptieren Vorgesetzter und Mitarbeiter gegenseitig ihre identitätsbasierten
Selbstkonzepte, können sie sich besser aufeinander einstellen. Kompatible Führer und Ge
führten-Identitäten ermöglichen dann den Einsatz von akzeptierten Führungsinstrumenten
und Machtbasen. Dabei ist davon auszugehen, dass Mitarbeiter und Führungskräfte mit
einem stimmigen Selbstkonzept und einem positiven Selbstwertgefühl wertschätzender
aufeinander zugehen und mit mehr Selbstvertrauen an bevorstehende Projekte herangehen.
2.2
Menschenbilder und Führung
Jeder Mensch besitzt mehr oder weniger bewusste Vorstellungen darüber, was und wie der
Mensch ist. Dabei werden das Verhalten von Personen untereinander und gerade auch das
Führungsverhalten von Vorgesetzten gegenüber Mitarbeitern durch solche Menschenbil
der beeinflusst. Menschenbilder lassen sich als Vorannahmen in der Mitarbeiterführung
2 Individualpsychologische Grundlagen der Führung
71
interpretieren und prägen als „subjektive Hinterkopftheorien“ die Sicht der Führenden
auf die Mitarbeiter und infolge dazu auch das Handeln von Führungskräften (vgl. Weibler
2016, S. 36).
2.2.1
Bedeutung von Menschenbildern in der Führung
Menschenbilder sind grundsätzliche und relativ dauerhafte Vorstellungen zum Wesen des
Menschen, seinen Bedürfnissen, Einstellungen und Verhaltensmustern (vgl. Franken
2010, S. 252 und im Folgenden Blickle 2004, S. 836 ff.; Hug 2013, S. 3 ff.). Es handelt sich
dabei um zusammengeführte Annahmen und Werthaltungen über die Natur des Men
schen, z. B. ob Menschen grundsätzlich ehrlich und arbeitsmotiviert sind, ob sie gerne
Verantwortung übernehmen und ob sie entwicklungsfähig oder genetisch determiniert
sind. Solche Vorstellungsmuster entwickeln sich beim Einzelnen unterhalb der Bewusst
seinsebene auf der Basis subjektiver Erfahrungen und Eindrücke einerseits und infolge
gesellschaftlicher Normen und Werte sowie technologischer und naturwissenschaftlicher
Fortschritte und Erkenntnisse andererseits, indem all diese Sachverhalte zu einem Konglo
merat an Grundannahmen über den Menschen zusammengeführt werden. Der Einfluss
externer Faktoren impliziert, dass Menschenbilder auch einem zeitlichen Wandel unterlie
gen (vgl. Hug 2013, S. 3 ff. sowie zu Menschenbildern im Wandel der Geschichte Lilge
1981, S. 14 ff.). Diese Vorstellungsmuster sind nur bedingt empirisch überprüfbar und ha
ben eher im Sinne einer „alltagspsychologischen Simplifizierung“ eine grundsätzliche
Orientierungsfunktion im täglichen Leben. Im unternehmerischen Kontext beschreiben
sie zudem Leitbilder für die Rolle von Menschen in Organisationen.
Gehen Führende beispielsweise von einem rational handelnden und nutzenmaxi
mierenden Menschen aus, werden sie versuchen, die Motivation der Mitarbeiter eher
durch rationale Argumentation und materielle Anreize zu beeinflussen. Ist das Men
schenbild in Organisationen hingegen moralisch-ideell geprägt, wird die Motivation
leichter über einschlägige emotionale Appelle zu beeinflussen sein. Entsprechend unter
schiedlich werden je nach Menschenbild auch die Anreizsysteme in Unternehmen aus
geprägt sein (vgl. Wunderer 2011, S. 121 f.). Bei einem vorwiegend rational geprägten
Menschenbild werden finanzielle Anreiz- und Bonussysteme eine größere Rolle spielen,
bei anderen, idealistischen Menschenbildern hingegen sind eventuell normative Gestal
tungsansätze zur Organisations- und Personalentwicklung wichtiger.
Führungskräfte sollten ihr eigenes Menschenbild kennen und kritisch reflektieren,
da sie zwangsläufig vor diesem Hintergrund ihre Mitarbeiter und deren Leistungen beur
teilen und ihr Handeln danach ausrichten. Beurteilen heißt hierbei interpretieren und be
werten von dem, was wahrgenommen wird (vgl. Wunderer 2011, S. 335). Die Wahrnehmung
wiederum ist durch das Menschenbild mit geprägt. Zwangsläufig werden so Mitarbeiter
anhand eines subjektiven „Schubladendenkens“ beurteilt. Sich das eigene Menschenbild
bewusst zu machen, ist ein erster Schritt zur Objektivierung und zur fairen, weil individu
ellen Behandlung von Mitarbeitern. In der Praxis ist das oftmals nicht so einfach, da viele
2.2 Menschenbilder und Führung
72
der einem Menschenbild zugrunde liegenden Annahmen dem Führenden überhaupt nicht
bewusst sind und die Bewusstseinszugänglichkeit nicht einfach gegeben bzw. herzustel
len ist. Offenheit und aktives Einholen von externem Feedback zu eigenen Ansichten und
zum Auftreten und Verhalten gegenüber anderen Personen, können helfen, die eigenen
subjektiven Annahmen über den Menschen zu reflektieren.
2.2.2
Unterschiedliche Menschenbilder in der Mitarbeiterführung
In der organisationswissenschaftlichen Forschung existiert eine Vielzahl von Menschen
bildern, die sich in Abhängigkeit der gesellschaftlichen Ansichten über das menschlichen
Wesen herausgebildet und im Zeitverlauf erheblich verändert haben (vgl. im Folgenden
Weibler 2016, S. 36 ff.; Hug 2013, S. 6 ff.).
Bereits mit dem Aufkommen der Marktwirtschaft wurde ein typisierendes Menschen
bild zugrunde gelegt, das für die Wirtschaftsordnung notwendig war. So beschrieb Adam
Smith (1723–1790) den Menschen als ein egoistisches, nach eigenem Vorteil strebendes
und in erster Linie an sich selbst denkendes Wesen: der nutzenmaximierende und rational
handelnde Homo oeconomicus.
Ein zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Zusammenhang mit der Industrialisierung und
dem Scientific Management nach Frederick Taylor (1856 – 1915) entstandenes Vorstel
lungsmuster ist das mechanistische Menschenbild, innerhalb dessen der Mensch mit
einer gut funktionierenden, klar vorgegebene Tätigkeiten abarbeitenden Maschine gleich
gesetzt wird. Zentrale Merkmale sind hier Reaktivität und Determinismus. Lediglich der
Existenzwille, der durch entsprechende Vergütungsanreize aktiviert und genutzt wird,
zählt. Soziale oder kulturelle Bedürfnisse des Menschen werden nicht thematisiert und
als zweitrangig angesehen. Ein derartiges Menschenbild ist aus moderner Werteperspek
tive als menschenverachtend einzustufen. In ähnliche Richtungen, wenn auch nicht so
extrem, gehen die Überlegungen Henri Fayol`s (1841 – 1925) zur Rolle des Mitarbeiters
in seinem Konzept der Unternehmensorganisation oder die in Max Weber´s (1864–1920)
Bürokratieansatz definierten „Amtsträger“.
Mit dem Aufkommen der humanistischen Psychologie und der Human-Relations-
Bewegung in Folge auch der in den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts durchgeführten
Hawthorne-Experimente änderten sich die Menschenbilder. Soziale Bedürfnisse wie
Kommunikation, Zugehörigkeit, Streben nach Anerkennung sowie das Bedürfnis nach
Selbstverwirklichung fanden Eingang in neuere Ansichten zum Wesen des Menschen,
ohne aber reaktive Grundstrukturen schon ganz zu überwinden.
In diesem Kontext hat Douglas McGregor (1906–1964) seine dualistische XY-Theorie
über den arbeitenden Menschen in Organisationen mit zwei sehr gegensätzlichen Men
schenbildern formuliert (vgl. McGregor 1960). Das Menschenbild X beschreibt eine tra
ditionelle Sicht im Sinne des Taylorismus, nach der der von Natur aus arbeitsunwillige
Mensch durch Lenkung und Sanktionen zur Arbeit angehalten werden muss:
2 Individualpsychologische Grundlagen der Führung
73
• Menschen haben eine Abneigung gegen Arbeit und sind arbeitsscheu.
• Mitarbeiter müssen deswegen meist gezwungen oder aber zumindest über Sanktionen
gelenkt und geführt werden, um Unternehmensziele zu erreichen.
• Menschen wollen sich „vor Verantwortung drücken“ und besitzen kaum Ehrgeiz, sie
sind vor allem auf Sicherheit aus.
McGregor, angeregt durch die motivationstheoretischen Ideen Maslow´s und die Human-
Relations Bewegung, stellte diesem Bild die Y-Theorie gegenüber und befürwortete ein
eigenverantwortliches Arbeiten in flachen Hierarchien, weil der Mensch vom Grundsatz
her leistungsbereit sei und nur den entsprechenden Rahmen brauche, um entsprechend
produktiv zu sein. Das Menschenbild Y wird durch folgende Annahmen charakterisiert:
• Körperliche oder geistige Verausgabung beim Arbeiten kann ebenso natürlich sein wie
beim Spielen oder Ausruhen.
• Menschen werden sich zugunsten von Zielen, denen sie sich verpflichtet fühlen, der
Selbstdisziplin und Selbstkontrolle unterwerfen.
• Menschen übernehmen und suchen unter geeigneten Bedingungen nach Verantwortung.
• Ein hoher Grad an Vorstellungskraft, Urteilsvermögen und Erfindungsreichtum zur Lö
sung organisatorischer Probleme ist weit verbreitet.
In der XY-Theorie wird auch das in Abhängigkeit des jeweiligen Menschenbildes fast
zwangsläufig resultierende Führungsverhalten aufgezeigt. Aufbauend auf dem Menschen
bild X und als Folge sich selbsterfüllender Prophezeiungen, d. h. Mitarbeiter werden
sich so verhalten, wie es der Vorgesetzte erwartet und unbewusst herbeiführt, wird sich
eine negative Führungsspirale in Gang setzen (vgl. Abb. 2.7). Führungskräfte, die von
bestätigt
führt zu
Führungskraft
Mitarbeiter
traditioneller Organisa-
tionsgestaltung:
hierarchisch-
autoritärer Führung
Menschenbild X
(als Ausgangspunkt)
Enttäuschung
in der
Arbeitssituation
Passivität,
Desinteresse
führt zu
führt zu
Abb. 2.7 Negative Führungsspirale im Menschenbild X. Quelle: eigene Darstellung
2.2 Menschenbilder und Führung
74
einem Menschenbild X ausgehen, erwarten, dass Mitarbeiter arbeitsscheu sind und eine
autoritäre Führung benötigen. Indem sich die Führungskräfte autoritär verhalten, verursa
chen sie bei Mitarbeitern zunächst eine Abwehrhaltung und damit letztlich ein arbeits
scheues Verhalten, was zu einer weiteren Verstärkung der ursprünglichen Ansichten und
Verhaltensmuster des Vorgesetzten führt.
Die XY-Theorie fordert in ihrem normativen Anspruch, dass sich Führungskräfte ih
res X-Menschenbildes bewusst werden und dieses durch die Y-Theorie ersetzen. Durch
eine partnerschaftliche Führung und eine wertschätzende Integration der Mitarbeiter in
die Organisation lässt sich dann analog eine positive Führungsspirale in Kraft setzen.
Die Bedeutung von selbsterfüllenden Prophezeiungen aufgrund zugrunde liegender
Menschenbilder, die ein dazu passendes Verhalten von Mitarbeitern geradezu produzie
ren, wurde intensiv untersucht und empirisch nachgewiesen (vgl. Blickle 2004, S. 838).
So liefert im Vergleich zu einer Kontrollgruppe ein überwiegender Teil (knapp 80 %)
derjenigen Personen höhere Leistungen, an die eine entsprechend hohe Erwartung kom
muniziert wurde. Auch heute ist die XY-Theorie ein gutes Modell, um sich Klarheit
darüber verschaffen zu können, welche Grundannahmen Führungskräfte, Mitarbeiter
oder Unternehmen über die Arbeitsmotivation des Menschen haben. (vgl. hierzu Blickle
2004, S. 837 f.).
Der Ansatz von McGregor mit dem dualistischen Grundmuster „gut -schlecht“ wurde
in der Typologie von Schein zu vier Menschenbildern weiterentwickelt (vgl. Schein 1980,
S. 77 ff.). Ergänzend definiert Schein im Sinne einer „wenn-dann“-Beziehung die Füh
rungskonsequenzen für das jeweilige Menschenbild. Die vier Grundtypen sind:
• der rational-ökonomische Mensch (durch Eigeninteressen motiviert)
• der Mensch als soziales Wesen (durch das Gemeinschaftsbedürfnis motiviert)
• der Mensch, der sich selbst verwirklicht (durch anspruchsvolle Aufgaben motiviert)
• der komplexe Mensch (durch alle drei Bedürfnisarten motiviert und anpassungsfähig)
Haben Führende das Bild des rational-ökonomischen Menschen verinnerlicht, der pri
mär durch ökonomische Anreize motiviert ist, sich in der Arbeit eher passiv verhält und
egoistisch geprägt ist, erfordert dies eine klassische, dirigistische Führung. Aufgaben sind
für diesen Mitarbeiter zu planen, an ihn zu delegieren und zu kontrollieren. Die Motivation
kann insbesondere über monetäre Anreize aktiviert werden. Gehen Führungskräfte von
einem sozialen Menschenbild aus, unterstellen sie, dass die Mitarbeiter sich über die Be
friedigung sozialer Bedürfnisse wie Kommunikation und Zugehörigkeit motivieren, dass
ihnen soziale Beziehungen und die Gemeinschaft in sozialen Gruppen bedeutsam sind.
Folgerichtig muss die Führungskraft sehr viel Wert auf einen kooperativen, mitarbeiterin
tegrierenden Führungsstil legen und für die Zufriedenstellung sozialer Bedürfnisse durch
Gemeinsamkeit sorgen (vgl. Bühner 2005, S. 259 ff.). Dominiert bei dem Vorgesetzten das
Bild des sich selbst aktualisierenden, d. h. des nach Selbstverwirklichung strebenden
Menschen, der sich eigenverantwortlich engagieren und Aufgaben voranbringen will,
2 Individualpsychologische Grundlagen der Führung
75
muss die Führungskraft Handlungsspielräume schaffen sowie ganzheitliche Aufgaben und
Entscheidungskompetenzen an den Mitarbeiter delegieren. Bildet der komplexe Mensch
die Grundlage der Anschauungen des Führenden über das Wesen des Menschen, unter
stellt er den Mitarbeitenden eine Flexibilität in Bezug auf relevante Arbeitsmotive, d. h.
diese unterliegen einer Wandlung. Menschen in dieser Sicht sind lernfähig, entwickeln
sich weiter und suchen neue Herausforderungen. Zudem beinhaltet der „complex man“
auch die drei anderen von Schein beschriebenen Menschenbilder des homo oeconomicus,
des sozialen und des sich selbst aktualisierenden Menschen. Der Vorgesetzte muss sich
somit flexibel auf den einzelnen Mitarbeiter einlassen, d. h. seine individuellen Bedürfnis
se erkennen und deren Wandel beachten, ihn entsprechend seiner Aufgaben und seines
jeweiligen Kompetenzstandes führen.
Der empirische Nachweis dieser Kategorisierung blieb zwar unbefriedigend, öffnet je
doch den Blick dafür, dass Menschen (Führungskräfte wie Mitarbeiter) unterschiedlich
sind und sich ihre Motivationsstruktur je nach Umfeld unterschiedlich entwickeln bzw.
verändern kann. Schein selbst sieht den Menschen als Arbeitnehmer in Organisationen
adäquat durch den „complex man“ beschrieben. „Der Mensch ist ein komplexeres Wesen,
als das Modell vom rationalökonomischen, sozial motivierten oder sich selbst verwirkli
chenden Menschen glauben machen möchte. Er ist nicht nur dank seiner vielfältigen
Bedürfnisse und Potenziale selbst komplexer, er unterscheidet sich hinsichtlich seiner
Komplexität von jedem Mitmenschen.“ (Schein 1980, S. 94).
Auch ein anderes Menschenbild, das „Unreife-Reife-Kontinuum“ nach Argyris (vgl.
Argyris 1957) geht von dem Menschen als ein sich entwickelndes und veränderndes Wesen
aus. So ist der Mensch ein vom Kind-Status zum Erwachsenen-Status nach Reife streben
des Individuum. Menschen verändern sich im Laufe des Entwicklungsprozesses hin zu
reifen Personen, z. B. von passiven zu aktiven, von abhängigen zu unabhängigen, von kurz
fristig planenden zu langperspektivisch denkenden Individuen. Mitarbeiter streben danach,
sich zu mündigen, eigenverantwortlichen und selbstreflexiven Persönlichkeiten zu ent
wickeln. Nach diesem Menschenbild können Führungskräfte mit reifen Persönlichkeiten
nicht in einem bürokratischen oder autokratischen Verständnis umgehen, sondern müssen
ebenfalls Handlungsfreiräume, Gestaltungsmöglichkeiten usw. zur Verfügung stellen und
den Entwicklungsprozess des einzelnen Mitarbeiters unterstützen.
2.3
Grundlagen der Motivation
Das Phänomen Motivation wird in der Führungslehre aus zwei Perspektiven betrachtet.
Zum einen aus der Sicht eines Zustandes (wir sind motiviert), zum anderen aus der Pers
pektive einer Handlung (wir motivieren jemanden). Psychologisch geht es in beiden Fällen
um das Motiv, den Verhaltensgrund. Motivationstheorien versuchen zu erklären, welche
Motive welche Art von Verhalten (z. B. Kooperation oder Widerstand) hervorbringen und
wie Motive aktiviert werden können. Weiß die Führungskraft um die zentralen Motive und
2.3 Grundlagen der Motivation
76
versteht sie die Prozesse zum Zustandekommen von Motivation, kann sie sich selbst und
andere besser verstehen und leichter zum gewünschten Verhalten anregen.
2.3.1
Motivation und Leistung
Ein zentrales Ziel des Führungsprozesses ist es, das Leistungsverhalten der Mitarbeiter
zu steigern. Dadurch lassen sich Team- oder Abteilungsziele besser, d. h. effektiver und
effizienter, erreichen (vgl. Weibler 2016, S. 169 f.). Die Leistung der Mitarbeiter -als
fehlerfreies Arbeitsquantum pro Zeiteinheit- wird in Abhängigkeit von der konkreten
Situation durch zwei wesentliche Faktoren bestimmt: durch Motivation und durch indi
viduelle Fähigkeiten und Fertigkeiten (vgl. hierzu Rosenstiel 2015, S. 38 ff. sowie
Abb. 2.8).
Nach diesem Modell ergeben sich zwei Möglichkeiten, die Leistung zu erhöhen. Ent
weder wird das Spektrum der Fähigkeiten und Fertigkeiten erweitert (Unterweisung,
Weiterbildung, Erfahrung, Schulung, etc.) oder aber die Motivation wird erhöht. Im
Idealfall natürlich beides. Führungskräfte können die Fähigkeiten und Fertigkeiten ihrer
Mitarbeiter oft nur mittel- bis langfristig beeinflussen (z. B. durch Schulungen und
Trainings). Um die Leistung (auch) kurzfristig zu erhöhen, muss somit an der Motivation
der Mitarbeiter angesetzt werden.
Neben den beiden Faktoren Motivation (Wollen) und Fähigkeiten bzw. Fertigkeiten
(Können) müssen weitere Aspekte berücksichtigt werden, welche die Leistung beeinflus
sen. So sind weiterhin folgende Faktoren wichtig:
Motivation
Fähigkeiten und
Fertigkeiten
A
B
Leitung als fehlerfreies
Arbeitsquantum
pro Zeiteinheit
C
Abb. 2.8 Leistung als Produkt von Motivation und Fähigkeiten. Quelle: In Anlehnung an Rosenstiel
(2015, S. 39)
2 Individualpsychologische Grundlagen der Führung
77
• soziales Dürfen (soziale Normen): Das soziale Umfeld wirkt oft restriktiv und sorgt
durch erwartete Sanktionsmechanismen dafür, dass die entsprechende Handlung aus
bleibt. Zum Beispiel können neuartige Lösungswege auf Ablehnung stoßen.
• situative Ermöglichung (Handlungsspielraum): Ein Ziel oder eine Handlungsmög
lichkeit ist durch die Situation eingeschränkt. Zum Beispiel können Maschinen und
Geräte defekt oder Unterlagen nicht (rechtzeitig) vorhanden sein.
Leistung ergibt sich somit als Funktion von Wollen, Können, Dürfen und Ermöglichung:
L = f (W, K, D, E).
2.3.2
Rahmenmodell der Motivation
Motivation beantwortet die Frage nach dem „Warum“ menschlichen Verhaltens, in dem es
Aufschluss über die Beweggründe sowie das Zustandekommen menschlichen Handelns
gibt (vgl. im Folgenden Rheinberg 2008; Heckhausen und Heckhausen 2010, S. 3 ff.;
Weibler 2016, S. 170 ff.; Rosenstiel 2015, S. 6 ff.). Motivation ist ein hypothetisches
Konstrukt und dient als intervenierende Variable zwischen situativen und personalen
Bedingungen einerseits und dem beobachtbarem Verhalten eines Menschen andererseits.
In seiner Gesamtheit erklärt Motivation die inhaltliche Ausrichtung, die Intensität und
die Zeitdauer von Handlungen.
Menschliches Verhalten resultiert grundsätzlich aus der Wechselbeziehung von Person
und Umwelt. Dabei werden, vereinfacht ausgedrückt, im Menschen befindliche Bedürf
nisse und Motive über ein Mangelerleben aufgeladen, durch Anreize abschließend akti
viert und bis zum Erreichen eines Ziels oder einer Handlungsfolge beibehalten (vgl.
Abb. 2.9). Bedürfnisse führen dabei als angeborene Dispositionen dazu, dass bestimmte
physiologische und psychologische Zustände als unangenehm und aversiv erlebt werden.
Bedürfnisse verkörpern eine Diskrepanz zwischen einem aktuellen Ist-Wert und einem
angestrebten Soll-Wert (vgl. Scheffer und Heckhausen 2010, S. 52). Motive stellen darauf
aufbauend latente Verhaltensdispositionen, also überdauernde Handlungsbereitschaften
(Präferenzen) eines Menschen dar, bestimmte Zielzustände zum Abbau der erlebten Dis
krepanzen zu erreichen. Bedürfnisse und Motive werden, solange sie noch nicht aktiviert
bzw. als nicht bewusstseinszugängliche Grundorientierung zu betrachten sind, als impli
zite Motive bezeichnet. Das universelle Bedürfnis nach Wirksamkeit ist dabei ein
Basiselement motivationaler Orientierungen, da der Mensch grundsätzlich danach strebt
durch effektives Handeln Wünschenswertes zu erreichen und Unerwünschtes zu vermei
den. Weitere wesentliche Bedürfnisse sind das Streben nach Einfluss (Machtmotiv) und
das Streben nach Zugehörigkeit (Anschlussmotiv). Im Homöostase-Prinzip bedürfnis
theoretischer Motivation besteht das Ziel innerlich motivierten, d. h. bedürfnisgestütz
ten Handelns darin, erneut ein organismisches Gleichgewicht herzustellen. Beispiele für
solche Beweggründe menschlichen Verhaltens sind z. B. Durst, Hunger, persönliche Interessen,
Verlangen nach Zugehörigkeit usw. Motive können dabei angeboren (z. B. Hunger, Durst)
2.3 Grundlagen der Motivation
78
oder erlernt bzw. kulturbezogen modifiziert (z. B. Wunsch nach Geld, „Durst auf Coca
Cola“) sein. Angeborene Motive werden auch als Instinkte oder Triebe bezeichnet und
zeichnen sich dadurch aus, dass Menschen von Geburt an das zweckhaft richtige tun, ohne
dies jemals erlernt zu haben. Angst oder der Wunsch nach Sexualität bzw. Fortpflanzung
sind hierfür Beispiele. Entsteht in einem Bedürfnisbereich ein Mangel, so wird das dazu
gehörige, momentan noch nicht aktualisierte Motiv als geeignete Verhaltensdisposition,
dieses Mangelgefühl beseitigen zu können, angeregt, d. h. es kommt zu einer so genannten
Aufladung. Erst wenn dabei eine bestimmte Intensität erreicht wird, wird dieses Motiv
bewusst und transformiert zu einem handlungsleitenden, teilaktivierten Motiv. Solche nun
expliziten Motive kann der Mensch auch in ihrer inhaltlichen Gerichtetheit beschreiben
und damit das Ziel des Handelns definieren. Kommt in diesem organismischen Zustand
des Mangelerlebens ein passender situativer Anreiz hinzu, d. h. ein Situationselement wie
ein Objekt, ein Ereignis, eine Person etc., das geeignet erscheint, den erlebten Mangel zu
beseitigen, kommt es zu einem darauf ausgerichteten Handlungsvollzug, zu einer moti
vierten, zielgerichteten Handlung. Der Anreiz beschreibt den situativen Anregungsgehalt
im Sinne einer motivspezifischen Befriedigungschance. Anreize haben Aufforderungs
charakter und können teilaktivierte Motive auslösen. Sie können aus anreiztheoretischer
Perspektive als situative Gegebenheiten getreu dem Erfahrungssatz „Gelegenheit macht
Diebe“ aber auch komplett latente Motive auslösen. Anreize können ihren Aufforderungs
charakter dabei einerseits aus der Handlung und dem direkten Handlungsergebnis selbst
beziehen, andererseits ihre „Antriebskraft“ aber auch aus einer Mittel-Zweck-Beziehung
derart schöpfen, dass der Handlungsvollzug Mittel zum Erreichen nachgelagerter Folgen
ist: jemand arbeitet, um Geld zu verdienen. Voraussetzung ist dabei, dass der Mensch da
von ausgeht, dass eine bestimmte Handlung in Verbindung mit dem Anreiz zur Be
dürfnisbefriedigung führt. Ist dies der Fall, wird die Handlung solange mit der notwendigen
Intensität durchgeführt, bis der gewünschte Zielzustand hergestellt und das Mangelerleben
beseitigt ist. Das aktivierte Motiv transformiert wieder in seinen latenten Status.
teil-
aktiviertes
Motiv
Motivation als
zielgerichtetes
Verhalten
Bedürfnis
Motiv als
latente Verhal-
tensdisposition
Bewusstseinsschwelle
Auslösung
von
Mangel-
erleben und
Aufladung
passender
Anreiz
intrinsisch = Zweckfreiheit
extrinsisch = Mittel-Zweck-Bezug
Trans-
formation
Handlungsvollzug
und -ergebnis
(intrinsisch)
Handlungsfolgen
(extrinsisch)
Abb. 2.9 Grundmodell der Motivation. Quelle: eigene Darstellung in Anlehnung an Heckhausen
und Heckhausen (2010, S. 5)
2 Individualpsychologische Grundlagen der Führung
79
Auf Basis dieses Schemas stellt sich nochmals die Frage, worin die Bedürfnisbefrie
digung liegt: in der Herstellung bestimmter Handlungsfolgen oder darin, einen Weg zu
beschreiten, d. h. eine Tätigkeit auszuführen? Je nachdem wird zwischen intrinsischer und
extrinsischer Motivation unterschieden (vgl. hierzu Comelli und Rosenstiel 2009, S. 11 f.).
• Intrinsische Motivation: Die Bedürfnisbefriedigung wird durch die Handlung selbst
erreicht. Die Motivation besteht also darin, eine Handlung bis zu deren Ende (direktes
Handlungsergebnis) vornehmen zu wollen. Ziele werden „lediglich“ definiert, um die
Handlungen daran auszurichten. Als Beispiele können viele höher qualifizierte
Tätigkeiten genannt werden, die (auch) aus Interesse an der Sache durchgeführt werden
(z. B. das freiwillige Schreiben eines Buches oder ehrenamtliche Tätigkeiten).
• Extrinsische Motivation: Hierbei liegt die Bedürfnisbefriedigung in der Erreichung
bestimmter Handlungsfolgen. Die Motivation besteht darin, ein bestimmtes Ergebnis
zu erzielen, um in Folge dazu dafür belohnt zu werden. Es besteht eine Mittel-Zweck-
Beziehung zwischen Handlung und nachgelagerter Bedürfnisbefriedigung. Ein Mensch
handelt, um etwas zu erhalten. Das Beispiel eines Akkordarbeiters, der seine Leistung
erbringt, weil er dafür einen Lohn bekommt, ist hier nachvollziehbar. Der Lohn moti
viert zur Arbeit, nicht die Arbeit an sich. Je besser die Arbeit, desto höher der Lohn.
Hintergrundinformation
Implizite und explizite Motive
Oftmals ist es Menschen gar nicht möglich, die wahren Beweggründe ihres Handelns
zu beschreiben, da diese nicht bewusstseinszugänglich sind. Es handelt sich dabei um
implizite Motive. Dies führt dazu, dass Personen oftmals aus anderen Gründen handeln
als sie selbst meinen. Explizite Motive können dagegen wahrgenommen und beschrie
ben werden. Sie sind Teil des Selbstkonzeptes eines Menschen und beantworten Fragen
wie „Was will ich?“ oder „Was ist mir wichtig?“. Implizite Motiv entstehen meist in
früher Kindheit durch emotionale Lernerfahrungen: der Mensch lernt unbewusst, was
zu positiven Gefühlen wie Freude und Stolz führt und was nicht. Zudem werden impli
zite Motive automatisch durch bestimmte situative Anreize angeregt. Das implizite Leis
tungsmotiv wirkt z. B. in allen Situationen, in denen ein „gut“ oder „schlecht“ der
eigenen Handlung objektiv bewertbar ist. Explizite Motive entstehen mit fortlaufendem
Sozialisationsprozess im Zuge der Herausbildung des eigenen Selbstkonzeptes und der
eigenen Persönlichkeit. Explizite Motive unterliegen der bewussten Verhaltenskontrolle
und stehen für rationale Absichten und die Bereitschaft, eine bestimmte Handlung aus
zuführen. So kann sich das explizite Leistungsmotiv etwa derart bei einer Person aus
prägen, dass diese danach strebt, im Handlungsfeld „Schach spielen“ zu den Besten zu
gehören. Implizite und explizite Motive sind zwei voneinander unabhängige Motivsys
teme, die ineinander greifen können, d. h. wie im Beispiel des Leistungsmotivs inhalt
lich gleich gerichtet sind, sich aber auch widersprechen können.
Quelle: Brunstein (2010), S. 237 ff.
2.3 Grundlagen der Motivation
80
2.3.3
Leistung und Arbeitszufriedenheit
Die Motivation von Mitarbeitern durch Führungskräfte hat i. d. R. das Ziel, die Leistung
der Mitarbeiter zu erhöhen. Dabei kann ein plausibler, intuitiv logischer Kausalzusam
menhang derart formuliert werden, dass zufriedene Mitarbeiter motivierter sind und da
mit mehr Leistung erbringen. Empirisch ist aber nicht eindeutig feststellbar, ob
Arbeitszufriedenheit die Leistungsbereitschaft und damit die Leistung tatsächlich erhöht
oder ob ein umgekehrter bzw. eventuell sogar überhaupt kein Zusammenhang zwischen
diesen psychologischen Konstrukten besteht.
Die beiden Phänomene Arbeitszufriedenheit und Motivation beschreiben grundsätzlich
unterschiedliche Sachverhalte, auch wenn sie häufig synonym genutzt werden. Arbeitszufrie
denheit entsteht aus einem kognitiven Bewertungsvorgang und einer affektiven Bewertung
derart, dass zu relevanten Aspekten der Arbeitswelt subjektive Erwartungen eines Arbeit
nehmers, z. B. an die Arbeitsaufgabe, die Arbeitsbedingungen, die Kollegen und Führungs
kräfte, mit den tatsächlichen Gegebenheiten abgeglichen werden. Arbeitszufriedenheit ist
somit die Differenz aus eigenem Anspruchsniveau und erlebter Bedürfnisbefriedigung
sowie subjektiver Bedeutsamkeit der Abweichung: Arbeitszufriedenheit = f (Soll-Ist-
Differenz) x subjektive Bedeutsamkeit (vgl. Locke 1976, S. 1306 sowie grundsätzlich
Weinert 2004, S. 265 ff.; Semmer und Meier 2014, S. 573 ff.). Arbeitszufriedenheit mün
det summarisch in eine Einstellung der Arbeit gegenüber. Motivation dagegen erklärt wie
unter 2.3.2 ausgeführt, wie zielgerichtetes Verhalten zustande kommt.
Zum Verhältnis von Arbeitszufriedenheit und motivationsbedingter Leistung lassen sich
im Kern fünf grundsätzliche Beziehungen im Kontext von Zusammenhang und Kausalität
darstellen (vgl. Judge et al. 2001; Weinert 2004, S. 265 ff.; Rosenstiel und Bögel 2014,
S. 187 ff. sowie Abb. 2.10):
• Je höher die Arbeitszufriedenheit ist, desto höher ist die Leistung: Dieser kausale Zu
sammenhang ist grundsätzlich nur mit schwachen bis maximal mittleren Korrelati
onen empirisch zu bestätigen.
• Je höher die Leistung ist, desto höher ist die erlebte Zufriedenheit. Diese ursächliche
Beziehung lässt sich gut im Alltagsleben beobachten. Jeder, der einmal eine aufwendige
Arbeitsaufgabe, z. B. Frühjahrsputz, erledigt hat, fühlt sich nach erfolgreicher Durch
führung zufrieden über das Erreichte. Aber auch hier sind keine starken Zusammenhänge
nachweisbar.
• Es besteht kein kausaler Zusammenhang zwischen Leistung und Arbeitszufriedenheit.
Positive Zusammenhangseffekte werden durch dritte, moderierende Variablen, wie in
teressante Aufgabenstellungen, verursacht.
• Es besteht grundsätzlich nur eine Scheinbeziehung zwischen Leistung und Zufriedenheit:
Dritte, intermediierende Variablen schaffen einen „vermeintlichen“ Zusammenhang. So
kann sich ein hohes Commitment von Mitarbeitern auf beide Konstrukte auswirken, die
sich damit in vermeintlicher Abhängigkeit verändern.
• Es besteht kein Zusammenhang zwischen Leistung und Zufriedenheit: Beide Kon
strukte sind unabhängig voneinander.
2 Individualpsychologische Grundlagen der Führung
81
Gleichwohl sollte aus der Erkenntnis, dass faktisch Arbeitszufriedenheit bei weitem nicht
die Bedeutung für motivationsbedingte Leistung hat wie laienhaft oftmals unterstellt, der
Schluss gezogen werden, Arbeitszufriedenheit sei im Führungsprozess zu vernachlässi
gen. Arbeitszufriedenheit wirkt sich neben dem schwachen Zusammenhang zur Leistung
noch auf weitere relevante Variablen aus. So sind Zusammenhänge zum Commitment,
d. h. der Verbundenheit von Mitarbeitern zum Unternehmen, sowie z. B. zum psychischen
Wohlbefinden (z. B. Erschöpfung und Burnout) und zur Gesundheit belegbar (vgl. Bie
mann und Weckmüller 2013, S. 48 f.). Arbeitszufriedenheit kann in der Führungsdyade
durch Vorgesetzte insbesondere über zwei Dimensionen positiv beeinflusst werden (vgl.
Biemann und Weckmüller 2013, S. 48 f.):
• Sinnhaftigkeit und Wertschätzung der übertragenen Aufgabe: Hier kommt es dar
auf an, dass den Mitarbeitern bedeutsame, ganzheitliche Aufgaben übertragen werden,
die vielfältige Fähigkeiten bei den Mitarbeitern abrufen, und die selbstständig bearbei
tet werden können und dürfen. Zudem sollten die Aufgaben auch intrinsischen Anreiz
charakter haben.
• Unterstützung bei der Aufgabenerfüllung: Hier kommt der Unterstützung durch die
Führenden eine erheblich höhere Bedeutung zu, als der Hilfe durch Kollegen. Im weite
ren Sinne gehören zur Unterstützung auch perspektivische Themenfelder wie Weiterbil
dung und Karriereplanungen.
Arbeitszufriedenheit
Arbeitsleistung
Arbeitszufriedenheit
Arbeitsleistung
Arbeitszufriedenheit
Arbeitsleistung
Intermediierende Variable: Commitment…
Arbeitszufriedenheit
Arbeitsleistung
Moderatorvariable: Bezahlung, Werte…
Arbeitszufriedenheit
Arbeitsleistung
Scheinbeziehung
Abb. 2.10 Zusammenhang von Arbeitszufriedenheit und Leistung. Quelle: eigene Darstellung in
Anlehnung an Biemann und Weckmüller (2013, S. 47)
2.3 Grundlagen der Motivation
82
2.4
Inhaltsanalytische Aspekte der Motivation
Inhaltstheorien der Motivation versuchen zu erklären, welche Motive und Bedürfnisse Men
schen motivieren (personenbezogene Komponente) und welche Anreize zur Aktivierung der
Motive geeignet sind (situationsbezogene Komponente). Es werden als Ergebnis Aussagen
zur inhaltlichen Gerichtetheit der Motivationsvariablen getroffen.
2.4.1
Theorie der Bedürfnishierarchie nach Maslow
Abraham Maslow gilt als ein Gründervater der humanistischen Psychologie, deren Men
schenbild in Abgrenzung zu psychoanalytischen Determinierungen davon ausgeht, dass
der Mensch zwar biologisch vorbestimmt ist, aber über eine Vielzahl von Anlagen und
Entfaltungsmöglichkeiten verfügt, die er individuell als sich selbst verwirklichende
Persönlichkeit kreativ nutzen und gestalten kann (vgl. Scheffer und Heckhausen 2010,
S. 57 ff.). Die Bedürfnistheorie nach Maslow befasst sich mit der Frage, welche Inhalts-
Klassen von Person-Umwelt-Bezügen es im Menschen gibt, die sich im Prozess der
Persönlichkeitsentwicklung durch unterscheidbare, spezifische Anregungsmuster (Anreize)
aktivieren lassen (vgl. Maslow 1954).
Maslow definierte ganze Bedürfnisgruppen, die nicht gleichberechtigt nebenein
ander stehen, sondern in einer hierarchischen Abfolge im Prozess der Persönlich
keitsentwicklung angeordnet sind (vgl. Abb. 2.11).
Physiologische Bedürfnisse
Sicherheitsbedürfnisse
Soziale Bedürfnisse
Wachstums-
bedürfnisse
Defizit-
bedürfnisse
Selbst-
verwirk-
lichung
Wertschätzungs-
bedürfnisse
z.B. Liebe, Zugehörigkeit zu Familie, Freunden etc.
z.B. individuelle
Lebensziele
z.B. Schutz, Vorsorge, Ordnung
z.B. Anerkennung, Lob
z.B. Hunger, Durst, Sexualität, Schlaf
Abb. 2.11 Bedürfnishierarchie nach Maslow. Quelle: in Anlehnung an Weibler 2016, S. 176
2 Individualpsychologische Grundlagen der Führung
83
In der Bedürfnishierarchie besteht ein Prinzip der relativen Vorrangigkeit, d. h. das
zuerst immer die Bedürfnisse einer niederen Rangordnung befriedigt sein müssen, bevor
ein höheres Bedürfnis aktiviert werden kann und das Handeln bestimmt. Der Drang nach
Selbstverwirklichung kann somit erst handlungsleitend werden, wenn alle anderen Be
dürfniskategorien befriedigt sind. Zudem unterscheidet Maslow sog. Defizitmotive (die
unteren vier Ebenen in Abb. 2.11), bei denen ein homöostatischer Mangelzustand beseitigt
werden soll und Wachstumsmotive (die oberste Ebene), bei denen nach Selbstver
wirklichung gestrebt wird, was niemals abschließend befriedigt werden kann. Es geht hier
vielmehr darum, alle Potenziale, über die ein Mensch verfügt, zu aktualisieren und zu
entfalten.
An der Bedürfnishierarchie wird kritisiert, dass Maslow lediglich unsystematische kli
nische Erfahrungen für seine Studien verwendet habe (vgl. Rosenstiel 2014, S. 164).
Außerdem wird das Modell oft dahingehend fehlinterpretiert, dass auf höheren Entwick
lungsstufen die niedrigeren Bedürfnisse nicht mehr relevant seien (vgl. hierzu Wunderer
2011, S. 113). Tatsächlich ist Maslow`s Modell jedoch komplexer und kann nicht allein
auf die Pyramidendarstellung reduziert werden. Abb. 2.12 gibt eine Auffassung wieder,
die die Intensität der einzelnen Bedürfnisse an den entwicklungspsychologischen Verlauf
des Menschen koppelt: im Säuglingsalter sind existenzielle, physiologische Bedürfnisse
zentral. Im Kleinkindalter entwickelt sich Vertrauen und ein Sicherheitsgefühl, das durch
den Drang nach sozialen Beziehungen und Selbstachtung ergänzt wird. Im jungen Erwach
senenalter wirkt dann verstärkt das Selbstverwirklichungsstreben – die Persönlichkeit des
Menschen formt sich aus. Dabei sind fortlaufend, mit unterschiedlicher Intensität, alle
Bedürfnisse nach wie vor relevant. Dies ist unmittelbar einsichtig: Auch der idealistische
Forscher, der sich innig seiner Aufgabe widmet und dabei seiner Selbstverwirklichung
Persönlichkeitsentwicklung
Im Lebensverlauf
Physiologische
Bedürfnisse
Sicherheit
Soziale
Bindungen
Selbstachtung
Selbstverwirklichung
Bedürfnisintensität
hoch
gering
Abb. 2.12 Dynamische Darstellung der Bedürfnishierarchie nach Maslow. Quelle: nach Krech
et al. (1962, S. 77), leicht modifiziert
2.4 Inhaltsanalytische Aspekte der Motivation
84
nachgeht, wird irgendwann Hunger bekommen und aus diesem Grund seine Arbeit ruhen
lassen.
Maslows Ansatz ist außerdem vor dem Hintergrund der Globalisierung umstritten, denn
soziale Motive sind je nach Kulturkreis unterschiedlich wichtig. Auch Religionszuge
hörigkeit oder Nationalität wirken auf die Bedeutung und damit die Reihenfolge der
Schichtung in der Bedürfnishierarchie ein (vgl. hierzu Wunderer 2011, S. 112 ff.).
2.4.2
Zwei-Faktoren-Theorie nach Herzberg
Die Zwei-Faktoren-Theorie nach Frederick Herzberg versucht empirisch zu begründen,
was Mitarbeiter in der Arbeit motiviert bzw. demotiviert (vgl. im Folgenden Herzberg
1973; Comelli und Rosenstiel 2009, S. 142 ff.; Weibler 2016, S. 185 ff.). In der
Beispiel
Mitarbeitermotivation mit der Bedürfnishierarchie
Für den Arbeitsalltag stellt sich nun die Frage, wie ein Vorgesetzter die Bedürfnis
hierarchie nach Maslow praktisch nutzen kann, um seine Mitarbeiter zu motivieren.
Eine notwendige Voraussetzung hierfür ist, dass der Führende seine verschiedenen
Mitarbeiter so gut kennt, dass er deren aktuell primär handlungsleitende Bedürf
niskategorie einschätzen kann. Es hilft nicht, einem Mitarbeiter ein interessantes
Projekt mit umfangreichen Handlungsspielräumen anzubieten, wenn dieser auf
grund privater Verpflichtungen, z. B. durch die Aufnahme eines Hypothekendarle
hens, ein ausgeprägtes Sicherheitsmotiv als handlungsleitende Prämisse hat. Dieser
Mitarbeiter wäre dann ggf. über eine zusätzliche Honorierung, z. B. eine Leistungs
prämie, zu motivieren. Nach Identifikation der relevanten Bedürfniskategorie sind
passende Anreize einzusetzen. Mögliche Stimuli können auf Ebene der physiologi
schen Bedürfnisse z. B. die Versorgung mit Essen und Trinken während der Arbeits
zeit sowie das Garantieren von körperlicher Unversehrtheit durch Maßnahmen zur
Arbeitssicherheit sein. Das Sicherheitsbedürfnis kann durch unbefristete Arbeitsver
träge, eine auskömmliche Bezahlung, das Einrichten eines Betriebsrates, das Ausge
ben von Arbeitsschutzausrüstungen usw. positiv angesprochen werden. Auf Ebene
der sozialen Bedürfnisse wirken Teamarbeit, gemeinsame Aktivitäten wie Sportgrup
pen oder Betriebsausflüge, Weihnachtsfeiern etc. förderlich. Das Selbstachtungs- bzw.
Wertschätzungsbedürfnis kann durch Lob, Anerkennung, Zuwendung, Karriere
usw. aktiviert werden. Um Mitarbeitern die Möglichkeit zu geben, ihre vorhandenen
Potenziale zu entfalten sind grundsätzlich Partizipationsmöglichkeiten und Hand
lungsspielräume zu schaffen. So bieten sich hier die Einrichtung von Qualitätszirkeln
oder die Übertragung von Projektaufgaben mit umfangreichen Freiheitsgraden in
Bezug auf die Arbeitsausführung an.
Quelle: eigene Darstellung
2 Individualpsychologische Grundlagen der Führung
85
Pittsburgh-Studie 1959 wurden 203 berufstätige Menschen (Buchhalter und Ingenieure)
aus unterschiedlichen Branchen und hierarchischen Ebenen dazu befragt, wann sie sich in
Arbeitssituationen besonders gut und wann besonders schlecht gefühlt hatten. Ergänzend
dazu wurden sie nach den dafür ursächlichen Arbeitsbedingungen gefragt. Bei der Analyse
der Befragungsergebnisse wurde auffällig, dass es offensichtlich bestimmte Arbeitsbe
dingungen gibt, die insbesondere Unzufriedenheit beeinflussen können und dass es andere
Arbeitsfaktoren gibt, die überwiegend geeignet sind, Zufriedenheit zu beeinflussen.
Daraus zog Herzberg den Schluss, dass das bisher eindimensional gedachte Kontinuum
der Arbeitszufriedenheit von „zufrieden bis unzufrieden“ falsch sei und neu definiert wer
den müsste – aufgeteilt in zwei voneinander unabhängige Teilkontinuen mit den Polen
„Unzufriedenheit und Nicht-Unzufriedenheit“ sowie „Nicht-Zufriedenheit und Zufrie
denheit“ (vgl. Abb. 2.13).
Die Faktoren, die zu mehr oder weniger Unzufriedenheit beitragen, werden Hygiene-
faktoren (Dissatisfaktoren) genannt. Hygienefaktoren deshalb, weil Herzberg hier eine
Analogie zu krankmachenden Ursachen derart sieht, dass z. B. sauberes Wasser vor
Krankheit schützt, aber nicht zusätzlich zur Gesundheit beiträgt. Faktoren, die zu mehr oder
weniger Zufriedenheit beitragen, werden hingegen als Motivatoren (Satisfaktoren) be
zeichnet. Daraus resultiert auch die Bezeichnung der Theorie als Zwei-Faktoren-Theorie.
Festzuhalten ist ausdrücklich, dass z. B. Hygienefaktoren auch bei sehr positiver Ausprägung
kaum Einfluss auf die Entstehung von Zufriedenheit haben und umgekehrt schlecht ausge
prägte Motivatoren trotzdem nicht zu Unzufriedenheit führen. Hygienefaktoren, die unzu
reichend erfüllt sind, rufen Unzufriedenheit hervor, Hygienefaktoren, die positiv erfüllt
sind, können bestenfalls zu Nicht-Unzufriedenheit führen. Analog verhält es sich mit den
Motivatoren.
Dabei führte die Befragung von Herzberg zu dem Ergebnis, dass Motivatoren eher kon
tentbezogenen, intrinsischen Charakter haben und unmittelbar mit der Arbeitsaufgabe
verbunden sind: Entfaltungsmöglichkeiten, Arbeitsinhalte, Anerkennung und Leistungs
erleben gehören hierzu. Auf der anderen Seite sind Hygienefaktoren solche Arbeitsbe
dingungen, die eher kontextbezogenen, extrinsischen Charakter haben: Führungsstil,
Kollegenbeziehungen, Freiräume, Bezahlung etc. zählen hierzu. Im Detail führte die
Abb. 2.13 Zwei-Faktoren-Theorie im Überblick. Quelle: eigene Darstellung
2.4 Inhaltsanalytische Aspekte der Motivation
86
Befragung zu folgendem in Abb. 2.14 dargestellten Ergebnis. Daraus wird auch ersichtlich, dass
es vereinzelt Arbeitsbedingungen gibt, die durchaus in beide Richtungen wirken können.
Am Beispiel des Gehalts ist das wie folgt zu erklären. Ein als ungerecht empfundenes
Grundgehalt wirkt sich als Hygienefaktor nachteilig auf die Unzufriedenheit aus. Wird dies
nachgebessert, fällt der beeinträchtigende Einfluss weg und es kann sich bzgl. der empfunde
nen Gehaltsgerechtigkeit eine neutrale Nicht-Unzufriedenheit einstellen. Wird einem
Mitarbeiter darüber hinausgehend nun die Möglichkeit geboten, durch das eigene Leis
tungsverhalten einen zusätzlichen Bonus zu erhalten, wirkt sich dies als Motivator auf die
Zufriedenheit aus.
Arbeit motiviert vor allem dann, wenn die Chance besteht, eine eigene Leistung zu
erbringen. Zudem motiviert Arbeit, wenn die Aufgabe interessant und herausfordernd ist,
man dadurch Anerkennung findet, dabei Verantwortung übernehmen kann, für sich selbst
Arbeitsplatzsicherheit
Überwachung
Status
Beziehungen zu Untergebenen
Lohn
Entfaltung
Aufstieg
Arbeitsinhalt
Anerkennung
Verantwortung
(N = 203) Prozentuale Nennung der Faktoren als
Ursache von
40 30 20 10 0 10 20 30 40
Unternehmenspolitik/Verwaltung
Beziehung zu Vorgesetzten
Arbeitsbedingungen
Beziehungen zu Kollegen
Leistung
15%
41%
7%
11%
18%
33%
14%
26%
17%
23%
6%
23%
4%
8%
6%
1%
31%
4%
11%
3%
3%
20%
3%
20%
15%
6%
6%
1%
1%
3%
eigene Persönlichkeit
4%
40 30 20 10 0 10 20 30 40
„schlechten“ Situationen
„guten“ Situationen
6%
Abb. 2.14 Herzberg-Faktoren im Detail. Quelle: Weibler (2016, S. 186), leicht modifiziert
2 Individualpsychologische Grundlagen der Führung
87
Entwicklungsperspektiven sieht und persönliche Förderung und Wachstum erlebt.
Demotivierend ist Arbeit hingegen, wenn Unternehmenspolitik, Verwaltung und Richt
linien, und/oder Arbeitsbedingungen „nicht stimmen“, Beziehungen zu Vorgesetzten, Kol
legen und Mitarbeitern beeinträchtigt sind oder Entlohnung, Status und Sicherheit nicht
dem erwarteten Maß entsprechen. Darüber hinaus können persönliche Lebensumstände,
die mit der Arbeit zusammenhängen, für Demotivation sorgen. Bei der Interpretation der
Ergebnisse ist zu beachten, dass es sich hier um aggregierte Daten handelt, jeder einzelne
Faktor kann aus individueller subjektiver Sicht sowohl motivieren als auch demotivieren.
Die besondere Erkenntnis von Herzberg`s Studien liegt darin, dass Hygienefaktoren und
Motivatoren weitgehend unabhängig voneinander sind. Das bedeutet, dass Arbeitszufrieden
heit und Arbeitsunzufriedenheit aus verschiedenen Ursachen entstehen. Die Erfüllung von
Hygienefaktoren erwarten Menschen sozusagen als Normalzustand, während die Erfüllung
von Motivatoren erst echte, zusätzliche Motivation erzeugen kann. Die Ergebnisse der
Pittsburgh-Studie zeigen, dass zur Motivation der Mitarbeiter in zweifacher Weise vorgegan
gen werden muss. Zuerst sind Hygiene-Faktoren so zu gestalten, dass Unzufriedenheit ab
gebaut wird, anschließend muss mit Motivatoren Zufriedenheit aufgebaut werden.
Solange Hygienefaktoren nachteilig wirksam sind, können Motivatoren ihre Wirkung nicht
optimal entfalten: Wer jeden Morgen von einem cholerischen Vorgesetzten beleidigt wird,
der freut sich nur begrenzt über Aufgaben mit mehr Verantwortung.
Beispiel
Motivationsarbeit mit der Zwei-Faktoren-Theorie
In der Praxis empfiehlt es sich zur Steigerung der Motivation z. B. in einem Team
auf der Basis der Zwei-Faktoren-Theorie wie folgt vorzugehen: In einem ersten
Schritt ist in einem gemeinsamen Workshop eine Übersicht mit den aktuell wirksa
men Hygienefaktoren zu erarbeiten. Diese sind zu priorisieren, um sicherzustellen,
dass mit den späteren Maßnahmen die wichtigsten Dissatisfaktoren beeinflusst wer
den. Anschließend ist gemeinsam ein „Hygiene-Programm“ zu entwickeln, d. h. Maß
nahmen zu verabschieden, mit denen die Missstände im Arbeitsumfeld des Teams
beseitigt werden. Hierauf folgt eine Umsetzungsphase, damit die vereinbarten Akti
onen ihre Wirkung entfalten können. Ist die Stimmung im Team auf einem neutralen
Bereich zwischen „Nicht-Unzufriedenheit“ und „Nicht-Zufriedenheit“ angekommen,
sollte in einem Follow up-Workshop erarbeitet werden, wie die Arbeitsbedingungen
gestaltet sein müssen, damit die Teammitglieder sich in ihrem Arbeitsumfeld wieder
wohlfühlen, mithin spezifische Motivatoren bestimmt werden. Auch diese Vorschlä
ge sind zu priorisieren, da im Kontext knapper Ressourcen und Budgetbeschränkungen
vmtl. nicht alle Maßnahmen zeitgleich umgesetzt werden können. Anschließend ist
das Motivationsprogramm in Bezug auf die zu optimierenden Arbeitsbedingungen
einzuführen und nachhaltig umzusetzen.
2.4 Inhaltsanalytische Aspekte der Motivation
88
2.5
Prozessanalytische Aspekte der Motivation
Prozesstheorien der Motivation erklären allgemein, wie Verhalten entsteht und auf ein Ziel
hin ausgerichtet wird, ohne die inhaltliche Ausrichtung von Bedürfnissen und Motiven zu
bestimmen. Dabei wird analog zur rationalen Entscheidungstheorie angenommen, dass
menschliches Verhalten auf der Basis vorlaufender Entscheidungsprozesse begründet ist.
Die dabei stattfindenden kognitiven Prozesse sind Gegenstand der prozessanalytischen
Betrachtungen.
2.5.1
Das VIE-Modell nach Vroom
Im Valenz-Instrumentalitäts-Erwartungs-Modell wird menschliches Verhalten grundsätz
lich als nutzenmaximierendes Entscheidungsverhalten zwischen verschiedenen Hand
lungsalternativen gesehen (vgl. im Folgenden Vroom 1964; Beckmann und Heckhausen
2010, S. 138 ff.; Wunderer 2011, S. 118 ff.; Steinmann et al. 2013, S. 487 ff.). Das Modell
erklärt, warum Menschen eine bestimmte Handlungsalternative bevorzugen, d. h. moti
viert sind, diese auszuführen, andere dagegen unterlassen. Dabei gilt die Kernaussage,
dass ein Individuum die Handlungsalternative wählt, bei der das Produkt aus persönlichem
Nutzen und Wahrscheinlichkeit, das Handlungsergebnis realisieren zu können, am größ
ten ist. Um die Präferenz für eine Handlungsalternative bestimmen zu können, verwendet
Vroom die Konzepte Valenz, Instrumentalität und Erwartung, die er multiplikativ mitein
ander verknüpft:
• Valenz bezeichnet dabei den subjektiven Wert eines Handlungsergebnisses bzw. einer
Handlungsfolge für die betrachtete Person. Dieser Wert kann nur individuell bestimmt
werden. So kann eine Person zu verschiedenen Sachverhalten unterschiedliche Valenz
präferenzen haben. Für dieselbe Person hat z. B. Freizeit eine sehr hohe Bedeutung,
Einkommen dagegen wird als relativ unwichtig gesehen. Verschiedene Personen kön
nen in Bezug auf dieselben Sachverhalte ebenfalls verschiedene Valenzpräferenzen
haben. Ist für die eine Person ein hohes Entgelt sehr wichtig, ist es für die andere
Person unwichtig.
• Instrumentalität ist definiert als die wahrgenommene Eignung, die das Individuum
dem direkten Handlungsergebnis (Ergebnis erster Ordnung) beimisst, eine erwünschte
Handlungsfolge (Ergebnis zweiter Ordnung) herbeizuführen. Die Instrumentalität kann
positiv oder negativ sein und damit stetig Werte zwischen +1 und −1 annehmen; d. h. es
gibt Handlungsergebnisse, die der Erreichung persönlicher Ziele (Handlungsfolgen)
nicht nur nicht förderlich, sondern sogar abträglich sind. Eine subjektiv unterstellte hohe
Instrumentalität kann sich z. B. aus der Überlegung ergeben, dass eine fertig gestellte
Sonderaufgabe als direktes Handlungsergebnis ganz sicher eine Leistungsprämie als
Handlungsfolge nach sich ziehen wird, weil diese versprochen wurde. Somit hat die
Instrumentalität einen Wert von +1.
2 Individualpsychologische Grundlagen der Führung
89
• Erwartung drückt die subjektive Wahrscheinlichkeit der Person aus, eine Handlung
erfolgreich durchführen und das direkte Handlungsergebnis realisieren zu können. Die
Erfolgswahrscheinlichkeit einer Handlung schwankt zwischen 0 und 1. Der Wert 1
drückt die subjektive Sicherheit aus, dass die Handlung erfolgreich durchgeführt wer
den kann. Eine Erfolgszuversicht von 0 würde bedeuten, dass der Mensch keine Chance
sieht, die Handlung vollziehen zu können. Die subjektive Erfolgszuversicht wird maß
geblich durch Erfahrungen aus der Vergangenheit und insbesondere dem eigenen Selbst
wirksamkeitsempfinden beeinflusst.
Der Zusammenhang der Variablen im VIE-Modell ist in Abb. 2.15 dargestellt. Die Motivati
on, hier bezeichnet als „Force to act“, eine der beiden im Beispiel aufgezeigten Handlungs
alternativen „Studie“ oder „Budget“ zu ergreifen, bestimmt sich aus dem multiplikativen
Zusammenhang von subjektiver Erwartung die jeweiligen Arbeiten ausführen zu können,
und der Valenz der direkten Handlungsergebnisse.
Die Valenz des direkten Handlungsergebnisses (Ergebnis erster Stufe) wiederum be
stimmt sich in Abhängigkeit seiner Instrumentalität eine Handlungsfolge (Ergebnis zwei
ter Ordnung) herbeizuführen und der Valenz, welche die Person der Handlungsfolge
zuspricht. Geht ein Mitarbeiter dementsprechend davon aus, dass er bei der Erstellung der
Sonderaufgabe „Studie“ viele Überstunden einschließlich Arbeit am Wochenende inves
tieren muss, wird dies zu einer negativen Instrumentalität in Bezug auf sein persönliches
Bedürfnis (Handlungsfolge) „Freizeit“ führen, in Bezug auf das Bedürfnis „hohes Entgelt“
infolge einer Leistungsprämie aber eine positive Instrumentalität aufweisen. Diese Instru
mentalitätsüberlegungen finden in Bezug auf alle Handlungsfolgen und ausgehend von
Handlungsfolge,
z.B. Freizeit
Handlungsfolge,
z.B. Beförderung
Handlungsfolge,
z.B. betriebliche
Rente
Handlungsfolge,
z.B. hohes
Entgelt
Instrumentalität
Handlungsalternativen
1) Sonderaufgabe Studie
2) Budgetkalkulation
Handlungsfolge,
z.B. Akzeptanz
durch das
Team
Ergebnisse zweiter
Stufe (Individualziele)
Ergebnisse erster Stufe
(Organisationsziele)
Direktes
Handlungs-
ergebnis 2:
fertiges
Budget
Instrumentalität
Force
to act
Wertebereich: 1 bis - 1
Wertebereich: 1 bis - 1
Valenz
Handlungs-
folge
Valenz
direktes
Handlungs-
ergebnis
Valenz
direktes
Handlungs-
ergebnis
Valenz
Handlungs-
folge
Valenz
Handlungs-
folge
Valenz
Handlungs-
folge
Valenz
Handlungs-
folge
Direktes
Handlungs-
ergebnis 1:
fertige
Studie
Abb. 2.15 Grundstruktur VIE-Modell. Quelle: eigene Darstellung in Anlehnung an Steinmann
et al. (2013, S. 487)
2.5 Prozessanalytische Aspekte der Motivation
90
allen Handlungsergebnissen erster Ordnung statt. Die daraus resultierende Gesamtwer
tigkeit eines direkten Handlungsergebnisses muss dann noch mit der subjektiven
Erfolgszuversicht die Studie bzw. das Budget erfolgreich abschließen zu können, multipli
ziert werden. Wenn ein Mitarbeiter sich nicht zutraut, eine Aufgabe durchzuführen, dann
nützt auch eine sehr hohe Wertigkeit des Handlungsergebnisses nichts, da eine Erfolgszu
versicht in Höhe von 0 multipliziert mit einer hohen Valenz des Handlungsergebnisses zu
einer „Force to act“ von 0 führt. Diejenige Handlungsalternative mit der höheren „Force
to act“ führt der Mitarbeiter dann aus.
Um eine Berechnung der „Force to act“ vorzunehmen, ist wie folgt vorzugehen –
siehe zu einem ausführlichen Berechnungsbeispiel Steinmann et al. 2013, S. 491 ff.):
• Ziele (Handlungsfolgen) gewichten, d. h. subjektiv entscheiden, welches Individualziel
(Handlungsfolge) welchen persönlichen Wert (Valenz) hat.
• Bewerten, wie instrumentell ein direktes Handlungsergebnis für die angestrebten Ziele
(Handlungsfolgen) ist.
• Wertigkeit (Valenz) der direkten Handlungsergebnisse als Summe der Produkte aus
jeweiliger Instrumentalität und Valenz der Handlungsfolge bestimmen.
• Erwartung bestimmen, notwendige Handlungen ausführen zu können.
• Durch Multiplikation von Erfolgszuversicht und Valenz erster Ordnung (Wert des di
rekten Handlungsergebnisses) die Antriebskraft berechnen.
Die VIE-Theorie formal dargestellt ergibt sich wie in Formel 2.1 und 2.2 aufgezeigt (vgl.
Beckmann und Heckhausen 2010, S. 138 ff.). Es gilt:
V
f
j =
=∑(
*
)
V
I
k
jk
k
n
1
(2.1)
wobei Vj die Valenz des Ergebnisses erster Ordnung j ist, Vk die Valenz des Ergebnisses
zweiter Ordnung und Ijk die Instrumentalität des Handlungsergebnisses für das Eintreten
der Handlungsfolge k ist. Es gilt dann weiter:
F
f
i =
=∑(
*
)
E
V
ij
j
j
n
1
(2.2)
wobei Fi die psychologische Kraft „Force to act“, die Handlung i auszuführen ist, Eij die
Stärke der Erwartung, dass die Handlung i zum Ergebnis j führt und Vj die oben errechne
te Valenz des „Ergebnisses erster Ordnung“ ist. Ein Individuum wird demnach diejenige
Handlung ausführen, die den höchsten Motivationswert Fi hat.
Die Kritik am VIE-Modell bezieht sich in erster Linie auf die Annahme eines rein
rational handelnden Menschen (Homo oeconomicus) (vgl. Wunderer 2011, S. 121 f.
sowie im Folgenden auch Steinmann et al. 2013, S. 596 f.). Weiterhin lässt sich die ma
thematische Präzision kritisieren, etwa dergestalt, ob sich verschiedene qualitative Zie
le adäquat numerisch skalieren und entsprechend be- oder verrechnen lassen. Außerdem
besagt die VIE-Formel, dass die Handlungsmotivation in dem Maße wächst, wie die
2 Individualpsychologische Grundlagen der Führung
91
Erwartungswahrscheinlichkeit des Realisierungserfolgs steigt. Tatsächlich sind aber
vermeintlich leicht zu erreichende Ziele nicht zwingend jene, die eine sonderlich große
Motivation auslösen. Dies wird allerdings in dem Modell durch die Valenz des direkten
Handlungsergebnisses aufgefangen. Eine einfache Handlung ohne subjektive Wertigkeit
wird auch dann nicht ausgeführt werden, wenn man sie ausführen könnte.
Das VIE-Modell fasziniert die Wissenschaft durch seine mathematische Formulierung,
weil diese eine empirische Überprüfung der Theorie ermöglicht. Für die Praxis gibt das
Modell Impulse, wie man als Führungskraft Motivationsstrategien für seine Mitarbeiter
entwickeln kann:
• Zunächst gilt es im Gespräch mit den Mitarbeitern herauszufinden, was deren persön
lichen Ziele und Werte sind, welche Auffassungen die Mitarbeiter davon haben, wie
diese Ziele durch die Arbeit erreichbar sind und ob sie erwarten, die notwendigen
Aufgaben erfolgreich bewältigen zu können.
• Mitarbeitern, die daran zweifeln, dass sie mit guter Arbeitsleistung auch persönliche
Ziele erreichen, müssen die betrieblichen Benefits transparent dargestellt werden. Dann
können sich Instrumentalitäten positiv entwickeln. Wenn Mitarbeiter erkennen, dass ihr
Einsatz z. B. zwei Tage Sonderurlaub zur Folge hat, wird dies positiv in Bezug auf das
Freizeitbedürfnis gewertet.
• Mitarbeiter, die über eine geringe Erfolgszuversicht verfügen, müssen durch Unter
stützung, Qualifizierungsmaßnahmen und Coachings trainiert werden.
2.5.2
Rückkoppelungsmodell nach Porter und Lawler
Den Zusammenhang von Motivation, Leistung und Arbeitszufriedenheit versuchen Porter
und Lawler in ihrem integrativen prozesstheoretischen Ansatz zu klären (vgl. Porter und
Lawler 1968 sowie Abb. 2.16). Dabei liegen dem Modell auch erwartungs-wert-theo
retische Überlegungen zugrunde (vgl. im Folgenden Berthel und Becker 2013, S. 63 ff.).
Zentrale Variablen sind in dem Modell ebenfalls Valenz (Wert der Belohnung) und
Erwartung (eine Belohnung zu erhalten) sowie weiter Anstrengung (als individueller
Einsatz), Leistung (als messbarer Output einer Anstrengung) und Zufriedenheit (als be
wertete Einstellung zu dem realisierten Belohnungsniveau).
Die Anstrengung (3) eines Mitarbeiters für die ihm übertragenen Aufgaben hängt
zum einen von der erwarteten Wertigkeit der Belohnung (1) sowie der subjektiv wahrge
nommenen Wahrscheinlichkeit, dass die Belohnung einem Arbeitseinsatz tatsächlich
folgt (2) ab. Wird ein Incentiv als wichtig eingeschätzt und zudem erwartet, dass bei ent
sprechender Anstrengung diese Belohnung wahrscheinlich erfolgt, wird die Anstrengung
dafür groß sein. Die Leistung (6) als messbares Arbeitsergebnis wird beeinflusst durch die
Fähigkeiten und die Persönlichkeit eines Mitarbeiters (4) sowie der Art und Weise, wie ein
Mitarbeiter seine Rolle im Arbeitskontext interpretiert (5). Richtet ein Mitarbeiter infolge
einer Rollenambiguität seine Leistungsanstrengungen in eine falsche Richtung, so wird
2.5 Prozessanalytische Aspekte der Motivation
92
die tatsächliche Leistung trotzdem ungenügend sein. Auf das Arbeitsergebnis folgen
intrinsische bzw. extrinsische Belohnungen (7a und 7b). Für das Ausmaß der Arbeitszufrie
denheit (9) ist neben der faktischen Entlohnung noch wichtig, ob sich der Mitarbeiter
subjektiv gerecht belohnt fühlt (8). Zufriedenheit stellt sich dann ein, wenn die erreichten
Incentives dem eigenen Anspruch genügen bzw. diesen übersteigen. Dies gilt auch im
Vergleich der eigenen Leistung mit der Leistung anderer Mitarbeiter und deren Belohnungs
niveau. Mitarbeiter vergleichen sich eben gerade auch mit anderen Geführten bzgl. deren
Inputs (Anstrengung und Leistung) und den Belohnungen, die diese dafür enthalten.
Zufriedenheit wird in diesem Ansatz sowohl als Folge von Leistung (6) - > (9) als auch als
Voraussetzung für Leistung (9) - > (1) gesehen.
Die beiden Kernaussagen des Rückkoppelungsmodells bestehen darin, dass individu
elle Motivation am Arbeitsplatz von den subjektiven Erwartungen abhängt, dass erhöhter
persönlicher Arbeitseinsatz zu höheren Leistungen führt und, dass höhere Leistungen zu
den gewünschten Belohnungen führen.
Das Motivationsmodell nach Porter und Lawler bietet für die praktische Motivations
arbeit in Unternehmen aufgrund seiner differenzierten Betrachtung des Motivationsprozesses
eine Vielzahl von Ansatzpunkten für die Führenden, die von Unterstützungen bei der Quali
fizierung zur Steigerung der Fähigkeiten, über Coachings zur Entwicklung der Persönlichkeit
bis hin zur bedürfnisgerechten Gestaltung der Anreizsysteme, z. B. in Form von Cafeteria-
Systemen, reichen. Positiv ist dabei zu sehen, dass Leistung nicht einzig von der Motivation
bzw. Anstrengung abhängt, sondern dass auch weitere Faktoren, wie Fähigkeit, Persönlichkeit
und Rollenklarheit, darauf Einfluss nehmen. Als kritisch gegenüber dem Modell ist anzuse
hen, dass bzgl. der Operationalisierung der Variablen noch Defizite existieren.
9
4
Fähigkeiten und
Persönlichkeitszüge
5
3
1
8
Leistung
Extrinsische
Belohnung
Zufriedenheit
Wahrgenommene
gerechte Belohnung
Wertigkeit der
Belohnung
Wahrgenommene
Wahrscheinlichkeit
der Belohnung bei
Anstrengung
Rollen-
wahrnehmung
6
Anstrengung
7b
Intrinsische
Belohnung
7a
2
Abb. 2.16 Rückkoppelungsmodell nach Porter und Lawler. Quelle: Berthel und Becker (2013,
S. 64) nach Porter und Lawler (1968, S. 165)
2 Individualpsychologische Grundlagen der Führung
93
2.5.3
Leistungsmotivationstheorie nach McClelland und Atkinson
Die Theorie der Leistungsmotivation, auch Risiko-Wahl-Theorie genannt, kann als pro
zessualisierte Inhaltstheorie bezeichnet werden, da sie das Entstehen speziell leistungs
bezogenen Verhaltens erklärt (vgl. im Folgenden Beckmann und Heckhausen 2010,
S. 132 ff.; Berthel und Becker 2013, S. 70 ff; Stock-Homburg 2013, S. 72 ff.). Aufbauend
auf den inhaltstheoretischen Arbeiten von Henry Murray und dessen Bedürfnislisten
(1938) definierten McClelland et al. (1953) drei zentrale menschliche Bedürfnisse: das
Anschlussmotiv (Streben nach Zugehörigkeit), das Machtmotiv (Streben nach Macht
über andere) sowie das Leistungsmotiv (Streben, Herausforderungen zu bewältigen). Da
bei wird für diese Motive angenommen, dass es sich dabei um überdauernde, zeitlich sta
bile Persönlichkeitsmerkmale handelt, die infolge früher Erfahrungen im Rahmen der
Sozialisationsprozesses ausgebildet und erlernt werden.
Um zu erklären, warum sich Menschen im Prozess der Arbeit ganz unterschiedlich
anstrengen und engagieren, haben sich McClelland und Atkinson insbesondere mit dem
Leistungsmotiv befasst (vgl. McClelland et al. 1953; Atkinson 1957, S. 359 ff.). Als
Leistungsmotivation wird das Streben bezeichnet, sich in solchen Tätigkeitsfeldern zu
bewähren, in denen ein für verbindlich gehaltener Gütemaßstab existiert aus dem sich
ableiten lässt, wie gut eine Handlung war. Bei der Leistungsmotivation handelt es sich um
eine eigenständige intrinsische Verhaltensdisposition, die nicht vorrangig auf eine externe
Belohnung ausgerichtet ist. Charakteristisch für die Leistungsmotivation ist, das es um ein
„Besser oder Schlechter“ der Handlung an sich geht. Die Auseinandersetzung mit einem
Gütemaßstab beinhaltet die Möglichkeit, dass die Handlung gelingen oder misslingen
kann. Bei dem Gütemaßstab kann es sich um fremdgesetzte Kriterien (z. B. Anforderungen
an eine Sonderaufgabe) oder um selbstgesetzte Standards (individuelles Anspruchsniveau)
handeln. Die Höhe des Anspruchsniveaus ist eine Funktion der bisherigen Erfolgs- und
Misserfolgserfahrungen einer Person in Leistungssituationen und der Erfahrung, dass das
Erreichen des sehr Leichten nicht als Erfolg und das Misslingen des sehr Schweren nicht
als Misserfolg erlebt wird.
Erfahrungsbedingt verfügen Individuen über die Verhaltensdispositionen „Hoffnung
auf Erfolg“ und „Furcht vor Misserfolg“. Abhängig davon, welches der beiden Motive
überwiegt, sind Menschen eher „erfolgsmotiviert“ oder „misserfolgsmotiviert“. Die Höhe
der Leistungsmotivation resultiert aus den Tendenzen, Erfolg anzustreben und Misserfolg
zu vermeiden:
• Die Tendenz, Erfolg zu erreichen, ist ein Produkt aus drei Faktoren: dem relativ über
dauernden Erfolgsmotiv (ME), der subjektiven Erfolgswahrscheinlichkeit, eine Hand
lung ausführen zu können (WE), und dem intrinsischen Erfolgsanreiz (AE), Stolz, Glück
etc. empfinden zu können. Der Erfolgsanreiz hängt stark vom Schwierigkeitsgrad einer
Aufgabe ab. Eine leichte Aufgabe zu lösen, bietet insofern wenig Bedürfnisbe
friedigung, weil sich dadurch die gewünschten Emotionen nicht einstellen. Ein
2.5 Prozessanalytische Aspekte der Motivation
94
wesentlicher Impuls zum Leistungshandeln ist gerade die Vorwegnahme von Gefühlen
wie Stolz, Bewunderung und Glück. Daraus folgt, dass erfolgsmotivierte Personen,
die nach positiven leistungsbezogene Affekten streben, eine mittlere Aufgabenschwie
rigkeit bevorzugen, bei denen die Erfolgszuversicht 50:50 beträgt. Daraus resultieren in
der subjektiven Einschätzung eine positiv besetzte Herausforderung sowie eine reelle
Erfolgschance.
• Entsprechend entsteht die Tendenz, Misserfolg zu vermeiden, aus dem Produkt des
Misserfolgsmotivs (MM), der subjektiven Misserfolgswahrscheinlichkeit (WM) und des
intrinsischen Misserfolgsanreizes (AM), z. B. Scham und Niedergeschlagenheit vermeiden
zu wollen. Misserfolgsmotivierte Personen, die danach streben, negative leistungsbezo
gene Affekte zu vermeiden, bevorzugen sehr leichte oder sehr schwere Aufgaben. Bei sehr
leichten Aufgaben lassen sich negative Gefühle infolge des Scheiterns vermeiden. Bei ei
nem Scheitern bei sehr schwierigen Aufgaben, kann die Ursache für das Versagen exter
nen Umständen zugeschrieben und das eigene Selbstkonzept aufrechterhalten werden
(Kausalattribution).
Für das leistungsmotivierte Verhalten (Tr) gilt demgemäß auf Basis der beiden widerstre
benden Tendenzen:
T
M
W
A
M
W
A
r
E
E
E
M
M
M
= (
) (
)
*
*
*
*
−
(2.3)
Auch misserfolgsmotivierte Personen können zu einem mittleren bis hohen Leistungs
handeln geführt werden, wenn zu der intrinsischen Anreizkomponente eine extrinsische in
Form von externer Belohnung oder Zwang hinzutritt. Es gilt dann:
T
M
W
A
M
W
A
A
r
E
E
E
M
M
M
ex
= (
) (
) +(
)
*
*
*
*
−
(2.4)
wobei Aex die externe Belohnung oder den extrinsischen Zwang symbolisiert.
Für die praktische Arbeit in der Führungsdyade folgt, dass erfolgsmotivierten Mit
arbeitern Aufgaben mit einem positiv fordernden mittleren Anspruchsniveau übertragen
werden können, da sie von sich aus dafür motiviert sind. Weitere extrinsische Anreize sind
nicht notwendig. Dagegen sind bei misserfolgs- oder weniger leistungsmotivierten Mit
arbeitern, extrinsische Anreize sehr wichtig. Grundsätzlich sollte bei der Einstellung von
Mitarbeitern bereits auf eine positive Leistungsmotivation geachtet werden. Erhoben wer
den kann dies z. B. mit dem Leistungsmotivationsinventar nach Schuler (vgl. Schuler und
Prochaska 2001).
Als kritisch gegenüber diesem Ansatz ist vorzubringen, dass eine empirische Bestä
tigung nur bedingt nachweisbar ist. Auch misserfolgsmotivierte Menschen wählen fak
tisch doch auch Aufgaben mit mittlerem Anspruchsniveau. Zudem ist es in der Praxis sehr
schwer den Anforderungsgrad bei der Aufgabendelegation für die jeweilige Person richtig
einzuschätzen (vgl. Berthel und Becker 2013, S. 73 f.)
2 Individualpsychologische Grundlagen der Führung
95
2.5.4
Flow-Konzept nach Csikszentmihaly
Der affektive Anreiz leistungsmotivierten Handelns liegt im konsumatorischen Genießen der
affektiven Folgen einer bewältigten, herausfordernden Aufgabe (vgl. im Folgenden Rheinberg
2010, S. 365 ff.; Weibler 2016, S. 184 f.). Das positive Erleben führt dazu, dass Menschen
immer wieder entsprechende Aktivitäten vornehmen, um genau diese emotionale Belohnung
wiederholen zu können. Empirische Beobachtungen zeigen allerdings auf, dass der leistungs
thematische Anreiz nicht nur als Ergebnisfolge, sondern bereits als intrinsischer tätigkeits
bezogener Anreiz im Sinne des Erlebens „des eigenen effizient-optimalen Funktionierens
auf dem Weg zu einem herausfordernden Ziel, bei dem man völlig zeit- und selbstvergessen
in die Aufgabe vertieft ist.“ (Rheinberg 2010, S. 379), wirksam ist. Dies lässt sich gut an ei
nem Steilwand-Skifahrer verdeutlichen: Der Skifahrer genießt bereits die herausfordernde
Abfahrt und deren Beherrschung. Er möchte die Abfahrt am liebsten verlängern. Nicht nur
das Endergebnis der bewältigten Abfahrt ist für ihn erlebensreich. Der Anreiz liegt somit be
reits im Vollzug der Arbeit. Auch bei Künstlern, die lange und intensiv an einem Bild arbei
ten, ist dies zu beobachten. Ist das Bild nach Wochen fertig gestellt, wird es ggf. einfach in die
Ecke gestellt. Kurz darauf aber wird ein neues Bild begonnen. Es ist der Prozess des selbst
zweckbezogenen Schaffens, der als genussvoll erlebt und entsprechend gesucht wird (vgl.
Rheinberg 2010, S. 379 f.). Csikszentmihaly fand in einer darauf gerichteten großen Inter
viestudie mit rund 200 Personen heraus, dass mit dem Vollzug subjektiv attraktiver Tä
tigkeiten immer wieder ein besonderer Erlebniszustand auftritt (vgl. Csikszentmihaly 1975).
Dabei handelt es sich um „das selbstreflexionsfreie, gänzliche Aufgehen in einer glatt laufen
den Tätigkeit, bei der man trotz voller Kapazitätsauslastung, das Gefühlt hat, den Gesche
hensablauf noch gut unter Kontrolle zu haben“ (Rheinberg 2010, S. 380). Diesen Zustand
bezeichnet Csikszentmihaly als Flow (vgl. Abb. 2.17). Das Flow-Erleben ist dadurch charak
terisiert (vgl. Csikszentmihaly 1975; Rheinberg 2008, S. 153 ff.), dass
hoch
niedrig
hoch
niedrig
Stress:
Angst
Stress: Boring out
Beun-
ruhigung
Langeweile
Anforderungen
Fähigkeit
Abb. 2.17 Flow-Kanal nach Csikszentmihaly. Quelle: nach Rosenstiel v. (2015, S. 62) sowie Csikszent
mihaly (2004, S. 107)
2.5 Prozessanalytische Aspekte der Motivation
96
• sich der Mensch optimal beansprucht fühlt und alles unter Kontrolle hat,
• alle Herausforderungen transparent sind und die Person weiß, was sie tun muss,
• alle Handlungsschritte fließend ineinander übergehen,
• sich Konzentration von alleine einstellt und alle anderen Wahrnehmungen ausgeblen
det sind,
• das Zeiterleben stark reduziert ist und
• die Person in der Tätigkeit aufgeht, gleichsam mit ihr verschmilzt.
Fühlt sich ein Mensch subjektiv durch die anstehenden Herausforderungen überfordert,
weil seine Kompetenzen vermeintlich nicht ausreichen, führt das zu Beunruhigung und
Unsicherheit sowie final zu einem Stresserleben. Aber auch im umgekehrten Fall, d. h.
falls die Herausforderungen zu gering sind und dadurch die vorhandenen Kompetenzen
nicht vollumfänglich in Anspruch genommen werden, führt dies zu Stresserleben. Hier
entsteht dann zuerst Langeweile bis hin zu einem stressbedingten „Boring out“.
Um Flow-Erleben im Kontext des Arbeitens zu ermöglichen, sollten Führungskräfte
bei zu übertragenden Aufgaben folgende Gestaltungs- und Umsetzungsaspekte beachten:
• Rahmenbedingungen (Zeit, Qualitätskriterien) und Ziel der Aufgabe klar definieren;
Widersprüche sind zu vermeiden.
• Rückmeldungen kommen sofort: idealerweise aus der Aufgabe heraus; ansonsten ist
ein Feedback sehr zeitnah durch die Führungskraft zu geben.
• Anforderungen und Kompetenzen entsprechen sich (Flow-Kanal) und steigen stetig
aber beherrschbar an. Dabei sollte nicht von den Zielen, sondern von den Fähigkeiten
der Mitarbeiter ausgegangen werden.
• Fokussierung des Mitarbeiters auf eine Aufgabe sicherstellen – kein Multitasking zu
lassen oder einfordern.
• Abblocken von externen Störeinflüssen! Dadurch kann sukzessive die Zunahme der
Konzentration gefördert werden.
• Zwingend vermeiden: Druck, Angst, Pflicht zu ständigen Reports etc.
Kritisch ist gegenüber dem Flow-Konzept für die Arbeitswelt anzumerken, dass dort oft
mals notwendige Voraussetzungen zur Schaffung von Flow-Erleben gar nicht gegeben
sind. So nennen Interview-Probanden in Bezug auf Flow-Situationen typischerweise Situ
ationen aus der Freizeit, in denen sie Aktivitäten mit hoher subjektiver Valenz nachgehen
können.
2.6
Realisierung von Handlungsabsichten: Rubikon-Modell
Die Analyse des Zustandekommens von Motivation reicht noch nicht aus, um tatsächli
ches, vollziehendes Handeln bei Menschen und damit auch bei Mitarbeitern erklären zu
können. Hier spielen weitere handlungspsychologische Prozesse eine bedeutende Rolle
2 Individualpsychologische Grundlagen der Führung
97
(vgl. im Folgenden Achtziger und Gollwitzer 2010, S. 309 ff.). Ein Gesamtkonzept zur
Handlungssteuerung stellt das Rubikon-Modell der Handlungsphasen dar (vgl.
Heckhausen und Gollwitzer 1987, S. 101 ff.). Das Rubikon-Modell definiert den gesamten
Handlungsverlauf als Wechsel von motivationalen und volitionalen Phasen, die die
Prozesse der Zielauswahl („goal setting“) und der Zielerreichung („goal striving“) mitein
ander verbinden, und erklärt somit den Übergang von der Motivation zur Handlung (vgl.
Abb. 2.18).
In der Phase des Abwägens (Prädezision) führen motivationale Erwartungs-Wert-
Überlegungen auf Seiten des Individuums zu einer Handlungspräferenz. Aus der Vielzahl
möglicher Handlungsalternativen bzw. Wünsche wird im Rahmen des Abwägeprozesses
ein Motiv als besonders erstrebenswert bestimmt und es kommt am Ende der prädezisio
nalen Phase zu einer Absichts- bzw. Intentionsbildung – ein Handlungsziel wird ausge
wählt. Mit dem Setzen eines verbindlichen Zieles, das der Mensch erreichen will, wird die
Schwelle, der „Rubikon“, vom Wunsch zum Ziel überschritten. Es entsteht im Sinne einer
inneren Selbstverpflichtung ein starkes Commitment, dieses Ziel tatsächlich zu realisie
ren.
Nach der Zielauswahl beginnt die volitional gestützte Planung, wie das Ziel erreicht
werden kann. Volition bezieht sich somit auf die gewollte Umsetzung einer Intention in
eine Handlung. Die Handlungsplanung erfolgt auf der Basis handlungsregulatorischer
Prozesse. Dabei wird zuerst ein inneres Modell handlungsrelevanter Bedingungen, das so
genannte operative Abbildsystem, geschaffen (vgl. im Folgenden Schirmer 2006, S. 62 ff.
sowie Hacker und Sachse 2014). Dieses enthält unter anderem schematisierte Repräsenta
tionen von Zielen, Ausführungsbedingungen, eventuell auftretenden Schwierigkeiten, von
verfügbaren Kenntnissen und methodischen Vorgehensweisen des Mitarbeiters. Darauf
aufbauend werden in dieser ersten volitionalen Phase Handlungsprogramme entworfen,
die für das angestrebte Ziel förderlich sind. Diese Programme werden auch als Vorsätze
Abwägen
Planen
Handeln
Bewerten
Volition
aktional
Motivation
prädezisional
Volition
präaktional
Motivation
postaktional
Intentions-
realisierung
„Rubikon“
Intentions-
deaktivierung
Intentions-
bildung
Intentions-
initiierung
handlungsregulatorische Prozesse
Abb. 2.18 Rubikon-Modell der Handlungssteuerung. Quelle: nach Heckhausen und Gollwitzer
(1987, S. 115) und Achtziger und Gollwitzer (2010, S. 311); leicht ergänzt
2.6 Realisierung von Handlungsabsichten: Rubikon-Modell
98
oder Durchführungsintentionen bezeichnet und helfen Realisierungsschwierigkeiten zu
überwinden. Mit dem Übergang der Planungs- in die Handlungsphase bzw. der Initiierung
der notwendigen Handlungen zur Umsetzung der entwickelten Handlungsstrategien erfolgt
das tatsächliche Ausführen von Tätigkeiten. Ob und wann eine Handlung begonnen wird,
hängt von der so genannten „Fiat-Tendenz“, die sich aus dem Grad der Selbstverpflichtung
dem Ziel gegenüber sowie der situationalen Günstigkeit, die Handlung vollziehen zu kön
nen, ergibt. Im Rahmen der Realisation werden die Aktionsprogramme in Form sequenti
ell geordneter Operationen ausgeführt. Steuer- und Kontrollprozesse regeln den Ablauf der
Aktionsprogramme, die jedem Teilziel zugeordnet sind, derart, dass Soll-Ist-Abweichungen
auf dem Weg zum angestrebten Ziel laufend korrigiert und reguliert werden. Die Handlungs
realisation kann dabei aufgrund von Rahmenbedingungen immer wieder unterbrochen und
neu gestartet werden, und sich somit auch über einen längeren Zeitraum erstrecken.
Letztlich werden in dieser Phase die Aktivitäten realisiert, die als notwendig zur Erreichung
des angestrebten und erwünschten Zielzustandes angesehen werden. Hier sind beharrli
ches Handeln, eine situativ angepasste Steigerung der Anstrengung, das Wiederaufnehmen
zwangsweise unterbrochener Handlungsstränge usw. notwendig, um die Handlungen er
folgreich zu Ende führen zu können.
Nach Abschluss der für die Zielerreichung notwendigen Handlungen erfolgt in einer
postaktionalen und nun wiederum motivationalen Phase eine abschließende Bewertung
(vgl. Rheinberg 2008, S. 184 ff.). Dabei wird auf das am Ende der prädezisionalen Phase
definierte Ziel zurückgegriffen und verglichen, wie weit dieses erreicht wurde und wie weit
sich die damit erhofften Nutzenfolgen eingestellt haben. Wird die Zielerreichung als zufrie
denstellend empfunden, führt dies zu einer Deaktivierung des ursprünglichen Zieles und
darauf gerichtete Handlungen werden eingestellt. Wird der erreichte Zielzustand dagegen
als unbefriedigend erlebt, kann dieser im Sinne kognitiver Dissonanzausgleichsprozesse in
seiner Bedeutung abgewertet und die darauf gerichteten Handlungsabsichten deaktiviert
werden. Alternativ können weitere, optimierte Handlungsprogramme entworfen werden,
um den angestrebten Zielzustand doch noch zu erreichen.
Beispiel
Das Rubikon-Modell in der Praxis
Wird ein Mitarbeiter durch seinen Vorgesetzten darauf angesprochen, ob er bereit
wäre, eine schwierige Sonderaufgabe zu übernehmen, wird dies bei ihm einen Abwä
gungsprozess auslösen: Mehrarbeit gegen Freizeit, Anerkennung gegenüber der Gefahr
des Scheiterns usw. Entscheidet sich der Mitarbeiter dann auf Basis erwartungs-wert-the
oretischer Überlegungen dafür, die Sonderaufgabe zu übernehmen, setzt er sich damit
ein klares Ziel: „Ich werde diese Aufgabe erledigen“. Aufbauend auf dieser Handlungs
absicht überlegt er nun, was er tun muss, um diese Aufgabe zu bewältigen. Durch die
ausdrückliche Erklärung seinem Vorgesetzten gegenüber, die Herausforderung anzu
nehmen, verspürt der Mitarbeiter eine hohe innere Selbstverpflichtung, die Aufgabe zu
lösen. Hat er dann alle anderen Standardaufgaben erfüllt und verfügt über Zeit, die
Sonderaufgabe anzugehen, besteht eine situationale Günstigkeit zum Handlungsvollzug
2 Individualpsychologische Grundlagen der Führung
99
Grundsätzlich gilt dabei, dass es Menschen unterschiedlich gut gelingt, Handzlungen
einzuleiten, aufrechtzuerhalten und erfolgreich abzuschließen. Neben den situationalen
Gegebenheiten wird dies auch durch individuelle Merkmale beeinflusst. So verfügen
Menschen über verschieden ausgeprägte Volitionsfähigkeiten. Volitionsförderliche Akti
vitätskompetenzen beziehen sich dabei auf die Fähigkeit einer Person intendierte Hand
lungen aktiv umzusetzen. Im KODE-Kompetenzatlas nach Heyse/Erpenbeck werden
Tatkraft, Mobilität, Initiative, Ausführungsbereitschaft, ergebnisorientiertes Handeln,
zielorientiertes Führen, Konsequenz, Beharrlichkeit, Optimismus, soziales Engagement,
Schlagfertigkeit, Impulsgeben, Entscheidungsfähigkeit, Gestaltungswille, Belastbarkeit
und Innovationsfreudigkeit als Umsetzungskompetenzen aufgeführt (vgl. zur ausführli
chen Beschreibung Heyse und Erpenbeck 2009, S. 135 ff.).
2.7
Zusammenfassung
Die Führer-Geführten-Beziehung wird auch durch die Persönlichkeitsstrukturen der beteilig
ten Partner beeinflusst. Persönlichkeit kann anhand der „Big Five“-Dimensionen Neuro
tizismus, Extraversion, Offenheit für Erfahrungen, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit
beschrieben werden. Gerade auf Seiten der Führungskräfte wurde in der Vergangenheit ver
sucht, typische Persönlichkeitsstrukturen zu identifizieren. Eine bekannte Typologie benennt
hier den Fachmann, den Dschungelkämpfer, den Firmenmenschen und den Spielmacher als
unterscheidbare „Charaktere“. Die individuelle Persönlichkeitsentwicklung findet im Prozess
der Enkulturation und Sozialisation statt, innerhalb derer der heranreifende Mensch zum ei
nen die notwendigen gesellschaftlichen Normen erlernt, zum anderen diese aber auf Basis in
dividueller Eigenschaften kritisch reflektiert und individuell ausbildet. Dieser Prozess führt im
Ergebnis zu unterschiedlich ausgeprägten Persönlichkeitseigenschaften bei verschiedenen
und er wird mit der Bearbeitung beginnen. Ob er dabei auftretende Schwierigkeiten und
Mühen in den nächsten Tagen erfolgreich überwinden kann, hängt wiederum von sei
ner Volitionsstärke, also dem Willen, die Aufgabe abzuschließen, und den Rahmen
bedingungen an seinem Arbeitsplatz ab. Eine hohe zeitliche Belastung durch operativen
Arbeitsdruck beeinträchtigt volitionale Handlungstendenzen ebenso nachteilig, wie ei
ne konkurrierende Handlungsabsicht, weniger Stress und Arbeitsdruck zuzulassen.
Gelingt die Fertigstellung der Arbeit, wird er diese mit seinem Vorgesetzten bewerten.
Je nachdem wie zufrieden er selbst mit dem Ergebnis und den damit verbundenen
Folgen ist, z. B. Lob durch die Führungskraft, wird er die Aufgabe als abgeschlossen
ansehen und sich künftig wieder darauf einlassen, oder er wird im negativen Fall gege
benenfalls durch weitere Anstrengungen versuchen das Ergebnis zu verbessern. Hält er
eine Optimierung der Aufgabe für ausgeschlossen, wird er deren persönliche Wertigkeit
herabstufen und sich künftig nicht mehr auf solche Aufgaben einlassen, da sie keinen
motivationalen Anreiz bieten.
2.7 Zusammenfassung
100
Menschen. Dabei können sich Persönlichkeitsmerkmale während des gesamten Lebens verän
dern und erreichen erst im Alter von ca. 50 Jahren eine stabile Ausprägung; auch wenn gerade
in frühen Lebensjahren prägende Sozialisationserfahrungen wirken. Wie der Sozialisati
onsprozess verläuft, bzw. wie sich dieser auf die Entwicklung eines Menschen auswirkt, hängt
wiederum von der Art der individuellen Wahrnehmung der Umwelt sowie der subjektiven
Ursachenzuschreibung von Erfolgen und Misserfolgen ab. Die vermeintlich objektive Reali
tät wird durch Wahrnehmungsprozesse subjektiv konstruiert und trägt demzufolge in unter
schiedlicher Art und Weise zur Entwicklung von Menschen bei. Je nachdem, ob Erfolge bzw.
Misserfolge mehr den eigenen Fähigkeiten oder externen, nicht beeinflussbaren Umständen
zugeschrieben werden, wirkt dies auch auf die Genese des eigenen Selbstkonzepts und des
Selbstvertrauens ein.
Wie sich Führender und Geführter in der Führungsdyade gegenseitig wahrnehmen,
hängt stark von dem jeweils zugrunde liegenden Menschenbild ab, das die Personen ver
innerlicht haben. Auch das eigene Verhalten gegenüber anderen Menschen, gerade von
Führungskräften zu Mitarbeitern, wird durch die zugrunde liegenden Menschenbilder be
einflusst. Aus diesem Grund ist es ratsam, dass Personen ihr eigenes Menschenbild reflek
tieren, hinterfragen und gegebenenfalls positiv entwickeln.
Motivation von Mitarbeitern ist eine der wichtigsten Führungsaufgaben. Sie ist ein we
sentliches Instrument, um das Leistungsverhalten von Menschen positiv zu aktivieren. Moti
vation kann sich dabei zum einen als tätigkeitsspezifischer Anreiz intrinsisch aus dem
Vollzug der Arbeit selbst, zum anderen aber auch durch extrinsische Anreize ergeben, die in
einer Mittel-Zweckbeziehung auf die Leistungsbereitschaft der Mitarbeiter einwirken –
Menschen arbeiten, um Geld zu verdienen. Dabei kann Motivation auch zur Arbeitszufriedenheit
der Mitarbeiter beitragen. Das Idealziel ist, eine hohe Arbeitsleistung bei gleichzeitig hoher
Arbeitszufriedenheit zu erhalten. Um Mitarbeiter motivieren zu können, sind grundsätzliche
Kenntnisse zu diesem Konstrukt auf Basis eines motivatorischen Rahmenmodells notwen
dig. Motivation lässt sich davon ausgehend detaillierter auf der Basis inhaltstheoretischer
Modelle wie der Bedürfnishierarchie nach Maslow oder der Zwei-Faktoren-Theorie nach
Herzberg, sowie auf der Grundlage prozesstheoretischer Modelle wie der VIE-Theorie nach
Vroom, dem Rückkoppelungsmodell nach Porter und Lawler, der Leistungsmotivationstheorie
nach McClelland/Atkinson oder dem Flow-Konzept nach Csikszentmihaly erklären. Moti
vation alleine reicht noch nicht aus, um das Verhalten und Handeln von Menschen zu
erklären. Dafür muss auch der Prozess der Handlungsinitiierung, -aufrechterhaltung und
-finalisierung, der so genannte Volitionsprozess, betrachtet werden. Ein ganzheitliches
Handlungsmodell findet sich im Rubikon-Modell der Handlungssteuerung.
2.8
Kontrollaufgaben
Aufgabe 2.1 Benennen Sie die Persönlichkeitsdimensionen, die als „Big-Five“ zur Be
schreibung individueller Persönlichkeitsstrukturen genutzt werden.
2 Individualpsychologische Grundlagen der Führung
101
Aufgabe 2.2 Erläutern Sie den Unterschied von Vergesellschaftung und Personalisation
im Prozess der Sozialisation.
Aufgabe 2.3 Was ist unter der Aussage zu verstehen, dass sich Realität im Prozess der
Wahrnehmung subjektiv konstruiert?
Aufgabe 2.4 Was ist unter dem fundamentalen Attributionsfehler im Zusammenhang mit
der Erklärung menschlichen Verhaltens zu verstehen?
Aufgabe 2.5 Markieren Sie, ob die folgenden Aussagen richtig oder falsch sind!
Nach dem Menschenbild Y von McGregor haben Menschen eine natürliche Abneigung
gegen Arbeit.
Richtig □ Falsch □
Ein mechanistisches Menschenbild ist Voraussetzung, um Maßnahmen der Arbeitszufrie
denheit als notwendig einzufordern.
Richtig □ Falsch □
Die negative Führungsspirale droht beim Menschenbild Y nach McGregor.
Richtig □ Falsch □
Aufgabe 2.6 Was ist unter dem Homöostase-Prinzip bedürfnistheoretischer Motivation
zu verstehen?
Aufgabe 2.7 Erläutern Sie die Bedürfnishierarchie nach Maslow.
Aufgabe 2.8 Erklären Sie das Sprichwort „Lieber den Spatz in der Hand, als die Taube
auf dem Dach!“ mit der VIE-Theorie nach Vroom.
Aufgabe 2.9 Was ist mit dem „Überschreiten des Rubikons“ in dem gleichnamigen
Modell zur Handlungssteuerung gemeint?
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Literatur
107
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2016
U. Schirmer, S. Woydt, Mitarbeiterführung, BA KOMPAKT,
DOI 10.1007/978-3-662-47915-5_3
3
Sozialpsychologische Grundlagen der
Führung
Lernziele
Dieses Kapitel vermittelt
• was man unter Sozialpsychologie und Gruppendynamik versteht,
• wie Teams entstehen, sich entwickeln und welche gruppendynamischen Prozesse
existieren,
• welche Herausforderungen für Führungskräfte ohne Weisungsbefugnisse (z. B. häu-
fi g im Projektmanagement) und in virtuellen Teams bestehen und
• wie organisatorische Werte, Kulturen und Rahmenbedingungen die Mitarbeiterfüh-
rung beeinfl ussen.
3.1
Grundkonzepte der Soziologie und Sozialpsychologie
Die Soziologie beschäftigt sich mit dem Verhalten und Handeln von Individuen gegenüber
anderen. Nach Max Weber wird das Handeln des einzelnen zu sozialem Handeln , wenn
es seinem subjektiven Sinn nach auf das Verhalten anderer Subjekte bezogen ist.
Die Sozialpsychologie untersucht die Auswirkungen der tatsächlichen oder vorgestell-
ten Gegenwart anderer Menschen auf das Verhalten des Individuums. Sie geht davon aus,
dass jedes Individuum seine eigene Realität konstruiert und dass sein Erleben und
Verhalten durch Erfahrungen in sozialen Beziehungen beeinfl usst ist. Es besteht dabei eine
Dualität von Struktur und Verhalten : die Struktur einer Gruppe prägt mein Verhalten
und mein Verhalten prägt die Struktur der Gruppe.
Als Wissenschaft versucht die Sozialpsychologie aufzuzeigen, wie Gruppenprozesse und
Gruppenstrukturen unbewusst und natürlicherweise entstehen bzw. sich gegenseitig beein-
fl ussen, um daraus Handlungsempfehlungen für Menschen, die mit sozialen Gruppen arbei-
ten, ableiten zu können. Dies können ua. Erzieher, Sozialarbeiter und Führungskräfte sein.
108
(vgl. hier und im Folgenden grundsätzlich: Elias und Scotson 1993 ; Aronson et al.
2014 .)
3.1.1
Identität und Gruppe
Personale Identität erwerben wir, indem wir uns mit anderen vergleichen, uns mit ihnen
durch gemeinsame Merkmale verbunden fühlen und uns von ihnen durch unterscheidende
Merkmale abgrenzen (vgl. auch Abschn. 2.1.4 ).
Auf ähnliche Weise entsteht Gruppenidentität : Eine Gruppe fühlt sich als Gruppe und
entwickelt ein Wir-Gefühl durch Merkmale, mit denen sich die Mitglieder der Gruppe
ähnlich sind und durch solche, mit denen sie sich gegenüber anderen Gruppen abgrenzen.
Soziale Gruppen sind z. B. Studierende, Mitglieder einer Religionsgemeinschaft, einer
Partei oder eines Orchesters, Angehörige einer Familie oder einer Nation.
Zu einer Gruppe dazuzugehören kann den Selbstwert steigern, ausgeschlossen sein,
kann ihn schmälern.
Im Laufe des Lebens verändern sich die Gruppenzugehörigkeiten und damit auch ein
Stück unserer Identität. Nicht immer geschieht das nach freiem Willen, z. B. wenn man
seinen Arbeitsplatz verliert (und nicht mehr zu den Erwerbstätigen gehört) oder eine
Trennung erlebt (und damit einen Teil Familienzugehörigkeit einbüßt). Auch andere sog.
kritische Lebensereignisse, wie Ende des Studiums, Umzug, Arbeitsplatzwechsel, Heirat
oder Geburten, verändern die personale Identität.
Sich mit dem Konzept der Gruppenidentität auseinanderzusetzen, ist besonders für
Füh rungskräfte interessant, die demografi sch heterogene Teams führen (s. a. Generationen
und Ethnien im Diversity Management).
3.1.2
Rollentheorie: Soziale Rolle und soziale Position
Innerhalb einer Gruppe übernimmt der Einzelne eine soziale Rolle . Die soziale Rolle ist
defi niert durch die Position in der Gruppe und die Erwartungen, die andere Gruppenmit-
glieder an diese Position richten. Verhaltenserwartungen an die Position werden Normen
genannt, deren Einhaltung durch Sanktionen von der Gruppe gesteuert wird (zur Füh-
rungsrolle vgl. auch Abschn. 1.2.4 .).
Hintergrund
Akteurmodelle
Sicher kennen Sie den Homo Oeconomicus . Das ist in soziologischer Sprache ein
Akteurmodell, nach dem der Akteur rational diejenige Handlungsalternative auswählt,
die ihm zur Erreichung seiner Ziele den größten Nutzen bringt.
3 Sozialpsychologische Grundlagen der Führung
109
Das Akteurmodell des Homo Sociologicus geht davon aus, dass das Handeln eines
Akteurs durch die Rollenerwartungen bestimmt ist, die an von ihm besetzte Rollen
gerichtet sind. Diese können ihm bewusst sein oder nicht.
Raoul Schindler hat 1957 die in Gruppen charakteristisch auftretenden Positionen inner-
halb einer Gruppe in seinem rangdynamischen Positionsmodell beschrieben (vgl.
Schindler 1973 ):
• „G“ = das Gemeinsame, auf das sich die Wirkung der Gruppe im Außen bezieht, das
gemeinsame Ziel (eine Aufgabe, ein Gegner) der Gruppe.
• „Alpha“ = Anführer/in. Diese Position defi niert das „G“ für die Gruppe und leitet sie
Richtung Ziel. Alpha ist der Anführer, solange die Gruppe seine Zielvorstellungen teilt.
• „Beta“ = Berater/in. Das ist die Position des Experten, der Alpha durch Fachwissen und
Rat unterstützt. Alpha und Beta haben dadurch ein ambivalentes Verhältnis, denn einer-
seits braucht Beta Alpha, um mit seiner Expertise wirksam zu werden, und andererseits
braucht Alpha Beta, um sich abzusichern. Gleichzeitig muss Alpha damit rechnen, von
Beta möglicherweise verdrängt zu werden.
• „Gamma“ = einfaches Gruppenmitglied, identifi ziert sich mit Alpha und seiner
Defi nition von „G“. Leistet die Hauptarbeit, ohne die Gammas wäre die Gruppe nicht
arbeitsfähig.
• „Omega“ = Gegenposition zu Alpha. Hat eine eigenständige Sicht auf „G“, wider-
spricht ggf. gegen Alphas Einschätzungen und Maßnahmen zur Zielerreichung. Wird
von Alpha häufi g als Widersacher und Störenfried empfunden, ist aber ein wichtiger
Qualitätstreiber in der Gruppe, weil Omega auf Fehler oder Unklarheiten aufmerksam
macht. Zieht häufi g auch den Unmut von Gammas auf sich, weil Omega deren
Identifi kation mit Alpha gefährdet, was zu Ausgrenzung führen kann. Zieht sich ein
Omega zurück, wird die Position von jemand anderem eingenommen.
Die vorgenannten Positionen werden unbewusst eingenommen und unbewusst von den
anderen Gruppenmitgliedern bestätigt. Omega kann Spannungen auslösen, die dazu füh-
ren, dass die Gammas das „G“ von Alpha nicht mehr akzeptieren und sich der Außensicht
von Omega oder einem Beta anschließen, die dann das neue Alpha werden.
Es gibt weitere Rollentheorien. Die vorgenannte soll exemplarisch zeigen, dass mit der
sozialen Position „Gruppenleiter“ unterschiedliche Rollenerwartungen verbunden sind, je
nachdem, von welcher anderen Position aus diese Erwartungen formuliert werden.
Position Beta will von Alpha gefragt werden, Position Gamma erwartet, dass Alpha ohne
Rückfrage weiß, was er/sie tut.
Alle in einer Gruppe verbundenen Individuen haben eine Vorstellung von Status,
Aufgabe, Funktion und angemessenen Verhaltensweisen der einzelnen Positionen. Diese
Vorstellungen müssen nicht einheitlich sein.
3.1 Grundkonzepte der Soziologie und Sozialpsychologie
110
Da der Einzelne mit unterschiedlichen Bezugsgruppen in sozialer Interaktion steht,
hat er auch unterschiedliche Rollen inne. Dies kann zu Rollenkonfl ikten führen, die man
wie folgt unterscheidet:
• Intra-Rollenkonfl ikte entstehen innerhalb einer Rolle, wenn der Rolleninhaber wider-
sprüchliche Erwartungen der beteiligten Gruppenpositionen wahrnimmt, z. B. wenn
der Vorgesetzte eine andere Reaktion erwartet als die zugeordneten Mitarbeiter oder die
Kollegen.
• Inter-Rollenkonfl ikte entstehen dadurch, dass die Person Träger mehrerer Rollen ist,
an die jeweils unterschiedliche, schwer miteinander zu vereinbarende Erwartungen ge-
richtet sind. Solche Konfl ikte werden z. B. spürbar, wenn man aus dem Kollegenkreis
zum Vorgesetzten aufsteigt und die alten Freunde weiterhin freundschaftliches
Verhalten erwarten oder, wenn man ein Kind bekommt, damit in die Elternrolle schlüpft
und die Rollenerwartungen aus der Sportmannschaft dazu in Widerstreit geraten.
Praxis
Rollenklärung für neu ernannte Führungskräfte
Wenn Sie eine Führungsaufgabe neu übernehmen (oder auch wenn längere Zeit verstri-
chen ist), dient es der eigenen Professionalisierung, sich der Erwartungen bewusst zu
werden, denen man in den unterschiedlichen Kontexten seines Lebens ausgesetzt ist.
Folgende Fragen sind dabei hilfreich:
• Machen Sie sich bewusst, in welchen Bezugsgruppen Sie zu Hause sind. Denken Sie
auch an solche Bezugspersonen, die gerne eine Gruppe mit Ihnen bilden würden.
• Welche Positionen haben Sie in Ihren Bezugsgruppen inne? (Nehmen Sie vielleicht
nur grob die drei: Leiter, Berater/Kritiker, Mitwirkender)
• Markieren Sie (um für weiterführende Überlegungen zu priorisieren) jeweils die drei
Rollen/Gruppen, a) mit denen Sie die meiste Zeit verbringen, b) die Ihnen am häu-
fi gsten Kopfzerbrechen machen, c) die Ihnen am meisten Energie/Freude bringen.
(Es könnten jetzt drei bis neun Gruppen sein, über die Sie weiter nachdenken)
• Überlegen Sie für jede Gruppe, welche Erwartungen von den einzelnen Positionen
an Sie gerichtet werden? Welchen können/wollen Sie nicht entsprechen?
• Wie können Sie mit den Betroffenen ein Gespräch über deren mögliche Erwartun-
gen und Ihre erwartbaren Möglichkeiten führen?
3.1.3
Kultur: Soziale Normen und Werte
Um das Wort Kultur umfassend zu erörtern, könnte man ein ganzes Buch schreiben. Kurz
gesagt, soll hier zunächst alles darunter verstanden werden, was der Mensch installiert, um
sein Zusammenleben zu regeln. Dies kann bewusst oder unbewusst geschehen.
3 Sozialpsychologische Grundlagen der Führung
111
Wenn zwei Menschen miteinander in Kontakt treten, d. h. soziologisch gesehen eine
Gruppe bilden, welche Regeln gelten dann für ihre Interaktion?
Die Regeln ergeben sich aus den sozialen Normen, die im sozialen Umfeld des
Einzelnen (in seiner Gesellschaft, in seinem Kulturkreis!) als allgemein praktiziert und
akzeptiert gelten. Menschen aus einem ähnlichen Umfeld, haben ähnliche soziale Normen
und Werte.
Soziale Normen beziehen sich auf Vorstellungen, Handlungsmaximen und konkrete
Verhaltensweisen. Sie ordnen die Erwartungen der Interaktionspartner. Sie herauszubilden,
ist eine notwendige kulturelle Leistung, um die prinzipielle Offenheit menschlicher
Erfahrungen (Kontingenz) einzugrenzen und soziale Beziehungen beherrschbar zu machen.
Émile Durkheim (1858–1917) verdeutlichte als erster Soziologe, dass soziale
Strukturen, Normen und Werte unabhängig davon existieren, ob es den Betroffenen be-
wusst ist oder nicht. Sie entstehen und werden für den Wissenschaftler beobachtbar durch
Interaktion (sog. Emergenzphänomen). Durkheim unterschied in „Die Regeln der soziolo-
gischen Methode“ (1895) zwischen der Funktion von Handeln (funktionale Analyse) und
dem Entstehen von Handeln (historische Analyse). Im Kulturvergleich werden gesell-
schaftliche Strukturen, die Normen und Werte des „ kollektiven Gewissens “ und die
Sanktionsmechanismen des „kollektiven Zwangs“ besonders gut ermittelbar. Im
Fremdartigen verstehen wir das Eigene (vgl. Rosa et al. 2013 , S. 71 ff.).
Talcott Parsons (1902–1979) hat mit seinem Hauptwerk „The Structure of Social
Action“ (1937) einen sog. Referenzrahmen für soziales Handeln vorgelegt (und später
weiterentwickelt). Der „action frame of reference“ (AFR) beschreibt eine Handlung an-
hand von fünf Kategorien: 1. Akteure, 2. Ziel der Akteure, 3. Objekte der Situation, 4.
befolgte Normen und 5. angestrebte Werte und macht sie dadurch einer soziologischen
Analyse zugänglich. (vgl. Rosa et al. 2013 , S. 156 ff.)
Diese einleitenden Hintergründe sind hilfreich, wenn man sich als Führungskraft mit
Phänomenen wie Team-, Organisations- oder Unternehmenskultur beschäftigt. Ziel ist da-
bei, die bestehenden Normen und Werte zu verstehen, bevor man sie ggf. zu gestalten
versucht.
3.1.4
Formelle und informelle Führung
Als grundlegendes Konzeptmerkmal der Soziologie soll das Begriffspaar formell/infor-
mell eingeführt werden. Es hilft zu verdeutlichen, dass es im Arbeitskontext (wie in jedem
menschlichen Beziehungssystem) immer eine öffentliche, geregelte, bewusste Seite des
Handelns gibt sowie eine unbewusste, stillschweigend vereinbarte Seite, die sehr macht-
voll sein kann.
In der Soziologie unterscheidet man zwischen formellen Gruppen (wie z. B. Abteilun-
gen, Familien), die ein gemeinsames Ziel und formale Regeln haben, wie man z. B. Mitglied
wird oder wie man sich verhalten soll, und informellen Gruppen , die sich zufällig bilden
3.1 Grundkonzepte der Soziologie und Sozialpsychologie
112
(z. B. in der Teeküche oder in der Raucherecke), keine formalen Strukturen oder Ziele ha-
ben, aber durchaus auch Regeln und Rollen kennen. Die Clique ist eine typische informelle
Gruppe, deren Rollenerwartungen vielleicht dadurch zu Inter-Rollenkonfl ikten führen, weil
sie von denen einer formellen Gruppe, wie z. B. Familie, stark abweichen.
Macht kann formell ausgeübt werden, z. B. durch eine gewählte Kanzlerin oder einen
bestellten Vorstand. Beide können auf genau beschriebene Regeln (und einen dafür etablier-
ten Machtapparat) zurückgreifen, um ihre formelle Macht auszuüben. Macht kann aber auch
informell ausgeübt werden, indem z. B. mit Sanktionen gedroht, ein schlechtes Gewissen
gemacht oder Belohnungen versprochen werden.
Es gibt auch die Unterscheidung zwischen formellem und informellem Führer. Formeller
Führer ist, wer zur Führungskraft ernannt oder als Leiter gewählt wurde. Informelle Führer
haben keinen formalen Führungsauftrag, sie führen, weil sie sich für den Zusammenhalt der
Gruppe engagieren (Beliebtheitsführer) oder für die Erreichung des Teamzieles einsetzen
(Tätigkeitsführer).
Hintergrund
Informelle Führungspositionen
Robert Freed Bales (1916–2004) beschrieb in den 1950er-Jahren das sog. Führungsdual.
Dieses sieht vor, dass es zwei informelle Positionen in einer Gruppe gibt, die des
Beliebtheits- und die des Tätigkeitsführers (vgl. Weinert 2004 , S. 413).
Auf Bales gehen auch zwei Methoden der empirischen Sozialforschung zurück:
(1) die Interaktionsprozessanalyse (IPA), die zwei Beobachtungsebenen einführ-
te, nämlich zwischen aufgabenorientierten Interaktionen und sozio-emotiona-
len Interaktionen zu unterscheiden (vgl. dazu auch die Kommunikationsebenen
in Abschn. 4 zur Kommunikationspsychologie) und
(2) die daraus entwickelte SYMLOG-Methode (System for the Multiple Level
Observation of Groups), einem validierten Instrument zur Messung von Team-
Effektivität (vgl. www.symlog.com ).
Es gibt viele soziale Gruppen ohne formellen Führer. Das sind z. B. die Arbeitsgrup-
pen, die in Seminaren gebildet werden, um etwas auszuarbeiten. Diese haben dennoch
Füh rungspositionen, die von informellen Führern besetzt sind. Ihre Wahl ist Gruppendy-
namik (Defi nition s. u. Abschn. 3.1.5 ): Einige Gruppenmitglieder bieten an, in die Füh-
rungsrolle zu gehen, die anderen Gruppenmitglieder lassen es zu. Typische Rollenaufgaben
in der Gruppenarbeit sind z. B. an die Zeit erinnern, die Aufgabe vorantreiben, die Gruppe
ablenken o. ä.
Als formelle Führungskraft muss man sich bewusst sein, dass es auch informelle Führer
gibt. Deren informelle Macht ist ein sehr wirksames Mittel, um die eigene formelle Macht
zu stützen. Falls formelle und informelle Führungskraft gegenläufi ge Ziele verfolgen,
wird dies zu Unruhe und Spannungen führen.
Von der informellen Führung zu unterscheiden, ist die laterale Führung . Darunter
versteht man die bewusst installierte „Führung ohne Weisungsbefugnis“, z. B. in Projekt-
gruppen, Netzwerken etc. (Mehr dazu in Abschn. 3.2.5 .)
3 Sozialpsychologische Grundlagen der Führung
113
3.1.5
Gruppendynamik
Der Begriff der Gruppendynamik geht auf Kurt Lewin (vgl. Info-Kasten) zurück, der
sich in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts mit der Frage einer einheitlichen
Wissenschaftslehre auseinandersetzte (vgl. hierzu und im Folgenden Back und Neary
1992 , S. 102 ff.).
Lewin zeigte auf, dass gleiche Phänomene von den jeweiligen Wissenschaften unter-
schiedlich betrachtet werden. Das Phänomen „Mensch in der Gruppe“ erfordere eine neue
Wissenschaft, weil sich die „Psychologie eines Individuums“ und die „Psychologie einer
Gruppe“ grundlegend voneinander unterschieden: Während das Verhalten des Individuums
kaum vorhersagbar sei, sei es das Verhalten einer Gruppe sehr wohl. In Abgrenzung zur
Individualpsychologie begründete Lewin daher die Wissenschaft der Gruppendynamik,
eine Forschungsrichtung, die sich unabhängig von der Sozialpsychologie entwickelte und
dennoch inhaltliche Bezüge teilt. Die Sozialpsychologie konzentriert sich auf das Verhalten
des Individuums in der Gruppe; die Gruppendynamik auf die Struktur und Funktion der
Gruppe, auf ihr Verhältnis zum Individuum und zu großen sozialen Gebilden.
Die Gruppendynamik ist wissenschaftsgeschichtlich ein interessantes Beispiel, um zu
zeigen wie die Produktion und Rezeption von Forschungsergebnissen von ihrer Epoche
abhängt. Die Organisation der Massengefolgschaft im Faschismus, die Idee eines aus sich
selbst heraus produktiven Arbeitskollektivs im Sozialismus, die Förderung von Freiheit
und Selbstfi ndung in Wohngemeinschaften, die Suche nach dem Teamgeist für mehr
Produktivität von Arbeitsteams in der Automobilindustrie waren Forschungsgegenstand
und Ergebnisverwerter der gruppendynamischen Forschung. Ideologisch kann man zwi-
schen zwei Polen unterscheiden: dem Pol „Gemeinschaft stärken, um die Schwächen des
Individuums auszugleichen,“ und dem Pol „Individualität stärken, um Höchstleistungen
zu erzielen“. Dazwischen schwanken die Ideologien zur richtigen Form des Zusam-
menlebens und Zusammenarbeitens hin und her. Die in Experimenten mit Gruppen ge-
wonnenen Erkenntnisse sind theoretisch neutrale Fakten, die in der Betriebswirtschaftslehre
meist unter dem Begriff Organisationspsychologie weiterverfolgt werden. Auch aktuelle
sozialpsychologische Fragen, wie die Entstehung von Extremismus, von Feindseligkeiten
zwischen ethnischen Gruppen oder die Eskalation von Konfl ikten, werden mit Hilfe der
Gruppendynamik weiter untersucht.
Hintergrund
Kurt Lewin (1890–1947): Gestalt- und Feldtheorie
Kurt Tsadek Lewin wurde am 09.09.1890 in Mogilno (damals Provinz Posen/
Westpreußen, heute Polen) als eines von sechs Kindern jüdischer Eltern geboren. 1905
zog die Familie nach Berlin, wo der Vater ein Handelshaus eröffnete und Lewin das
evangelische Kaiserin-Augusta-Gymnasium besuchte. 1909 begann er ein Medizin-
studium in Freiburg, wechselte später nach Berlin. Dort hatte Carl Stumpf 1894 das
Psychologische Institut gegründet, an dem seine Schüler Wolfgang Köhler, Max Wert-
heimer und Kurt Koffka die Gestalttheorie entwickelten.
3.1 Grundkonzepte der Soziologie und Sozialpsychologie
114
Die Gestalttheorie geht davon aus, dass der Mensch die Wirklichkeit nur selektiv
wahrnimmt und sie deshalb gestaltet. Dabei lassen sich Gesetzmäßigkeiten beschrei-
ben, wie z. B. Selektion nach der Ähnlichkeit. Bekannte Vexierbilder sind ein
Randresultat gestaltpsychologischer Forschung.
1914 meldete sich Lewin freiwillig zum Kriegsdienst, führte gleichzeitig aber seine
Studien weiter und schließt sein Studium 1916 mit der Promotion ab. In seinem Aufsatz
„Kriegslandschaft“ von 1917 zeigt Lewin beispielsweise auf, dass ein Soldat im
Kampfeinsatz die ihn umgebende Landschaft nicht als Einheit begreift, sondern in
Kriegs- und Friedenszonen, Gefahrenherde und Rückzugsbereiche zerlegt. Dieser Text
gilt als erste Konzeption der von Lewin entwickelten „Feldtheorie“, dazu gleich mehr.
Kurz vor Kriegsende wird Lewin schwer verwundet und muss über acht Monate im
Krankenhaus bleiben. 1919/20 beantragt er seine Habilitation. Pikanterweise wird
diese Arbeit zur Wissenschaftstheorie und ersten Überlegungen zur Gruppendynamik
zurückgewiesen, stattdessen aber eine Arbeit über Assoziationen anerkannt.
Von 1920 bis 1933 lehrte er an der Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität, führte
gemeinsam mit seinen Doktoranden zahlreiche experimentalpsychologischen Studien
durch, mit denen er die Feldtheorie näher begründete. Nach dieser Theorie ist Verhalten
(V) eine (mathematische) Funktion von Person (P) und Umwelt (U), also V = f (P, U): Je
nachdem wer (P) sich wo (U) befi ndet, wird daraus ein anderes Verhalten folgen. Wir
verhalten uns in einer Kirche anders als auf einem Sportplatz und ein Profi sportler verhält
sich dort anders als ein LKW-Fahrer. Lewin hat versucht, die in einem Feld wirkenden
Kräfte mit Valenzen zu gewichten und mit Vektoren darzustellen. Zur Analyse nutzte er
Filmaufnahmen (von denen einige über die Uni Würzburg abrufbar sind: http://www.
awz.uni-wuerzburg.de/archiv/fi lm_ foto_ tonarchiv/fi lmdokumente/kurt_tsadek_lewin/).
Lewin verschaffte sich durch Publikationen und Vorträge internationale Anerken-
nung und konnte 1933 in die USA emigrieren. 1935 kehrte er kurz nach Deutschland
zurück, um seine Mutter nach dem Tod des Vaters nachzuholen. Diese verblieb jedoch
in Deutschland und verstarb 1943 mit 76 Jahren im Vernichtungslager Sobibor.
In den USA forschte er über Führungsverhalten und begründete 1944 das Research
Center on Group Dynamics am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Weite
Rezeption und damit Berühmtheit erlangte er mit seinen Experimenten zur Erforschung
der Führungsstile (vgl. Abschn. 5.3.1 ) sowie den grundlegenden Erkenntnissen der
Gruppen dynamik (vgl. Haupttext), die als wichtige Grundlage der Organisationspsychologie
und damit der Team- und Organisationsentwicklung dienen.
Quellen: Vgl. Marrow 2002 ; Lück 2011 ; Lewin 2012 , http://www.kurt-lewin.de ,
http: //www.newworldencyclopedia.org/entry/Kurt_Lewin [2016-03-31].
3.2
Das soziale System Gruppe
Teams und Gruppen werden gebildet, wenn eine Person allein die Aufgabe(n) nicht bewäl-
tigen kann. „Gruppenarbeit ist im Unterschied zur Einzelarbeit dadurch bestimmt, dass
eine Arbeitsaufgabe von mehreren Arbeitern gemeinsam erledigt wird, wobei die
3 Sozialpsychologische Grundlagen der Führung
115
verschiedenen Tätigkeiten unmittelbar aufeinander bezogen und zeitlich eng miteinander
verknüpft sind“ (Antoni 2003 , S. 413). Von Teamarbeit spricht man, wenn eine Gruppe
von Personen zusammenarbeitet, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen.
3.2.1
Arbeitsgruppe und Hochleistungsteam
Die Bezeichnung Team steht in der Praxis häufi g als Akronym für „ T oll, e in a nderer
m acht’s“. Damit wird das Phänomen des „ Social Loafi ng “ erfasst. „To loaf“ meint herum-
bummeln, faulenzen – hier: zu Lasten anderer. „Social Loafer“ genießen den Erfolg des
Teams bei gemindertem Individualengagement. Ist die individuelle Leistung schwer iden-
tifi zierbar und bewertbar oder erkennen einzelne Teammitglieder, dass das Gesamtergebnis
auch ohne ihr aktives Handeln erreicht wird, begünstigt dies das Social Loafi ng (vgl.
Aronson et al. 2014 , S. 280 ff.).
Dem gegenüber steht das Ideal des Teamplayers , der sich für seine Mannschaft auf-
reibt. Katzenbach/Smith haben 1985 mit ihrem Buch „Teams. Der Schlüssel zur Hochleis-
tungsorganisation“ einen Defi nitionsrahmen für Gruppenarbeit und Teamarbeit vorgelegt.
Nach Ausmaß und Wirkung der Gruppenleistung unterscheiden sie fünf Arten von Ar-
beitsgruppen (vgl. Abb. 3.1 ).
(1) Die Arbeitsgruppe . Sie arbeitet zweckorientiert mit klarer Aufgabenteilung. Die
Zusammenarbeit beschränkt sich auf Informations- und Erfahrungsaustausch, jedes
Teammitglied erbringt seine individuelle Bestleistung. Typisch z. B. für ein
Vorstandsgremium.
(2) Das Pseudo-Team . Es existiert formal, doch gibt es keine gemeinsamen Ziele oder
Lösungsinteressen. Der Einzelne verfolgt seine persönlichen Interessen, die Zusam-
menarbeit wird nicht koordiniert, die Teamleistung ist dadurch geringer als die Summe
der Einzelleistungen.
(3) Das potenzielle Team . Seine Mitglieder bemühen sich um gemeinsame Ergebnisse,
aber sie teilen die Verantwortung für die Ergebnisse nicht, haben kein gemeinsames
Verständnis über das geeignete Vorgehen und die gegenseitige Abhängigkeit.
(4) Das echte Team . Es hat ein gemeinsames Ziel und einen gemeinsamen Arbeitsansatz.
Die Fähigkeiten der Teammitglieder ergänzen sich. Jeder fühlt sich für die gemeinsa-
men Ziele, die gemeinsame Sache und die anderen Teammitglieder verantwortlich.
(5) Das Hochleistungsteam . Über die Merkmale des echten Teams hinaus engagieren
sich seine Mitglieder für die Weiterentwicklung der eigenen Fähigkeiten, der
gemeinsamen Ziele und Arbeitsprozeduren. Es besteht eine emotionale Bindung an
die Aufgabe, das Ziel, das Unternehmen und das Team.
Arbeitsaufgabe und Ziel bestimmen, welche Teamform am besten geeignet ist. Eine Ar-
beitsgruppe kann, wenn sie gut geführt ist, gute Arbeitsergebnisse bringen. Das Hochleis-
tungsteam braucht qualifi zierte, sozial kompetente Mitglieder sowie viel Freiraum, um sich
entwickeln zu können, damit seine Hochleistung messbar werden und sich auszahlen kann.
3.2 Das soziale System Gruppe
116
Folgende Voraussetzungen sollten für positive Effekte von Teamarbeit gegeben sein
(vgl. Rosenstiel 2003 , S. 326 ff.):
• Die Aufgabe , die in der Gruppe gelöst werden soll, kann durch das Zusammenspiel
von mehreren besser gelöst werden als durch einen allein.
• Unterschiedliche Aspekte der Aufgabenstellung sollten durch jeweils unterschiedlich
kompetente Gruppenmitglieder repräsentiert sein, so ergänzen sich die Teammitglie-
der gegenseitig.
• Alle Gruppenmitglieder sollten die gleiche (Fach-)Sprache sprechen, ein ähnliches
Verständnis von Begriffen und der Fachterminologie haben.
• Die ideale Gruppengröße liegt bei 5–7 Personen . Bei größeren Gruppen steigen die
Reibungsverluste und die Beiträge des Einzelnen sind weniger sichtbar, was sich nega-
tiv auf dessen Motivation auswirkt.
• Die persönlichen Beziehungen zwischen den Teammitgliedern sollten nicht schon im
Vorfeld belastet sein (es sei denn, die zentrale, wenn auch vielleicht nicht offensichtli-
che, Teamaufgabe bestünde darin, durch die gemeinsame Arbeit einen Konfl ikt zu be-
wältigen).
• Die Gruppe erarbeitet sich Regeln zur Arbeits- und Vorgehensweise (z. B. zur Moderation,
Diskussion, Dokumentation), um allen gleichermaßen Orientierung zu geben.
Jede Teamform braucht auch ihren Führungsstil . (vgl. dazu Abschn. 5.3 )
In der Arbeitsgruppe koordiniert die Führungskraft die Verteilung von Aufgaben . Das
Pseudo-Team sollte die Führungskraft moderierend zu einem echten Team entwickeln.
Arbeitsgruppe
Pseudo-Team
Potenzielles Team
Echtes Team
Hochleistungsteam
Wirksamkeit
der Leistung
Ausmaß der genutzten Leistung
Abb. 3.1 Teamarten nach Katzenbach und Smith. Quelle: Katzenbach, J.R.; Smith, D.K.: Teams.
Der Schlüssel zur Hochleistungsorganisation, Frankfurt/ Wien 1993, 2003. S. 121 ff
3 Sozialpsychologische Grundlagen der Führung
117
Im echten Team ist die Führungskraft nur noch als Sprecher bei Außenkontakten und
Helfer beim Umgang mit Hindernissen oder Konfl ikten gefragt.
Die bereits in Abschn. 1.2.3 angesprochene Lokomotionsfunktion der Führung be-
deutet für die Teambildung, dass die Führungskraft die Teammitglieder für ein gemeinsa-
mes Gruppenziel gewinnen muss. Als Gruppenziel gilt jenes Ziel, welches von den
meisten Gruppenmitgliedern akzeptiert wird (vgl. Comelli et al. 2014 , S. 162 f.). Dies ge-
lingt dann, wenn der Einzelne die Möglichkeiten der individuellen Bedürfnisbefriedigung
durch die Erreichung der Gruppenziele erkennt. Die Führungskraft hat also die Aufgabe,
das Gruppenziel zu klären, die Bedürfnisstruktur des einzelnen zu erfassen und sie in
Bezug zum Gruppenziel zu setzen.
Die Kohäsionsfunktion der Führung zielt auf den Zusammenhalt als Voraussetzung
zur gemeinsamen Zielerreichung und zum Verbleib im Team ab. Die Führungskraft muss
Gelegenheiten für gemeinsame Aktivitäten schaffen, weil mit steigender Kontakthäufi gkeit
die Chance zum Aufbau positiver Beziehungen wächst.
3.2.2
Teamentwicklungsphasen
Ein Team besteht nicht von Anfang an, es entwickelt sich aus einer Gruppe von Einzelper-
sonen, wobei etwas entsteht, was es vorher nicht gab. Das gängige Tuckman-Modell der
Gruppenentwicklung (vgl. Tuckman 1965 ) teilt den Teamentwicklungsprozess in fünf
Phasen ein (vgl. hierzu ausführlich Stahl 2012 , S. 46 ff.). Aus der Übersicht in Abb. 3.2
wird deutlich, dass ein Team erst ab der dritten Phase wirklich arbeitsfähig wird.
Für den Teamentwicklungsprozess ist dabei wichtig, dass alle Phasen durchlaufen
werden. Häufi g werden jedoch die Konfl ikt- oder die Normierungsphase unterdrückt.
Dies hat allerdings den Effekt, dass diese Phasen später nachgeholt und durchlaufen wer-
den. Wenn ein Teamleiter also keinen Raum für die Konfl ikt- oder Normierungsphase
gibt, erfolgen diese evtl. unkontrolliert zu einem späteren Zeitpunkt – in der Regel zu
einem ungünstigen.
Um eine Gruppe zu einem belastbaren Team zusammenzuführen, muss die Führungs-
kraft dafür sorgen, dass alle Phasen durchlaufen werden können.
Die Führungskraft hat eine wichtige Aufgabe in der Teamentwicklung , die ihr von
Mitarbeitern und Vorgesetzten oft nicht als solche zugestanden wird: Sie muss die unter-
schiedlichen Entwicklungsphasen erkennen und durch ein angepasstes Führungsverhalten
unterstützen (vgl. im Folgenden auch Stock-Homburg 2013 , S. 612). In der Stufe des
Forming ist ein kooperativ-beziehungsorientierter Führungsstil vorteilhaft, in der sich die
Führungskraft als Beziehungsmanager versteht. Im anschließenden Storming-Prozess ist
die Führungskraft als Schlichter und Strukturgeber gefordert und kann dies durch ein
kooperativ- autoritäres Auftreten sinnvoll begleiten. Wird sie in dieser Phase von
Teammitgliedern in ihrer Führungsposition in Frage gestellt, braucht sie Rückhalt durch
den eigenen Vorgesetzten. In der Norming-Phase hilft ein kooperativ-bürokratischer
3.2 Das soziale System Gruppe
118
Führungsstil, die notwendige Koordination und Strukturbildung umzusetzen. Ist das Team
in der Performing-Phase angekommen, ist ein kooperativ-delegatives Führungsverhalten
sinnvoll, da der Vorgesetzte hiermit die notwendige Coach-Funktion gut umsetzen kann.
Phase
Kennzeichen
Führungsempfehlung
Formierungs
phase
(Forming)
o Unsicherheit, Neuheit/
Kennenlernen von Personen und
Aufgaben
o Hohe Erwartungen und faktisches
Abwarten
o Beobachten des Teamleiters
o Entdecken, Testen, Bewerten von
verschiedenen Verhaltensweisen
o Kick-Off-Veranstaltung mit
Warm-Up-Techniken
o Klare Aufgabenstellung
o Regelmäßige Meetings mit
verlässlichem Ablauf
Konflikt-
phase
(Storming)
o Austesten von Grenzen
o Sach- und Beziehungskonflikte
o Cliquenbildung und Polarisierungen,
um den individuellen Standpunkt zu
klären
o Widerstand gegen einzelne
Mitglieder oder die Führungskraft
o Entstehen von Gruppennormen und
Rangordnung
o Moderation von Workshops zu
Spielregeln im Umgang mit
Konflikten, zur Klärung von
Rollen und Festlegung von
Vorgehensweisen
o Verdeutlichen des
gemeinsamen Ziels
o Bewusstes Ansprechen von
Normen und Rollen
o Aufbau von Sozial- und
Methodenkompetenz
Normierungs
phase
(Norming)
o Entwicklung von Konsens und
Respekt in der Gruppe > Wir-Gefühl
o Gruppe will Gruppenerhalt und
Weiterentwicklung
o Etablierte Spielregeln und Abläufe,
die Gruppe ist arbeitsfähig.
o Wechsel von der eher direktiven
Führung zur beratend-
unterstützenden Führung
o Wissensvermittlung, Ausbau
von Sach- und Fachkompetenz
Arbeitsphase
(Performing)
o Aufgaben- und zielorientiertes
Arbeiten
o Motivation, Vertrauen und
Kooperation sind in der
Kommunikation erkennbar
o Energie wird nun hauptsächlich für
die eigentliche Aufgabe verwendet
o Konstruktives Geben und Nehmen
von Kritik. Gruppe ist sehr
leistungsfähig
o Fördern von
Eigenverantwortung und
Eigeninitiative
o Moderation von Workshops zu
Zielvorgaben und
Weiterentwicklung der
Teamkultur
o Auf gruppendynamische
Entwicklungen achten (wie z.B.
verminderte Risikowahrnehmung)
Team-
auflösung
(Adjourning)
o Eine Aufgabe/ ein Projekt ist
beendet, oder
eine Gruppe/ Abteilung wird
aufgelöst
o Gefühle der Erleichterung oder
Wehmut über das Projektende
treten auf
o Neue Interessen rücken in den
Vordergrund, ggf. Sorgen über die
Zukunft
o Projekt sichtbar abschließen
und Leistung der Einzelnen im
Team würdigen
o Gestalten von Abschiedsritualen
mit Fokus auf die Zukunft
Abb. 3.2 Teamentwicklungsphasen und Führungsverhalten. Quelle: eigene Darstellung - hatten
wir bisher immer angegeben
3 Sozialpsychologische Grundlagen der Führung
119
3.2.3
Der Wunsch nach Zugehörigkeit (Input-output-Hypothese)
Was bewegt jemanden, zu einer Gruppe dazu gehören zu wollen? Nach der Input- output-
Hypothese lautet die Antwort: Wenn ihm die Gruppe mehr gibt, als er in sie investiert.
Eine Gruppe gibt Schutz, Sicherheit, Anerkennung, Erfolgserlebnisse. Auf der anderen
Seite nimmt sie Zeit, fordert das Einhalten von Regeln und Normen, die Übernahme von
Aufgaben und das Erbringen von Leistungen. Welche Faktoren dabei wie gewichtet wer-
den, ist vom subjektiven Erleben des Einzelnen abhängig (Abb. 3.3 ).
Im positiven Sinne besagt die Input-output-Hypothese, dass eine Gruppenmitgliedschaft
attraktiv ist, wenn der (erwartete) Output höher ist als der individuelle und subjektiv wahr-
genommene Input. Entsprechend werden Personen aus der Gruppe austreten (wollen),
wenn der Input zu hoch, der Output zu gering oder möglicherweise das Verhältnis in einer
anderen Gruppe besser erscheint. So ist erklärbar, warum Menschen die Firma verlassen,
einem anderen Projekt zugeordnet werden oder die Abteilung wechseln wollen (Abb. 3.4 ).
3.2.4
Gruppendynamische Phänomene
Zu den Erkenntnissen der Gruppendynamik (vgl. Abschn. 3.1.5 ) gehören folgende wichti-
ge gruppendynamische Phänomene (vgl. auch Rosenstiel 2014 , S. 337 ff. und Weibler
2016 , S. 78 ff.):
• Gruppengeist und Wir-Gefühl : Der Gruppengeist kann als das gemeinsame Gedankengut
einer Gruppe verstanden werden, das sich aus dem Gruppenzusammenhalt ergibt und sich
als gruppenspezifi sches „Wir-Gefühl“ ausdrückt. Das Wir-Gefühl bewirkt regelmäßig eine
„gemeinsam sind wir stark“ Denkhaltung, deren Gefahr darin besteht, die eigenen
(Gruppen-) Kräfte zu überschätzen. Dies tritt vor allem dann auf, wenn sich eine Gruppe
gegenüber einer anderen durchsetzen will oder mit ihr in Konkurrenz steht. Die Gefahr kann
in der Überschätzung der eigenen Leistung, aber auch in der Unter schätzung der Leistung
von anderen (Konkurrenzanbieter, Linienabteilungen, andere Projektgruppen) liegen.
• Nivellierungseffekte : Bei Gruppen ist regelmäßig ein Trend zur Mitte festzustellen.
Darunter ist zu verstehen, dass Gruppenmitglieder tendenziell nach Ähnlichkeiten
Wunsch nach Zugehörigkeit
Input
(Leistung für die Gruppe)
Output
(Erfolg durch die Gruppe)
Einschätzung von
Input und Output
erfolgt subjektiv!
Abb. 3.3 Input-output-Hypothese der Gruppenzugehörigkeit, in Anlehnung an Comelli et al. 2014 ,
S. 159
3.2 Das soziale System Gruppe
120
suchen, um Gemeinsamkeiten feststellen und den Gruppenzusammenhalt unterstützen
zu können. Hierzu gehört auch, dass (meist unbewusst) sozialer Druck auf Mitglieder
ausgeübt wird, die abweichende Meinungen äußern oder ein abweichendes Verhalten
zeigen. Durch den sozialen Druck soll Konformität hergestellt werden, die das Erreichen
der Gruppenziele gewährleisten soll. Vor diesem Hintergrund ist auch zu verstehen, dass
manche Entscheidungen aus Gruppendiskussionen zwar objektiv kein besseres Ergebnis
erzielen als durch die Entscheidung einer Einzelperson (z. B. der Führungskraft) zustan-
de gekommen wäre, allerdings eine Akzeptanz der Entscheidung (Konformität) erzielt
wird, die ein Einzelner nicht erreicht hätte. Womöglich war die Gruppe als solche die
ganze Diskussion über (unbewusst) „nur“ damit beschäftigt, Konformität herzustellen
oder zu erhalten. Für viele Entscheidungen mag die Akzeptanz der Grup penmitglieder
wichtiger sein, als das Entscheidungsergebnis selbst. Wichtig ist, die Entscheidungen
nicht zu „nivellieren“, bei denen es um wesentliche Inhalte geht.
• Risikoverschiebung : Das Phänomen der Risikoverschiebung besagt, dass die Risikobe-
reitschaft einer Gruppe höher ist, als die Risikobereitschaft jedes Einzelnen gewesen wäre,
wenn die Gruppenmitglieder hätten individuell entscheiden müssen. Das „Gemeinsam sind
wir stark“-Phänomen bedeutet also auch „Gemeinsam sind wir mutiger“. Zur Begründung
können die bisherigen Ausführungen herangezogen werden: Konformitäts druck sorgt da-
für, dass weniger Widersprüche geäußert werden, Kritiker verstummen also schneller. Die
aus dem Gruppengeist abgeleitete Selbstüberschätzung führt zu einer Desensibilisierung
gegenüber Gefahren und zur Risiko-Blindheit. Gruppenmitglieder glauben unter anderem,
das Gesamtrisiko würde sich auf alle verteilen und somit individuell geringer werden.
• Reaktion auf Angriff : Im Gegensatz zu Risikoverschiebung und Nivellierungseffekten
ist bei einem (verbalen) Angriff auf eine Gruppe festzustellen, dass sich hier jeder
Einzelne persönlich angegriffen fühlt (zumindest wenn eine Identifi kation mit der
Gruppe besteht). Je höher die individuelle Gruppenidentifi kation ist, desto stärker wird
auch der Angriff empfunden bzw. desto heftiger ist die individuelle Reaktion auf den
Angriff. Häufi g trauen sich Führungskräfte nicht, Personen direkt zu kritisieren. Es
scheint einfacher, unpersönlich eine ganze Gruppe mit unangenehmen Dingen anzu-
sprechen. Kritik wird daher in Teambesprechungen an alle gerichtet, auch wenn nur
eine Minderheit angesprochen werden soll („die Betroffenen wissen Bescheid“).
Gruppendynamisch logisch ist, dass sich das Team gegen den Angreifer, also die
Führungskraft, solidarisiert.
Input
Output
o Leistung
o Zielerreichung
o Loyalität
o Ungünstige Arbeitszeit, Überstunden
o Einhalten von Vorgaben, Richtlinien
o Abhängigkeiten ertragen
o Gehalt/ Geld/ Bezahlung
o Status
o Macht, Einfluss
o Interessante Tätigkeit, Erfolgserlebnisse
o Freiräume, Handlungsspielräume
o Interessante Kontakte
Abb. 3.4 Auszüge einer Input-output-Bilanz für die Zugehörigkeit zu eine Arbeitsgruppe, in
Anlehnung an Comelli et al. 2014 , S. 161.
3 Sozialpsychologische Grundlagen der Führung
121
Zur Gestaltung gruppendynamischer Prozesse sind professionelle Teamtrainings oder
Teamentwicklungsmaßnahmen geeignet. Dabei bearbeiten die Mitarbeiter Teamaufgaben
und erhalten theoretische Hintergrundinformationen. Teamtrainings sind eine präventive
Maßnahme. Wenn bereits größere Probleme aufgetreten sind, ist ein Konfl iktmanagement-
Seminar bzw. Teamcoaching angezeigt.
3.2.5
Lateral Führen
Das Phänomen der Teamführung ohne Weisungsbefugnis wurde bereits angesprochen (vgl.
Kap. 1.4.1 S. 7). „Lateral“ heißt „von der Seite“ und eben nicht wie bei der hierarchischen
Führung „von oben“, d. h. ein Kollege soll Kollegen führen. Dafür gibt es nur in den wenigsten
Arbeitskontexten Regeln und begleitende Unterstützung. Die Vorgesetzten gehen einfach da-
von aus, dass sich Erwachsene schon einig werden und dass es besser ist, wenn keiner der
Kollegen eine irgendwie hervorgehobene Position hat. Das ist mehrheitlich in Projektteams der
Fall, aber auch in Arbeitsgruppen, die im Laissez-Faire-Stil (vgl. Abschn. 5.3 ) geführt werden.
Die laterale Führungskraft bekommt offi ziell häufi g lediglich den Auftrag, Aktivitäten
von Kollegen zu koordinieren. Dass sie dabei auch führen soll und muss, ist meist nicht
transparent. Koordinieren bedeutet: Aufgaben und Tätigkeiten aufeinander abstimmen.
Führen bedeutet: Ein gemeinsames Ziel defi nieren und die Tätigkeiten daraufhin ausrich-
ten. Dabei gilt es, möglicherweise gegenläufi ge Einzel- oder Abteilungsinteressen zu
überwinden. Das ist die große Herausforderung für den lateralen Führer.
Laterale Führung liegt auch vor, wenn Geschäftsinteressen z. B. mit Kunden und
Lieferanten sondiert werden. Hier wäre eine hierarchische Überstellung gar nicht um-
setzbar. Auch in Leitungsgremien oder in der Beratung kann Führung nur lateral ausge-
übt werden.
Die Instrumente lateraler Führung sind eher informell (zu den formellen Führungs-
instrumenten vgl. Abschn. 6 ). Sie beziehen sich auf die Verständigung über Denk-
modelle, die Verbesserung der Kommunikation, vertrauensbildende Maßnahmen und
informelle Machtausübung. Aufgrund des Buchtitels „Mitarbeiterführung“ muss für
weitere Ausführungen zur „Kollegenführung“ auf die Literatur verwiesen werden,
z. B. auf Faltin 2012 ; Stöwe und Keromosemito 2013 und Krämer et al. 2015 .
3.2.6
Virtuell Führen
Vor dem Hintergrund zunehmender Globalisierung und Wettbewerbsdynamik haben sich
in Unternehmen spezielle Formen der Arbeitsorganisation entwickelt, um auf diese
Herausforderungen zu reagieren. Flexible, dezentrale Organisationsformen stellen beson-
dere Anforderungen an die Führungskräfte. Typische Ansätze sind in diesem
Zusammenhang virtuelle Teams oder nur temporär existente Projektgruppen . Beiden
Organisationsformen ist die Forderung nach effi zienter Kommunikation inhärent, da
3.2 Das soziale System Gruppe
122
sowohl in virtuellen als auch in projektbezogenen Teams ein hoher Abstimmungs- und
Koordinationsaufwand besteht, der vor dem Hintergrund spezifi scher Rahmenbedingungen
erfüllt werden muss.
Virtuelle Teams (vgl. grundsätzlich Herrmann et al. 2012) sind insbesondere durch eine
geografi sche Dezentralität gekennzeichnet (vgl. Bühlmann 2008 , S. 36), die dazu führt,
dass einzelne Mitglieder an verschiedenen Standorten und eventuell zu unterschiedlichen
Zeiten arbeiten. Die Kooperation erfolgt selten über Face-to-Face-Kommunikation , son-
dern überwiegend mithilfe elektronischer Kommunikationsmedien wie z. B. E-Mails,
Video- Conferencing, Chats, Groupware. In Abhängigkeit des relativen Anteils digitaler
Kommunikation , der durchschnittlichen Entfernung der Mitglieder untereinander, der
Anzahl der Teamstandorte sowie der Zahl der involvierten Kulturkreise wird der Grad
der Virtualität bestimmt.
In der mediengestützten Kommunikation und Führung, dem sog. E-Leadership (vgl.
Weibler 2016 , S. 547 ff.), fehlt die nonverbale Komponente, die einen erheblichen Teil der
Qualität zwischenmenschlicher Kommunikation ausmacht. Gestik, Mimik, Stimmmodulation
usw. fehlen als Transportmedien für Zusatzinformationen auf der Beziehungs- und Selbst-
kundgabeebene (vgl. Abschn. 4.3.2 ). Eher im Gegenteil kann digitale Kommunikation erst zu
Verzerrungen, Fehlinterpretationen oder Missverständnissen führen (vgl. Weibler 2016 ,
S. 562 ff.). Ebenso mangelt es an der Kommunikationsplattform der sog. Flurgespräche
(Floor Talks) , d. h. es kommt kaum zu spontaner, informeller Kommunikation, die hilft,
Missverständnissen vorzubeugen oder einseitige Informationsdefi zite zu beseitigen (vgl.
Bühlmann 2008 , S. 36). Mit der geringen Ko-Präsenz anderer Teammitglieder ist das Gefühl
der sozialen Isolation verbunden, welches durch die Kommunikationsdefi zite noch verstärkt
wird. Ist das virtuelle Team aus Mitarbeitenden verschiedener Länder und Kulturkreise zu-
sammengesetzt, erhöht sich die Komplexität weiter: Als zusätzliche Herausforderung kom-
men hier sprachliche und kulturelle Unterschiede zwischen den Teammitgliedern hinzu.
Für Führungskräfte ergeben sich aus den Besonderheiten virtueller Teams erhebliche
Anforderungen an das Führungsverhalten. Grundsätzlich gilt es, eine effektive Führung
über Distanz zu etablieren (vgl. Hofmann und Regnet 2014 , S. 611). Eine zentrale
Aufgabe der Vorgesetzten ist es, eine belastbare Vertrauensbasis zu und zwischen den
Mitarbeitern herzustellen, die auch dann wirksam bleibt, wenn die Teammitglieder über
einen längeren Zeitraum keinen Kontakt zueinander haben (vgl. im Folgenden Bühlmann
2008 , S. 37). Da die interpersonelle Vertrauensbasis nicht durch persönliche Kontakte auf-
gebaut werden kann, muss stattdessen verstärkt auf die Entwicklung eines aufgabenba-
sierten Vertrauens Wert gelegt werden. Durch gegenseitiges Unterstützen, kooperatives
und hilfsbereites Arbeiten sowie das Einhalten von Zusagen und Terminen kann sich
Vertrauen und damit die für die Teameffi zienz notwendige Kohäsion entwickeln. Die
Führungskraft sollte für eine hohe Kontaktdichte durch Quartalstreffen, Telefonkonferenzen
usw. unter den Teammitgliedern sorgen (vgl. Hofmann und Regnet 2014 , S. 617). Gerade
bei der erstmaligen Implementierung eines virtuellen Teams ist zu Beginn eine Kick-off-
Veranstaltung mit den Teammitgliedern unverzichtbar, damit sich alle einmal persönlich
gesehen haben.
3 Sozialpsychologische Grundlagen der Führung
123
Ein direktiver Führungsstil ist in virtuellen Teams eher ungeeignet, stattdessen werden
Aufgaben vollständig delegiert. Dies entspricht dem Grundgedanken der Super-
Leadership - Theorie , in der die Mitarbeiter zu Self-Leader n werden (vgl. Abschn. 5.5 ).
In virtuellen Teams ist es besonders wichtig, Spielregeln der Kommunikation in Ab-
stimmung mit den Teammitgliedern zu fi xieren, um Missverständnisse oder übertriebene
Erwartungshaltungen zu vermeiden. So führt z. B. das unrefl ektierte Senden von Mails (z. B.
als „Kopie an alle“) zu Effi zienzverlusten (nicht nur) in virtuellen Teams. Wenn man fortwäh-
rend online ist, führt dies zum sog. Stakkatoarbeiten mit Verlusten bezüglich Konzentration
und Produktivität. Auch die Beachtung der „ Media Richness “ (Informationsgehalt) bei der
Auswahl des geeigneten Mediums für den jeweiligen Kommunikationszweck ist eine Her-
ausforderung für Führungskräfte. Im Grundsatz gilt demnach (vgl. Möslein et al. 2014 ,
S. 590 f.):
• Die Kommunikation über informationsreiche Medien (z. B. Face-to-Face oder Video-
konferenzen) ist umso effektiver, je komplexer die zu vermittelnde Aufgabe ist.
• Die Kommunikation über informationsarme Medien (z. B. Mail oder Fax) ist umso ef-
fektiver, je strukturierter die zugrunde liegende Aufgabe ist.
Generell erfordert die Führung virtueller Teams aufseiten der Führungskräfte neben den
klassischen Führungskompetenzen auch Medienkompetenz als Grundlage für die erfolg-
reiche Leitung solcher Gruppen.
3.3
Das soziale System Unternehmen
Eine Führungskraft kann nur in dem Maße wirksam werden, wie es die Rahmenbedin-
gungen zulassen. Vor dem Hintergrund sozialpsychologischer Grundlagen sind hierbei die
Kultur und Werte sowie die gelebte und wahrgenommene Identität des Unternehmens re-
levant. So kann eine Führungskraft mit ihrem Verhalten in einem Unternehmen sehr er-
folgreich sein, im nächsten Unternehmen mit demselben Verhalten aber scheitern.
3.3.1
Konzept der Unternehmenskultur
Unternehmenskultur ist beispielsweise daran erkennbar, ob „man“ in einem Unternehmen
pünktlich zu Besprechungen erscheint und falls dies der Fall ist, aus welchem Grund. Ist
es das Interesse am Inhalt der Besprechung oder die Angst vor einer Bloßstellung beim
Zuspätkommen? Weitere bezeichnende Merkmale einer Organisationskultur sind, ob of-
fen über Konfl ikte oder Probleme gesprochen wird, ob Verantwortung abgegeben und de-
legiert oder eher kommandiert und beauftragt wird, usw.
„ Unternehmenskultur wird […] als sozialer, normativer Klebstoff (Glue) verstanden,
der eine Organisation zusammenhält“ (Heinen 1987 , S. 16), d. h. Unternehmenskultur
3.3 Das soziale System Unternehmen
124
bezeichnet die organisationsimmanenten Vorstellungs- und Interpretationsmuster ,
die das Verhalten der Mitglieder nachhaltig prägen und auf kollektiv geteilten Werte- und
Denkmustern basieren (vgl. Schein 1984 , S. 3 ff.). Zu den Bestandteilen einer Unterneh-
menskultur gehören folgende Elemente:
• Verhaltensweisen : spezifi sche Sprache (ein bestimmter „Running Gag“), Traditionen
(Feierabend-Bier) oder Rituale (Casual Friday).
• Gruppennormen : Maßstäbe und Regeln in Gruppen (Rauch- oder Handyverbot in
Besprechungen, Gruppenkasse für Verspätungen etc.)
• Bekundete Werte : (Unternehmens-) Werte, die allen bekannt und von allen akzeptiert
werden (z. B. bzgl. Qualität , Leistung , Service).
• Philosophie : Unternehmenspolitik oder Ideologie als Gruppennorm (z. B. „Work hard,
have fun, make money“).
• Spielregeln : offi zielle, aber auch inoffi zielle Regeln (z. B. wer Projektleiter werden
will, muss erst Projektassistent gewesen sein).
• Klima : Stimmung im Unternehmen oder in Abteilungen, die von Umgangsformen be-
einfl usst wird (z. B. sachlich, fröhlich, ängstlich usw.).
• Symbole : Bedeutung, die Gegenstände haben, um zu integrieren oder zu distanzieren
(Büroeinrichtung, Dienstwagen, Notebook, Dienstkleidung, Parkplatz, Gebäude, usw.).
Edgar Schein (geb. 1928) hat diese Bestandteile 1984 in ein Drei-Ebenen-Modell gebracht
(vgl. Abb. 3.5 ), bestehend aus: Basisannahmen , Werten und Regeln sowie dem Symbol-
system , das die Unternehmensidentität zum Ausdruck bringt.
Auf der Ebene der Basisannahmen bestehen grundlegende Orientierungs- und Vorstel-
lungsmuster , die Wahrnehmung und Handeln von Menschen leiten. Dazu gehören insbeson-
dere Annahmen darüber, welchen Wert z. B. Zeit hat oder was in einer Organisation als wahr
angesehen wird: Gilt das, was der Vorgesetzte sagt, oder das, was die Studie als Ergebnis
liefert? Sehr häufi g wird von Unternehmen im Rahmen der Kulturentwicklung versucht,
diese im Laufe der Zeit gewachsenen Annahmen zu beeinfl ussen. Hierzu werden dann neue
Werte und Basisannahmen in Form von Leitbildern kommuniziert. Diese proklamierten
Annahmen können gemeinsam mit den vorhandenen Grundüberzeugungen den Kulturkern
bilden. Allerdings passiert es oftmals, dass proklamierte Basisannahmen von den Mitarbeitern
als „aufgesetzt“ empfunden werden und nicht akzeptiert sowie in Folge auch nicht internali-
siert und gelebt werden. Auf der Ebene der Werte, Regeln und Standards befi nden sich
u. a. Normen und Richtlinien, die implizit oder explizit formuliert sind und ganz konkret das
wertebasierte Verhalten der Mitarbeiter beeinfl ussen: „Bei uns beginnen Besprechungen im-
mer pünktlich!“ Die tatsächlich gelebten Verhaltenskonsequenzen sind auf der Symbolebene
der Kultur beobachtbar und drücken das Selbstverständnis von Mitarbeitern als Mitglieder
einer Organisation aus (Identität der Organisation). Erkennbar ist dies am Auftreten der Mit-
arbeiter oder an deren Umgang miteinander sowie z. B. an den umgesetzten Bürokonzepten
(Großraum- vs. Einzelbüro) und fi ndet auch Ausdruck in Aussagen von Mitarbeitern wie
z. B. „Ich arbeite beim Daimler“, welche die hohe Identifi kation mit der Organisation
3 Sozialpsychologische Grundlagen der Führung
125
ausdrücken. Dies alles sind Symbole für die darunterliegenden Normen und Basisannahmen.
Der Kulturkern wirkt somit „bottom-up“ auf das Verhalten der Organisationsmitglieder ein.
Will man eine Unternehmenskultur beeinfl ussen, muss dies hingegen „top-down“ durch
glaubwürdige symbolische Handlungen des Managements erfolgen.
Hintergrund
Landesspezifi sche Unternehmenskulturen
Der Ursprung des Themas der Unternehmenskultur geht auf die frühen 70er-Jahre zu-
rück, als der Erfolg japanischer Unternehmen untersucht und darauf zurückgeführt
wurde, dass in japanischen Unternehmen Führungskräfte ihre Mitarbeiter unterscheid-
bar anders integrierten, als dies beispielsweise die Mehrheit der amerikanischen
Führungs kräfte tat. Danach stützen japanische Manager ihre Entscheidungen weniger
auf formale Berichts- und Kontrollsysteme, Entscheidungen werden eher in einer Art
partizipativem Prozess getroffen, die Kommunikation ist eher indirekt. Offene Konfl ikte
oder gar das öffentliche Bloßstellen von Mitarbeitern ist verpönt. Formale Regelungen
zur Aufgabenverteilung, zu hierarchischen Beziehungen und Entscheidungsbefugnissen
haben nicht die Bedeutung wie bspw. in westlichen Unternehmen. Als Schlussfolgerung
aus der Feststellung der unterschiedlichen Managementmethoden, die ihren Ursprung
in den verschiedenen Kulturen in USA und in Japan haben, wurde das Konzept der
sichtbar, aber
interpretationsbedürftig
öffentlich, nach außen
postuliert, nicht unbe-
dingt gelebt
unsichtbar, unbewusst,
als selbstverständlich
genommen
teils sichtbar,
teils unbewusst
Kulturkern
Proklamierte Basisannahmen
Äußere Haltung:
formuliertes Leitbild
Werte und Standards
Spielregeln, Richtlinien und Verbote
Symbolsystem
Sprache, Rituale,
Kleidung, Umgangsformen
Basisannahmen
Über: Umweltbezug, Wahrheit,
Zeit, Menschen, menschliches
Handeln, soziale Beziehungen
Abb. 3.5 Drei-Ebenen-Modell der Unternehmenskultur nach Schein . Quelle: Schein ( 1984 , S. 4 ff.)
und Sackmann ( 2004 , S. 27): modifi ziert.
3.3 Das soziale System Unternehmen
126
Unternehmenskultur entwickelt, das die Bedeutung von „weichen Steuerungs me cha-
nismen“ hervorhob.
Quelle: Heinen ( 1987 , S. 4 ff.)
In Anlehnung an das Drei-Ebenen-Modell der Unternehmenskultur können die folgen-
den Unterkapitel den jeweiligen Bereichen zugeordnet werden.
3.3.2
Basisannahmen in einer Organisationskultur
Basisannahmen sind Orientierungspunkte für organisatorisches Handeln von Organisa-
tionsmitgliedern (vgl. im Folgenden Steinmann und Schreyögg 2013 , S. 712 ff.). Mitarbeiter
handeln ganz automatisch und ohne darüber nachzudenken nach diesen Annahmen. Zu
solchen Annahmen gehören:
• Annahmen über die Außenwelt : Inwieweit wird die Organisationsumwelt als z. B. be-
drohlich, beherrschbar, herausfordernd wahrgenommen und wie wird die Organisation
zu anderen Institutionen in Beziehung gesetzt.
• Vorstellungen über Wahrheit : Dieser Aspekt beinhaltet z. B., ob auf Autoritäten, auf
Traditionen oder auf wissenschaftliche Erkenntnisse vertraut wird. Bei einem Unternehmen
wird so Gremienarbeit, bei einem anderen Marktforschung wichtiger.
• Annahmen über die Natur des Menschen : Hier werden wiederum die in Abschn. 3.1
bereits betrachteten Menschenbilder relevant, indem Kulturen Menschenbilder trans-
portieren.
• Annahmen über menschliches Handeln : Diese impliziten Handlungstheorien bein-
halten Vorstellungen darüber, was Menschen grundsätzlich bewirken können und ob
man eher aktiv agieren oder passiv reagieren sollte.
• Annahmen über zwischenmenschliche Beziehungen : Vorstellungen darüber, wie so-
ziale Beziehungen in einer Organisation geordnet sind. Sind diese Beziehungen etwa
sehr hierarchisch oder eher fl ach? Was begründet eine Hierarchie : Alter oder Leistung ?
• Annahmen zur Zeit : Vorstellungen darüber, wie mit der Ressource Zeit umzugehen
ist. In einem Unternehmen steht Pünktlichkeit im Fokus der Bemühungen und des
Mitarbeiterverhaltens, in einem anderen Unternehmen besteht hierzu eine eher lockere
Einstellung.
Praxis
Auszug: Grundwerte der Bertelsmann AG
Eine Unternehmenskultur, in der Mitarbeiter, Unternehmensführung und Gesellschafter
partnerschaftlich zusammenarbeiten, ist undenkbar ohne gemeinsame Werte und Ziele.
Die Bertelsmann Grundwerte (Essentials) schaffen Transparenz und Orientierung für alle
und sind von grundlegender Bedeutung für die Identifi kation mit dem Unternehmen.
3 Sozialpsychologische Grundlagen der Führung
127
Partnerschaft
Partnerschaft zum Nutzen der Mitarbeiter und des Unternehmens ist die Grundlage
unserer Unternehmenskultur. Motivierte Mitarbeiter, die sich mit dem Unternehmen
und seinen Grundwerten identifi zieren, sind die treibende Kraft für Qualität, Effi zienz,
Innovationsfähigkeit und Wachstum des Unternehmens. Die Basis unseres partner-
schaftlichen Führungsverständnisses bilden gegenseitiges Vertrauen, Respekt vor dem
Einzelnen sowie das Prinzip der Delegation von Verantwortung. Unsere Mitarbeiter
haben größtmöglichen Freiraum, sie sind umfassend informiert und nehmen sowohl an
Entscheidungsprozessen als auch am wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens teil.
Für ihre Weiterentwicklung und die Sicherung ihrer Arbeitsplätze setzen wir uns ein.
Gesellschaftliche Verantwortung
Unabhängigkeit und Kontinuität unseres Unternehmens werden dadurch gesichert,
dass die Mehrheit der Aktienstimmrechte bei der Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft
liegt. Unsere Gesellschafter verstehen Eigentum als Verpfl ichtung gegenüber der
Gesellschaft. Sie sehen das Unternehmen in der Marktwirtschaft dadurch legitimiert,
dass es einen Leistungsbeitrag für die Gesellschaft erbringt. Diesem Selbstverständnis
entspricht auch die Arbeit der Bertelsmann Stiftung, in die die Mehrheit der Bertelsmann
Aktien eingebracht wurde. Unsere Firmen achten Recht und Gesetz und lassen sich von
ethischen Grundsätzen leiten. Sie verhalten sich gegenüber der Gesellschaft und der
Umwelt stets verantwortungsbewusst.
Quelle: Bertelsmann ( 2016 )
3.3.3
Werte und Standards in Organisationen
Als Folge der Grundüberzeugungen einer Kultur entwickeln sich ungeschriebene Verbote,
Verhaltensrichtlinien usw., die mehr oder weniger mit den individuellen Wertvor stel-
lungen der einzelnen Organisationsmitglieder übereinstimmen. Persönliche Ziele der
Mitarbeiter ( Werte ) und Ziele des Unternehmens fallen häufi g auseinander. Wenn ein
Teamleiter selbst entscheiden kann, müssen seine persönlichen Ziele und die des Unter-
nehmens in Einklang gebracht werden – er muss freiwillig richtig im Sinne des Unterneh-
mens entscheiden.
Die Problematik der unterschiedlichen Wertvorstellungen äußert sich allerdings nicht
nur darin, welche, sondern vor allem auch wie Ziele erreicht werden sollen. Teams sind
defi nitionsgemäß nicht sehr hierarchisch und meist interdisziplinär zusammengesetzt. Es
arbeiten ältere mit jüngeren Mitarbeitern, Kaufl eute mit Technikern usw. Auftretende
Konfl ikte, die durch unterschiedliche Werte entstehen, müssen im Team selbst ausgetragen
und im Einklang mit den im Unternehmen kulturbedingt vorherrschenden Verhaltens-
maximen geregelt werden.
Eine wesentliche Erklärungshilfe sind hierbei die Generationenmodelle. Scholz ( 2014 ,
S. 30 ff.) verdeutlicht die Unterschiede anhand einer Gegenüberstellung wie in Abb. 3.6
dargestellt.
3.3 Das soziale System Unternehmen
128
Je nachdem welcher Generation sich eine Führungskraft aufgrund ihrer Einstellungen
zugehörig fühlt, wird sie mit Kollegen, Vorgesetzten oder Mitarbeitern anderer
Generationen leichter oder schwerer Konfl ikte lösen. Das Generationenmodell basiert auf
klassisch westlichen Sozialisationen, in anderen Kulturkreisen stehen vielleicht andere
generationenunterschiedliche Werte im Vordergrund (zu kulturvergleichenden Studien all-
gemein vgl. Hofstede und Geert 2011 und House et al. 2014 bzw. zusammenfassend
Weibler 2014 ).
3.3.4
Symbolsystem der Organisationskultur
Die teilweise unbewusst beachteten Verhaltensstandards werden auf der Symbolebene
durch das konkrete Tun der Organisationsmitglieder sichtbar.
Ernst Cassirer (1874–1945), einer der geistigen Vorväter der sozialpsychologischen
Forschung, bezeichnet den Menschen als „animal symbolicum“, d. h. ein symbolbilden-
des und -verwendendes Wesen. Die Tasse Kaffee am Morgen ist z. B. ein Symbol für
Kräftesammeln, das Läuten von Kirchenglocken ein Symbol zum Innehalten. Diese
Beispiele zeigen schon, dass Symbolbedeutungen und -wertigkeiten nicht von allen glei-
chermaßen geteilt werden. Dennoch sind sie wirksam gestalten für den Einzelnen dessen
Wirklichkeit.
In Religion und Politik kennen wir Symbole wie Kreuze, Schleier, Fahnen, Palmzweige,
Orden uvm. Zur Symbolebene zählen auch Rituale, wie das Aufstehen beim Einzug eines
Brautpaars oder die Durchführung von Abstimmungen.
In der Wirtschaft sind Marken ein Symbol, ein Nutzenversprechen. In Wohn- und
Arbeitsräumen ist die Gestaltung des Eingangsbereichs, die Form von Stühlen, die Licht-
und Farbgebung von Arbeitsplätzen symbolhaft. Nicht ohne Grund sind die meisten
Vorstandsbüros in der obersten Etage oder die Raucherbereiche an besonders unattrakti-
ven Stellen zu fi nden.
Babyboomer
ca. ab 1950
Generation X
ca. ab 1965
Generation Y
ca. ab 1980
Generation Z
ca. ab 1995
Grundhaltung
Idealismus
Skeptizismus
Optimismus
Realismus
Hauptmerkmal
Selbst-
erfüllung
Perspektiven-
losigkeit
Leistungs-
bereitschaft
Flatter-
haftigkeit
Freizeit-Werte
relativ niedrig
mittel
relativ hoch
hoch
soziale Werte
relativ hoch
mittel
relativ niedrig
niedrig
extrinsische Anreize
relativ niedrig
relativ hoch
mittel
hoch
intrinsische Anreize
relativ hoch
mittel
relativ niedrig
niedrig
Abb. 3.6 Wertemerkmale der Generationen. Quelle: in Anlehnung an Scholz 2014 , S. 36 und S. 38.
3 Sozialpsychologische Grundlagen der Führung
129
Der Dresscode in einem Unternehmen sagt etwas über das Selbstverständnis aus: geht
es um Individualität, Formalität, Praktikabilität. Mancherorts sind Piercings und Tatoos in
diesem Sinne Symbole, die gegen das Kultursystem eines Unternehmens verstoßen.
Die Sprache sowie die Umgangsformen mit Siezen oder Duzen von Kollegen und/oder
Kunden, gehören ebenfalls zur Symbolebene der Unternehmenskultur.
Anhand seiner Symbole wird das Unternehmen sichtbar, was die Symbole bedeuten ist
interpretationsbedürftig. Als Führungskraft sollte man über wesentliche Unterneh mens-
symbole mit den Mitarbeitern sprechen, um im Konsens zu handeln und das Wir-Gefühl
zu stärken. Häufi g werden auch in Teamentwicklungsseminaren Symbole für die Werte
und Stärken des Teams gesucht.
3.3.5
Typen von Unternehmenskulturen
Typologien helfen Ausgangssituationen zu analysieren und daraus Verhaltensentschei-
dungen abzuleiten. Deal und Kennedy haben 1982 eine Kulturtypologie entwickelt, nach
der sich aus zwei Dimensionen:
• Risikograd der Geschäftstätigkeit und der unternehmerischen Aktivitäten
• Schnelligkeit des Feedbacks auf Strategie und Entscheidungen
vier Typen von Unternehmenskulturen aufspannen lassen (vgl. Abb. 3.7 ).
Macho-Kultur (Alles-oder-Nichts-Kultur) (vgl. im Folgenden Steinmann und Schreyögg
2013 , S. 721 f.): Diese Organisationskultur ist am ehesten in Organisationen zu fi nden, in denen
es tatsächlich um „Leben und Tod“ geht (Krankenhäuser, Polizei, Militär). In etwas schwäche-
rer Ausprägung in Unternehmen, bei denen relativ schnell festzustellen ist, ob ein Geschäft
erfolgreich oder eben nicht erfolgreich war und gleichzeitig pro Geschäftsabschluss große
Feedback
Risikograd
Verfahrenskultur
Risiko-Kultur
Harte-Arbeit-
viel-Spaß-Kultur
Macho-Kultur
nieder
hoch
schnell
langsam
Verfahrenskultur
Risiko-Kultur
Harte-Arbeit-
viel-Spaß-Kultur
Macho-Kultur
Abb. 3.7 Typologie von Unternehmenskulturen nach Deal und Kennedy. Quelle: in Anlehnung an
Töpfer (2007, S. 695)
3.3 Das soziale System Unternehmen
130
Budgets eingesetzt werden, z. B. in der Unterhaltungsindustrie und im Sport. Es herrscht quasi
eine Alles-oder-nichts-Einstellung, bei der das „schnelle Geld“ lockt, der Misserfolg aber auch
umso härter trifft. Schnelle Entscheidungen und interner Wettbewerb werden somit gefördert.
In Macho-Kulturen fi nden sich risiko- aber auch wechselfreudige Personen wieder. Langfristige
Investitionen werden eher vermieden.
Harte-Arbeit-viel-Spaß-Kultur (Brot-und-Spiele-Kultur) : Bei diesem Kulturtypus
ist Feedback ebenso schnell zu erhalten wie in der Macho-Kultur, allerdings steht dabei
pro Geschäftsabschluss weniger auf dem Spiel. Typisch ist diese Kultur in Verkaufs-
oder Vertriebsorganisationen. Das schnelle Feedback besteht darin, dass man sofort
weiß, ob ein Auftrag oder Geschäft zustande gekommen ist oder nicht, wobei im nega-
tiven Fall „lediglich“ kein Gewinn aber auch kein großer Verlust oder Schaden anfällt.
Im Gegensatz zur Macho-Kultur stellt ein Scheitern eines Abschlusses kein Risiko für
das Gesamt unternehmen dar. Es wird viel und intensiv gearbeitet; wer nicht agiert, gilt
als Low-Performer. Zum Ausgleich gibt es viele Events, wie Feiern und Ausfl üge, sowie
Auszeichnungen wie „Top-Performer“ oder „Mitarbeiter des Monats“.
Risiko-Kultur (Analytische-Projektkultur) : Hier ist das Geschäftsrisiko sehr hoch,
dazu erhält das Unternehmen erst sehr spät oder nur zögerlich Informationen über den
Erfolg. Unternehmen dieses Kulturtypus entwickeln und forschen oft lange und investieren
viel Geld in ein Projekt oder Produkt, das sich dann erst langfristig am Markt durchsetzen
und amortisieren bzw. rentieren muss. Bei einem Risiko-Kultur-Unternehmen werden
Entscheidungen ausgiebig geprüft, da Fehler die Existenz des Unternehmens bedrohen und
nicht sofort entdeckt und ausgebessert werden können. Diese Kulturen sind geprägt von
Bedachtsamkeit, Genauigkeit und intensivem Wissensaustausch. Branchenbeispiele sind
die Öl-, Pharma-, Luftfahrtindustrie sowie Investitionsgüter-Hersteller. Typisch ist die
Sitzung, in der versucht wird, die richtige Entscheidung herauszuarbeiten.
Verfahrenskultur (Prozesskultur) : Hier sind die fi nanziellen Risiken pro Geschäftsab-
schluss gering, Mitarbeiter und Entscheider erhalten dennoch (oder gerade deswegen) kaum
oder gar kein Feedback auf ihre Entscheidungen. In der Kultur der Aktennotizen, Berichte,
Formulare und Mitteilungen kommt es meist weniger darauf an, was getan wird, sondern
wie. Beispiele sind Banken, Versicherungen, Versorgungsunternehmen, Behörden und öf-
fentliche Einrichtungen. Die Kultur ist geprägt von Pünktlichkeit und Genauigkeit, von
Perfektion, Berechenbarkeit und Absicherung. Hierarchie , Statussymbole und Titel werden
geschätzt und geachtet.
Nach einer Selbsteinschätzung der Unternehmensleitung bzw. der Führungskräfte und
einer entsprechenden Zuordnung des Unternehmens oder verschiedener Abteilungen in
entsprechende Typologien muss die Ausrichtung von Managementmethoden und Füh-
rungsstilen überdacht werden.
Zu beachten ist dabei, dass die Typologisierung von Kulturen eine starke Vereinfachung
darstellt und nur einer ersten Orientierung dienen kann. Eine tiefergehende Analyse des orga-
nisationsimpliziten Orientierungsmusters Kultur beginnt nach dem Drei- Ebenen- Modell
3 Sozialpsychologische Grundlagen der Führung
131
der Unternehmenskultur nach E. Schein ausgehend von der Beobachtung der Symbolebene.
Im nächsten Schritt sind über diese Daten die vorhandenen Werte und Verhaltensmaximen zu
entschlüsseln, die dann eine Analyse und Interpretation der grundlegenden Basisannahmen
ermöglichen (vgl. Steinmann und Schreyögg 2013 , S. 719 ff.).
Exkurs
Das Konzept der organisationalen Energie
Organisationale Energie wird defi niert als „… die Kraft, mit der ein Unternehmen zielge-
richtet Dinge bewegt. Die Stärke der organisationalen Energie zeigt, in welchem Ausmaß
ein Unternehmen sein emotionales, mentales und verhaltensbezogenes Potenzial für die
Verfolgung seiner Ziele mobilisiert hat.“ (Bruch und Vogel 2009 , S. 29). Auf Basis empi-
rischer Untersuchungen konnten typische Energiezustände von Unternehmen identifi ziert
werden, die sich durch zwei unabhängige Dimensionen beschreiben lassen (vgl. Bruch
und Vogel 2009 , S. 39 ff.). Die Dimensionen bezeichnen zum einen die Qualität , zum
anderen die Intensität organisationaler Energie. Die Kombination der Dimensionen erge-
ben vier typische Ausprägungen von Zuständen organisationaler Energie in Unternehmen:
• Angenehme Trägheit (niedrige aber positive Energie): Mitarbeiter sind zufrieden
mit dem Status quo, vor diesem Hintergrund wird auch wenig Notwendigkeit gese-
hen, diesen Zustand ändern zu müssen oder zu wollen. Das Resultat ist ein eher
geringes Aktivitätsniveau sowie eine geringe Wachsamkeit bzgl. des Unterneh-
mensgeschehens (Unternehmensumfeld sowie eigene Geschäftstätigkeit).
• Resignative Trägheit (niedrige und negative Energie): Relativ geringes Interesse der
Mitarbeiter am Unternehmensgeschehen. Aktivitätsniveau sowie Interaktions- und
Kommunikationsintensität sind vergleichsweise gering. Im Unternehmen herrschen
negative Emotionen, wie Enttäuschung und Frustration vor, was beispielsweise von
misslungenen Änderungsprozessen herrühren kann.
• Korrosive Energie (hohe aber negative Energie): Hohe Aktivität und emotionale In-
volviertheit der Mitarbeiter, jedoch ist diese Aktivität negativ ausgerichtet. Somit ist
die Organisation nicht in der Lage, die freigesetzte Energie zur Erreichung der Unter-
nehmensziele produktiv einzusetzen. Vielmehr wird ein Großteil der Anstrengungen
darauf verwendet, interne Machtkämpfe auszutragen und mikropolitisch aktiv zu
sein.
• Produktive Energie (hohe und positive Energie): Es gelingt im Unternehmen Emo-
tionen, Aufmerksamkeit und Aktivitäten der Mitarbeiter auf die gemeinsam zu er-
reichenden Unternehmensziele auszurichten. Das hohe Aktivitätsniveau geht mit
einer gleichzeitigen Begeisterungsstimmung, hohen Anstrengungen, Stolz und
Glücksgefühlen bzw. Erfolgserlebnissen einher.
Das angemessene Zuordnen von Organisationen zu den entsprechenden Energie-
zuständen ist bereits ein wichtiger Erkenntnisschritt. Für den Erhalt oder die Veränderung
der Energieform gilt es, anschließend adäquate Maßnahmen und Strategien abzuleiten.
Quelle: Bruch und Vogel ( 2009 )
3.3 Das soziale System Unternehmen
132
3.3.6
Mikropolitik
Mikropolitik ist „die auf eigenen Vorteil bedachte Instrumentalisierung anderer in organisa-
tionalen Ungewissheitszonen“ (vgl. Neuberger 2006 , Buchdeckel). Der Begriff geht auf
Burns zurück: „Verhalten wird als politisch identifi ziert, wenn in Konkurrenzsituationen
Andere als Ressourcen genutzt werden.“ (1962, zit. bei Neuberger 2006 , S. 5). Neuberger
ergänzt, dass „mikro-“ dafür steht, dass sie (anders als die große Politik) im Verborgenen und
von einem Einzelnen ausgeübt wird. Sinngemäß könnte man seine Ausführungen mit der
Erklärung fortsetzen, dass Mikropolitik das Verhalten des Einzelnen in der Organisationskultur
ist. Um persönliche Interessen durchzusetzen, gibt es einige Methoden, die die mikropoliti-
sche Forschung zu fassen sucht und die der Praktiker über Ratgeber-Literatur zu „fi esen
Tricks der Kollegen“ rezipieren kann. Niccolo Machiavelli oder chinesische Strategeme der
Kriegslist haben schon früh Manager fasziniert, die nach Möglichkeiten suchten, sich durch-
zusetzen.
Aus der Vielzahl existierender mikropolitischer Taktiken (vgl. dazu den Überblick
Neuberger 2006 , S. 85 ff.) sind folgende Hauptgruppen von zentraler Bedeutung. Diese
können offen, verdeckt und in Täuschungsabsicht erfolgen.
• Zwang, (Nach-)Druck : Zu dieser Kategorie zählen das Androhen oder Ausüben von
Strafe oder Sanktionen, ebenso der Entzug von Belohnung oder Vorteilen (z. B. kein
Einzelbüro oder keinen alleinigen Dienstwagen mehr). Personen unter Druck neigen
allerdings dazu, nach Alternativen und Ausweichmöglichkeiten zu suchen, die für den
jeweils Druck Ausübenden nicht berechenbar sind.
• Belohnung , Vorteilsversprechen : Belohnung ist eine positive Verstärkung der Motiva-
tion durch andere. Ein Vorteil dieser Taktik besteht in der besseren Berechenbarkeit der
Reaktionen, da keine Ausweichstrategien gesucht werden. Allerdings muss das Vorteilsver-
sprechen glaubhaft sein und an den Bedürfnissen des zu Belohnenden ausgerichtet sein.
Ein Beispiel wäre das Versprechen einer Prämie für bestimmte Leistungen.
• Einschaltung höherer Autoritäten : Um eigene Ziele durchzusetzen, werden oft höhe-
re Stellen hinzugezogen, man könnte auch sagen, es wird indirekt veranlasst, dass
Druck ausgeübt wird. Beispielsweise wendet sich ein Mitarbeiter an den Chef seines
Vorgesetzten, um sich über diesen zu beklagen. Zu den höheren Autoritäten können
aber auch andere Instanzen oder Institutionen gehören, nicht nur Vorgesetzte. So z. B.
die Öffentlichkeit bzw. Presse und Medien. Beispielsweise werden Gerüchte verbreitet,
die Presse oder der Betriebsrat bekommt einen „Tipp“ etc.
• Rationale Argumentation : Am besten verständlich ist dies bei der Anwendung von
Expertenmacht. Dem Sachverstand und der rationalen Argumentation von Experten kann
man sich (in einem gewissen Rahmen) nicht widersetzen, wenn man selbst keine besse-
ren Argumente besitzt. Im alltäglichen Sprachgebrauch kann man auch von Überre-
dungskunst sprechen.
• Koalitionsbildung : Koalitionen werden gebildet, wenn die Macht eines Einzelnen
nicht ausreicht, um Interessen gegen Widerstand durchzusetzen. Gemeint sind hier
3 Sozialpsychologische Grundlagen der Führung
133
Zweckbündnisse, die kalkuliert eingegangen werden, um individuelle Vorteile zu si-
chern, wie z. B. Netzwerke und Mitgliedschaften, die gebildet werden, um sich durch
entsprechende Kontakte selbst Vorteile zu verschaffen („old boys network“, Busi-
nessklubs usw.).
• Persönliche Anziehungskraft : Diese Taktik zielt darauf ab, Vorbild oder Modell für
andere zu sein bzw. zu werden. Dabei spielt die persönliche Beziehung eine zentrale
Rolle . Das Vorbild versucht, Ziele , Visionen oder Eigenschaften zu verkörpern, die
andere selbst auch haben möchten. Man folgt dann dem Vorbild, um (scheinbar) seinen
eigenen Zielen zu folgen. Das Mentorenprinzip ist hier anzuführen, sofern sich Förderer
und Geförderter „gesucht und gefunden“ haben. Der Mentor kann seinen Günstling
dann taktisch beeinfl ussen (und somit auch ausnutzen).
• Idealisierung , Ideologisierung : Diese Taktik geht über die Rolle eines Vorbildes hin-
aus. Ein Ideal oder Idol betont die emotionale Qualität , die mit Begeisterung verbunden
ist. Die Träume, Ideale und Visionen üben eine Sogwirkung aus, die bis hin zu
Fanatismus und Besessenheit führt. Als Beispiel dienen Fälle, in denen Führungspersonen
das Unternehmen verlassen und Dutzende Führungskräfte „mitnehmen“, um ein eige-
nes Unternehmen auf Basis ihrer Vision zu gründen.
Insbesondere der Hinweis auf mögliche Täuschungsabsichten suggeriert, dass Mikropoli-
tik etwas Verwerfl iches sei und mikropolitisches Handeln in Unternehmen unterbunden
werden muss. Dies stimmt allerdings nicht. Organisatorische Strukturen, Normen und Re-
gelungen beinhalten immer gewisse Spielräume, sie müssen sie sogar enthalten, denn eine
vollständige Regelung ohne Auslegungsspielräume ist kaum möglich und – wie beim
„Dienst nach Vorschrift“ deutlich wird – auch nicht sinnvoll. „Bei einer solchen Betrach-
tungsweise ist nicht zu sehen, wie in Organisationen anders als politisch gehandelt werden
könnte.“ (Neuberger 1995 , S. 155). Für Organisationen und deren Führungskräfte ist somit
entscheidend, in welchem Ausmaß und mit welcher Wirkung Mikropolitik betrieben wird.
Entscheidend ist auch, auf die sensible Grenze zum Mobbing zu achten, wenn Selbstdar-
stellung und Machtstreben zu Lasten anderer verwirklicht werden (vgl. Abschn. 7 )
3.4
Zusammenfassung
Die Sozialpsychologie stellt hilfreiche Modelle bereit, um zu erklären, wie Gruppen ent-
stehen und welches Eigenleben (Gruppendynamik) sie entfalten. Man kann eine Gruppe,
wie auch ein Unternehmen, als einen eigenständigen Organismus betrachten.
Jede Gruppe hat die Gruppenpositionen Führer, Experte, Mitarbeiter und Opponent.
Es kann einen formellen Führer geben (in das Amt eingesetzt) und zwei informelle
Führer : den Beliebtheits- und den Tätigkeitsführer. Wenn die Positionsinhaber unter-
schiedliche Ziele und Werte vertreten kommt es zu Konfl ikten.
Der Begriff Teamarbeit kann nach dem Grad des Engagement des Einzelnen und der
Wirksamkeit des ganzen Teams sehr differenziert betrachtet werden. Nur weil Menschen
3.4 Zusammenfassung
134
in einer Gruppe zusammen gefasst arbeiten, sind sie noch lange kein Hochleistungsteam .
Um ein echtes oder ein Hochleistungsteam zu werden, braucht es viele Gelegenheiten zur
Interaktion, zum Aushandeln von Spielregeln und zum Erkennen der jeweils eingebrachten
Begabungen. Dies ist in virtuellen Teams nur schwer möglich, da sie defi nitionsgemäß
örtlich disparat sind und wenig Gelegenheit zum realen Kontakt besteht.
In Projektteams oder in Zusammenarbeit mit Kunden und Lieferanten tritt das Problem
der lateralen Führung auf. Das ist Führen ohne Führungsmacht. Hier ist die Herausfor-
derung, auch ohne Weisungsbefugnis, gemeinsame Ziele und Interessen zu klären, um gut
zusammenzuarbeiten.
Auf organisationaler Ebene ist das Sozialverhalten auch durch die Unternehmens-
kultur geprägt, die auf drei Ebenen betrachtet werden kann: den Basisannahmen, den
Werten und Standards und den Symbolen. Team- und Unternehmenskultur sind immer
wirksam, wenn auch oft nicht bewusst oder offen sichtbar. Ähnlich ist dies auf der
Individualebene, wenn man das sog. mikropolitische Verhalten beobachtet, d. h. wie
Einzelne sich in der Organisation verhalten, um ihre Ziele und Interessen durchzusetzen.
3.5
Kontrollaufgaben
Aufgabe 3.1 Erklären Sie den Begriff der Gruppendynamik.
Aufgabe 3.2 Erklären Sie den Ansatz sowie Maßnahmen der lateralen Führung.
Aufgabe 3.3 Welche Rahmenbedingungen fördern eine Teambildung, sodass aus einer
Ansammlung von Personen ein Team mit gemeinsamen Zielen und Werten entsteht?
Aufgabe 3.4 Markieren Sie, ob die folgende Aussage richtig oder falsch ist!
Gemäß dem Modell der Teamentwicklungsphasen ist es ratsam, Spiel- und Kom-
munikationsregeln für ein Team aufzustellen, weil dadurch die Normierungsphase ausge-
lassen und direkt mit der Arbeit begonnen werden kann.
Richtig □ Falsch □
Aufgabe 3.5 Erläutern Sie die Bedeutung von Werten für die Mitarbeiterführung in
Unternehmen.
Aufgabe 3.6 Markieren Sie, ob die folgenden Aussagen richtig oder falsch sind!
Der Grad der Virtualität in virtuellen Teams wird alleine durch den Teamleiter festge-
legt, da hiervon die verfügbaren Budgets abhängen.
Richtig □ Falsch □
Die Entwicklung einer gemeinsamen Vertrauensbasis kann der Vorgesetzte primär
durch das Versenden persönlich gehaltener Mails unterstützen.
Richtig □ Falsch □
3 Sozialpsychologische Grundlagen der Führung
135
Die Führungsanforderungen in virtuellen Teams korrespondieren mit den Grundge-
danken der Super-Leadership-Theorie.
Richtig □ Falsch □
Aufgabe 3.7 Beschreiben Sie den Aufbau einer Unternehmenskultur nach dem Drei-
Ebenen-Modell von Schein.
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DOI 10.1007/978-3-662-47915-5_4
4
Kommunikationspsychologische
Grundlagen der Führung
Lernziele
Dieses Kapitel vermittelt
• warum Menschen kommunizieren wollen,
• wie gute Kommunikation und Gesprächsführung funktioniert,
• wie Kommunikation im Führungsalltag analysiert werden kann,
• welche Rolle Konfl ikte im Führungsalltag spielen und
• wie Konfl ikte analysiert und bearbeitet werden können.
4.1
Kommunikation
„Man kann nicht nicht kommunizieren.“ Dies ist eines der fünf Axiome, die Paul Watzla-
wick 1967 in seinem Buch „Pragmatics of Human Communication“ als grundlegend für
zwischenmenschliches Verhalten formulierte (vgl. Watzlawick et al. 2011 ): Wann immer
sich zwei Menschen begegnen, fi ndet Kommunikation statt, denn so wie man sich nicht
nicht verhalten kann, kann man auch nicht nicht kommunizieren. Jemanden unbewusst zu
übersehen, ist Kommunikation, ihn bewusst zu ignorieren ebenfalls und ihn gezielt anzu-
sprechen, genauso.
Sprachwissenschaftler und Psychologen beschäftigen sich damit, wie Kommunikation
funktioniert, wie Menschen unterschiedlicher Kulturen kommunizieren (lernen) und wie
es kommt, dass wir uns manchmal missverstehen oder durch Worte oder Zeichen (nicht)
das erreichen, was wir erreichen möchten.
138
4.2
Kommunikationsbedürfnisse
Eine Frage der Kommunikationspsychologie ist, warum Personen mit anderen Menschen
kommunizieren wollen. So gibt es beispielsweise Personen, die einen Bericht sehr weit
ausholend, schnell sprechend und bis ins kleinste Detail ausführend vortragen, andere
hingegen beschränken sich auf wenige Sätze und warten dann auf Fragen.
Die Fähigkeit zur Kommunikation erfüllt viele Funktionen, Frindte ( 2001 , S. 64 ff.)
stellt einige Argumente zusammen:
Self Disclosure (Selbstöffnung): Bei jeglicher Kommunikation sagen Menschen auch
etwas über sich selbst aus. Dies kann bewusst, aus einem Mitteilungsbedürfnis heraus,
geschehen oder auch unbewusst. Auch wenn wir über andere Dinge, Personen oder Sach-
verhalte sprechen, teilen wir dabei etwas über uns selbst mit: was wir von den Dingen
halten, welche uns wichtig genug sind darüber zu sprechen, ob wir uns als aktiv oder
passiv in der Beziehung zu anderen erleben. Wenn wir kommunizieren, öffnen wir uns
selbst. Diese Selbstöffnung dient der Selbstwahrnehmung (vgl. Frindte 2001 , S. 67). Die
Reaktion des Gegenüber ist ein Feedback zur Selbstaussage und ermöglicht den Abgleich
von Selbstbild und Fremdbild sowie den sozialen Vergleich. Mit Äußerungen wie „Ich
fi nde es toll, was Sie gemacht haben“, „Das könnte ich nie“ oder „Das kann ja jeder“ setzt
sich der Sprecher in Beziehung zu seinem Gegenüber.
Impression Management (sich in Szene setzen): Das Sich-in-Szene-Setzen oder
Sich-selbst-Präsentieren kann bewusst und unbewusst eingesetzt werden, um das Denken
und die Meinung anderer über die eigene Person zu beeinfl ussen. (vgl. Frindte 2001 ,
S. 69). Entsprechend ihrer Persönlichkeitsstruktur sind Menschen auf unterschiedliche
Weise und Ausprägung darauf bedacht, das eigene Verhalten zu überwachen und zu kon-
trollieren, um bei anderen einen jeweils gewünschten Eindruck zu hinterlassen. Impressi-
on Management will soziale Anerkennung erzielen. Dazu gehört auch, sich unter
Umständen schlechter zu machen, als man ist, um somit durch eine gewisse Bedürftigkeit
Aufmerksamkeit, Zuwendung oder Anerkennung zu erhalten.
Kognitive Dissonanz reduzieren (Aufl ösung von Widersprüchen): Der Mensch muss
sich in seiner sozialen Umwelt orientieren und zurechtfi nden, das sichert seine Existenz.
Nimmt er Dinge wahr, die sich widersprechen oder die er nicht einordnen kann, so entsteht
ein unangenehmes Gefühl. Leon Festinger hat dies 1957 „kognitive Dissonanz“ genannt.
Diese entsteht zum Beispiel, wenn man irgendwo zu Gast ist und eigene Sitten und
Gebräuche von den Gastgebern offenbar nicht geteilt werden. Man weiß nicht, wie man
sich richtig verhält, dies erzeugt psychischen Druck. Man kann ihm ausweichen und die
Situation verlassen oder man tritt in Kommunikation.
Kognitive Dissonanz entsteht häufi g bei Kommunikations- und Informationsprozessen.
Dies ist z. B. für die Entscheidungsfi ndung relevant. „Eine einmal getroffene Entscheidung
möchten wir nicht wieder rückgängig machen, weil das zu inneren Widersprüchen, Konfl ik-
ten und Inkonsistenzen führen würde. Stattdessen versuchen wir, uns diese Entscheidung
schönzureden oder Kommunikationssituationen zu meiden, in denen wir mit derartigen Wi-
dersprüchen und Inkonsistenzen konfrontiert werden könnten.“ (Frindte 2001 , S. 75 f.). Eine
kognitive Dissonanz könnte z. B. erzeugt werden durch das Selbstbild „Ich bin ein guter Ma-
nager“ verbunden mit der Information aus dem Statusbericht „Wir werden den Liefertermin
4 Kommunikationspsychologische Grundlagen der Führung
139
nicht halten können.“ Dieser Widerspruch kann aufgelöst werden durch eine Änderung der
Selbsteinschätzung („Ich bin doch kein guter Manager“), durch Beschönigung („Ich krieg das
schon irgendwie hin“) oder durch Distanzierung („Ich bin und bleibe ein guter Manager und
an der Verzögerung ist alleine XY schuld“). In jedem Fall muss die Dissonanz reduziert wer-
den, damit die wahrgenommene Realität und die (Selbst-) Wahrnehmung über die eigene Per-
son wieder in Einklang gebracht werden können. Der Widerspruch kann also über
Kommunikation im weitesten Sinne aufgelöst werden.
Attributionen (Zuschreibungen): Attributionen sind Erklärungen, die Menschen vor-
nehmen, um das eigene Verhalten oder das anderer Personen zu erklären bzw. zu interpre-
tieren (vgl. Kap. 2.1.3). Das Bedürfnis ist, durch Kommunikation Verhalten zu deuten und
weitere Handlungen daran ausrichten zu können. Das Modell der Attributionstheorie ent-
spricht dabei der Funktionsweise eines Computerprogramms. Demnach erhalten Men-
schen über Kommunikationsprozesse Informationen, berechnen diese anhand bestimmter
Prozeduren und Schemata und interpretieren so das jeweilige Verhalten. Je nach Ergebnis
der Interpretation wird das eigene Handeln daran ausgerichtet. Missverständnisse und
Vorurteile lassen sich auf diese Weise erklären. Kommunikation liefert also die nötigen
Informationen, um eigenes und fremdes Verhalten deuten zu können. Diese Deutungen
sind jedoch nicht objektiv wahr, sondern subjektive – durch Vorurteile, Lebenserfahrung,
Wahrnehmungsfi lter geprägte – Zuschreibungen.
Zusammenfassend: Menschen nutzen auch erzwungene und notwendige Kommunika-
tionsanlässe (Meetings, Berichte etc.) dazu, sich nicht nur fachlich auszutauschen, son-
dern etwas über sich selbst mitzuteilen, sich positiv darzustellen, Widersprüche aufzulösen
und Verhalten zu deuten.
Praxis
Beispiele für Kommunikationsbedürfnisse
• Folgende Aussagen in einer Besprechung könnten entsprechend der Theorie zu
Kommunikationsbedürfnisse erklärt werden:
• „Im letzten Bericht wurde von mir bereits darauf hingewiesen, dass…“
• (Selbstöffnung: Unmut; es ist immer noch nichts passiert).
• „Inzwischen kann dieser Verdacht bestätigt werden…“
• (Selbstdarstellung: Ich habe es ja gleich gesagt; denkt gut über mich).
• „Die Verantwortung für dieses Versäumnis liegt eindeutig bei…“
• (Dissonanzreduktion: Ich bin gut, Ergebnis ist schlecht, also muss ein anderer Schuld
haben).
• „Nachdem nun seit Projektbeginn mehrfach unterlassen wurde,…“
• ( Attribution : Das Management taugt nichts).
• Wenn solche beispielhaften Aussagen unkommentiert stehen bleiben, können Miss-
stimmungen entstehen. In diesem Fall müsste z. B. hinterfragt werden, wie eindring-
lich auf Probleme tatsächlich hingewiesen wurde, ob ein Hinweis alleine schon von
der Verantwortung entbindet, ob die Verantwortlichkeiten und Versäumnisse tat-
sächlich eindeutig sind, welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind und vor allem,
wer dies zu entscheiden hat.
4.2 Kommunikationsbedürfnisse
140
4.3
Kommunikationstheorien und -modelle
Führungskräfte verbringen einen Großteil ihres Arbeitsalltages mit Kommunikation .
Wesentliche Grundlagen der Kommunikation zu kennen, ist daher elementar.
4.3.1
Das Eisberg-Modell
Häufi g gehen Menschen davon aus, dass Kommunikation (ausschließlich) auf einer sach-
lichen Ebene stattfi nden würde, dass man, wenn man schweigt, auch nichts sagt, nicht
kommuniziert. Dies stimmt nicht. Schweigen ist sehr beredt. Vgl. auch das eingangs er-
wähnte erste Axiom der Kommunikation „Man kann nicht nicht kommunizieren.“
(Watzlawick et al. 2011 , S. 53)
Wenn wir etwas (nicht) sagen, sagen wir trotzdem etwas, allerdings nicht offen. Schwei-
gen kann z. B. kommunizieren „Du nervst mich.“ oder „Ich will mich nicht angreifbar
machen.“ Vergleicht man die menschliche Kommunikation mit einem Eisberg, so gilt fol-
gende Analogie: So wie bei einem Eisberg nur etwa 1/7 seiner Größe für den Seemann
offensichtlich ist, weil sie aus dem Wasser ragt, und der größere, weitaus bedeutungsvol-
lere Teil mit 6/7 unsichtbar ist, so ist es auch bei der Kommunikation: Das, was wörtlich
gesagt wird, und das, was uns bewusst ist, dass wir sagen wollen, macht höchstens 1/7 der
Kommunikation aus. Der Rest ist unbewusst, wird über Gestik, Mimik, Körperhaltung,To-
nalität ausgedrückt. Deswegen ist auch ein Schweigen beredt – weil das gesprochene Wort
vergleichsweise unbedeutend dafür ist, was verstanden wird.
„Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt“ , so beginnt
das zweite Axiom der Kommunikation. (vgl. Watzlawick et al. 2011 , S. 53 ff.). Der Inhalts-
aspekt ist das Sichtbare, oberhalb der Wasseroberfl äche; der Beziehungsaspekt ist das unter
der Oberfl äche, das Unbewusste, aber viel Machtvollere. „derart, dass letzterer den ers-
teren bestimmt und daher eine Metakommunikation ist.“ (a.a.O., S. 56). Der zweite
Satzteil meint, dass meine Einstellung zu mir und zum anderen das eigentlich Wichtige an
der Kommunikation ist (vgl. auch die einleitendenden Ausführungen zur Funktion von
Kommunikation) – die Beziehungsaussage ist eine Verstehensanweisung für die Inhalts-
aussage. Die Art, wie jemand den Satz „Ich habe Hunger“ gegenüber einer konkreten Be-
zugsperson ausspricht, bestimmt, wie diese Person darauf reagiert: mit einem Schulterzucken,
mit „Ich auch“ oder mit der Zubereitung einer Mahlzeit.
4.3.2
Das Kommunikationsquadrat
Friedemann Schulz von Thun verfeinerte 1981 das Modell von Inhalts- und Beziehungsas-
pekt (vgl. Schulz von Thun 2010a): Jede Nachricht hat vier Seiten: Inhalt, Beziehung,
Selbstoffenbarung und Appell.
4 Kommunikationspsychologische Grundlagen der Führung
141
Sein Modell, das als „Kommunikationsquadrat“ oder „Vier-Seiten-Modell“ weit ver-
breitet ist, hilft zu erklären, wie absurd das gesprochene Wort manchmal ist oder wie es in
der Kommunikation zu Missklängen kommen kann. Denn selten ist das, was wir sagen,
genau das, was wir meinen. Ein Beispiel: In der Besprechung sagt die Chefi n „Der Kaffee
ist leer!“ Der Sachinhalt ist sicher zutreffend, doch den will sie eigentlich gar nicht mittei-
len, vielmehr möchte sie, dass die Appellseite der Nachricht – von wem auch immer – ge-
hört wird, und diese besagt: „Sorgen Sie für neuen Kaffee.“ (Abb. 4.1 )
Ob wir es wollen oder nicht: Wir sind bei jeder Kommunikation vierfach wirksam,
senden vier Botschaften, obwohl wir vielleicht nur einen Satz sagen. Die vier Seiten drü-
cken Folgendes aus:
• Sachinhalt : worüber ich informiere.
Aussagen, die man mit wahr/unwahr, relevant/nicht relevant oder ausreichend/nicht
ausreichend klassifi zieren kann.
• Beziehung : was ich von dir halte und wie ich zu dir stehe.
„Ob ich will oder nicht: Wenn ich jemanden anspreche, gebe ich (durch Formulierung,
Tonfall, Begleitmimik) auch zu erkennen, wie ich zum Anderen stehe und was ich von
ihm halte – jedenfalls bezogen auf den aktuellen Gesprächsgegenstand“ (Schulz von
Thun 2003 , S. 35).
Der Empfänger fühlt sich durch die eingehenden Informationen wertgeschätzt/abge-
lehnt, missachtet/geachtet, respektiert/gedemütigt.
• Selbstkundgabe : was ich von mir zu erkennen gebe.
In jeder Aussage schwingt neben Sach- und Beziehungsbotschaft auch ein Hinweis auf
die eigene Befi ndlichkeit mit. Das sind Informationen über Gefühle, Werte, Eigenarten
und Bedürfnisse. Auch die Selbstkundgabe kann implizit oder explizit erfolgen.
• Appell : was ich bei dir erreichen möchte.
In jeder Aussage steckt auch ein Appell an den Empfänger, was der Sender von ihm an
Reaktion erwartet, sei es einer bestimmten Aussage zuzustimmen oder eine konkrete
Handlung auszuführen. Entsprechend enthält die Appellseite Wünsche, Aufforderun-
gen, Ratschläge oder Handlungsanweisungen.
Sachinhalt
Selbst-
kund-
gabe
Äußerung Appell
Beziehung
Abb. 4.1 Kommunikations quadrat. Quelle: Schulz von Thun ( 2003 , S. 34)
4.3 Kommunikationstheorien und -modelle
142
Schulz von Thun sagt, dass der Sender einer Nachricht mit „vier Schnäbeln“ spricht
und der Empfänger mit „vier Ohren“ hört. Wie z. B. die Beziehungsaussage vom Sender
gemeint ist, muss dabei nicht identisch sein mit der Beziehungsaussage, die der Empfän-
ger heraushört. An der Reaktion des Empfängers kann der Sender erkennen, auf welche
Seite der Nachricht dieser reagiert und wie er sie vermutlich interpretiert hat. So könnte
ein Mitarbeiter im o. g. Kaffee-Beispiel mit der Nachricht reagieren „Och nee, nicht
schon wieder ich.“ Sein Ohr hat den Appell von „Der Kaffee ist leer!“ so verstanden, dass
genau er damit aufgefordert sei, Kaffee nachzukochen. Eine denkbare Reaktion der Che-
fi n könnte ein genervtes „Das habe ich doch gar nicht gesagt!“ sein. Auch sie reagiert
damit nicht auf die wortwörtliche Rede, sondern auf den versteckten Vorwurf auf der
Selbstkundgabe- und Beziehungsseite: „Immer lassen Sie mich die niedrigen Arbeiten
tun.“ So wird aus einer harmlosen Geschichte ein die Konferenzstimmung beeinträchti-
gendes Hin und Her.
Praxis
Konfl ikte klären mit dem Kommunikationsquadrat
Die Kenntnis des Kommunikationsquadrats ist hilfreich, wenn man sich als Füh-
rungskraft erklären will, warum manche Mitarbeiter scheinbar sofort verstehen, was
man meint, und andere nicht. Dann macht es Sinn, sich eine Kommunikationssequenz
(Rede und Gegenrede) aufzuschreiben und zu benennen, welche vier Botschaften
man der Rede als Sender zuschreibt und welche offensichtlich der Empfänger gehört
hat, als er seine Gegenrede formulierte. Hat man dies herausgefunden, kann man
durch eine entsprechende unmissverständliche Kommunikation die Ursache offen
ansprechen und klären. Um noch einmal das Beispiel aus dem Text zu bemühen: Die
Chefi n könnte ihren Satz „Der Kaffee ist leer!“ von Anfang an ergänzen, z. B. mit der
Aussage „Mir würde jetzt eine Tasse gut tun. Herr Müller, wären Sie bitte so freund-
lich, uns Nachschub zu organisieren?“
Die Frage übrigens, wer bei einem missverständlichen oder konfl iktbehafteten Verhalten
angefangen hat, beschreibt Paul Watzlawick in seinem dritten Axiom. Es heißt im Origi-
nal: „Die Natur einer Beziehung ist durch die Interpunktion der Kommunikationsab-
läufe seitens der Partner bedingt.“ (Watzlawick et al. 2011 , S. 61). Es bedeutet, dass
Kommunikation immer Ursache und Wirkung zugleich ist, die Partner jedoch häufi g die
„Punkte“ unterschiedlich setzen, wann ein Problem begonnen hat.
Das vierte Axiom „Kommunikation ist digital und analog.“ widmet sich dem Um-
stand, dass wir sowohl digital, also mit Zeichen (wie Worten oder Schrift) kommunizieren,
als auch analog, d. h. mit Gestik und Mimik, die z. B. den Beziehungsaspekt konkretisieren.
Während durch die komplexen Regeln von Syntax und Semantik in der Sprache auch Fein-
heiten kommuniziert werden können, sind analoge Handlungen mehrdeutig und eröffnen
mehr Interpretationsspielräume (das fünfte Axiom fi nden Sie am Ende von Abschn. 4.3.3 .).
4 Kommunikationspsychologische Grundlagen der Führung
143
4.3.3
Die Ich-Zustände nach der Transaktionsanalyse
Die Transaktionsanalyse geht auf Eric Berne (1910– 1970 ) zurück, der in den 1960er- Jahren
ein Modell erarbeitete, das erklärt, warum Menschen in unterschiedlichen Situationen un-
terschiedlich kommunizieren (vgl. Harris 1989 ). Eine Kommunikationssequenz (A spricht
mit B und B reagiert darauf) nennt er Transaktion. Diese detailliert zu analysieren, war für
ihn ein Werkzeug, um seinen Klienten weiterzuhelfen. Berne hatte beobachtet, dass Men-
schen aus drei unterschiedlichen Ich-Zuständen heraus handeln bzw. sprechen und in der
Kommunikation mit anderen auf bestimmte Ich-Zustände des Gegenübers reagieren.
Diese Ich-Zustände sind:
• Im Kindheits-Ich hat die Person Zugang zur inneren Gefühlswelt ihrer Kindheit, die
zunächst unmittelbar existiert und nicht sprachlich vermittelt werden kann (Angst, Zu-
neigung, Hunger, …). Ein Säugling oder Kleinkind kann beispielsweise nur fühlen und
miterleben, dass und wie die Eltern streiten, hat aber nicht die Möglichkeit, zu erklären,
warum.
• Im Eltern-Ich hat die Person Zugang zu Normen und Verhaltensweisen, die sie von
anderen, typischerweise den Eltern, (noch) unrefl ektiert übernommen hat. Meist wir-
ken kindliche Erfahrungen normativ in Gedanken wie: Man muss, man darf nicht, es ist
nicht gut wenn man… Solche „Einschärfungen“, man könnte auch Zuschreibungen
oder Glaubenssätze dazu sagen, prägen das Selbsturteil und das Handeln.
• Im Erwachsenen-Ich ist die Person in angemessener Weise voll und ganz im Hier und
Jetzt. Sie hat Zugang zu ihrem eigenen Verstand, zu Normen, die sie refl ektiert und als
sinnvoll befunden hat, zu Gefühlen, mit denen sie umgehen kann. Das Erwachsenen-Ich
entsteht nach und nach, wenn ein Mensch entdeckt, dass er etwas tun kann, das seinem
eigenen Bewusstsein und seinem eigenen Denken entspringt. Hierbei können elterliche
Normen infrage gestellt und Gefühle rational ergründet werden.
Hintergrund
Transaktionsanalyse als therapeutische Methode
Die Transaktionsanalyse (kurz: TA) ist eine psychotherapeutische Schule, die bestän-
dig weiter entwickelt wurde, um Menschen zu unterstützen, ihre erlebte Wirklichkeit
zu verstehen und zu verändern. Von Berne zunächst als Ergänzung zur Psychoanalyse
nach Freud entwickelt, wurde daraus eine eigenständige Methodik, die neben den Ich-
Zuständen auch das Konzept des „ Skripts “ (Lebensplan, der sich in unserer Kindheit
einprogrammiert) und des „ Spiels “ (stereotype Verhaltensrituale, mit denen wir ge-
wohnte Beziehungsmuster wiederholen) umfasst. Grundlegend ist die Haltung des
Therapeuten „Ich bin ok. Du bist ok.“ (so auch ein Buchtitel von Thomas Harris 1989 ),
eine Haltung, die zwei Erwachsenen-Ichs gemäß ist.
Die TA wird von vielen Disziplinen sehr verkürzt rezipiert und reduziert auf die
gut nachvollziehbare Erklärung, warum Erwachsene sich gut verstehen, wenn sie
4.3 Kommunikationstheorien und -modelle
144
gemeinsam herumalbern (Kongruenz im Kindheits-Ich) oder sich gemeinsam über
Busverspätungen empören (Kongruenz im Eltern-Ich), warum es aber zu Missklängen
kommt, wenn sich die Transaktionen kreuzen (vgl. Haupttext). Ähnlich ist übrigens
auch das Kommunikationsquadrat nur ein Ausschnitt aus der von Schulz von Thun
begründeten Modelltheorie. Bei Interesse lohnt es sich, die Originale nachzulesen.
Die drei Ich-Zustände stehen jedem Menschen zur Verfügung. Welche in einer Situation
dominiert, ist von den Reizen ab, die in dieser Situation wahrgenommen werden und auf
die reagiert wird.
Anhand der Wortwahl (aber auch der nonverbalen Zeichen) kann man erschließen, aus
welchem Ich heraus ein Mensch spricht (Abb. 4.2 ).
Theoretisch kann es nun 3x3 = 9 Variationen geben, wie zwei Personen miteinander kom-
munizieren. Transaktionsanalytiker notieren das mit Symbolen wie in Abb. 4.3 ff.
Die erste Kommunikationsregel der Transaktionsanalyse besagt: Wenn Reiz und Re-
aktion auf parallelen Linien verlaufen, dann ist die Transaktion komplementär
(d. h. sie ergänzt sich selbst immer wieder von Neuem) und kann endlos weitergehen
(Harris 1998, S. 91).
Die nicht-komplementäre oder Überkreuz-Transaktion ist gegeben, wenn Person B
sich an die angebotene Rolle nicht hält. Dann gilt, so die zweite Kommunikationsregel:
Wenn Reiz und Reaktion, sich im EL-Er-K-Schema überkreuzen, wird die Kommu-
nikation unterbrochen. (a.a.O., S. 102) (Abb. 4.5 ).
Im Verhältnis Führungskraft zu Mitarbeiter ist unbewusst eine Kommunikation zwi-
schen Eltern-Ich und Kind-Ich angelegt. Sofern beide aus dem jeweiligen Ich-Zustand
kommunizieren, funktioniert die Kommunikation. Sie manifestiert allerdings ein Über-/
Ich-Zustand
Körpersprache
Typische Floskeln
Eltern-Ich
gerunzelte Brauen, Stirnfalten,
ausgestreckter Zeigefinger,
den Kopf tätscheln, Arme in
die Seite stemmen/ vor der
Brust verschränken
o Ich werde dafür sorgen, dass…
o Was fällt dir/ Ihnen ein…
o Wie oft habe ich schon gesagt
o lächerlich, idiotisch, ekelhaft
o Schätzchen, mein Bester, guter
Mann, Menschenskind
o Und jetzt? Nan na!
Kind-Ich
Tränen, zitternde Lippen,
Schmollen, Wutanfall, Betteln,
Lachen, Grimassen schneiden,
Hand heben, wenn man etwas
sagen möchte, Achselzucken
o Ich will, Ich wünsche mir, Ich möchte
o Weiß ich doch nicht Mir doch egal
o besser, am besten und andere
Komperative/ Superlative
o Ich mach jetzt erst mal (gar nichts)
Erwachsenen-
Ich
Offen, dem Gegenüber
zugewandt, hört zu, ist
interessiert, wach
o alle W-Fragen
o verhältnismäßig, wahrscheinlich
o ich finde, denke, meine, glaube
Abb. 4.2 Indizien für Ich-Zustände nach der Transaktionsanalyse. Quelle : in Anlehnung an Harris
1998, S. 84 ff.
4 Kommunikationspsychologische Grundlagen der Führung
145
Unterordnungsverhältnis, was mit moderner Mitarbeiterführung, Delegation und sich
selbstorganisierenden Unternehmen nichts zu tun hat.
Das Ideal der Kommunikation sowie die Ausstiegsstrategie im Fall nicht- komplementärer
Kommunikation ist immer die Kommunikation aus dem Ich-Zustand des Erwachsenen her-
aus. Ein Erwachsenen-Ich kann ein anderes Erwachsenen-Ich um Hilfe bitten, ohne sich
Person A
Person B
Eltern-Ich
„Denen darf man nicht trauen!“
„Genau! Die sind alle gleich
Eltern-Ich
Erwachsenen-
Ich
Erwachsenen-
Ich
Kind-Ich
Kind-Ich
El
El
Er
Er
K
K
Abb. 4.3 Darstellung einer komplementären Transaktion. Quelle: eigene Darstellung
Person A
Person B
El-El
Denen darf man nicht trauen
Genau! Die sind alle gleich.
Er-Er
Wie viel Uhr ist es?
Ich habe vier Uhr dreißig
K-K
Rumalbern, Lachen(selten verbal)
Rumalbern, Lachen(selten verbal)
El-K
Tust du mir den Gefallen und erledigst X.
Ich kann das nicht, das ist mir peinlich.
K-El
Was soll ich heute Abend anziehen?
Nimm den dunklen Anzug.
Abb. 4.4 Beispiele für komplementäre Transaktionen. Quelle: in Anlehnung an Harris 1998,
S. 94 ff.
Person A
Person B
Eltern-Ich
Eltern-Ich
Erwachsenen-
Ich
„Wie viel Uhr ist es“
Erwachsenen-
Ich
Kind-Ich
Kind-Ich
El
El
Er
Er
K
K
Abb. 4.5 Darstellung einer nicht komplementären Transaktion. Quelle: eigene Darstellung
4.3 Kommunikationstheorien und -modelle
146
dabei klein zu machen, es kann sein Missfallen äußern, ohne sich damit über den anderen
zu erheben.
Das fünfte Axiom von Watzlawick et al. lautet übrigens: „Kommunikation ist entwe-
der symmetrisch oder komplementär.“ (Watzlawick et al. 2011 , S. 70). Symmetrisch
kommunizieren zwei gleichstarke Partner, die nach Gleichheit und Verminderung von Un-
terschieden streben. Man könnte es auch ein „spiegelhaftes Verhalten“ der Partner nennen.
In der komplementären Kommunikation gibt es immer einen „superioren“ und einen „in-
ferioren“ Partner. Die Partner ergänzen sich in ihrem Verhalten. In der Führungssituation
ist das der Normallfall und nicht als negativ zu betrachten. Negativ wäre allenfalls, sich als
Führungskraft vorzumachen, es könne eine symmetrische Kommunikation mit Mitarbei-
tern geben. Harris verwendet den Begriff „komplementär“ in einer anderen Bedeutung:
Hier ergänzen sich die Ich-Zustände sowohl von oben nach unten, als auch von gleich zu
gleich. Seine Empfehlung für Führungskräfte: Der Ansprache im Eltern-Ich widerstehen
und immer aus dem Erwachsenen-Ich heraus kommunizieren.
4.4
Konfliktmanagement
Konfl ikte werden nahezu immer über Kommunikation deutlich, auch und gerade wenn
Personen nicht miteinander reden.
Mitarbeiter verbringen durchschnittlich rund 12 % ihrer Arbeitszeit im Unternehmen
damit, Konfl ikte auszutragen (vgl. Duve et al. 2011 , S. 13). Eine wichtige Fähigkeit für
Führungskräfte ist daher, die Grundlagen des Konfl iktmanagements zu beherrschen und
anwenden zu können.
4.4.1
Definition und Bewertung von Konflikten
Zunächst sollte der Konfl iktbegriff von seinem Negativimage befreit werden. Man kann
nämlich auch die Meinung vertreten, Konfl ikte seien wünschenswert, denn sie zeigen Re-
gelungsbedarf auf und bieten somit den Anlass dafür, Probleme zu bewältigen. Mit der
Regelung von Konfl ikten gelangt man persönlich, als Team oder als Organisation schließ-
lich auf eine Entwicklungsstufe, die man ohne den Konfl ikt unter Umständen nicht oder
nicht so schnell erreicht hätte. Damit wird deutlich: Nicht der Konfl ikt an sich ist proble-
matisch, sondern seine Lösung. Ziel ist daher nicht, Konfl ikte zu verhindern, sondern
Maßnahmen und Regeln zu fi nden, um die Konfl ikte zum Vorteil aller aufzulösen.
Im Allgemeinen liegt der Sinn von Konfl ikten darin, einem bestimmten Missstand abzu-
helfen. Die Beteiligten wollen ein Problem bewältigen und übergeordnete Strukturen oder
Systeme erhalten. Konfl ikten ist gemeinsam, dass die beteiligten Konfl iktparteien jeweils
erwarten, durch ihr Verhalten im Konfl ikt irgendwann eine Beseitigung der Konfl iktsituati-
on zu erreichen und letztlich Vorteile für sich selbst zu erlangen oder zumindest ihre Ziele
zu erreichen. Entscheidend ist dabei nicht, ob Vorteile oder Zielerreichung objektiv in Aus-
sicht gestellt werden können, sondern ob die Konfl iktparteien dies subjektiv erwarten.
4 Kommunikationspsychologische Grundlagen der Führung
147
Ein Konfl ikt kann deshalb neutral und knapp als ein Phänomen defi niert werden, „bei
dem widerstreitende menschliche Strebungen aufeinanderprallen“ (Hertel 2013 , S. 16).
Glasl (2013, S. 19 f.) betont den unterschiedlichen Umgang mit den widerstreitenden Inter-
essen: „Sozialer Konfl ikt ist eine Interaktion zwischen Aktoren (Individuen, Gruppen, Orga-
nisationen usw.), wobei wenigstens ein Aktor Unvereinbarkeiten im Denken/Vorstellen/
Wahrnehmen und/oder Fühlen und/oder Wollen mit dem anderen Aktor (anderen Akto-
ren) in der Art erlebt, dass beim Verwirklichen dessen, was der Aktor denkt, fühlt oder will
eine Beeinträchtigung durch einen anderen Aktor (die anderen Aktoren) erfolge“. Diese
Defi nition stellt den subjektiv erwartenden Charakter aus Sichtweise der Konfl iktparteien in
den Vordergrund. Ein Aktor nimmt dabei an, dass er eine Beeinträchtigung erleiden müsse,
wenn er dem Wunsch der Gegenpartei nachgeben würde. Die Defi nition lässt auch die Mög-
lichkeit einer Konfl iktlösung zu, bei der sich nicht die objektive Situation, wohl aber Annah-
men und subjektive Sichtweise eines oder mehrerer Beteiligten ändert.
Hintergrund
Der Sinn von Konfl ikten
Menschen, die nach der Lösung eines Konfl iktes streben, fragen häufi g nach dessen
Ursache. Allerdings zeigen sich Konfl ikte äußerlich häufi g nur durch Kleinigkeiten, die
kaum als wahre Konfl iktursache gelten können. Ferner kann man nicht davon ausge-
hen, dass die wahren Konfl iktursachen objektiv und unmittelbar zugänglich gemacht
werden, da sie meist unbewusst oder tabuisiert sind. Stattdessen wird eine vermeintli-
che Ursache identifi ziert, entsprechend interveniert und die wahre Ursache dadurch
verschleiert. Der Konfl ikt würde dann an anderer Stelle oder zu einer anderen Zeit
wieder auftreten. Schwarz ( 2014 , S. 15). empfi ehlt daher, nach dem Sinn von Konfl ikten
zu fragen, nicht nach Ursachen. Auch wenn Menschen meist nicht die Ursachen für ihr
Verhalten kennen und bewusst artikulieren können, so können sie jedoch meist durch-
aus erklären, was sie mit ihrem Verhalten erreichen wollen. Wenn man also fragt,
„Welchen Sinn macht es für A, wenn er XY von B verlangt?“ und ebenso fragt, „Wel-
chen Sinn macht es für B, wenn er YX von A verlangt?“, dann kommt man zu einem
Punkt, an dem sich der Sinn des Konfl iktes zwischen A und B offenbart. An diesem
Sinn und seiner Erfüllung kann man dann weiter arbeiten.
Quelle: Schwarz ( 2014 )
Für das Konfl iktmanagement bedeutet dies, dass Konfl ikte zwar ernst genommen werden
und eine Bearbeitung erfahren sollen, nicht aber, dass die Konfl iktlösung darin besteht,
dass eine Konfl iktpartei recht, die andere unrecht hat. Konfl ikte ohne klare Schuldzuwei-
sung werden in der Praxis häufi g noch als Fehler von Führungskräften gedeutet, und zwar
unabhängig davon, wie erfolgreich diese Person mit ihrem Team tatsächlich ist. Dabei
machen Konfl ikte Sinn, weil sie im Rahmen der Teamentwicklung ein notwendiger Schritt
sind (vgl. Abschn. 3.2.2 ) und dazu führen, dass sich ein System erneuert. Das Ziel einer
Führungskraft im Konfl iktmanagement sollte weitestgehende Zufriedenheit bei den Kon-
fl iktparteien sein, nicht Recht zu sprechen. Konfl ikte können dabei auch funktional einge-
setzt werden (vgl. hierzu Schwarz 2014 , S. 15 ff.).
4.4 Konfl iktmanagement
148
Konfl ikte als Ordnungsprinzip : Menschen tragen Auseinandersetzungen kommuni-
kativ aus, im berufl ichen Kontext meist verbal. Mit der Zeit entsteht durch eine Vielzahl
von großen und kleinen Konfl ikten in einer Gruppe (durchaus unbewusst) eine Rangord-
nung. Durch die zukünftige Einhaltung dieser Rangordnung werden weniger Konfl ikte
notwendig, da nun ein Regelsystem existiert. Konfl ikte haben also die Funktion, Sozial-
systeme zu ordnen und dadurch insgesamt stabil zu halten.
Konfl ikte als Integrationsinstrument : Konfl ikte sollten nicht vermieden werden, um
ein Sozialsystem zusammenzuhalten, sondern konstruktiv kanalisiert, evtl. sogar gefördert
werden, um genau dieses zu erreichen. Indem Konfl ikte überwunden werden, fi ndet eine
Gruppe oder ein Sozialsystem wieder zu einer Einheit zusammen. Dieses Gebilde ist dann
meist stabiler als zuvor. Entscheidend ist, ob Konfl ikte konstruktiv oder destruktiv bear-
beitet werden. Bei der Bearbeitung eines Konfl iktes einigen sich die Beteiligten implizit
oder explizit auf gewisse Normen und Werte und verpfl ichten sich darauf. Der Konfl ikt
sorgt somit für die Integration der Gruppenmitglieder in die jeweilige Gruppe.
Konfl ikte als Anpassungsmechanismus : Um ein bestehendes Sozialsystem in einem
sich wandelnden Umfeld integriert zu halten, müssen permanent Gemeinsamkeiten ge-
sucht oder bestehende überprüft werden. Über kommunikative Austauschprozesse in Kon-
fl iktsituationen durchläuft ein Team oder eine Organisation selbst einen Wandel. Interessant
ist hierbei, dass Gruppen, in denen es nicht nur eine Autoritätsperson, sondern immer auch
eine Opposition gibt, meistens erfolgreicher sind als Gruppen, die unbehelligt einem Füh-
rer folgen. Allein die Tatsache eines (möglichen) Widerspruchs zwingt alle, zu überlegen,
wer nun recht hat. Durch diese Überlegungen kann sich die Leistung der Gruppe verbes-
sern, wenn sich herausstellt, dass die Kritik berechtigt war.
4.4.2
Konfliktanalyse und -diagnose
4.4.2.1 Einteilung nach Konfliktarten
Schwarz ( 2014 , S. 97 ff.) unterscheidet Konfl iktarten anhand der Anzahl und Konstellation
von Personen, die am Konfl ikt beteiligt sind:
• Persönlicher Konfl ikt: z. B. Entscheidungskonfl ikte, Intra- oder Interrollenkonfl ikte
(vgl. Abschn. 3.1.2 )
• Paarkonfl ikt: zwischen zwei Personen oder Parteien
• Dreieckskonfl ikt: zwischen drei Parteien oder auch zwischen zwei Personen und einer
Institution (z. B. Mitarbeiter, Führungskraft und Unternehmen)
• Gruppenkonfl ikt: in einer sozialen Gruppe, z. B. einem Projektteam oder einer Abteilung
• Organisationskonfl ikte: zwischen Organisationseinheiten, z. B. Machtkämpfe zwischen
Abteilungen, etwa Vertrieb und Zentralstellen
• Institutionskonfl ikt: zwischen Institutionen, etwa einem Unternehmerverband und Ge-
werkschaften
• Systemkonfl ikt: zwischen den Strukturen und Regeln eines Systems
4 Kommunikationspsychologische Grundlagen der Führung
149
4.4.2.2 Einteilung nach heißen und kalten Konflikten
Eine weitere Möglichkeit der Kategorisierung von Konfl ikten ist die Unterteilung in heiße
und kalte Konfl ikte (vgl. hierzu Glasl 2013, S. 77 ff.). Bei heißen Konfl ikten befi nden sich
die jeweiligen Konfl iktparteien in einer Begeisterungsstimmung, hitzige Debatten um den
Streitgegenstand entstehen, jede Konfl iktpartei ist dabei von einem bestimmten Idealismus
getrieben und versucht, die jeweils andere(n) Seite(n) zu überzeugen. Die eigene tiefe
Überzeugung ist gepaart mit einem Unverständnis, warum „die anderen“ das denn nicht
auch erkennen können. Bisweilen visionär möchte man Ziele erreichen und verwirklichen,
die recht klar in der eigenen Vorstellung existieren. Als Problem erscheint dabei die jeweils
andere Seite, die einen selbst an der Verwirklichung der Ziele hindert. Grundsätzlich habe
man mit der Gegenseite kein Problem, wenn sie einen nur nicht immer behindern würde.
Kalte Konfl ikte sind anders. „Anstelle des Feuers der Begeisterung begegnet man bei
den Konfl iktparteien tiefen Enttäuschungen, einer weitgehenden Desillusionierung und
Frustration. Es gibt eigentlich nichts, für das sie sich erwärmen oder begeistern könnten.“
(Glasl 2013, S. 80). Bei kalten Konfl ikten gibt es auch innerhalb der Konfl iktparteien oft
keine oder nur wenig Verbindungen und gemeinsam abgestimmte Aktionen. Das gemein-
schaftliche Selbstwertgefühl, das bei heißen Konfl ikten beobachtet werden kann, ist bei
kalten Konfl ikten aufgelöst. Jeder kämpft für sich, es fehlt ein positives Leitbild. Das
fehlende Selbstbewusstsein führt allerdings nicht dazu, nachzugeben oder einzulenken. Im
Gegenteil – die anderen sind ja noch viel schlimmer und haben noch viel weniger recht.
Entsprechend der unterschiedlichen Charakterisierungen dieser beiden Konfl ikttypen
ergeben sich auch unterschiedliche Ansätze zur Intervention bzw. zur Bearbeitung.
Bei heißen Konfl ikten ist es oft schwieriger, die Konfl iktparteien dazu zu bewegen, die
Rahmenbedingungen infrage zu stellen oder zu ändern. Sie wollen weiterhin inhaltlich
„kämpfen“ (sie sind schließlich von sich und ihrer Lösung überzeugt). Deshalb sollte sich
eine Führungskraft bei der Intervention um die Bereitschaft beider Seiten bemühen, ge-
meinsam an der Beziehung zu arbeiten, etwa offen aufeinander zuzugehen.
Bei kalten Konfl ikten, bei denen sich die Gegner eingegraben haben und ggf. sogar leug-
nen, dass ein Konfl ikt besteht, sollte man hingegen auf Eskalation setzen. Konfl iktgegner
sind hier meist offener für strukturelle Änderungen, denn in der Situation des kalten Konfl ik-
tes ist man festgefahren, es geht nichts vor und nichts zurück. Eine Eskalation des Konfl iktes
bringt wieder Bewegung hinein. Letztlich sind die Gegner beide erleichtert, wenn sich ir-
gendetwas ändert, und seien es die Rahmenbedingungen. Dies bietet dazu noch die Möglich-
keit, sein Gesicht zu wahren, denn unter diesen neuen Umständen ist alles etwas ganz
anderes. Man kann also neu nachdenken, ohne gleich Zugeständnisse machen zu müssen.
Durch sukzessiven Vertrauensaufbau kann der Konfl ikt dann langsam wieder erwärmt wer-
den. Man kommt wieder ins Gespräch, was ein Engagement hin zu einer Lösung fördert.
4.4.2.3 Einteilung nach Eskalationsstufen
Das Phasenmodell der Eskalation beinhaltet neun Stufen (vgl. im Folgenden Glasl 2013,
S. 211 ff.). Eskalation meint hier: Stufen in den Abgrund. Zu Beginn ist der Konfl ikt
noch harmlos, die Betroffenen könnten ihn noch selbst lösen. Geschieht dies nicht, gibt
4.4 Konfl iktmanagement
150
es typische Verhaltensweisen, wie sich ein Konfl ikt verschärft, um schließlich in der
Katastrophe zu enden: dem gemeinsamen Untergang.
Die neun Eskalationsstufen sind folgende:
• Verhärtung : Standpunkte verhärten sich hin und wieder und prallen auf jene der Ge-
genseite. Gelegentlich sind (verbale) Ausrutscher oder Verkrampfungen festzustellen,
es entsteht ein Bewusstsein für die bestehenden Spannungen, die an Personen festge-
macht werden.
• Debatte : Auf der zweiten Stufe beginnt man für ein Publikum zu sprechen, um Punkte
zu machen. Es kommt zur Polarisierung im Denken, Fühlen und Wollen, was in
Schwarz-Weiß-Denken mündet. Man argumentiert rational und versucht die Oberhand
zu behalten.
• Taten : „Den Worten müssen Taten folgen“, so die Ansicht, Worte würden ohnehin
nichts mehr bewirken. Die Strategie der vollendeten Tatsachen wird verfolgt. Man ver-
liert die Empathie für den Gegner. Geäußertes und gezeigtes Verhalten weichen vonei-
nander ab.
• Koalitionen : Man manövriert sich gegenseitig in negative Rollen hinein und bekämpft
sich. Der Gegner wird mit Klischees, Imagekampagnen und Stereotypen zum Feindbild
aufgebaut. Dabei werden Verbündete gesucht, symbiotische Bündnisse eingegangen.
• Gesichtsverlust : Der Gegner wird öffentlich und direkt angegriffen, um ihm einen
„Gesichtsverlust“ zuzufügen. Inszenierte Demaskierungsaktionen. Rückwirkende
Aha-Erlebnisse, Ekel. Isolation. Ausgestoßensein.
• Drohstrategien : Drohung und Gegendrohung, Setzen von Ulitmaten. Dadurch bringt
man sich selbst in Zugzwang, weiterzumachen.
• Begrenzte Vernichtungsschläge : Das Menschliche zählt nicht mehr, es gibt „Verlus-
te“ auf beiden Seiten. Die Wertung dieser Verluste wird dabei ins Gegenteil verkehrt.
Derjenige mit den kleineren Verlusten wird als der Gewinner dargestellt.
• Zersplitterung : Das gegnerische System wird paralysiert, abgeschnitten von jeder
Versorgung. Vitale Systemfaktoren werden zerstört, dadurch wird das System unsteu-
erbar, bis er gänzlich zerfällt.
• Gemeinsam in den Abgrund : Auf der letzten Stufe gibt es kein Zurück mehr. In der
totalen Konfrontation gilt es, den Gegner um jeden Preis zu vernichten. Dabei wird
teilweise irrational auch der Verlust der eigenen Existenz in Kauf genommen, Hauptsa-
che der Gegner fällt mit (Abb. 4.6 ).
In der Gesamtsicht der neun Stufen und drei Phasen zeigen sich somit folgende Orien-
tierungen: Zu Beginn herrschen noch kooperative Einstellungen vor, die sich mit Wettbe-
werbsaspekten mischen. Man will seine Interessen durchsetzen, ist für eine einvernehmliche
Lösung (Win-win-Situation) jedoch prinzipiell offen. Danach tritt eine Polarisierung auf,
die durch eine Win-lose-Haltung gekennzeichnet ist. Man ist vom eigenen Sieg überzeugt
und bietet dem Gegner daher verschiedenerlei Anlässe, seine aussichtslose Lage zu erken-
nen. Die Einstellung in der letzten Phase ist dadurch gekennzeichnet, dass beide erkennen,
4 Kommunikationspsychologische Grundlagen der Führung
151
dass es nichts mehr zu gewinnen gibt (Lose-lose- Situation). Die Strategie zielt somit darauf
ab, den Sieg (nicht den Gewinn) durch geringe eigene Verluste zu erreichen bzw. zu doku-
mentieren.
Glasls Stufenmodell gibt Führungskräften eine Orientierung, von wem eine Konfl iktin-
tervention ausgehen kann: von der Gruppe selbst und der Führungskraft (in Phase I), von
externen Mediatoren (in Phase II) oder von einer außenstehenden Autorität (in Phase III).
4.4.3
Konfliktintervention und -lösung
Konfl iktlösungsstrategien
Konfl iktlösungsstrategien sind grundlegende Muster der Konfl iktlösung (vgl. hierzu
ausführlich Schwarz 2014 , S. 277 ff.).
• Flucht : Flucht ist zur Lösung von Konfl ikten ein grundlegendes menschliches Verhal-
tensmuster, das instinktiv zum Einsatz kommt. Zumindest kurzfristig lässt sich ein
Konfl ikt (ein Problem) schnell und einfach lösen, indem man sich von ihm entfernt.
Alltägliche Beispiele sind Fahrerfl ucht nach einem Unfall, die „Flucht in Arbeit“ oder
auch das „krank werden“ (was durchaus unbewusst geschieht und psycho-somatisch
bedingt ist), um Konfl ikten am Arbeitsplatz aus dem Weg zu gehen.
• Vernichtung : Die Strategie, die hinter dieser Konfl iktlösung steht, ist der Kampf,
durch den versucht wird, den Konfl iktgegner und damit den Konfl ikt aus der Welt zu
schaffen. Häufi g kommt diese Strategie zum Einsatz, wenn bemerkt wird, dass Flucht
den Konfl ikt nicht lösen kann. Die Vernichtung erfolgt heutzutage symbolisch bzw.
durch sozialen, nicht durch körperlichen Tod des Gegners. Alltagsbeispiele sind Fir-
menübernahmen, Entlassung, Versetzung, Scheidung etc.
• Unterordnung : Der erwartete Ausgang des Kampfes wird gedanklich vorweggenom-
men. Das Prinzip lautet: „lieber Sklave als tot“. Grundsätzlich (und darauf baut die
Hoffnung des sich Unterordnenden) ist das Verhältnis der Über- und Unterordnung
langfristig wieder aufl ösbar und sogar umkehrbar.
Abb. 4.6 Stufenmodell der Konfl ikteskalation nach Glasl. Quelle: Glasl 2013, S. 216 ff.
4.4 Konfl iktmanagement
152
• Delegation : Delegation meint in diesem Kontext, dass die Verantwortung für die Kon-
fl iktlösung an eine dritte Stelle delegiert wird, die selbst nicht in den Konfl ikt involviert
ist. Schiedsrichter in Sport, Politik oder Wirtschaft (Schiedsgericht) bzw. die Institution
der Gerichte selbst beruhen auf diesem Prinzip.
• Kompromiss : Um einen Kompromiss zu fi nden, müssen die Konfl iktparteien in der
Lage sein, zu einem gewissen Teil Verständnis für Bedürfnisse oder Interessen der Ge-
genseite aufzubringen, um dadurch eine Teileinigung zu erzielen. Während ein Teil der
Interessen, Forderungen oder Bedürfnisse der Konfl iktgegner erfüllt wird, bleibt ein an-
derer Teil allerdings unerfüllt. Beim Kompromiss steigt die Akzeptanz der Lösung.
• Konsens : Einen Konsens zu erzielen, kann als die qualitativ hochwertigste Konfl iktlö-
sung bezeichnet werden, da hier alle Bedürfnisse und Interessen der Konfl iktparteien
zu deren Zufriedenheit erfüllt werden. Dies bedeutet allerdings nicht, dass ihre ur-
sprünglichen Forderungen vollständig erfüllt werden. Man trifft sich nicht in der Mitte,
sondern an einem zuvor unbeachteten Punkt, der zu Konfl iktbeginn meist außerhalb der
eigenen Wahrnehmung lag.
Praxis
Beispiel für einen Konsens
Zwei Männer streiten in einer Bibliothek. Der eine möchte das Fenster offen haben, der
andere geschlossen. Sie zanken herum, wie weit man es öffnen soll: einen Spalt weit,
halb-, dreiviertel offen. Keine Lösung befriedigt beide.
Die Bibliothekarin kommt herein. Sie fragt den einen, warum er denn das Fenster
offen haben möchte. „Ich brauche frische Luft.“
Sie fragt den anderen, warum er das Fenster lieber geschlossen hat. „Wegen der
Zugluft.“
Nach kurzem Nachdenken öffnet sie im Nebenraum das Fenster weit. Auf diese
Weise kommt frische Luft herein, ohne dass es zieht.
Quelle: Fisher et al. ( 2002 , S. 68)
Eine Partei allein kann auch mit dem besten Vermittler keinen Konsens erreichen, wenn
die Gegenpartei nicht auch ihre Ziele, Wünsche und Interessen offenbart. Auf den Um-
gang mit dieser Problematik gehen das Harvard-Konzept (vgl. hierzu Fisher et al. 2002 )
und die Methode der Mediation (vgl. hierzu Hertel 2013 ) ein.
4.4.4
Lösungen verhandeln mit dem Harvard-Konzept
Das Harvard-Konzept ist entstanden aus der wissenschaftlichen Auswertung erfolgreicher
Konfl iktlösungen in Politik, Wirtschaft und Institutionen. Es liefert ein Modell, wie Ver-
handlungen ablaufen sollten, um zum Konsens zu fi nden. „Verhandeln ist eine Grundform,
Gewünschtes von anderen Leuten zu bekommen. Es ist wechselseitige Kommunikation
mit dem Ziel, eine Übereinkunft zu erreichen, wenn man mit der anderen Seite sowohl
4 Kommunikationspsychologische Grundlagen der Führung
153
gemeinsame als auch gegensätzliche Interessen hat.“ (Fisher et al. 2002 , S. 15). Verhan-
deln ist somit eine Möglichkeit, soziale Konfl ikte kommunikativ auszutragen.
In Verhandlungen besteht ein Grundbedürfnis darin, der Gegenseite die jeweils eigene
Position deutlich zu machen, um dadurch die eigenen Interessen aufzuzeigen. Die eigene
Position wird dabei meist als unverrückbar kommuniziert, um die Interessen gegen An-
griffe zu schützen. Dieses Positionsgerangel sorgt allerdings auch dafür, dass sich Konfl ik-
te und Verhandlungen festfahren und immer mehr verhärten. „Je mehr Sie die Gegenseite
davon überzeugen, dass Sie Ihre Ausgangsposition nicht ändern können, umso schwerer
wird es dann, dies doch noch zu tun.“ (Fisher et al. 2002 , S. 23). Die Verhandlungsmetho-
de nach dem Harvard-Konzept versucht nun einen Leitfaden an die Hand zu geben, um ein
solches Dilemma von vornherein zu verhindern und den Verhandelnden die Möglichkeit
zu geben, ihre Interessen zu verfolgen, ohne sich dabei jedoch an bestimmte Positionen zu
binden. Ziel des Vorgehens in fünf Stufen ist ein Konsens, in dem beide Verhandlungspart-
ner als Gewinner hervorgehen (Win-win-Situation).
• Menschen und Probleme trennen
Jeder Mensch ist anders als andere und reagiert auch anders, selbst wenn er ein und demsel-
ben Problem ausgesetzt ist. Entsprechend reagieren Menschen auch in ähnlichen Verhand-
lungssituationen unterschiedlich. Die Reaktion und das Verhalten in Verhandlungen sollten
daher entsprechend vom eigentlichen sachlichen Problem getrennt betrachtet werden.
• Interessen und Positionen trennen
Interessen und Positionen hängen zusammen, da Positionen von Interessen bestimmt wer-
den. In der Regel werden in Verhandlungen nur Positionen diskutiert. Interessen dienen
allenfalls zu Beginn dazu, Positionen zu bestimmen, im Verlauf der Verhandlungen wer-
den sie dann aber meist nicht mehr intensiv betrachtet. Dies kann sich zu einem folgen-
schweren Fehler entwickeln. Um nämlich einen Konsens zu erzielen, ist die Betrachtung
und Verhandlung von Positionen meist nicht ausreichend, denn dieser verlangt Lösungen,
die außerhalb der bisherigen Wahrnehmung liegen und dennoch die Bedürfnisse der Ver-
handlungspartner befriedigen. Für einen Konsens ist es also geradezu notwendig, neue
Positionen einzunehmen. Hierfür ist es wiederum erforderlich, Interessen und Positionen
zu trennen.
• Vorteilsoptionen für alle entwickeln
Im dritten Schritt wird geklärt, wie eine Lösung aussehen müsste, mit der die Konfl iktpar-
teien gleichermaßen zufrieden sein könnten. Um dies zu erreichen, sollte man verschie-
denste Optionen suchen und bewerten. Dabei ist es wichtig, den Suchprozess zeitlich
vom Bewertungsprozess zu trennen (also zuerst zu suchen und zu sammeln und erst nach
Abschluss der Suchphase das Gesammelte einzeln zu prüfen und zu bewerten). Darüber
4.4 Konfl iktmanagement
154
hinaus ist es sinnvoll, statt nach einer Lösung nach mehreren zu suchen, um anschließend
die beste auswählen zu können. Darüber hinaus sollte der Fokus nicht nur auf die eigenen
Vorteile und Problemlösungen gerichtet werden.
• Neutrale Beurteilungskriterien anwenden
Wenn die Gegenpartei einen Lösungsvorschlag unterbreitet, der sich eigentlich ganz gut
anhört, fragt man sich oft instinktiv: „Wo ist der Haken an der Sache?“ Um einer vorschnel-
len Reaktion vorzubeugen, sollte man den entsprechenden Lösungsvorschlag anhand ob-
jektiver Kriterien bewerten. Dies bestätigt im Optimalfall nicht nur den Lösungsvorschlag,
sondern kann auch neues und gegenseitiges Vertrauen der Verhandlungspartner fördern.
Als objektive Kriterien eignen sich besonders solche, die auf Fairness, Effektivität oder
wissenschaftlicher Sachbezogenheit (z. B. Gutachten) beruhen. Die Forderung in dieser
Stufe, neutrale Beurteilungskriterien heranzuziehen, unterstreicht somit das Grundprinzip
des Harvard-Konzepts „Hart in der Sache, weich zum Menschen“.
• Beste Alternative prüfen
Der letzte Schritt des Harvard-Konzept es ist daher darauf ausgerichtet, nicht von vornhe-
rein auf eine Verhandlung zu verzichten, wenn die Gegenseite mächtiger erscheint. Auch
in einer unterlegenen Position gibt es immer zwei Möglichkeiten: die Verhandlungslösung
annehmen oder eben nicht. Es gilt, das Beste aus einer schlechten Ausgangslage zu ma-
chen. Das Stichwort für diesen letzten Schritt heißt BATNA (Best Alternative to Negotia-
ted Agreement). Bevor die verhandelte Vereinbarung angenommen wird, sollte geprüft
werden, welches die beste Alternative zu eben dieser Vereinbarung ist. Die Klarheit über
die „BATNA“ betrifft nicht nur die eigene Situation, sondern auch die des Gegenübers. Oft
ist die BATNA nur geringfügig schlechter für einen selbst, jedoch um ein Vielfaches
schlechter für die Gegenpartei. Somit gewinnt man selbst wieder an Verhandlungsmacht,
wenn das Interesse der Gegenpartei darin bestehen muss, eine Entscheidung zugunsten der
BATNA des vermeintlich schwachen Gegners zu verhindern.
Praxis
Gehaltsverhandlung mit dem Vorgesetzten nach dem Harvard-Konzept
Ein gutes Übungsthema für die Anwendung des Harvard-Konzepts ist die Situation,
dass man sich auf eine Gehaltsverhandlung vorbereitet. Folgende Überlegungen emp-
fehlen sich für die schriftliche (!) Vorbereitung:
(1)
Trennen Sie zwischen der Person Ihres Vorgesetzten und der Sache, um die es
Ihnen geht. Gestehen Sie sich ein, ob Sie Ihren Vorgesetzten mögen oder nicht,
und überlegen Sie, welche Reaktionen und/oder Einwände Sie erwarten.
(2)
Notieren Sie Ihre Interessen und welche Position Sie folglich derzeit beziehen.
Schreiben Sie ebenfalls die Interessen und die vermutete Position Ihres Vorgesetzten
4 Kommunikationspsychologische Grundlagen der Führung
155
auf. Im späteren Gespräch können Sie klären, ob Sie seine Interessen richtig iden-
tifi ziert haben.
(3)
Welche Alternativen zu einer Erhöhung des Monatsgehalts gibt es, um Ihre
Interessen der Anerkennung, des Mehr an Lebensqualität oder was immer Sie mit
Ihrem Gehaltswunsch verbinden, zu verwirklichen?
(4)
Welche Kriterien legen Sie selbst an eine gute Lösung an? Welche Ihr Vor-
gesetzter?
(5)
Was ist Ihre beste Alternative, für den Fall, dass Sie mit Ihrem Anliegen nicht
erfolgreich sind? (So vermeiden Sie, dass Sie leichtfertige Drohungen ausspre-
chen oder zerknirscht klein beigeben müssen.)
4.5
Zusammenfassung
Führung ist Kommunikationsarbeit. Die Kenntnis von grundlegenden menschlichen
Kommunikationsbedürfnissen ist daher Voraussetzung, um Führungsaufgaben erfolg-
reich wahrzunehmen. Grundmodelle der Kommunikation sind das Eisberg-Modell , das
Kommunikationsquadrat sowie die Transaktionsanalyse .
Zum Führungsalltag gehört auch die Bearbeitung von Konfl ikten. Diese wiederum sind
entweder durch misslungene Kommunikation entstanden oder werden zumindest über
Kommunikation deutlich. Konfl ikte sind in Organisationen notwendig, um Regelungsbe-
darf aufzuzeigen und damit letztlich auch, um die Organisation an ein sich wandelndes
Umfeld anzupassen. Je besser und konstruktiver Führungskräfte in Unternehmen mit Kon-
fl ikten umgehen können, desto effi zienter wird die Konfl iktbearbeitung. Zur Konfl iktana-
lyse bietet sich die Betrachtung verschiedenster Konfl iktarten an. Ein Verständnis der
Eskalationsmechanismen sowie der grundsätzlichen Lösungsmöglichkeiten von Konfl ik-
ten dienen einer späteren Konfl iktintervention. Diese kann z. B. nach dem Verhandlungs-
modell des Harvard-Konzepts erfolgen.
4.6
Kontrollaufgaben
Aufgabe 4.1 Erläutern Sie knapp Kommunikationsbedürfnisse von Menschen.
Aufgabe 4.2 Markieren Sie, ob die folgenden Aussagen richtig oder falsch sind!
Gemäß dem Eisberg-Modell der Kommunikation hat man immer mehrere Möglichkeiten
etwas aus einer Aussage herauszuhören.
Richtig □ Falsch □
Der Sachinhalt ist der wichtigste Teil einer Aussage.
Richtig □ Falsch □
Entsprechend dem Konzept der Transaktionsanalyse ist es in Führungssituationen
wichtig, aus Sicht des „ Eltern-Ich “ zu kommunizieren.
Richtig □ Falsch □
4.6 Kontrollaufgaben
156
Nachdem Mitarbeiter rund 12 % ihrer Arbeitszeit damit verbringen Konfl ikte auszutra-
gen, sollten Führungskräfte versuchen, Konfl ikte zu vermeiden oder zu unterbinden.
Richtig □ Falsch □
Konsens ist die beste Form der Konfl iktlösung.
Richtig □ Falsch □
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4 Kommunikationspsychologische Grundlagen der Führung
157
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2016
U. Schirmer, S. Woydt, Mitarbeiterführung, BA KOMPAKT,
DOI 10.1007/978-3-662-47915-5_5
5
Führungstheorien und -modelle
Lernziele
Dieses Kapitel vermittelt
• einen Überblick zu zentralen Führungstheorien und -modellen,
• welche Persönlichkeitseigenschaften Führungserfolg unterstützen,
• zwischen welchen Führungsstilen Führende wählen können,
• wie Führung an unterschiedliche Situationen angepasst werden kann,
• wie Vorgesetzte begeisternd führen können,
• wie Mitarbeiter zu selbstgesteuertem Handeln angeregt werden können und
• worin die systemischen Herausforderungen der Führung liegen.
5.1
Führungsansätze im Überblick
Führungstheorien versuchen die Frage zu beantworten, wovon der Erfolg personaler Füh-
rung abhängt. Diese Aufgabenstellung ist zentraler Gegenstand der Führungsforschung
und hat im Zeitverlauf zu verschiedenen Ansätzen mit spezifi schen Schwerpunkten ge-
führt und bringt weiterhin mehr oder weniger neue Führungskonzepte hervor. Dabei fi ndet
Führungsforschung immer eingebettet in das Denk- und Wertesystem mit den vorherr-
schenden Menschenbildern des historisch-gesellschaftlichen Umfeldes statt. Auch die je-
weiligen Produktionssysteme mit ihrem grundsätzlichen Wandel hin zu postfordistischen
und agilen Strukturen beeinfl ussen das Führungsverständnis. Hinzu kommen globale, inter-
kulturelle Einfl üsse, die sich auf das Entstehen und die Weiterentwicklung von Führungs-
ansätzen auswirken (vgl. Lang und Rybnikova 2014a, S. 15 ff.). Im Folgenden werden fünf
zentrale Perspektiven der Führungsforschung dargestellt (vgl. zu einer umfassenden
Übersicht Wunderer 2011 , S. 273 sowie grundsätzlich z. B. Weibler 2016 ; Blessin und Wick
2014 ; Felfe 2014 ):
158
• Eigenschaftsbasierter Ansatz
• Verhaltensansatz
• Situationsansatz
• Transformationaler Ansatz
• Systemischer Ansatz
Die dabei betrachteten Führungstheorien sind in Abb. 5.1 mit wesentlichen Autoren und
Veröffentlichungen auf einer Zeitleiste dargestellt, ohne dass damit ein exakte „Geburts-
stunde“ des jeweiligen Ansatzes verbunden ist. Dabei wirken Führungstheorien aus frühe-
ren Jahrzehnten in unterschiedlichem Maße auf die modernen Führungsansätze ein und
haben weiterhin Einfl uss. Eine grundsätzliche Entwicklung in der inhaltlichen Ausrich-
tung der Führungstheorien hat im Zeitablauf weg von der Betrachtung der Führung als
Austauschbeziehung ( transaktionale Führung ) hin zur Führung als Begeisterung der
Mitarbeiter ( transformationale Führung ) stattgefunden. Die aktuellen Entwicklungen,
die sich mit weiblichem Führungsverhalten und dem „Managing von Diversity “ befassen,
werden in Abschn.7.2 dieses Buches dargestellt. Das führungsethische Themenfeld des
„bad leadership“ wird in Abschn.1.4.5 diskutiert.
Eigenschaftsansatz
Max Weber: Charisma-Theorie
Carlyle: „Great Man“-Theorie
Verhaltensansätze
Reddin: 3-D-Modell
Lewin/Lippitt/White:
„Iowa-Stile“
Tannenbaum/Schmidt:
Führungsstilkontinuum
Mehrdimensional:
Eindimensional
Max Weber
Führungsstile
Blake/Mouton:
Managerial Grid
Transaktionale Führung
Transformationale Führung
Situative Ansätze
Fiedler: Kontingenzmodell
Hersey/Blanchard: Reifegradmodell
House: Weg-Ziel-Theorie
Vroom/Yetton: Situationsanalytisches
Entscheidungsmodell
1841
2016
1958
1921/22
1977
1939
1953
1964
1970
1967
1973
1969
1985 1991
2006
Transformationale Ansätze
House: Neo-Charismatische Führung
Bass: Leadership
Manz/Sims: Super Leadership
Systemische Führung
1971
Zweidimensional:
Pearce/Sims: Shared Leadership
2000
1999
Fleishman:
Ohio-State-
Leadership-
Quadrant
Bass/Steidlmeier: Authentische Führung
Abb. 5.1 Ausgewählte Führungstheorien im chronologischen Überblick. Quelle: eigene Darstellung
5 Führungstheorien und -modelle
159
5.2
Eigenschaftsbasierte Ansätze
Der eigenschaftsbasierte Ansatz der Führung geht von einer individuenzentrierten, auf die
Persönlichkeit des Führenden fokussierten Perspektive zur Erklärung von Führungserfolg
aus. Die Führungskraft mit ihren überdurchschnittlich ausgebildeten kognitiven Eigen-
schaften und ihrer Führungspersönlichkeit wird dabei als zentraler Faktor für den
Führungserfolg gesehen. Hinzu kommt in diesem seit Mitte des 19. Jahrhunderts disku-
tiertes Ansatzes, dass die Führungseigenschaften vererbt werden. In der Konsequenz be-
deutet dies ein sehr diskriminierendes Gesellschaftsbild, das Menschen dauerhaft in
Führende und Geführte einteilt.
5.2.1
Eigenschaftsansatz – „great man theory“
Dieser Theorie liegt die Vorstellung zugrunde, dass sich Führung alleine durch die Person des
Führers erklären lässt (vgl. im Folgenden Staehle 1999 , S. 305 ff.; Blessin und Wick 2014 ,
S. 48 ff.). Bestimmte, angeborene Eigenschaften prädestinieren wenige Menschen, Führung
auszuüben. Dabei werden diese Eigenschaften als stabil, d. h. als situationsinvariant angese-
hen (vgl. Stock-Homburg 2013 , S. 458). Sie müssen zudem geeignet sein, persönliche
Entscheidungen und individuelles Verhalten der Führungskräfte zu beeinfl ussen und vorherzu-
sagen (vgl. Weibler 2016 , S. 98). Dieser Ansatz resultiert aus den gesellschaftlichen Idealen der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, welches durch ein soziald arwinistisches Elitedenken ge-
prägt war. Erfolgreiche Industrieführer wie Alfred Krupp und Werner von Siemens sowie mi-
litärische Führer wie Paul von Hindenburg und Helmuth von Moltke beeindruckten in
Deutschland durch ihre Erfolge, die sie basierend auf alleinigen, einsamen Entscheidungen
hervorbrachten ( great man theory ) (vgl. Carlyle 1841 ; Galton 1869 ). Dem Ansatz liegt zu-
dem die Vorstellung zugrunde, dass die notwendigen Persönlichkeitsmerkmale insbesondere
bei führenden Vertretern der zentralen Gesellschaftsschichten wie Militär, Klerus, Adel und
Industrie zu fi nden seien und dort vererbt würden (vgl. Weibler 2016 , S. 98). Durch diesen
elitären Führungsansatz werden partizipative Führungsforderungen verneint und konsequent
ausgegrenzt. Korrespondierend zu dem Eigenschaftsansatz der Führung wirkt das mechanisti-
sche Menschenbild nach Taylor in Bezug auf die Mitarbeiter (vgl. Taylor 1917 ). Arbeiter sind
aufgrund ihrer begrenzten intellektuellen Fähigkeiten nicht für dispositive Aufgaben einsetzbar
und benötigen somit einen starken Führer.
Die zentrale Frage im eigenschaftsgestützten Führungsansatz lautet: Welche Eigenschaften
unterscheiden eine erfolgreiche von einer erfolglosen Führungskraft ? Dabei könnte es genau
eine Eigenschaft sein ( „unitary trait theory“ ) oder eine Kombination aus mehreren
Eigenschaften („constellation of traits theory“ ), welche den Unterschied ausmachen. In
Konsequenz dazu richtete die Forschung in der Zeit zwischen 1900 und 1950 ihren Fokus
auf die Suche und Entdeckung genau dieser Führereigenschaften. Standen zuerst physische
Eigenschaften wie Größe, Stärke und Gesundheit im Vordergrund, wurden diese später
durch Persönlichkeitsmerkmale wie Intelligenz, Willensstärke und Entschlusskraft ergänzt.
5.2 Eigenschaftsbasierte Ansätze
160
Hintergrundinformation
Führungseigenschaften in der „ great man theory“
In einer Metaanalyse von 100 eigenschaftstheoretischen Studien wurden durch Stogdill
folgende personale Eigenschaften als zentral für den Führungserfolg identifi ziert:
• Fähigkeit (Intelligenz, Urteilskraft, Ausdrucksfähigkeit usw.)
• Leistung (Wissen, Schulerfolg, sportliche Erfolge usw.)
• Verantwortung (Zuverlässigkeit, Initiative, Selbstsicherheit usw.)
• Partizipation (Kooperation, Anpassungsfähigkeit, Humor usw.)
• Status (sozioökonomische Position, Popularität usw.)
Letztlich konnte aber kein konsistenter Zusammenhang zwischen einzelnen Persön-
lich keitsmerkmalen und Führungserfolg belegt werden. Vielmehr zeigte sich, dass die
Situation einen erheblichen Einfl uss ausübt. Letztere wurde von Stogdill mit dem geis-
tigen Niveau, dem Status, den vorhandene Fertigkeiten sowie den Bedürfnissen und
Interessen der Geführten umschrieben. In Konsequenz zu der Metaanalyse konnte kein
verbindlicher Kanon von Führungseigenschaften ermittelt werden. Es ist plausibel,
dass ein Industrieführer über andere Merkmale verfügen muss, wie ein Feldherr oder
ein fürsorglicher Vertreter der Kirche. Dies zeigte sich auch darin, dass „erfolgreiche
Führer“ in ungewohnten Situationen scheiterten.
Quelle: Stogdill ( 1948 , S. 35 ff.) und Staehle ( 1999 , S. 333)
Der Eigenschaftsansatz ist als statisch zu betrachten, da er weder die Dynamik der Führungs-
situation noch eine mögliche Entwicklung von Persönlichkeitsmerkmalen thematisiert. Auch
die Interaktion zwischen Führendem und Geführten wird nicht erfasst. Spätestens mit Beginn
der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat der Eigenschaftsansatz erheblich an Bedeutung
verloren. Dies wurde in Deutschland durch die zunehmende Demokratisierung und dem
Wunsch nach Mitsprache am Arbeitsplatz, dem steigenden Bildungsniveau sowie der Abkehr
vom Elitedenken induziert. Zudem ist Führungserfolg keiner monokausalen Erklärung zu-
gänglich, sondern bedarf einer ganzheitlichen Analyse (vgl. Staehle 1999 , S. 308; Steiger
2013 , S. 41). Auch ist aus heutiger Sicht klar, dass es kein „Führungsgen“ gibt (vgl. Van Vugt
2012 , S. 146), gleichwohl ist der Einfl uss von Persönlichkeitseigenschaften auf die Führungs-
effektivität zu bejahen (vgl. zu aktuellen Forschungsergebnissen Weibler 2016 , S. 105 ff.).
Hintergrundinformation
Bedeutung von Führungseigenschaften bei der Auswahl von Führungskräften
Anwendung in der Praxis fi ndet das Denken des Eigenschaftsansatzes heute z. B. im-
mer noch bei der Auswahl von Führungskräften – sowohl im Rahmen der internen
Talententwicklung als auch bei der externen Rekrutierung. Oftmals fi nden sich in den
Anforderungsprofi len für Managementpositionen typische Persönlichkeitseigen schaf-
ten wie Durchsetzungsvermögen, Extravertiertheit usw. aufgelistet, anhand derer
Führungs kräfte ausgewählt werden. Zur Erfassung dieser Eigenschaften existieren in-
nerhalb der Eignungsdiagnostik psychometrische Testverfahren, die defi nierte
Persönlichkeits eigenschaften zu erfassen versuchen. Viele dieser Testverfahren orien-
5 Führungstheorien und -modelle
161
tieren sich dabei an dem „Big Five“-Modell der Persönlichkeit mit seinen Dimensionen
Neurotizismus, Extraversion, Offenheit für Erfahrungen, Verträglichkeit und
Gewissenhaftigkeit. Testverfahren, die hierfür eingesetzt werden, sind z. B. das NEO-
PI (Neuroticism, Extraversion Openness Personality Inventory) von Costa/McCrae
oder der 16-PF-Test (16 Persönlichkeitsfaktoren-Test) von Cattell (vgl. Kap. 2.1.1).
In einer Studie untersuchten Heidrick & Struggles im Jahr 2008, welche Eigenschaften,
Denk- und Verhaltensweisen zum Aufstieg in Spitzenpositionen deutscher Unternehmen
befähigen. Dabei wurden u. a. eine ausgeprägte Leistungsbereitschaft und Ehrgeiz ver-
bunden mit Robustheit als wesentlich identifi ziert. Aber auch Durchsetzungsvermögen ,
Entscheidungsfreude, Risikobereitschaft, Kommunikationsfähigkeit, Teamführung und
strategisches Verständnis gelten als unverzichtbar. Ein darauf basierendes ausgegliche-
nes, glaubwürdiges und integres Verhalten wird als zentral für die Karriere benannt.
Hinzu kommen Loyalität, Konsequenz und ein offener Umgang mit Menschen.
Heidrick & Struggles sprechen in diesem Zusammenhang von einer „deutschen
Manager-DNA“ .
Quelle: Kanning ( 2004 , S. 379); Fischhuber ( 2008 ) und Weibler ( 2016 , S. 101 ff.)
5.2.2
Charismatische Führung
Gleichsam als zugespitzte Weiterführung der “great man theory“ kann die „klassische“ cha-
rismatische Führungstheorie interpretiert werden (vgl. im Folgenden Weibler 2016 , S. 123 ff.).
Deren grundsätzliches Erkenntnisinteresse liegt darin, zu erklären, warum es einzelnen
Personen immer wieder gelingt aufgrund ihrer persönlichen Ausstrahlung andere Menschen
in ihren Bann zu ziehen. Der charismatische Führungsansatz geht in seinem Grundkonzept
auf die Forschungsarbeiten von Max Weber zur Legitimierung von Herrschaft zurück
(Weber 1980 /1922, S. 140 ff.). Weber sieht neben legaler (Bürokratie) und traditioneller
Herrschaft (Monarchie) die charismatische Führung als dritte Herrschaftsform an. Herrschaft
in diesem Sinne meint, dass Menschen den Vorgaben, Befehlen eines einzelnen Menschen
folgen. Charisma wird dabei im Gegensatz zur heutigen, oftmals infl ationären Nutzung des
Wortes, mit der jegliches besondere persönliche Auftreten als charismatisch bezeichnet wird,
als eine „außeralltäglich (…) geltende Qualität einer Persönlichkeit“ gesehen, „um derentwil-
len sie als mit übernatürlichen oder übermenschlichen oder mindestens spezifi sch außerall-
täglichen, nicht jedem andern zugänglichen Kräften oder Eigenschaften [begabt] oder als
gottgesandt oder als vorbildlich und deshalb als »Führer« gewertet wird.“ (Weber 1980 /1922,
S. 140). Dabei kommt es nicht darauf an, ob diese Ausstrahlung „von irgendeinem ethischen,
ästhetischen oder sonstigen Standpunkt aus »objektiv« richtig zu bewerten sein würde“
(Weber 1980 /1922, S. 140). Es zählt nur die Bewertung durch die Beherrschten. Damit sind
auch Despoten und Diktatoren wie Adolf Hitler oder Josef Stalin als Charismatiker in diesem
Sinne einzustufen. Durch die Zuschreibung von Charisma durch die Geführten erfolgt eine
Erweiterung des Ansatzes weg von rein persönlichkeitsbezogenen Betrachtungen hin zu einer
dyadischen Perspektive , da Charisma ohne Wahrnehmung und Akzeptanz durch die
Geführten nicht entstehen kann. Die Anerkennung des Charismas bedingt auf Seiten der
5.2 Eigenschaftsbasierte Ansätze
162
Geführten eine emotionale Gefolgschaft, und „ist psychologisch eine aus Begeisterung oder
Not und Hoffnung geborene gläubige, ganz persönliche Hingabe.“ (Weber 1980 /1922,
S. 140). Damit wird offensichtlich, dass für charismatische Führung neben der rein personen-
gebundenen und durch andere Menschen attribuierten Ausstrahlung noch weitere situationa-
le, charismabedingenden Kontextfaktoren notwendig sind. Gerade, aber nicht nur, infolge
von Krisensituationen und Notlagen sind Geführte offen für eine Herrschaft durch außerall-
tägliche Führer, die die bestehenden Probleme und Herausforderungen vermeintlich oder tat-
sächlich lösen können. Gelingt es dem charismatischen Führer nicht, diese Situationen
langfristig zu bereinigen, „zeigt sich der charismatische Begnadete von seinem Gott oder
seiner magischen oder Heldenkraft verlassen“ (Weber 1980 /1922, S. 140). Charisma kann in
einer solchen Situation schwinden. Diese Führungs- bzw. Herrschaftsform ist somit labil,
zeitlich begrenzt und benötigt zu ihrer Fortsetzung den fortwährenden Erfolg.
Aufbauend auf den ursprünglichen Darstellungen von Max Weber und heutigen eigen-
schafts- und attributionstheoretischen Überlegungen lässt sich das Entstehen von Charisma
durch das prozessuale Zusammenwirken verschiedener Variablen erklären (vgl. Abb. 5.2 so-
wie Klein und House 1995 , S. 183 ff.). Auf Basis einer krisenhaften Situation auf der Meso-
oder Makroebene, d. h. auf der Ebene der Organisation oder der gesamten Gesellschaft, die
von den Betroffenen als bedrohlich empfunden wird, entsteht der intuitive Wunsch nach
Lösung dieser Situation. Dies fördert die Bereitschaft bei Menschen, einem möglichen Führer
und dessen inspirierender und Hoffnung spendender Vision zu folgen. Tritt nun ein solcher
Führer auf, der durch sein Verhalten und seine Persönlichkeit Zuversicht und Hoffnung aus-
strahlt, erfolgt die Zuschreibung des Charismas und eine entsprechende Führungsbeziehung
entsteht. Bildhaft kann dies wie folgt beschrieben werden: Ist Sauerstoff in der Luft vorhan-
den (krisenhafte Situation) und eine Funke (Führer) trifft auf entfl ammbares Material
(Geführte) entsteht Feuer (Charisma).
Die entstehende charismatische Beziehung führt dazu, dass die Mitarbeiter hoch moti-
viert und bereit sind, persönliche Opfer zu akzeptieren, um die Vision des Führers zu
„charismaempfängliche“ Geführte
(„entflammbares Material“) mit
dem Bedürfnis nach einem mu-
tigen“ Führer und Sicherheit.
Krisenhafte Situation in Organisation oder Gesellschaft („Sauerstoff“)
Charisma („Feuer“)
Überzeugender, visionärer Führer
(„Funke“), mit dem Potenzial
„charismatisch“ erlebt zu werden
interaktional
(„Zuschrei-
bung“)
Abb. 5.2 Zustandekommen charismatischer Führung . Quelle: nach Klein und House ( 1995 , S. 186),
ergänzt und modifi ziert
5 Führungstheorien und -modelle
163
verwirklichen. Sie fühlen sich zudem in hohem Maß mit dem Führer und anderen Geführten
verbunden, sie identifi zieren sich mit dieser Gemeinschaft (Klein und House 1995 , S. 187).
Eine derartige fortgesetzte Leistungsentgrenzung im Sinne einer Verausgabung für
die gesetzten Ziele, kann mittelfristig allerdings nachteilige Folgen wie Erschöpfung,
Stress usw. bei den Geführten hervorrufen (vgl. im Folgenden Weibler 2016 , S. 127 f. und
Blessin und Wick 2014 , S. 74 und S. 82 ff.). Zudem ist in Bezug auf charismatische
Führung zu berücksichtigen, da Charisma als Grundlage für ein Führungskonzept nicht
planbar ist, dass es durch das soziale Umfeld zugeschrieben werden muss, also Teil einer
interaktionalen Beziehung ist. Zudem kann Charisma als „außergewöhnliche“ Begabung
per defi nitionem nur begrenzt vorhanden sein. Damit ergibt sich die konkrete Problematik,
dass durch das Ausscheiden eines charismatischen Vorgesetzten aus einer Organisation,
kein Nachfolger vorhanden ist. Daraus folgt, dass Unternehmen in hohem Maß von einzel-
nen Personen abhängig sind. Zudem ist eine charismatische Führung labil und beinhaltet
nach Max Weber die Gefahr der Vergänglichkeit, spätestens dann, wenn die Bewährung,
d. h. entsprechende Erfolge, ausbleiben.
Hintergrundinformation
Voraussetzungen charismatischer Führung
Im Zusammenhang mit charismatischer Führung beschäftigt sich ein Großteil der ein-
schlägigen Ratgeberliteratur mit der Frage, wie eine derartige Ausstrahlung durch
Führungskräfte erzeugt werden kann. Als persönliche Voraussetzungen werden hier
z. B. folgende Hinweise gegeben:
• Selbstwertgefühl entwickeln: Sich selbst wahrnehmen und akzeptieren, in sich ru-
hen. Den Gedanken verankern: „Ich bin es wert, Wirkung zu entfalten.“
• Eigene Wege einschlagen: Charisma entwickelt sich fern vom Mainstream. Wer be-
sondere Wege einschlägt und geht, kann begeistern
• Empathie entfalten: Da Charisma im Auge des Betrachters entsteht, ist es notwendig
mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Es ist wichtig, sich für andere zu inter-
essieren, sich in sie einzufühlen.
• Eine Vision verkörpern: Eine Botschaft haben – „Das Beste liegt noch vor uns!“.
• Wirkungsvoll kommunizieren: Körpersprache, Mimik, und Stimmlage bestimmen
mit über den charismatischen Eindruck.
5.3
Verhaltensansätze (Führungsstile)
Bei den verhaltensorientierten Führungsansätzen stehen nicht mehr die Persönlichkeits-
eigenschaften als zentrale Erfolgsvariablen im Vordergrund, sondern das bewusste und
refl ektierte Agieren der Führungskräfte in Form der Art und Weise des Umgangs mit den
Mitarbeitern. Führung wird nun in gewissen Umfang als erlernbar gesehen (vgl. Stock-
Homburg 2013 , S. 484 f.), wobei implizit unterstellt wird, dass das angewandte Vorgehen
von persönlichen Einstellungen abhängig ist (vgl. Staehle 1999 , S. 334). Führungsverhalten
5.3 Verhaltensansätze (Führungsstile)
164
bezeichnet dabei übergreifend und grundsätzlich ein situativ angepasstes Vorgehen von
Führungskräften , während in Abgrenzung dazu unter einem Führungsstil ein tendenziell
situationsinvariantes, langfristig stabiles Verhalten verstanden wird, das gegebenenfalls
nur über bestimmte Klassen von Situationen variiert (vgl. Hentze et al. 2005 , S. 236) und
zudem auch interindividuell annähernd stabil ist (vgl. Blessin und Wick 2014 , S. 88). Ziel
der Führungsstilansätze ist es, die Effi zienzwirkungen in Bezug auf Produktivität,
Effektivität und Arbeitszufriedenheit verschiedener Verhaltensmuster situationsunabhän-
gig zu bestimmen (vgl. Staehle 1999 , S. 334 f.).
Hintergrundinformation
Lassen sich konkrete, erfolgsrelevante Verhaltensweisen von Führungskräften
bestimmen?
Neben der Diskussion um situationsübergreifende konsistente Verhaltensmuster von
Führungskräften interessiert auch die Suche nach konkretem erfolgsrelevanten Detail-
verhalten von Führungskräfte, um daraus normative Empfehlungen ableiten zu können.
So gibt es mittlerweile verschiedene auf Fremd- oder Selbstbeobachtung gestützte
Studien etwas älteren Datums, die das faktische Verhalten von Führungskräften zu er-
fassen versuchen. Ergebnisse sind hier z. B. dass
• Vorgesetzte oftmals 50 und mehr Stunden pro Woche arbeiten.
• der typische Arbeitstag von Führungskräften aus sehr vielen kleinen Episoden be-
steht, die oftmals weniger als neun Minuten dauern. Nur selten wird eine Stunde
oder mehr auf denselben Vorgang verwandt.
• Vorgesetzte überwiegend mündlich kommunizieren.
• die Kontakte zu Mitarbeitern wichtig sind, aber ebenso die Kontakte zu anderen
Interessengruppen relevant sind.
• Führungskräfte eigentlich keinen festen Arbeitsplatz haben, sondern viel unterwegs
sind.
• der Arbeitstag in weit überwiegendem Maße nicht planbar und durch viele unvor-
hergesehene „ad-hoc-„ Ereignisse geprägt ist.
Letztlich handelt es sich dabei eher um Rollenspezifi ka als um inhaltlich konkretisier-
tes, erfolgsrelevantes Führungsverhalten. Somit bleibt die Frage offen, welches
Verhalten Führungserfolg auslöst.
Quelle: Blessin und Wick ( 2014 , S. 87 ff.)
In Abhängigkeit der Anzahl und der Inhalte der Verhaltensdimensionen, die einem Füh-
rungsstil zugrunde liegen, wird zwischen ein-, zwei- und mehrdimensionalen Führungs-
stilkonzepten mit spezifi scher Ausrichtung unterschieden. Mit der Beschreibung von
idealtypischen Führungsstilen werden grundsätzliche Verhaltensweisen defi niert, die
Führenden eine Orientierung zur Ausgestaltung ihrer Führung bieten. Es handelt sich da-
bei um gedankliche Überzeichnungen, die eine bessere Unterscheidung ermöglichen, in
der Praxis aber nicht in Reinform praktiziert werden (vgl. Weibler 2012 , S. 340).
5 Führungstheorien und -modelle
165
5.3.1
Eindimensionale Führungsstile (Führungsstiltypologien)
Basierend auf den theoretischen Arbeiten von Max Weber zu verschiedenen Herr-
schaftsformen (legale, traditionelle und charismatische) begann die „modernere“ Führungs-
stildiskussion in den 20er-Jahren des 20 Jahrhunderts. Zu den nachfolgend dargestellten
vier, auf Weber´s Ideen zurückgehenden, idealtypischen Führungsstilen gehört auch der
charismatische Führungsstil (vgl. Weber 1980/1922, S. 122 ff. sowie Staehle 1999 ,
S. 309 ff.). Dabei nimmt dieser insofern eine Sonderstellung ein, als dass es sich hier ei-
gentlich um keinen echten Verhaltensansatz handelt. Charismatisches Verhalten im ur-
sprünglichen Sinn ist nicht erlernbar, sondern kann sich nur auf Basis einer interaktionalen
Zuschreibung konstituieren.
• Patriarchalischer Führungsstil
Die Autorität des Familienvaters ist Vorbild für diesen Führungsstil. Der Patriarch sorgt
sich um seine Mitarbeiter, erwartet dafür Loyalität und Gehorsam. Es gibt nur einen
Entscheider und keine Delegation von Befugnissen.
• Charismatischer Führungsstil
Die Autorität des Führenden gründet sich auf einzigartige Persönlichkeitsmerkmale.
Solche Führer beziehen ihren Erfolg vor allem aus ihrem persönlichen Auftritt und
weniger aus Führungsstrukturen etc.
• Autokratischer Führungsstil
Autokratisch führende Vorgesetzte sind besonders in großen Organisationen anzutref-
fen. Sie bedienen sich eines umfangreichen Führungsapparates (Hierarchie), in dem
nachgelagerte Instanzen die Entscheidungen durchzusetzen haben. Es besteht kaum
direkter Kontakt zwischen Führer und Geführten.
• Bürokratischer Führungsstil
Dieser Führungsstil stellt eine weitere Entpersönlichung der Führung dar. Der Führer
bedient sich im extremen Ausmaß formaler Regeln und Organisationsanweisungen.
Ein Kontakt zu den Geführten ist dabei nicht notwendig. Der Sachverstand des Büro-
kraten ersetzt die Willkür des Autokraten.
Den sozialpsychologischen Ursprung fi ndet die Führungsstildiskussion in den Experimenten
der sog. Iowa-Studien (vgl. Lewin et al. 1939 , S. 271 ff.). Hier wurden in einer Laborsituation
die Auswirkungen unterschiedlicher Führungsstile als unabhängige Variable auf das
Verhalten von Kindern, die Papiermasken bastelten, untersucht (vgl. Hentze et al. 2005 ,
S. 237 ff.). Differenzierendes Merkmal der eingesetzten Führungsstile war die
Entscheidungsbeteiligung der Geführten. Durch eine dichotomisierende Gegenüberstellung
wurden der autoritäre und der demokratische Führungsstil defi niert. Als im Verlauf der
Studien ein demokratisch führender Leiter die Kontrolle über seine Gruppe Jugendlicher
verlor und diese in großem Maße sich selbst überließ, entstand aus dieser Beobachtung her-
aus der Laissez-faire-Stil. Die Führungsstile sind in der Übertragung auf die Arbeitswelt wie
folgt charakterisiert (vgl. Hintz 2011 , S. 40; Weibler 2016 , S. 312 f.).
5.3 Verhaltensansätze (Führungsstile)
166
• Autoritärer Führungsstil
Die Führungskraft gestaltet, setzt Ziele und bestimmt Aufgaben, ohne dass die
Untergebenen beteiligt werden. Das Verhältnis von Führenden und Mitarbeitern beruht
auf Befehlen und Gehorsam. Der Führende ordnet alles im Detail an und die Mitarbeiter
führen es entsprechend aus.
• Kooperativer (demokratischer) Führungsstil
Beim kooperativen Führungsstil bindet der Führende die Mitarbeiter ein, um Ziele und
Aufgaben gemeinsam zu besprechen. Der Führende und die Mitarbeiter machen
Lösungsvorschläge, die gleichrangig behandelt werden. Die Führungskraft informiert
und unterstützt die Mitarbeiter, damit sie ihre Aufgaben selbstständig erledigen können.
• Laissez-faire-Stil
Dieser Stil kann eigentlich nicht als Führung bezeichnet werden, da er durch die
Abwesenheit von Führungsmaßnahmen geprägt ist und keine Zielorientierung besitzt.
Der Vorgesetzte gibt auf Fragen der Mitarbeiter Antworten, agiert ansonsten aber pas-
siv und initiativlos. Der Laissez-faire-Stil ist Ausdruck einer distanzierten und desinte-
ressierten Führungseinstellung. Der Vorgesetzte bietet keine Unterstützung und hält
sich aus Gruppenprozessen heraus.
Die in den Iowa-Studien beobachtete leichte Vorteilhaftigkeit des demokratischen Füh-
rungsstils konnte nachfolgend nicht bestätigt werden (Blessin und Wick 2014 , S. 102 f.).
Zudem zeigte sich, dass die Konzentration auf die beiden Extreme „autoritär“ und „demo-
kratisch“ unzureichend ist, da keine hybriden Handlungsmuster vorgesehen waren, was
nicht der Führungspraxis entspricht.
Diesem Defi zit wurde mit der Entwicklung von Führungsstilkontinuen begegnet. Mit
der Einführung dieser Modelle wurde die eindimensionale Betrachtungsweise von
Führungsstilen dahingehend weiterentwickelt, dass sich jede Führungsstilvariante auf der
Grundlage eines festgelegten Verhaltenskriteriums auf einem Kontinuum von zwei gegen-
sätzlichen Polen einordnen lässt. In ihrem populären Ansatz formulierten Tannenbaum und
Schmidt 1958 die Frage, wie sich Führende gegenüber Mitarbeitern in dem Kontinuum zwi-
schen autoritärer und demokratischer Führung verhalten sollten. Aus Beobachtungen in
Führungstrainings entwickelten sie ein Führungsstilkontinuum , das nach dem Ausmaß der
Führungsautorität und der Mitarbeiterpartizipation gestaffelt ist und sieben Führungsstile un-
terscheidet (vgl. Abb. 5.3 ). Zur Wahl des effektiven Führungsverhaltens fordert das Modell,
dass die Führenden die Situation (z. B. Größe des Unternehmens, Unternehmenskultur,
Eigenschaften der Arbeitsgruppe, verfügbare Zeit usw.), sich selbst (z. B. Wissen und Können,
individueller Lebenshintergrund, eigene Wertvorstellungen, Vertrauen in die Mitarbeiter
usw.) sowie die Mitarbeiter (z. B. Erfahrung, Sicherheitsbedürfnis, Kenntnisse, Erwartungen
an die Führungskraft usw.) betrachten und darauf basierend ihre Entscheidung treffen (vgl.
Tannenbaum und Schmidt 1958 , S. 98 ff. sowie Weibler 2016 , S. 314 ff.). Dadurch wird erst-
malig die Situation modellhaft berücksichtigt. Zudem wurden anstatt von Idealtypen prakti-
kable Realtypen von Führungsstilen defi niert. Allerdings konnten mit dem Modell keine
5 Führungstheorien und -modelle
167
empirischen Erfolgswirkungen in Bezug auf Leistungserbringung bzw. Mitarbeiterzufrie-
denheit nachgewiesen werden.
Nach diesem Modell würde ein durchaus entscheidungsfreudiger Vorgesetzter, der eine
erfahrene Arbeitsgruppe anleitet, der seinen Mitarbeitern großes Vertrauen in deren
Expertise entgegenbringt und der auch weiß, dass die Geführten sich einbringen wollen,
eher einen kooperativen bzw. eventuell einen delegativen Führungsstil umsetzen.
5.3.2
Zweidimensionale Führungsstilansätze: Ohio-State-
Leadership- Quadrant und Grid-Ansatz
A n der Ohio-State-University entwickelte eine Forschergruppe, beginnend ab 1945, zu der
u. a. Stogdill, Coons, Halpin und Fleishman gehörten, ein differenzierteres Modell des
Führungsverhaltens. Auf der Basis empirischer Daten aus Interviews zu Führungssituationen
wurden inhaltsanalytisch neun verschiedene Führungsdimensionen herausgearbeitet. Mittels
weiterführender Faktoranalysen wurden diese erst auf vier und schließlich dann auf zwei
voneinander unabhängige Dimensionen des Führungsverhaltens reduziert: „ Consideration “
(Mitarbeiterorientierung) und „ Initiating Structure “ (Aufgabenorientierung) (vgl. Fleishman
1953 , S. 153 ff.; Halpin und Winer 1957 sowie Hentze et al. 2005 , S. 209 ff.). Zur Messung
dieser beiden Führungsdimensionen wurde der LBDQ ( Leader Behaviour Description
Questionnaire ) (Halpin 1957 ) entwickelt, mit dem weitere Untersuchungen zur Bestätigung
der beiden Führungsdimensionen vorgenommen wurden. Auf Basis der Forschungsergebnisse
erfolgte eine Abkehr von der eindimensionalen Charakterisierung von Führungsstilen.
Entscheidungsspielraum
des Vorgesetzten
Mitwirkungs- und
Entscheidungsspielraum
der Mitarbeiter
Vorgesetzter ent-
scheidet und ord-
net an, ohne Kon-
sultation der MA.
Vorgesetzter entscheidet,
er ist aber bestrebt, die
MA von seinen Ideen zu
überzeugen, bevor er
diese anordnet.
Vorgesetzter entschei-
det, er gestattet jedoch
Fragen zu seinen Ent-
scheidungen, um Ak-
zeptanz zu erreichen.
Vorgesetzter informiert seine
MA über seine beabsichtigte
Entscheidung. Die MA haben
die Möglichkeit, ihre Meinung
zu äußern, bevor die endgül-
tige Entscheidung getroffen ist.
Die Gruppe entwickelt Vor-
schläge. Aus der Zahl der
gemeinsam gefundenen
Lösungen entscheidet sich
der Vorgesetzte für eine.
Die Gruppe entscheidet,
nachdem der Vorgesetzte
das Problem und die Gren-
zen des Spielraums aufge-
zeigt hat.
Die Gruppe ent-
scheidet. Der Vor-
gesetzte fungiert
als Koordinator.
autoritärer Führungsstil
partizipativer Führungsstil
autoritär
patriarchalisch
informierend
beratend
kooperativ
delegativ
teil-autonom
Abb. 5.3 Führungsstilkontinuum nach Tannenbaum/Schmidt. Quelle: Tannenbaum und Schmidt
( 1958 , S. 96); modifi ziert nach Wunderer ( 2011 S. 209)
5.3 Verhaltensansätze (Führungsstile)
168
• Mitarbeiterorientierte Führung
Der Führende geht davon aus, dass über das Interesse am Menschen auch die
Begeisterung an der Arbeit entsteht, sodass im Ergebnis eine hohe Leistung erzielt
werden kann. Solche Führungskräfte sprechen mit ihren Mitarbeitern, gehen auf deren
Sorgen ein und kümmern sich um ihr berufl iches Weiterkommen. Respekt, Freund-
lichkeit, Vertrauen, Rücksichtnahme und Wertschätzung prägen den Umgang.
• Aufgabenorientierte Führung
Die Führungskraft richtet ihr Hauptaugenmerk auf den technischen Ablauf und die
geforderte Leistungsmenge. Sie defi niert die Aufgabe, sichert die Kooperation in der
Gruppe und erlässt Vorschriften zur Erreichung der Ziele .
Zentrales Ergebnis der Ohio-Studien war somit, dass Aufgaben- bzw. Mitarbeiter-
orientierung nicht sich gegenseitig ausschließende Pole einer Dimension sind, sondern von-
einander unabhängig wirken und damit miteinander kombinierbar sind (vgl. Steinmann
et al. 2013 , S. 608). Eine Führungskraft kann sowohl Rücksichtnahme als auch Leistungsori-
entierung zum gleichen Zeitpunkt zeigen. Auf Basis der beiden Verhaltensdimensionen und
deren jeweiliger dichotomer Ausprägung von hoch und niedrig werden vier grundsätzliche
Führungsstile unterschieden, die im sogenannten Ohio-State- Leadership - Quadranten
zusammengefasst sind (vgl. Abb. 5.4 ). Die normative Schlussfolgerung aus dem Leader-
ship-Quadranten war, dass ein erfolgreicher Führer beide Dimensionen hoch ausgeprägt
realisieren muss.
Ausgehend von dem Ergebnis der Ohio-Studien , dass ein integratives Führungsver-
halten vorteilhaft ist, entwickelten Robert Blake und Jane Mouton 1960 im Rahmen eines
initiating
structure
(Aufgaben-
orientierung)
consideration
(Mitarbeiterorientierung)
hoch
niedrig
hoch
niedrig
niedrige Beziehungs-
orientierung
und
niedrige Aufgaben-
orientierung
hohe Beziehungs-
orientierung
und
niedrige Aufgaben-
orientierung
hohe Beziehungs-
orientierung
und
hohe Aufgaben-
orientierung
niedrige Beziehungs-
orientierung
und
hohe Aufgaben-
orientierung
Abb. 5.4 Ohio-State-Leadership- Quadrant . Quelle: in Anlehnung an Steinmann et al. ( 2013 , S. 609)
und Stock-Homburg ( 2013 , S. 486)
5 Führungstheorien und -modelle
169
Führungstrainings für Exxon einen ebenfalls zweidimensionalen Führungsansatz, das
Führungsverhaltensgitter ( Managerial Grid ) (vgl. Blake und Mouton 1964 ). Auf jeweils
neunstufi gen Skalen wird dabei der Grad der Mitarbeiter- und der Aufgaben- bzw.
Produktionsorientierung abgebildet (vgl. Abb. 5.5 ).
In dem Verhaltensgitter ergeben sich insgesamt 81 Führungsstil-Felder, von denen je-
doch primär nur die vier Eckfelder und das Mittelfeld intensiv betrachtet werden (vgl.
Blake und McCanse 1995 , S. 51 ff; Stock-Homburg 2013 , S. 490):
• 1.1 Überlebensmanagement: Hier werden weder soziale Beziehungen noch das
Arbeitsergebnis aktiv durch die Führungskraft gestaltet. Für die Führungskraft genügen
geringste Aktivitäten, um die eigene Position im Unternehmen zu sichern.
• 1.9 Glacehandschuh-Management: Die sozialen Beziehungen zwischen den Geführten
werden als besonders wichtig angesehen und entsprechend wird das Führungsverhalten
Betonung der Produktion
(Aufgabenorientierung)
Betonung des Menschen
(Mitarbeiterorientierung)
1
2
3
4
5
6
7
8
9
1
2
3
4
5
6
7
8
9
9.1 Führungsstil
„Befehl und Gehorsam-
Management“
Wirksame Arbeitsleistung
wird erzielt, ohne dass viel
Rücksicht auf zwischen-
menschliche Beziehungen
genommen wird.
5.5 Führungsstil
„Organisations-Management“
Genügende Arbeitsleistung
möglich durch einen Kom-
promiss zwischen den Be-
langen der Mitarbeiter und
den Erfordernissen des Leis-
tungsprozesses.
1.9 Führungsstil
„Glacehandschuh-Management“
Sorgfältige Beachtung der
zwischenmenschlichen Be-
ziehungen führt zu einer
bequemen und freundlichen
Atmosphäre und zu einem
entsprechenden Arbeitstempo.
9.9 Führungsstil
„Team-Management“
Hohe Arbeitsleistung von
begeisterten Mitarbeitern.
Verfolgung des gemein-
samen Ziels führt zu
gutem Verhalten.
1.1 Führungsstil
„Überlebens-Management“
Geringstmögliche Ein-
wirkung auf Arbeitsleis-
tung und auf die Menschen.
Abb. 5.5 Führungsverhaltensgitter. Quelle: Blake und Mouton ( 1978 , S. 11); modifi ziert
5.3 Verhaltensansätze (Führungsstile)
170
darauf ausgerichtet. Die Bedürfnisse der Mitarbeiter und die Entwicklung eines positi-
ven Arbeitsklimas stehen im Vordergrund. Aufgabenbezogene Führungsimpulse beste-
hen kaum.
• 9.1 Befehl-und-Gehorsam-Management: Das Erreichen der Leistungsziele steht im
Vordergrund. Zwischenmenschliche Bedürfnisse werden kaum berücksichtigt. Die
Arbeitsaufgabe wird so strukturiert und verteilt, dass persönliche Faktoren keine Rolle
spielen.
• 5.5 Organisations-Management: Dieser Führungsstil stellt eine Balance zwischen
Mitarbeiter- und Leistungsorientierung auf mittlerer Intensität her. Ein angemessenes
Ergebnis wird im Zusammenspiel der Notwendigkeit, die Arbeit tun zu müssen, und
der Realisierung eines angemessenen Betriebsklimas erreicht.
• 9.9 Team-Management: Durch eine intensive Betonung zwischenmenschlicher
Bedürfnisse und arbeitsbezogener Leistungsziele wird ein hohes Arbeitsergebnis bei
gleichzeitig hoher Arbeitszufriedenheit und hohem Engagement erreicht. Gegen-
seitiges Vertrauen und Respekt stellen sich zwischen den Mitarbeitern im Arbeits-
prozess ein.
In moderneren Fassungen des Modells werden noch zwei weitere „kombinierte“ Füh-
rungsstile eingeführt (vgl. Blake und McCanse 1995 , S. 51 ff.; Creusen und Müller-Seitz
2010 , S. 21 f.). Der 9+9-Patriarchen-Stil setzt sich aus dem 1.9-Glacehandschuh-
Management sowie dem 9.1-Befehl-und-Gehorsam-Management zusammen und beruht
letztlich auf einen Austausch von Belohnung und Anerkennung gegen Loyalität und Ge-
horsam. Der sogenannte Opportunisten-Stil offeriert der Führungskraft einen der ande-
ren sechs Führungsstile anzuwenden – je nach Situation und Mitarbeiter. Das Managerial
Grid enthält eine normative Ausrichtung, da der 9.9-Führungsstil als erstrebenswertes Ide-
al deklariert wird (vgl. Weibler 2012 , S. 359 f.). Die anderen vier Führungsstile führen nur
zu suboptimalem Führungserfolg und sind bestenfalls als Ausgangsbasis zur Optimierung
individuellen Führungsverhaltens im Rahmen von Personalentwicklungsmaßnahmen
nutzbar. Durch die Forderung nach Umsetzung des 9.9-Führungsstils abstrahiert das Mo-
dell zur Erklärung von Führungserfolg von den jeweiligen situativen Rahmenbedingungen
(vgl. Stock-Homburg 2013 , S. 491).
Fraglich ist, ob die beiden Verhaltensdimensionen gegenseitig tatsächlich förderlich
oder wenigstens neutral wirken. Nur dann könnte bezüglich der beiden Zieldimensionen
Leistung und Zufriedenheit entsprechend Zielkomplementarität bzw. Zielneutralität festge-
stellt werden (vgl. Berthel und Becker 2013 , S. 205 f.). Diese Frage ist insofern berechtigt,
da in den seit 1947 zeitlich parallel verlaufenden Studien an der University of Michigan zur
Effi zienz verschiedener Führungsstile Mitarbeiter- und Leistungsorientierung als zwei Pole
auf einer Dimension, dem Michigan-Kontinuum , defi niert wurden (vgl. Katz et al. 1950 ).
Im Managerial Grid wird unterstellt, dass es sich um unabhängige Dimensionen handelt,
die sich kombiniert verstärken und zu emergentem Führungsverhalten führen – abhängig
von der Intensität der einzelnen Verhaltensdimension (vgl. Blake et al. 1987 , Sp. 2019 f.).
5 Führungstheorien und -modelle
171
In neueren Modellversionen wird als dritte Dimension die Motivation aufgenommen, um
das Verhalten der Führungskräfte zu erklären (vgl. Hentze et al. 2005 , S. 229 ff.). Dazu
wird eine dipolare Motivationsdimension herangezogen, um zu beschreiben, was
Führungskräfte leisten wollen (positiver Pol) und was sie zu vermeiden suchen (negativer
Pol). So könnte der Antrieb für einen 1.1-Führungsstil „Überlebens-Management“ z. B.
die Angst vor Kündigung (negative Motivation) oder der Wunsch, sich aus allem
herauszuhalten (positive Motivation), sein. Negativ motivierte Führungskräfte können
wahrscheinlich keinen Führungserfolg realisieren.
Als grundsätzliche Kritik dem Mangerial-Grid gegenüber bleibt festzustellen, dass es
empirisch nicht bestätigt ist, insgesamt in seinen Grundannahmen vage formuliert und
sehr offen bzw. unverbindlich gestaltet ist, so dass es bei aufkommender Kritik durch
Variationen und Erweiterungen scheinbar problemlos angepasst werden kann (vgl. Blessin
und Wick 2014 , S. 113). Fraglich bleibt auch, ob es jeder Führungskraft gelingt, gleichzei-
tig hoch aufgaben- und beziehungsorientiert zu führen.
5.3.3
Mehrdimensionaler Führungsstil: 3-D-Modell nach Reddin
Aufbauend auf den Ohio-Studien und dem Führungsverhaltensgitter entwickelte Reddin
1970 das 3-D-Konzept der Führung (vgl. Reddin 1970 ; Berthel und Becker 2013 , S. 207 f.).
Beispiel
Grid International
Die hohe Akzeptanz des von Blake/Mouton entworfenen Führungsverhaltens-
gitters in der Praxis zeigt sich an der internationalen Vermarktung desselben. Grid
International, früher Scientifi c Methods, wurde 1961 von Blake/Mouton gegründet
und konzentriert sich auf Trainings und Organisationsentwicklung . Mit aktuell welt-
weit über 45 Grid® Instituten und Seminarmaßnahmen in 20 Sprachen wird das
Grid® Führungsmodell verbreitet. Schwerpunkte der Tätigkeit sind Seminare und
Maßnahmen zur Führungskräfte- und zur Unternehmensentwicklung.
Ein zentrales Angebot ist das 4,5-tägige Leadership Grid® Seminar. Es richtet sich
an Führungskräfte der oberen und mittleren Ebene. Beabsichtigt ist, die Teilnehmer zu
effektivem Teammanagement durch Änderung des traditionellen Führungsverhaltens
zu befähigen. Vermittelt werden die wesentlichen Elemente der Mitarbeiterführung
und Zusammenarbeit im Stil des „9.9 Leaderships“: Initiative ergreifen, Informationen
gewinnen, Standpunkte vertreten, Konfl ikte lösen, Entscheidungen treffen, mit
Misserfolgen umgehen und Kritik üben. Zur Nachbereitungsphase gehört nach 3 bis 6
Monaten das zweitägige Seminar „9.9 Führungspraxis“.
Quelle: GRID International Deutschland ( 2008 )
5.3 Verhaltensansätze (Führungsstile)
172
Dabei betrachtete er die vier Eckfelder im Managerial Grid als Basis- Führungsstile und
entwickelte daraus einen Führungsstil-Quadranten mit vier Basisstilen (vgl. Abb. 5.6 ):
Verfahrensstil (wenig Aufgaben-, wenig Mitarbeiterorientierung ), Beziehungsstil (wenig
Aufgaben-, viel Mitarbeiterorientierung), Aufgabenstil (viel Aufgaben-, wenig Mitarbeit-
erorientierung) und Integrationsstil (viel Aufgaben-, viel Mitarbeiterorientierung).
Zentral im Ansatz von Reddin ist die deutlich weitergehende Überlegung, dass sich die
Effektivität des angewandten Führungsstils nicht absolut, d. h. nur aus der Realisierung
von Aufgaben- (task orientation) und Kontaktorientierung (relationship orientation) im
Führungsverhalten, sondern nur im Kontext der situativen Rahmenbedingungen bestim-
men lässt. Jeder Führungsstil kann also sowohl effektiv als auch ineffektiv wirken (vgl.
Reddin 1977 , S. 47 ff. und S. 254 ff.):
• Verfahrensstil: Vorgesetzter verlässt sich primär auf Verfahren, Methoden und Systeme.
Als Bürokrat beherrscht er Routineprozesse durch straffe Organisation. Als Kneifer
beharrt er auf Regeln und Anweisungen, wo die Situation fl exible Anpassung erfordert.
Er ist unkooperativ und widersetzt sich dem Wandel.
• Beziehungsstil: Vorgesetzter betont gute zwischenmenschliche Beziehungen. Als
Förderer delegiert er so viel, wie die Situation erlaubt. Durch Mitarbeiterförderung
erhofft er sich langfristig eine Leistungssteigerung. Er kooperiert mit seiner Umwelt
und ist vertrauenswürdig. Als Gefälligkeitsapostel glaubt er, dass zufriedene
Mitarbeiter mehr leisten und vernachlässigt darüber die Sachziele. Er ist ein
Beziehungs-
orientierung
Aufgabenorientierung
Effektivität
ineffektiv
effektiv
hoch
niedrig
hoch
niedrig
Kompromiss-
ler
Autokrat
Gefälligkeits-
apostel
Kneifer
Integrations-
stil
Aufgaben-
stil
Beziehungs-
stil
Verfahrens-
stil
Integrierer
Macher
Förderer
Bürokrat
Effektive Stile
Basis-Stile
Ineffektive Stile
Abb. 5.6 3-D-Modell nach Reddin. Quelle: Reddin ( 1977 , S. 28)
5 Führungstheorien und -modelle
173
angenehmer und freundlicher Mensch, der passiv auftritt, keine Anregungen gibt und
auch kein Interesse an Ergebnissen hat.
• Aufgabenstil: Der Vorgesetzte betont Leistungsergebnisse und denkt produktivitätsori-
entiert. Als Macher setzt er realistische, aber anspruchsvolle Ziele und überzeugt durch
Fachwissen. Als Autokrat überfordert er seine Mitarbeiter und pocht auf Amtsautorität.
Er ist kritisch, wirkt auf andere bedrohlich und fordert unbedingten Gehorsam.
Entscheidungen trifft er alleine und kommuniziert nur „von oben nach unten“.
• Integrationsstil: Der Vorgesetzte strebt nach gleichgewichtiger Bedeutung von
Mensch und Aufgabe. Als Integrierer entscheidet und führt er kooperativ, motiviert
und fördert seine Mitarbeiter. Als Kompromissler meidet er Konfrontationen, ist ent-
scheidungsscheu und versucht es allen recht zu machen. Er wirkt schwach und es wird
ihm misstraut.
Die Theorie löst sich somit von dem Gedanken eines normativ zu fordernden idealen Füh-
rungsstils. Aus diesem Grund führte Reddin die Situation als dritte Dimension ein und
bezeichnete diese als Effektivität , da sie über die Wirkung des Führungsstils entscheidet.
Daraus ergibt sich auch die Bezeichnung des Modells als „3-D-Modell“. Die Einschät-
zung der Situation erfolgt anhand von fünf Grundfaktoren, die mit je 20 Indikatoren kon-
kretisiert sind. Die Analyse der Situation soll den Einsatz des effektiven Führungsstils
ermöglichen. Die fünf Grundfaktoren sind:
• Arbeitsweise, Aufgabenanforderungen und Technologie,
• Mitarbeiter,
• Kollegen,
• Führende sowie
• Organisationsstruktur und -klima.
Reddin formuliert zudem drei Fähigkeiten, über die Führungskräfte verfügen müssen, um
effektiv führen zu können:
• Sensibilität für die Situation: Vorgesetzte müssen in der Lage sein, situative Faktoren
in Bezug auf die Wahl des richtigen Führungsstils zutreffend einzuschätzen.
• Flexibilität im Führungsverhalten: Führungskräfte müssen grundsätzlich in der Lage
sein, die verschiedenen Führungsstilvarianten in ihrem Verhalten abbilden zu können.
• Gestaltungsfähigkeit: Vorgesetzte müssen auch fähig sein, in bestimmtem Umfang
auf eine Führungssituation zum Zweck der Veränderung einzuwirken.
Das 3-D-Modell von Reddin stellt den Übergang zu den situativen Theorien dar, da hier
erstmals zentrale Situationseinfl üsse erfasst und in Bezug auf das Führungsverhalten re-
fl ektiert werden. Allerdings ist das Modell noch sehr allgemein gehalten und kaum falsifi -
zierbar (vgl. Berthel und Becker 2013 , S. 208).
5.3 Verhaltensansätze (Führungsstile)
174
5.4
Situationsansätze
Vor dem Hintergrund der bisherigen Erkenntnisse wurde immer deutlicher, dass sich
Führungserfolg nicht hinreichend durch das Verhalten der Führenden erklären lässt. Für
eine zutreffende Prognose der Auswirkungen eines individuellen Führungsstils muss statt-
dessen die Situationsabhängigkeit berücksichtigt werden: „It all depends“ . Die Situation
wirkt als moderierende Variable auf den Einfl uss der Vorgesetzten ein (vgl. Steinmann
et al. 2013 , S. 612 f.).
5.4.1
Kontingenzmodell der Führung nach Fiedler
Als eine der zentralen situativen Führungstheorien geht das Kontingenzmodell der
Führung davon aus, dass der Führungserfolg , d. h. die aufgabenbezogene Gruppen-
leistung , von zwei interagierenden Variablen abhängt: dem Führungsstil und der
Führungssituation (vgl. Fiedler 1967 ; Staehle 1999 , S. 323 ff.; Stock-Homburg 2013 ,
S. 493 ff.). Die Situation fungiert als moderierende Variable, die den Erfolg des angewand-
ten Stils beeinfl usst. Das Modell enthält neben der Gruppenleistung zwei Kernvariablen:
(1) Führungsstil : Fiedler unterscheidet zwischen einem aufgabenbezogenen und einem per-
sonenbezogenen Führungsstil. Die mitarbeiterorientierte Führungskraft hat ein Bedürfnis
nach harmonischen zwischenmenschlichen Beziehungen, während der aufgabenorien-
tierte Führer nach erfolgreicher Leistung strebt. Zur Diagnose des Füh rungsstils setzt
Fiedler die sog. LPC-Skala (Least Preferred Coworker-Skala) als ein Wahrnehmungsmaß
ein, das aufzeigen soll, wie der Vorgesetzte auf Basis seiner Persönlichkeitsstruktur, sei-
nes Menschenbildes usw. sein soziales Gegenüber wahrnimmt. Ein hoher Wert, d. h. eine
wohlwollende Beurteilung des am wenigsten geschätzten Mitarbeiters durch den
Führenden, wird als Maß für einen personenbezo genen Führungsstil angesehen, weil
dieser offensichtlich über eine sehr wertschätzende, respektvolle und rücksichtsvolle
Einstellung Menschen gegenüber verfügt. Ein niedriger LPC-Wert spricht für einen auf-
gabenbezogenen Führungsstil, da der Führende vermutlich wenig Interesse am
Wohlergehen der Mitarbeiter hat, eine eher nüchterne und etwas distanzierte Beziehung
zu den Mitarbeitern bevorzugt (vgl. Yukl 2013 , S. 168 ff.). Die Beschreibung der Person,
mit der bisher aus Sicht des Führenden am schlechtesten zusammengearbeitet wurde,
erfolgt anhand von 18 bipolaren Adjektiven (semantisches Differenzial). Der LPC-Score
wird durch Addition der Skalenwerte der 18 Items erhoben.
Beispiel
LPC-Skala nach Fiedler
„Denken Sie an die Person, mit der Sie am wenigsten gut zusammenarbeiten kön-
nen, d. h. mit der Sie die meisten Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit haben.
5 Führungstheorien und -modelle
175
(2) Günstigkeit der Situation : Die Situation bestimmt, ob der Einfl uss des Führenden
auf die Mitarbeiter erleichtert wird. Die situationale Günstigkeit hängt von drei
Aspekten ab:
• Positionsmacht
Bezeichnet die formalen Belohnungs- und Sanktionspotenziale des Führers, um das
Verhalten der Mitarbeiter auf die Erreichung der Unternehmensziele hin ausrichten zu
können. Je höher die Positionsmacht, desto günstiger die Situation. Dies stellt den am
wenigsten gewichteten Situationsfaktor dar.
• Aufgabenstruktur
Die situationale Günstigkeit ist umso größer, je strukturierter die Aufgabe ist, je klarer
die Ziele und die Rahmenbedingungen der Ausführung sind.
Beschreiben Sie diese Person, wie sie Ihnen erscheint. Bevor Sie Ihr Kreuz setzen,
betrachten Sie die Wörter an beiden Enden der Linie. Addieren Sie am Ende die
links notierten Skalenwerte zu einer Summe.“
Skalenwert
angenehm
8 7 6 5 4 3 2 1 unangenehm
______
freundlich
8 7 6 5 4 3 2 1 unfreundlich
______
zurückweisend
1 2 3 4 5 6 7 8 entgegenkommend ______
gespannt
1 2 3 4 5 6 7 8 entspannt
______
distanziert
1 2 3 4 5 6 7 8 persönlich
______
kalt
1 2 3 4 5 6 7 8 warm
______
unterstützend
8 7 6 5 4 3 2 1 feindselig
______
langweilig
1 2 3 4 5 6 7 8 interessant
______
streitsüchtig
1 2 3 4 5 6 7 8 ausgleichend
______
verdrießlich
1 2 3 4 5 6 7 8 heiter
______
offen
8 7 6 5 4 3 2 1 verschlossen
______
verleumderisch
1 2 3 4 5 6 7 8 loyal
______
unzuverlässig
1 2 3 4 5 6 7 8 zuverlässig
______
rücksichtsvoll
8 7 6 5 4 3 2 1 rücksichtslos
______
widerlich
1 2 3 4 5 6 7 8 nett
______
akzeptabel
8 7 6 5 4 3 2 1 nicht akzeptabel
______
unaufrichtig
1 2 3 4 5 6 7 8 aufrichtig
______
gefällig
8 7 6 5 4 3 2 1 nicht gefällig
______
Summe:
______
Quelle: nach Fiedler ( 1967 , S. 39 ff.)
5.4 Situationsansätze
176
• Beziehung zwischen Führer und Geführten
Die Situation ist für die Führungskraft dann gut, wenn sich die Mitarbeiter affektiv zu
ihm hingezogen fühlen, ihn akzeptieren und ihm gegenüber loyal sind. Dies stellt den
am stärksten gewichteten Situationsfaktor dar.
Die Kombination dieser drei dichotom ausgeprägten Variablen führt zu acht Führungssi-
tuationen mit unterschiedlicher situationaler Günstigkeit wie in Abb. 5.7 dargestellt. Deut-
lich wird daraus, dass Fiedler in Abkehr von den Ohio-Studien nicht eine zeitgleiche
aufgaben- und mitarbeiterorientierte Führung vorschlägt, sondern dass in Abhängigkeit
der situativen Ausprägungen entweder mitarbeiter- oder aufgabenorientiert zu führen ist.
Ergebnis der Studien von Fiedler ist, dass eine aufgabenorientierte Führung in Situationen
hoher und niedriger Günstigkeit vorteilhaft ist, während in Situationen mittlerer Günstig-
keit ein personenorientierter Führungsstil zu besseren Leistungen führt (vgl. Wunderer
2011 , S. 213). Dies erklärt Fiedler damit, dass der Führende in sehr günstigen Situationen
eine hohe Klarheit und Strukturiertheit vorfi ndet und sich somit ganz auf die Aufgabe
konzentrieren kann. In sehr ungünstigen Situationen muss er strukturieren, um die Grup-
penkohäsion zu bewahren und einen Aufgabenvollzug zu ermöglichen. In Situationen
mittlerer Günstigkeit sind Aufgabenvollzug, Zielsetzung usw. unklar. Dies ruft Irritation
Leistung/
Zufriedenheit
der Mitarbeiter
Beziehung
Führer/Gruppe
Aufgabenstruktur
Positionsmacht
Günstigkeit
der
Situation
hoch
mittel
niedrig
schlecht
schwach
hoch
VI
gut
schwach
niedrig
IV
schlecht
schwach
niedrig
VIII
gut
stark
niedrig
III
gut
stark
hoch
I
gut
schwach
hoch
II
schlecht
stark
hoch
V
schlecht
stark
niedrig
VII
hoch
gering
aufgabenorientierter
Führungsstil
personenorientierter
Führungsstil
Abb. 5.7 Situationale Günstigkeit und Führungserfolg im Kontingenzmodell . Quelle: Fiedler und
Mai-Dalton ( 1987 , Sp. 943)
5 Führungstheorien und -modelle
177
und Unbehagen hervor, worauf sich ein unterstützendes, personenbezogenes Verhalten
positiv auswirkt.
Zur Steigerung der Effektivität empfi ehlt Fiedler einen „Match“ von Führungsstil und
-situation herzustellen. Das kann zum einen durch die Platzierung geeigneter Führungskräfte
und zum anderen durch die Veränderung der Situation erreicht werden. Fiedler selbst geht
nicht davon aus, dass sich das Führungsverhalten eines Vorgesetzten ändern lässt. Wenn dies
überhaupt möglich ist, dann nur sehr langfristig (vgl. Fiedler 1967 , S. 151 und S. 255 ff.).
Kritisch anzumerken gegenüber dem Kontingenzmodell ist, dass es keine hinreichenden
Erklärungen zu den Kongruenzbeziehungen zwischen dem Führungsstil und den Situati-
onstypen bietet, sondern nur auf die Empirie verweist. Gerade die empirische Bestätigung des
Modells ist nur mangelhaft gelungen. Auch ist zu hinterfragen, ob die Situation mit den drei
ausgewählten Parametern zutreffend erfasst ist (vgl. Rosenstiel und Kaschube 2014 , S. 703).
Fraglich ist zudem, ob das angewandte Vorgehen zur Differenzierung von personen- und auf-
gabenorientiertem Führungsstil valide ist (vgl. hierzu Hungenberg und Wulf 2011 , S. 376 f.
sowie Yukl 2013 , S. 169 ff.).
5.4.2
Reifegradmodell der Führung nach Hersey und Blanchard
Inspiriert durch die Arbeiten von Reddin integrieren auch Hersey und Blanchard die
Situation in ihr Führungsmodell, betrachten als alleinige, zentrale Situationsvariable aber
nur die Mitarbeiter , genauer den Reifegrad der Mitarbeiter (vgl. Hersey und Blanchard
1969 ). Es erfolgt somit eine Reduktion der situativen Differenzierung auf einen Faktor.
Zusammen mit einem Führungsstil-Quadranten, der sich auf die beiden Dimensionen des
Ohio-State-Leadership-Modells, Aufgaben- und Personenorientierung, stützt, lässt sich
so für verschiedene Reifegrade der Mitarbeiter ein jeweils passendes und damit effektives
Führungsverhalten bestimmen (vgl. Abb. 5.8 ). Dabei wird Führungserfolg nicht inhaltlich
defi niert, sondern es gilt unabhängig davon, welche Ziele verfolgt werden, wer diese
schnell, gut und effi zient erreicht, ist effektiv.
Aufgabenorientierte Führung bedeutet, dass der Führende die Ziele , Regeln und
Termine klar vorgibt. Personenorientierte Führung beinhaltet dagegen die Einbindung der
Mitarbeiter, deren Motivation und die Kommunikation mit den Mitarbeitern (vgl. Hersey
und Blanchard 1982 , S. 152). Die resultierenden Führungsstile „S 1“ bis „S 4“ sind wie
folgt charakterisiert:
• Telling (S 1) : Hierbei handelt es sich um einen direktiven Führungsstil, in dem der
Führende klare Vorgaben macht, die Leistung kontrolliert und die Optimierungsbedarfe
des Mitarbeiters kompensiert.
• Selling (S 2) : Dieses Verhalten ist noch durch einen hohen Anteil an direktivem
Vorgehen gekennzeichnet, erfordert aber, dass der Führende dem Mitarbeiter Probleme
erklärt, ihn stärker einbindet und trainiert.
5.4 Situationsansätze
178
• Participating (S 3) : Die Führungskraft betrachtet den Mitarbeiter als Partner. Ideen zur
Problemdefi nition und zum Vorgehen werden ausgetauscht. Notwendige Entscheidungen
werden gemeinsam getroffen.
• Delegating (S 4) : Der Mitarbeiter erledigt die Aufgaben selbstständig, d. h., der Führende
delegiert Inhalte und Verantwortung , steht ggf. für Rückfragen und Diskussionen zur
Verfügung.
Der Reifegrad der Mitarbeiter wird anhand der beiden Faktoren Fähigkeit bzw. Funkti-
onsreife (Wissen, Ausbildung und Erfahrung ) und psychologischer Reife (Bereitschaft
und Selbstvertrauen), eine Aufgabe zu erfüllen, defi niert. Der Reifegrad ist dabei immer
aufgabenbezogen und muss in Abhängigkeit des delegierten Auftrages neu bestimmt wer-
den. Analog zu dem Führungsstil-Quadranten werden vier Reifegradstufen (Maturity
Level 1–4) unterschieden, denen jeweils ein passender Führungsstil zugeordnet wird (vgl.
Hersey und Blanchard 1982 , S. 154):
• Reifegrad M 1 : Mitarbeiter mit geringen Fähigkeiten und geringer Bereitschaft, eine
Aufgabe zu übernehmen.
• Reifegrad M 2 : Mitarbeiter mit geringen Fähigkeiten , die aber Verantwortung wollen,
d. h. eine hohe Leistungsbereitschaft aufweisen.
entwicklungs-
fähig
entwickelt
Aufgabenbezogenes Verhalten
Personenbezogenes Verhalten
niedrig
hoch
hoch
Entwicklungsstand
M 4
hohe
Fähigkeit
hohe
Reife
M 3
hohe
Fähigkeit
geringe
Reife
M 2
einige
Fähigkeit
hohe
Reife
M 1
wenig
Fähigkeit
wenig
Reife
hoch
mittel
gering
S4 Delegating
(Delegieren)
S1 Telling
(Dirigieren)
Führungsstil
S2 Selling
(Integrieren)
S3 Participating
(Unterstützen)
Abb. 5.8 Das Reifegradmodell der Führung . Quelle: Hersey et al. ( 2011 , S. 196); leicht modifi ziert
5 Führungstheorien und -modelle
179
• Reifegrad M 3 : Mitarbeiter mit hohen Fähigkeiten , die Aufgaben übernehmen können,
aber nicht wollen, d. h. wenig leistungsbereit sind.
• Reifegrad M 4 : Mitarbeiter, die fähig und bereit sind, Aufgaben zu übernehmen und
Verantwortung zu tragen.
Aufgabe des Führenden ist es, den Reifegrad seiner Mitarbeiter aufgabenspezifi sch zu ermit-
teln, um den individuell und aufgabenbezogen, passenden Führungsstil zu wählen. Der Kur-
venverlauf in Abb. 5.8 , der den Entwicklungsprozess der Mitarbeiter symbolisiert,
verdeutlicht, dass den Reifegraden M 1 bis M 4 die Führungsstile S 1 bis S 4 entsprechen und
zuzuordnen sind. Durch diese Kombination ist die größte Effektivität im Führungsverhalten
gewährleistet. Damit wendet sich das Reifegradmodell wesentlich gegen die Forderung des
Kontingenzmodells nach Fiedler, das ein konsistentes Führungsverhalten gegenüber allen
Mitarbeitern formuliert. Zudem soll sich der Führer im Reifegradmodell nicht auf die An-
passung des Führungsverhaltens beschränken, sondern seine Mitarbeiter bewusst fördern,
d. h. sie zum Reifegrad M 4 entwickeln. Daraus resultiert in der Gesamtbetrachtung wieder-
um eine Tendenz zum delegativen Führungsverhalten.
Für die praktische Umsetzung des Modells haben Hersey/Blanchard weitere
Hilfsmittel entwickelt. Mit dem Diagnose-Instrument und Testverfahren LEAD (Leader-
Effectiveness and Adaptability Description) wird über 12 Führungssituationen mit je-
weils 4 Antwortalternativen entsprechend der Führungsstile S 1 – S 4 erfasst, welchen
Führungsstil Vorgesetzte intuitiv bevorzugt anwenden und ob sie in der Lage sind, zwi-
schen den verschiedenen Führungsstilen zu wechseln. Falls eine Führungskraft in allen
geschilderten Situationen nur einen Führungsstil anwenden würde, dann hätte sie in
Bezug auf Stilfl exibilität (Adaptability) sehr geringe Werte. Zudem wird mit dem
LEAD-Verfahren erfasst, wie effektiv, die in den Situationen gewählten Vorgehensweisen
durch den Vorgesetzten wären. Somit erhält der Führende eine aktuelle Standortbestim-
mung und notwendige Optimierungsbedarfe im Kontext des Reifegradmodells zurückge-
meldet. Zur Einschätzung des Reifegrades der Mitarbeiter wurde ein Fragbogen entwickelt,
der die Dimensionen Arbeitserfahrung, Arbeitswissen, Verantwortungs bereitschaft und
Leis tungsmotivation auf einer achtstufi gen Skala erfasst. Die Gesamtreife eines Mitarbeiters
wird dann durch die Summation der einzelnen Einschätzungen zu einem Gesamtwert er-
mittelt.
Hintergrundinformation
Irritation und Herausforderung im Reifegradmodell
Wird das Reifegradmodell im Führungsalltag angewandt, führt dies oftmals zur
Irritation bei den Mitarbeitern. Die Führungskraft erscheint als unkalkulierbar und in-
transparent in ihrem Führungsverhalten. Die Mitarbeiter können nicht ausreichend
nachvollziehen, warum sich die Führungskraft für einige von ihnen mehr Zeit nimmt,
d. h. Aufgaben ausführlich erklärt und Hilfe anbietet (Selling), bei anderen Mitarbeitern
aber nur kurze Zeit zur Auftragsübergabe aufwendet (Delegating). Das Dilemma
5.4 Situationsansätze
180
zwischen individueller, Reife abhängiger Führung und dem Wunsch nach
Gleichbehandlung kann der Führende durch eine offene Kommunikation aufl ösen. Er
sollte den Mitarbeitern seinen Führungsansatz erklären.
Auf der Seite der Führungskraft stellt sich die Herausforderung, dass diese über-
haupt in der Lage sein muss, alle vier Führungsstile umsetzen zu können. Zudem muss
sie in der Lage sein, den aufgabenbezogenen Reifegrad einer Vielzahl von Mitarbeitern
zutreffend einschätzen zu können. Unabhängig von modelltheoretischen Betrachtungen
lässt sich die Kernaussage des Reifegradmodells auf folgende Forderung zusammen-
führen: Der einzelne Mitarbeiter ist bezüglich des anzuwendenden Führungsverhaltens
„dort abzuholen, wo er in seiner Entwicklung aktuell steht“.
Als Kritik ist gegenüber dem Reifegradmodell zu bemerken, dass die einseitige Fokussie-
rung auf die Situationsvariable Mitarbeiter die Komplexität realer Führungssituationen
nicht hinreichend erfassen kann (vgl. zur Kritik Steinmann et al. 2013 , S. 615 und Weibler
2016 , S. 331). Auch bleibt der Einfl uss der Mitarbeiter auf die Führungskräfte unberück-
sichtigt, was der dialogischen Konstruktion von Führung als interaktionalen, sozialen Ein-
fl ussprozess widerspricht. Ein wesentlicher Kritikpunkt ist zudem die Defi nition der
Reifegrade. Sowohl die gewählten Reifedimensionen als auch die Anzahl und Ausprägung
der Reifegrade sind kritisch zu hinterfragen und wurden von den Autoren des Modells im
Laufe der Zeit auch immer wieder verändert. Fraglich ist auch, ob die Vorgesetzten die
geforderten Führungsstile tatsächlich in ihr Verhaltensrepertoire übernehmen und umsetzen
können.
5.4.3
Weg-Ziel-Theorie nach House
Eine neue Betrachtungsweise zur Klärung der Frage, wovon Führungserfolg abhängt bzw.
wie sich dieser erreichen lässt, bietet die Weg-Ziel-Theorie der Führung (vgl. House 1971
und Weibler 2016 , S. 335 ff.). Sie versucht den Führungsprozess und den Führungserfolg
nicht primär aus der Perspektive der Führenden zu erklären, sondern rückt erwartungs-
wert- theoretische Überlegungen der Motivation nach dem VIE-Modell von Vroom aus
der Perspektive der Mitarbeiter in den Mittelpunkt der Betrachtungen. Die Kernaussage
lautet: Erst wenn das praktizierte Führungsverhalten den Mitarbeitern derart hilft, dass
diese ihre persönlichen Ziele erreichen können, werden sie sich dem damit verbundenen
Einfl ussversuch motiviert unterordnen.
Die Weg-Ziel-Theorie erklärt menschliches Tun grundsätzlich als nutzenmaximieren-
des Entscheidungsverhalten zwischen mehreren Handlungsalternativen auf der Basis
individueller Ziele und Vorstellungen sowie situativer Kontextfaktoren (vgl. Wunderer
2011 , S. 288 ff.). Ein Mitarbeiter bevorzugt die Handlungsalternative, bei der die
Wahrscheinlichkeit ( Erwartung ) , das Handlungsergebnis erreichen zu können und der
daraus resultierende Nutzen ( Valenz ) zur persönlichen Bedürfnisbefriedigung am größten
5 Führungstheorien und -modelle
181
ist (vgl. Abb. 5.9 ). Notwendige Voraussetzungen, dass ein Mitarbeiter im Sinne des Vor-
gesetzten handelt sind somit, dass der Arbeitnehmer daran glaubt, die Aufgabe erfüllen zu
können sowie einen verbindlichen Zusammenhang zwischen Arbeitsleistung und Be-
lohnung (Bedürfnisbefriedigung) sieht. Ist diese Instrumentalität nicht gegeben, besteht
auch kein Anreiz für ihn, da er keine Belohnung für seine Anstrengung sieht.
Die Prozesskette der Weg-Ziel-Theorie der Führung beginnt mit dem Führungsverhalten
als unabhängiger Variable. Der Führende kann damit auf die mediierenden erwartungs-
wert-theoretischen Handlungsüberlegungen der Mitarbeiter in dreifacher Weise einwir-
ken: Er kann zum einen das Belohnungssystem inhaltlich auf die Bedürfnisse des jeweiligen
Arbeitnehmers ausrichten und es verbindlich mit den zu erbringenden Leistungen verknüp-
fen, d. h. die Instrumentalität und die Valenz der betrieblichen Anreize steigern. Zum ande-
ren kann er die Erfolgszuversicht der Mitarbeiter erhöhen, die vorgegebene Aufgabe
realisieren zu können, indem er Wege zur Zielerreichung aufzeigt (vgl. Wunderer 2011 ,
S. 289). Diese steuernden Eingriffe kann er insbesondere durch die Wahl des geeigneten
Führungsstils erreichen. Vier Varianten stehen im Grundmodell zur Verfügung (in späte-
ren Arbeiten werden neun Führungsstile unterschieden, vgl. House 1996 ):
• Unterstützende Führung : Der Führende nimmt Rücksicht auf die Bedürfnisse der
Mitarbeiter, schafft eine angenehme Arbeitsatmosphäre und kümmert sich um deren
Wohlergehen und schafft dadurch eine Atmosphäre des Vertrauens.
• Direktive Führung : Der Führende gibt klare Standards und Regeln vor. Er plant und
steuert den Arbeitsprozess und kontrolliert die Ergebnisse.
Abb. 5.9 Weg-Ziel-Theorie der Führung . Quelle: eigene Darstellung in Anlehnung an Stock-
Homburg ( 2013 , S. 497)
5.4 Situationsansätze
182
• Partizipative Führung : Der Führende berät sich gemeinsam mit den Mitarbeitern. Er
bindet diese in die Problemformulierung und -lösung aktiv ein.
• Ergebnisorientierte Führung : Der Führende achtet insbesondere auf die Leistungser-
gebnisse. Diese werden von ihm anspruchsvoll formuliert. Die Mitarbeiter werden mo-
tiviert auch höherwertige Leistungsergebnisse zu erreichen.
Durch die Wahl des Führungsstils kann sich der Führende auf die Persönlichkeitsmerk-
male der einzelnen Mitarbeiter einstellen und dadurch eventuelle Unzulänglichkeiten in
Bezug auf Können, psychologische Reife oder Selbstvertrauen ausgleichen. Zum anderen
kann die Führungskraft damit auch Einfl uss auf die anderen situativen Rahmenbedingun-
gen wie Aufgabenstellung, Gruppendynamik, organisatorische Regelungen, Eindeutigkeit
der Zielsetzung und Vorgehensweisen ausüben. Dadurch wird insgesamt der Füh rungserfolg
als abhängige Variable positiv gesteuert.
House hat für bestimmte Situationsausprägungen die Vorteilhaftigkeit einzelner
Führungsstile defi niert. So wird z. B. bei fehlendem Selbstvertrauen der Mitarbeiter eine
unterstützende, bei geringer Aufgabenklarheit eine direktive, bei niedrigem Anspruch der
Aufgabe eine ergebnisorientierte und bei ungerechten Belohnungen eine partizipative
Führung empfohlen (vgl. House 1971 und Stock-Homburg 2013 , S. 498 f.).
Kritisch gegenüber der Weg-Ziel-Theorie ist anzumerken, dass sie von den Führenden
verlangt, die Bedürfnisse der Mitarbeiter, deren Beurteilung der Arbeitssituation sowie
deren daraus resultierenden Schlussfolgerungen zu kennen (vgl. Lieber 2011 , S. 85 f.;
Weibler 2016 , S. 338 f.). Dies stellt eine sehr hohe Anforderung dar, die im Führungsalltag
nicht durchgängig zu leisten sein dürfte. Hinzu kommt, dass die Theorie in Bezug auf
denkbare situative Einfl üsse offen ist und somit Prognosen zur Effektivität einzelner
Führungsstile nur begrenzt möglich sind.
Beispiel
Führungsmaßnahmen im Weg-Ziel-Modell
Die erwartungs-wert-theoretischen Überlegungen der Mitarbeiter können durch
konkrete Führungsmaßnahmen positiv beeinfl usst werden.
Die Erfolgszuversicht kann durch Coaching , fehlertolerantes Führungsverhalten,
das Anbieten von Unterstützung, Feedback und Weiterbildung gefördert werden. Die
Valenz der Anreize kann erhöht werden, wenn der Führende versucht, die Bedürfnisse
seiner Mitarbeiter in Gesprächen zu identifi zieren. Auch Mitarbeiterbefragungen bzw.
Workshops zum Arbeitsklima, die das Thema „Was motiviert uns?“ beinhalten, sind
geeignet. Auf dieser Basis lassen sich dann passende, attraktive intrinsische und extrin-
sische Anreize gestalten. Die Instrumentalität kann dadurch erhöht werden, dass die
Anreize allen Mitarbeitern bekannt gemacht werden und dass ausgelobte Belohnungen
verbindlich und zeitnah gewährt werden, sobald die Leistung erbracht wurde.
5 Führungstheorien und -modelle
183
5.4.4
Situationsanalytisches Entscheidungsmodell von Vroom/
Yetton
Die Grundidee des normativen, situationsanalytischen Ansatzes (vgl. Vroom und Yetton 1973
sowie Weibler 2016 , S. 317 ff.; Blessin und Wick 2014 , S. 131 ff.) ist es, Führungskräften zu
zeigen, wie sie die Führungssituation systematisch kategorisieren können, um dann den effek-
tiven Führungsstil auszuwählen. Dies geschieht mittels eines Entscheidungsbaums , der an-
hand von sieben Leitfragen sequenziell zu durchlaufen ist (vgl. Abb. 5.10 ). Als Ergebnis sind
insgesamt 13 verschiedene Situationsausprägungen (Problemtypen) möglich. Zu jeder dieser
Situationen sind einer oder mehrere von fünf Führungsstilen passend (vgl. Vroom und Jago
1991 , S. 58 ff.).
Die Leitfragen bauen auf den zwei Kriterien Qualität und Akzeptanz durch die
Mitarbeiter auf und sind mit Ja oder Nein zu beantworten. Das Modell ist nach dem
Ausschlussprinzip konzipiert, d. h. der Führende erhält am Ende nur eine Information , wie
er sich nicht verhalten soll. Daraus resultiert, dass in insgesamt sieben Situationen noch
eine Wahlmöglichkeit zwischen zwei bis fünf Führungsstilen besteht. In solchen Fällen
A = Gibt es qualitativ eindeutig bessere oder schlechtere Entscheidungen
und ist es wichtig, die beste Entscheidung zu treffen?
B = Haben Sie als Führungskraft alle wesentlichen Informationen für eine
qualitativ gute Entscheidung?
C = Ist das Problem gut strukturiert?
D = Ist die Akzeptanz der Entscheidung durch die Mitarbeiter wichtig für die
Umsetzung?
E = Ist die Akzeptanz der Entscheidung der Mitarbeiter zu erwarten, wenn
Sie als Führungskraft allein entscheiden?
F = Stimmen die Ziele der Mitarbeiter mit den Zielen des Unternehmens, die
durch Sie als Führungskraft vertreten werden, überein?
G = Sind Konflikte zwischen den Mitarbeitern über mögliche Entscheidungen
zu erwarten?
A
B
C
D
E
F
G
Führungsstile
GII
AI, AII, BI, BII, GII
AI, AII, BI, BII
GII
BII
BI, BII
AII, BI, BII
AII, BI, BII, GII
BII
BII, GII
GII
BII
AI, AII, BI, BII, GII
1
2
3
4
5
6a
6b
7
8
9
10
11
12
ja
nein
ja
nein
ja
nein
ja
nein
ja
nein
ja
ja
ja
nein
ja
nein
ja
nein
ja
nein
ja
nein
ja
nein
ja
nein
ja
nein
ja
nein
ja
nein
nein
nein
Abb. 5.10 Entscheidungsbaum nach Vroom und Yetton. Quelle: Vroom und Jago ( 1991 , S. 60);
leicht modifi ziert
5.4 Situationsansätze
184
gilt die Entscheidungsregel der Zeiteffi zienz . Sie heißt: „Wähle unter den möglichen
Führungsstilen immer den autokratischsten.“. Für Führungskräfte, die nicht unter
Zeitdruck stehen, sollte die Entwicklung der Teamkohäsion im Vordergrund stehen. Hier
lautet die Regel zur Partizipationseffi zienz : „Wähle immer den demokratischsten
Führungsstil.“. Durch den Einsatz dieser Regeln ist eine eindeutige Defi nition des anzu-
wendenden Führungsstils möglich.
Die Führungsstile sind nach dem Ausmaß der Partizipation der Mitarbeiter gestuft
und orientieren sich an dem eindimensionalen Führungsstilkontinuum nach Tannenbaum/
Schmidt. Dabei bezeichnet A ein autoritäres, B ein beratendes und G ein gruppenorientier-
tes, demokratisches Verhalten, während I die Bezugnahme auf eine Person und II die
Ausrichtung auf eine Gruppe von Mitarbeitern beschreibt (vgl. Vroom und Jago 1991 , S. 31):
• Autokratisch I (A I) : Der Führer löst das Problem selbst und trifft die Entscheidungen
allein. Im Anschluss weist er die Ausführung an.
• Autokratisch II (A II) : Der Führer holt zusätzliche Informationen bei den Mitarbeitern
ein und entscheidet alleine.
• Konsultativ I (B I) : Der Führer bespricht das Problem mit den betroffenen Mitarbeitern
in Einzelgesprächen. Er holt Ideen und Vorschläge ein, entscheidet dann aber selbst.
• Konsultativ II (B II) : Die Führungskraft bespricht das Problem mit der ganzen Gruppe
in einer gemeinsamen Sitzung , entscheidet dann aber selbst.
• Demokratisch (G II) : Der Führer diskutiert das Problem mit der Gruppe , um einen
Konsens zu erreichen. Am Ende entscheidet die Gruppe.
Das Modell ist als normativ zu bezeichnen, da es den Führungskräften klar vorschreibt,
wie in bestimmten Problem- bzw. Führungssituationen vorzugehen ist, um Führungserfolg
erreichen zu können. Zudem ist es logisch aufgebaut und kann Führungskräften in der
Praxis hilfreiche Hinweise zum Umfang der Mitarbeiterbeteiligung geben. Als Kritik ge-
gen das Modell ist anzumerken, dass es zu mechanistisch und komplex ist, als dass es in
der täglichen Führungspraxis eingesetzt werden könnte. Auch das von Vroom und Jago
entwickelte Computerprogramm, das Führungskräften bei der Situationsdiagnostik hel-
fen soll, kann diesen Vorwurf nicht heilen. Hinzu kommt, dass inhaltlich nicht bestimmt
ist, worin der Führungserfolg besteht. Dadurch wird eine empirische Überprüfung des
Modells schwierig (vgl. dazu und zu weiterführender Kritik Lieber 2011 , S. 82; Wunderer
2011 , S. 287; Blessin und Wick 2014 , S. 136 f.).
5.5
Transformationale New Leadership-Ansätze
Der transformationale New Leadership -Ansatz verkörpert ein neues Denken im Bereich
der Führungsforschung und stellt im Vergleich zu den bisherigen, austauschtheoretischen
Modellen stärker auf die emotionale, begeisternde Wirkung der Führungskräfte ab (vgl.
Bryman 1992 ; Weibler 2016 , S. 339 ff.; Scholz 2014 , S. 1167 ff.), welche Geführte auf
5 Führungstheorien und -modelle
185
eine höhere Motivations- und Involvementebene „transformieren“ kann (vgl. Muck 2007 ,
S. 362 ff.). Die Führenden sind nun gefordert, durch Ausstrahlung und Auftreten das
Commitment, die Motivation und die Identifi kation der Mitarbeiter zu steigern. Die zuerst
entwickelten Ansätze neocharismatischer Führung begründen diesen Übergang von der
transaktionalen Führung zum transformationalen Leadership (vgl. Bass 1985 ). Die trans-
aktionale Führung basiert auf dem Austausch von Leistung gegen Belohnung , um
Führungsziele zu erreichen. Das Verhalten der Mitarbeiter ist dabei zweckrational und li-
mitiert durch die angebotenen Anreize . Transformationales New Leadership setzt dage-
gen auf die Erzeugung einer begeisterten Gemeinschaft zur Erreichung gemeinsamer
Ziele . Unter dem Oberbegriff der New Leadership-Modelle werden eine Reihe unter-
schiedlicher Ansätze diskutiert, aus denen einige Denkrichtungen im Folgenden vorge-
stellt werden.
5.5.1
Neocharismatische Führung
Die zentrale Annahme der modernen transformationalen-charismatischen Führungsansätze
greift auf die Tradition des eigenschaftsorientierten Führungsansatzes und des klassischen
Charisma-Konzepts nach Max Weber zurück. Deshalb werden diese Ansätze als neocharis-
matisch bezeichnet. Kernüberlegung ist auch hier, dass Führende über außergewöhnliche
Persönlichkeitsmerkmale verfügen, welche in eine hohe Identifi kation der Mitarbeiter mit den
Zielen und Visionen der Führungskraft münden (vgl. Hauser 1999 , S. 1005) und die Geführten
zu besonderen Leistungen motivieren. Hinzu kommen allerdings bewusst gestaltbare
Verhaltenselemente, die eine Attribution von Charisma durch die Geführten wahrscheinlicher
werden lässt. Somit implizieren neocharismatische Ansätze einen verhaltensbezogenen
Gestaltungsaspekt, um charismatische Führungseffekte erzeugen zu können (vgl. Robbins
2001 , S. 386). Als Ergebnis entwickelt sich eine primär emotional und weniger funktional
geprägte Führer-Geführten-Beziehung (vgl. Hentze et al. 2005 , S. 186).
Typische Persönlichkeitsdispositionen charismatischer Führer, die eine entsprechende
Ausstrahlung unterstützen, sind u. a. (vgl. Stock-Homburg 2013 , S. 460; House 1977 , S. 193 ff.):
• starke eigene Überzeugungen und Werte.
• hohes Selbstvertrauen.
• starke Vorstellungskraft.
• ausgeprägte Machtorientierung.
• hohes Vertrauen in die Fähigkeiten der Mitarbeiter.
• moralische Integrität.
• positive Einstellung gegenüber den geführten Mitarbeitern.
Charismatische Führer sind dabei in besonderem Maß fähig, Visionen, motivierende Ziele
und Werte zu formulieren, die von zukunftsweisender und emotionaler Ausstrahlung für
die Mitarbeiter sind (vgl. Hentze et al. 2005 , S. 186). Solche Führungskräfte sind zudem
5.5 Transformationale New Leadership-Ansätze
186
in der Lage, diese Ideen verständlich und bildhaft zu formulieren. Beispiele hierfür sind
die Reden von Martin Luther King „I have a dream“, John F. Kennedy „Ich bin ein Ber-
liner“; Barack Obama „Yes we can“ oder Angela Merkel „Wir schaffen das“. Die Führen-
den leben die Werte vor und zeigen, dass sie bereit sind, für deren Erreichung persönliche
Opfer einzugehen.
Den Prozess charismatischer Führung , der hier beispielhaft als Vertreter neocharis-
matischer Führungsansätze dargestellt wird, hat House 1977 wie in Abb. 5.11 dargestellt
zusammengefasst und fokussiert dabei vor allem auf notwendige Verhaltensweisen der
Führungskräfte. Formuliert der Führende klare Ziele und Visionen und zeigt sich durch sein
persönliches Auftreten als fähig, diese umzusetzen, folgt daraus eine positive Wahrnehmung
bei den Mitarbeitern. Sie nehmen die Führungskraft als positiv und vorteilhaft für die
Realisierung eigener Ziele wahr. Die Begeisterung bei den Mitarbeitern wird weiter durch
das Vorleben der Werte , das Aktivieren von Handlungsbereitschaften, das Kommunizieren
von hohen Leistungserwartungen und durch das Entgegenbringen von Vertrauen gesteigert.
In Folge vertrauen auch die Mitarbeiter dem Führenden, sind ihm gegenüber loyal, über-
nehmen dessen Wertüberzeugungen, akzeptieren herausfordernde Ziele und steigern u. a.
die Erwartungen an die eigenen Leistungen. Dies alles führt in letzter Konsequenz zu einem
außerordentlichen Leistungsverhalten.
In diesem Prozess neocharismatischer Führung werden folgende Charisma stimulie-
rende Verhaltensweisen als erlernbar betrachtet (vgl. Stock-Homburg 2013 , S. 463; Lang
2014 , S. 94):
Effektives Leistungsverhalten der Mitarbeiter
Geführte vertrauen Führ-
ungsperson, akzeptieren
ohne zu hinterfragen,
sind loyal und folgsam
Geführte übernehmen
Werte der
Führungsperson
Geführte nehmen
Bedürfnisse wahr
und akzeptieren
herausfordernde Ziele
Geführte steigern
Selbstachtung und
Erwartung an die
eigene Leistung
Führungsperson
lebt die Werte vor
„Role modelling“
Führungsperson
weckt
Handlungsmotive
Führungsperson
kommuniziert hohe
Leistungserwartungen
und Vertrauen
Charakteristika der Führungsperson:
- Dominanz
- Selbstvertrauen
- Einflussstreben
- Glaube an die eigenen Werte
Geführte nehmen Führungsperson als vorteilhaft wahr
Artikulation von Vision,
Werten und Zielen
Persönliche
Selbstdarstellung
Abb. 5.11 Prozess der neocharismatischen Führung nach House. Quelle: House ( 1977 , S. 206)
5 Führungstheorien und -modelle
187
• Artikulation und Verfolgung klarer Ziele und Visionen.
• konsequentes Vorleben von Werten.
• Motivation der Mitarbeiter.
• Formulierung und Vorgabe von Leistungszielen.
• Bereitschaft zeigen, persönliche Opfer in Kauf zu nehmen.
• hohe persönliche Leistungsbereitschaft.
• konsequentes Beeindruckungsmanagement.
Begünstigt wird die Entstehung charismatischer Führung durch Geführte, die sich durch einen
hohen Pragmatismus, Optimismus, eine hohe Zielorientierung, ausgeprägte Authentizität so-
wie ein hohes Selbstwertgefühl auszeichnen – dabei aber eine starke Führungskraft wünschen
(vgl. Stock-Homburg 2013 , S. 461). Damit wird deutlich, dass der Prozess neocharismatischer
Führung ebenfalls eine interaktionale und damit attributionstheoretische Komponente enthält.
Weiterhin positiv beeinfl usst wird neocharismatische Führung im Kontext krisenbehafteter Si-
tuationen. Suchen die Mitarbeiter dann geradezu nach einem „Problemlöser“ und tritt eine
Führungskraft mit entsprechenden Persönlichkeitsmerkmalen auf, kann dies dazu führen, dass
ihm Charisma zugesprochen wird (vgl. Abschn. 5.2.2 in diesem Buch).
Kritisch anzumerken ist gegen das Modell, dass eine allein „technische“ charismati-
sche Führung , ohne das Vorliegen grundlegender Persönlichkeitsdispositionen, wenig
Erfolg versprechend sein dürfte (vgl. Stock-Homburg 2013 , S. 463) und dass eine charis-
matische Führung zu einer ständigen Leistungsentgrenzung und damit Überlastung und
-forderung der Mitarbeiter mit nachteiligen Folgen bis hin zum Burnout führen kann.
Übergreifend zu den verschiedenen neocharismatischen Führungsansätzen lässt sich ein
Rahmenmodell für diese Theorien konzipieren (vgl. Lang 2014 , S. 92 f.; zu weiteren
Ansätzen z. B. Burns 1978 ; Shamir et al. 1993 ; Walter und Bruch 2009 ). So geht Lang da-
von aus, dass neocharismatische Führung durch folgende Faktoren charakterisiert ist:
• Die Person des Führenden nimmt mit ihren Persönlichkeitseigenschaften und ihren
transformationalen Verhaltensweisen eine zentrale Roll ein.
• Die besonders intensive Führungsbeziehung zwischen Führer und Geführten ist sehr
wichtig.
• Bestimmte Eigenschaften der Geführten fördern das Entstehen charismatischer
Führung.
• Chrisma wird der Führungskraft im Rahmen des Attributionsprozesses durch die
Geführten zugesprochen. Dies begründet dann das spezifi sche Mitarbeiterverhalten.
• Mitarbeitereigenschaften, Führungssituation und Führungserfolg stellen wesentliche
konstituierende Merkmale charismatischer Führung dar.
5.5.2
Transformationale Führung
Das Leadership -Konzept der transformationalen Führung (vgl. grundsätzlich Bass 1985 ;
Schirmer 2010 , S. 123 ff.; Stock-Homburg 2013 , S. 463 ff.) integriert die transaktionale
Führung und das transformationale Charisma -Konzept.
5.5 Transformationale New Leadership-Ansätze
188
Die transaktionale Führung wird durch betriebliche Motivationsanreize im Sinne des
Prinzips der bedingten Verstärkung, mit dem durch Belohnungen bestimmte Leistungen
bewirkt werden, und durch die Delegation von Aufgaben zur selbstständigen Bearbeitung
( Management by exception ) realisiert. Charisma wird als notwendige, aber nicht hinrei-
chende Bedingung für die weiterführende transformationale Führung gesehen (vgl.
Wunderer 2011 , S. 279). Charismatische Führung skräfte müssen die Mitarbeiter zudem
intellektuell stimulieren, inspirieren und individuell wertschätzen. Ausgehend von diesem
Fundament ist es das Ziel, die Mitarbeiter zu einem Leistungsniveau zu führen, das weit
über das herkömmliche Maß hinausgeht ( Leistungstransformation ).
Zentrale Komponenten des transformationalen Leaderships wurden ähnlich wie beim
Ohio-State-Leadership-Quadranten mittels eines Fragebogens und einer daran anschlie-
ßenden faktoranalytischen Ergebnisauswertung gewonnen. Als Resultat wurden die fol-
genden vier Dimensionen ermittelt (vgl. Weibler 2016 , S. 340 ff.):
• Charisma : Der Führende muss Enthusiasmus vermitteln, als Identifi kationsperson
wirken und eine Vertrauensbasis schaffen. Er wirkt als Vorbild für die Mitarbeiter, setzt
moralische Standards und entwickelt die Vision .
• Inspiration : Der Führende motiviert die Mitarbeiter durch fesselnde Visionen und för-
dert deren Interesse an den Aufgaben.
• Intellektuelle Stimulierung : Der Führende versucht bei den Mitarbeitern etablierte
Denkmuster aufzubrechen und neue Einsichten zu vermitteln.
• Individuelle Wertschätzung : Der Führende kümmert sich individuell um die Mitarbeiter
und fördert diese intensiv.
Abgrenzen lassen sich neben den existierenden Interdependenzen transaktionales und trans-
formationales Führungsverhalten wie in der nachfolgenden Abb. 5.12 dargestellt. Während
der klassische Führer eher verwaltet, Bestehendes erhält, auf Kontrolle setzt und Mitarbeiter
als Mittel zum Zweck sieht, innoviert und visioniert der Leader, vertraut seinen Mitarbeitern
und stellt diese in den Mittelpunkt seiner Aktivitäten (vgl. auch Lieber 2011 , S. 90 f.).
Beide Facetten des Führungsverhaltens sind für erfolgreiche Führung wichtig, da diese
aufeinander aufbauen. Das Leadership-Konzept der transformationalen Führung kombi-
niert somit transaktionale und transformationale Führung zu emergenten Führungserfolg
im Konzept des „Full Range of Leadership“ (vgl. Abb. 5.13 ). Dabei bildet die transakti-
onale Führungsbeziehung die Basis und verhilft über Zielvereinbarungen, Delegation usw.
durch eine austauschbezogene Führungsbeziehung zu Leistungsergebnissen im erwarteten
Umfang. Die erhofften Extra-Rollen-Ergebnisse werden anschließend im Zuge der trans-
formationalen Führung eben mittels Charisma, Inspiration, intellektueller Stimulierung
und Wertschätzung zu erreichen versucht.
Kritisch anzumerken gegenüber dem transformationalen Leadership -Konzept ist die
Frage nach den Grenzen einer legitimen Führung , d. h. ob und wie weit ein versuchter
5 Führungstheorien und -modelle
189
Koordinationsmechanismus
Mitarbeitermotivation
Perspektive der Zielerreichung
Zielinhalte
Rolle des Führenden
Transaktionale Führung
Verträge, Belohnung,
Bestrafung
extrinsische Anreize
eher kurzfristig
materielle Ziele
Instrukteur
Transformationale Führung
Begeisterung, Zusammen-
gehörigkeit, Vertrauen,
Kreativität
intrinsische Anreize
mittel- bis langfristig
ideele Ziele
Lehrer, Coach
Führungsform
Merkmale
Abb. 5.12 Abgrenzung transaktionale und transformationale Führung . Quelle: Stock-Homburg
( 2013 , S. 464)
transformationale
Führung:
Ideele Ebene
transaktionale
Führung:
Basisebene
erwartete
Anstrengung
erwarteter
Erfolg
erhöhte Motivation
(Extra-Anstrengung)
Erfolg über die
Erwartungen hinaus
Charisma
Intellektuelle
Stimulierung
Individuelle
Wertschätzung
Inspiration
Management by
exception
bedingte
Verstärkung
+
+
+
+
Abb. 5.13 Full Range of Leadership . Quelle: nach Scholz ( 2014 , S. 1169) auf Basis von Bass und
Avolio ( 1990 , S. 12)
Eingriff in die Überzeugungen und Wertestruktur der Mitarbeiter gerechtfertigt ist
(vgl. weiterführend Weibler 2016 , S. 346 f.).
Zur Erfassung insbesondere der transformationalen Leadership-Qualitäten kann der
MLQ (Multifactor Leadership Questionnaire) (Bass und Avolio 1990 ) eingesetzt werden.
Alternativ kann auch der Fragebogen „Scales of charismatic leadership“ nach Conger und
Kanungo ( 1998 ) eingesetzt werden.
5.5 Transformationale New Leadership-Ansätze
190
In der betrieblichen Praxis fi nden sich verschiedene Varianten transformationaler Führung
wie z. B. der Servant Leadership (vgl. Greenleaf 1991 ). Der Grundgedanke des Servant
Leaderships ist, dass der eigene Nutzen der Führungskraft dem Nutzen der Mitarbeiter
untergeordnet wird. Damit wird eine austauschorientierte Beziehung verneint. Vielmehr geht
es u. a. darum, die Mitarbeiter in ihrer Entwicklung zu unterstützen und voranzubringen,
sie zu autonomen, moralisch Geführten mit freiem Willen und eigenem Gewissen auszu-
bilden (vgl. dazu sowie zur Abgrenzung bzw. zur Übereinstimmung zur transformationalen
Führung Weibler 2016 , S. 512 ff.). Zentrale Attribute eines derart führenden Vorgesetzten sind
z. B. aktives Zuhören, Empathie, Bewusstsein, Überzeugungskraft, visionäre Kraft usw.
Beispiel
Transformationale Führung in der Praxis
– bei Federal Express
Die „People-Philosophie“ bei FedEx verpfl ichtet jede Führungskraft, ein
Arbeitsumfeld zu schaffen, in dem die Mitarbeiter motiviert sind, ihr Bestes zu ge-
ben. Dahinter steht die Überlegung, dass sich Führungskräfte den Respekt ihrer
Mitarbeiter erst durch ein entsprechendes Leitungsverhalten verdienen müssen.
Beispiel
Auszug Fragebogen zur Einschätzung des eigenen Leadership -Verhaltens
Quelle: Schirmer, in Anlehnung an Conger & Kanungo Scales of charismatic
leadership in der übersetzten und ergänzten Version nach Rowold ( 2004 )
5 Führungstheorien und -modelle
191
5.5.3
Super Leadership
Im Kontext einer dezentralen und dynamischen Arbeitswelt, die immer schnellere Entschei-
dungen auf Basis unvollständiger Informationen erfordert, wird es für Führungskräfte
fortlaufend schwieriger durch personale Führung eine zielgerichtete Verhaltensbeeinfl ussung
der Mitarbeiter sicherzustellen. Führungskräfte können Mitarbeiter nicht zeitnah erreichen,
um notwendige Anweisungen zu geben, bzw. sind durch die Anzahl in kurzer Zeit zu tref-
fender Entscheidungen überfordert. Um diesen Herausforderungen der modernen Unterneh-
menspraxis zu begegnen, werden vermehrt neue Formen der Arbeitsorganisation erforscht
und eingeführt, die auf eine höhere Selbststeuerung der Mitarbeiter setzen. Beispiele für
solche Konzepte sind teilautonome Arbeitsgruppen oder Projektgruppen , die partiell
selbst regulierend auf unvorhergesehene Veränderungen z. B. im Produktionsplan oder bei
Kundenwünschen reagieren sollen (vgl. Antoni 2014 , S. 273 ff.). Damit verbunden stellt sich
zum einen die Frage, wie Führende ihre Mitarbeiter dazu befähigen können, sich selbst zu or-
ganisieren, und zum anderen ist das Paradoxon zu klären, wie sich selbst führende Mitarbeiter
anzuleiten sind (vgl. Wegge und Rosenstiel 2014 , S. 351).
Die Super Leadership -Theorie (vgl. Manz und Sims 1991 ) versucht diese Fragen zu
beantworten, indem sie die Sicht der externen Verhaltenssteuerung zugunsten einer selbst-
gesteuerten Führung „von innen heraus“ reduziert. Führende fungieren als Super Leader ,
Dieser als Servant Leadership bezeichnete Führungsansatz wird jährlich durch die
„Federal Express Best People Practices-Studie“, die ein internes Benchmarking dar-
stellt, in besonders erfolgreichen Standorten erhoben. Als Antwort, worauf die her-
ausragenden Leistungen zurückzuführen sind, werden folgende Gründe genannt:
Führungskräfte
• geben den Mitarbeitern zu verstehen, dass sie gebraucht werden und ihr Einsatz
geschätzt wird.
• streben den langfristigen Erfolg der Arbeitsgruppe an.
• kümmern sich darum, dass sich Mitarbeiter im Team wohlfühlen.
• machen es sich persönlich zur Aufgabe, ihre Mitarbeiter zu coachen.
• delegieren Verantwortung , damit die Mitarbeiter sich entwickeln können.
• packen bei Problemen direkt mit an, z. B. beim Verladen von Paketen.
Im Zuge der geforderten transformationalen Führung des Servant Leaderships müs-
sen Führende bei FedEx für ihren Bereich eine Vision entwickeln und ihre Mitarbei-
ter dafür begeistern. Im Zuge des transaktionalen Führungsanteils müssen sie den
Mitarbeitern klare Ziele und Aufgaben nennen und Anreize, wie z. B. Lob oder Teil-
nahme an Fortbildungen, bieten.
Quelle: Kremer ( 2008 , S. 43 f.)
5.5 Transformationale New Leadership-Ansätze
192
deren Aufgabe es ist, passende Rahmenbedingungen zu schaffen ( Grenzregulation ) und
die Mitarbeiter so zu qualifi zieren, dass zweckgerichtete Selbststeuerung in Bezug auf
die Aufgabenerfüllung möglich wird. Diese Fähigkeit wird als Self Leader ship bezeich-
net (vgl. Stock-Homburg 2013 , S. 515). Im Super Leadership-Ansatz erfolgt die
Verhaltenssteuerung somit nicht durch einen Vorgesetzten, der eventuell als „Über-Führer“
alles regelt und anweist. Stattdessen werden die Mitarbeiter befähigt, sich selbst zu orga-
nisieren, zu motivieren und zielgerichtet zu verhalten. Der Super Leader fungiert als
Prozessmoderator und begleitet und unterstützt die Implementierung des Self Leaderships.
Zur Umsetzung und Entwicklung von Self Leader ship schlagen Manz und Sims einen
siebenstufi gen Prozess vor (vgl. Abb. 5.14 ), der auf Banduras sozialer Lerntheorie des
Modellernens (vgl. Bandura 1979 ) basiert.
Dabei müssen die Führungskräfte vorbildhaft als Self Leader auftreten und sich eventu-
ell fehlende Fähigkeiten im Bereich Selbstmanagement aneignen. Dazu gehören Zeit- und
Terminplanungssysteme, das Arbeiten mit Checklisten, Techniken zur Selbstmotivation
usw. Durch das aktive Vorleben selbststeuernder Verhaltensweisen sollen die Mitarbeiter
zur Nachahmung motiviert werden. Verbunden mit der bewussten Anregung durch den
Führenden, eigene Ziele und Aufgaben zu formulieren, wird das eigenständige Handeln der
Mitarbeiter gefördert. Einsetzende Selbstregulationen muss der Führende positiv verstär-
ken und eventuelle Fehlschläge im Rahmen des Einübens von Selbststeuerung akzeptieren.
Wichtig ist es zudem, die Kommunikations- und Konfl iktfähigkeit der Teammitglieder zu
Self-Leadership
1. Einführung von Selbstführung
Vorgesetzter muss sich zur Selbst-
führung befähigen, d.h. selbst Ziele
setzen, sich selbst motivieren und
Selbstmanagementtechniken lernen.
2. Selbstführung vorleben
Vorgesetzter muss die neuen
Fähigkeiten aktiv vorleben
und anwenden.
3. Setzen eigener Ziele durch
die Mitarbeiter
Der Vorgesetzte regt die Mitarbeiter
zur Formulierung und Priorisierung
eigener Zielsetzungen an.
4. Kreieren positiver Gedanken-
welten
Vorgesetzter bestärkt die Mitarbei-
ter positiv und zeigt Fortschritte in
der Selbstführung auf.
5. Belohnen von Selbstführung
Anerkennen funktionierender
Selbstführung und Akzeptanz von
Fehlern durch den Vorgesetzten.
6. Unterstützen von Selbstführ-
ung in Teams
Fördern der Kommunikation und
der Koordination bei den Mitar-
beitern durch den Vorgesetzten.
7. Etablierung einer Kultur der
Selbstführung
Die Unternehmenskultur muss
Entscheidungsspielräume für
Mitarbeiter einräumen. Eigen-
ständigkeit und Selbstverant-
wortung müssen geteilte Werte
sein.
Abb. 5.14 Sieben-Stufen-Prozess des Super Leadership s. Quelle: in Anlehnung an Stock-Homburg
( 2013 , S. 539 f.); modifi ziert
5 Führungstheorien und -modelle
193
verbessern, da sich dies positiv auf die interne Kommunikation auswirkt. Durch ein immer
weitergehendes Zurückziehen muss der Führende schließlich Handlungs- und Entschei-
dungsspielräume schaffen, um eine Kultur der Selbststeuerung zu etablieren.
Self Leader ship durch Super Leadership ist dann erreicht, wenn sich die Mitarbeiter
ihre Aufgaben und Informationen selbst suchen, Entscheidungen selbst, kompetent und
passend zur Unternehmensstrategie treffen. Dabei wird deutlich, dass zwingend ein gewis-
ser Handlungsspielraum im Tätigkeitsfeld der Mitarbeiter sowie Basisausprägungen von
Handlungskompetenz bei den Mitarbeitern gegeben sein müssen.
Das Konzept der Selbstführung ist in seinen zugrunde liegenden Theoriefundierungen
keinesfalls banal und auch nicht einfach umzusetzen. Dem Ansatz liegen handlungs- und
selbstregulatorische Konstrukte, motivationstheoretische, sozialisations- und selbstwirk-
samkeitsbezogene sowie sozial-kognitive Überlegungen zugrunde, die zusammenwirkend
aktiviert werden müssen.
Als Kritik ist gegen den Super Leadership -Ansatz vorzubringen, dass die Last des
Führungserfolges in letzter Konsequenz weitgehend den Mitarbeitern aufgebürdet wird.
Fraglich muss auch bleiben, ob das Super Leadership- Konzept in allen Bereichen sinnvoll
angewandt werden kann. Bei hoch standardisierten Tätigkeiten muss dies zumindest ange-
zweifelt werden (vgl. zur Kritik Weibler 2016 , S. 360 f.). Gut geeignet dürften dagegen
Unternehmensbereiche mit wenig standardisierten und routinierten Aufgaben sein, in de-
nen zudem fast zwangsläufi g hoch qualifi zierte und kompetente Mitarbeiter tätig sind.
Insofern ist eine kontingenztheoretische Relativierung des Ansatzes bedenkenswert.
Beispiel
Teilautonome Arbeitsgruppen in der Automobilindustrie
Saab hatte bereits im Jahr 1975 im Rahmen von Restrukturierungsaktivitäten teilautono-
me Arbeitsgruppen in der Fahrzeugmontage etabliert. Dabei wurde den Arbeitern ein
umfassendes Aufgabenpaket zur eigenen Verantwortung übertragen. Nach außen vertra-
ten sich die Gruppen durch eine „Kontaktperson“, die im Rotationsverfahren in der
Gruppe bestimmt wurde. Drei bis vier Gruppen bildeten einen Meisterbereich. Zu den
selbst regulierend zu erfüllenden Aufgaben der Gruppen gehörte u. a. das Einrichten und
Instandhalten der Maschinen, das Anlernen neuer Mitarbeiter, das Prüfen erstellter Teile
sowie der Transport der Werkstücke. Durch die Einführung teilautonomer Gruppenarbeit
hatten sich auch die Führungsanforderungen an die Meister fundamental verändert.
Waren diese zuvor stark damit befasst, die Erreichung der Produktionsziele sicherzustel-
len und Qualität zu überwachen, waren sie nun vor allem darin gefordert, sich um die
Mitarbeiter zu kümmern und soziale Sachverhalte wie Kommunikation und Konfl ikte zu
klären. Nach sechs Jahren zeigten sich erhebliche Nutzeneffekte z. B. in den Bereichen
Qualitätssteigerung, Fluktuation, Produktionsstabilität, Reduktion der Lagerkosten usw.
Quelle: Ulich ( 2011 , S. 239 ff.)
5.5 Transformationale New Leadership-Ansätze
194
5.5.4
Authentische Führung
Echte transformationale Führung kann nur entstehen, wenn die Führenden sich aus innerer
Überzeugung an grundsätzlich geteilten und akzeptierten ethischen Grundpositionen und den
daraus abgeleiteten Moralen orientieren. Ohne dies bleibt Führung pseudotransformational, da
Führungskräfte ohne Verantwortungsbewusstsein und moralischem Gewissen nicht begeis-
ternd führen können (vgl. Luthans und Avolio 2003 ). Mitarbeiter erleben ansonsten, dass
Führungskräfte kein Interesse an ihnen haben, sich nicht an geltende Normen halten und ego-
zentrische Selbstoptimierung betreiben. Mit dem Ansatz der authentischen Führung wird da-
gegen die Forderung nach einem auf ethischen Vorstellungen basierendem Führungsverhalten,
einem so genannten positiven Führungsverhalten , postuliert (vgl. im Folgenden Bass und
Steidlmeier 1999 ; Weibler 2016 , S. 129 ff.; Peus et al. 2015 , S. 15 ff.). Authentische
Führungskräfte erfassen auf Grundlage einer intensiven Selbstwahrnehmung und einer nach
außen gerichteten Empathie insbesondere ihre eigenen moralischen Werte, aber auch die ande-
rer Menschen (vgl. auch Rohrhirsch 2011 ). Frühere Erfahrungen, biografi sche und sozialisati-
onsbedingte Ereignisse bilden dabei ein wesentliches Fundament für authentisches Handeln,
da hierdurch die inhaltliche Gerichtetheit der Moralen beeinfl usst wird. Authentische
Führungskräfte beeindrucken in Konsequenz dazu durch einen hohen Grad an innerer, werte-
basierter Überzeugung und integrer Maßstäbe, die sie aktiv umsetzen und an denen sie ihr
Handeln ausrichten (vgl. Avolio et al. 2004 , S. 802). Sie wissen wer sie sind und an was sie
glauben und leben danach. Mit dieser Glaubwürdigkeit und Ehrlichkeit erzeugen sie ein
hohes Maß an Vertrauen bei den Mitarbeitern. Zu einem solchen Führungsverständnis gehört
es auch, authentische, d. h. moralisch getragene Beziehungen zu den Mitarbeitern zu entwi-
ckeln, so dass sich Vorgesetzte und Mitarbeiter als Gemeinschaft erleben – Führungskraft und
Mitarbeiter handeln auf der Basis gemeinsam geteilter Werte und Vorstellungsmuster, die in-
tensiv durch die Führungskraft vorgelebt werden (zur ethischen Begründung solcher Werte vgl.
Abschn. 1.4.4 dieses Buches und die dortige Diskussion zur „dark side-“ and „light side of
leadership“). Durch Authentizität geprägte Führungsbeziehungen tragen erheblich zum
Führungserfolg über eine gesteigerte Leistungsbereitschaft der Mitarbeiter bei. Dabei ist
Authentizität keine persönliche Eigenschaft, über die eine Führungskraft verfügt, vielmehr
wird diese dem Vorgesetzten im Kontext der Führungsdyade durch die Geführten zugeschrie-
ben. Erst auf Basis dieser realisierten Attribution und der positiven Wahrnehmung des Führers
durch die Geführten, kann dieses Führungsverhalten seine positiven Wirkungen entfalten.
Ein Rahmenmodell zur authentischen Führung, das den Einfl uss der Führenden auf die
Werte und die Einstellungen der Geführten sowie deren Leistung erklärt, bietet Abb. 5.15 .
Der erste Schlüsselfaktor authentischer Führung besteht in der Einsicht über sich
selbst, d. h. in der Entwicklung eines Selbstbewusstseins , das ein Bild zur eigenen
Identität, zum eigenen Selbstkonzept, den inneren Werten etc. zum Ergebnis hat. Darauf
aufbauend wirkt der zweite Schlüsselfaktor, die Selbstregulation . Damit ist gemeint,
dass eine Führungskraft vorurteilsfrei alle Informationen zum eigenen Selbst annimmt,
refl ektiert, verarbeitet und sich stetig weiterentwickelt. Auf diesem selbstrefl exiven
Werte-Fundament kann dann ein authentisches, vorbildhaftes Führungsverhalten
realisiert werden, das wiederum die Geführten zur introspektiven Selbstwahrnehmung
5 Führungstheorien und -modelle
195
und -refl exion anregt. Dabei hängt das Ergebnis dieser Selbstprozesse auf Seiten der
Führenden und Geführten von den persönlichen Biografi en ab. Beeinfl usst werden die
Selbstprozesse und die authentische Führung auch durch den organisationalen Rahmen.
Hier spielen die vorhandene Unternehmenskultur , die ethischen Werte usw. eine
Rolle. Als Ergebnis der authentischen Führung kommt es bei den Geführten z. B. zu ei-
nem Vertrauensaufbau, zu einer partiellen Werteakzeptanz und -übernahme, zu einem
Wohlfühlen auf der Arbeit und zu hohem Engagement. Daraus resultiert dann ein nach-
haltiges und auf Überzeugung basierendes Leistungsverhalten.
Kritisch gegenüber der authentischen Führung ist u. a. anzumerken, dass neben der
Forderung nach Authentizität keine inhaltliche Konkretisierung zu den Werten und zum
Führungsstil erfolgt (vgl. Weibler 2016 , S. 134 ff.).
5.5.5
Shared Leadership und agile Führung
In den Unternehmen ist eine zunehmende Komplexität und Dynamik u. a. infolge von
Globalisierung und Digitalisierung mit zum Teil neuen Organisationskonzepten wie Industrie
4.0 zu beobachten. Verbunden mit der gesellschaftlich induzierten Forderung nach Demokra-
tisierung unternehmerischer Entscheidungsprozesse und stärkerer Einbindung der Mitarbei-
ter rückt ein weiterer Ansatz transformationaler New Leadership-Ansätze in das Zentrum
des Interesses – das Shared Leadership, d. h. die geteilte Führung (vgl. im Folgenden Lang
und Rybnikova 2014, S. 151 ff.). Shared Leadership beschreibt eine Abkehr von führerzent-
rierten, vertikalen Führungstheorien hin zu einer „postheroischen“ Funktion des Vorge-
setzten, in der dieser nicht mehr als Alleinentscheider, sondern eher als Katalysator für
Authentische
Führung mit vor-
bildhaften Hand-
lungsweisen
Authentische Führung
Selbstbewusstsein
•
Werte
•
Identität/Selbstkonzept
•
Gefühle
•
Bedürfnisse/Ziele
Authentisches Geführten-
verhalten
Antezedenzen
•
Biografie
•
Besondere Ereignisse
Unternehmenskultur,
Unterstützung, Code
of Conduct
Leistungs-
verhalten
•
Nachhaltig
•
Überzeugt
Resultate bei
den Geführten
•
Vertrauen
•
Engagement
•
Wohlfühlen
Selbstregulation
• Vorurteilsfreie und aus-
gewogene Selbstreflek-
tion
•
Authentisches Verhalten
•
Beziehungsoffenheit
Selbstregulation
• Vorurteilsfreie und aus-
gewogene Selbstreflek-
tion
•
Authentisches Verhalten
•
Offenheit
Selbstbewusstsein
•
Werte
•
Identität/Selbstkonzept
•
Gefühle
•
Bedürfnisse/Ziele
Abb. 5.15 Authentic Leadership . Quelle: nach Gardner et al. ( 2005 , S. 346)
5.5 Transformationale New Leadership-Ansätze
196
geteilte Führung wirkt. Es steht die Frage im Vordergrund, wie Führung in Organisationen
aufgeteilt werden soll, um Motivation und Leistung zu optimieren (vgl. Piecha und Wegge
2015 , S. 79). Hier sind verschiedene Ebenen zu unterscheiden, die betrachtet und gestaltet
werden müssen. Auf der Ebene der Organisation kommen Instrumente organisationaler
Demokratie wie betriebsverfassungsrechtliche Mitbestimmungsgremien, Vorschlagswesen-
Systeme, Open-Space-Moderations- und Beteiligungsmethoden sowie eine partizipative
Unternehmenskultur zum Tragen (vgl. Sattelberger et al. 2015 ). Auf Gruppenebene kom-
men Konzepte zur geteilten Führung zum Einsatz und auf der bilateralen Ebene der Füh-
rungsdyade gilt es eine freundschaftliche Beziehung zu entwickeln, in der Mitarbeiter und
Führungskraft als gleichberechtigte Partner zusammenwirken. Dabei gilt, dass klassische
Führung und geteilte Führung keinen Widerspruch darstellen, sondern in entsprechender
Ausgestaltung im Sinne sich ergänzender Systeme parallel wirken: Selbststeuerung braucht
Führung (vgl. Gloger und Rösner 2014 ).
Shared Leadership mit seinen aktuellen praxisbezogenen Ausprägungen wie Empower-
ment, Scrum -Projektmanagement, agile Führung und demokratische Unternehmen
fi ndet seinen Ursprung zum einen in den Forschungen zur Partizipation von Mitarbeitern
und greift stark auf das Führungsstilkontinuum von Tannenbaum/Schmidt zurück. Dort
werden im Rahmen des partizipativen Führungsstils Entscheidungen gemeinsam mit den
Mitarbeitern getroffen. Zum anderen stellen auch die Überlegungen von Manz/Sims zum
Super und Self Leadership vorausgehende Überlegungen dar (vgl. zu einer weiterführen-
den Übersicht von Vorläuferkonzepten Lang und Rybnikova 2014, S. 157). Geteilte
Führung geht grundsätzlich davon aus, dass defi nierte Führungsfunktionen und Rollen-
segmente einer Führungskraft auf die Geführten übergehen und von diesen übernommen
werden. Die vollkommen selbstständige und eigenverantwortliche Führung stellt einen
idealistischen Endpunkt in Bezug auf autonomes Handeln dar und spiegelt auch sich än-
dernde normative Gesellschaftsvorstellungen wider.
Kennzeichnend für den Ansatz des Shared Leaderships sind folgende Aspekte (Avolio
et al. 2009 , S. 431 ff.):
• Führung wird als Netzwerkprozess mit emergenten Ergebnissen betrachtet.
• Abkehr von der Führungsdyade hin zu Gruppenprozessen mit kollektiven Koordi-
nationsmechanismen .
• Die Geführten übernehmen eine aktive Rolle im Führungsprozess und durchleben ei-
nen Rollenwandel .
• Führung wird als Interaktion zwischen Gleichberechtigten verstanden.
• Betrachtung und Defi nition förderlicher organisatorischer und unternehmenskultureller
Rahmenbedingungen sind notwendig.
Den konzeptionellen Kern geteilter Führung bildet letztlich der wechselseitige, interaktio-
nelle Einfl ussprozess zwischen Mitarbeitern mit dem Zweck, sich gegenseitig zu führen, um
gemeinsame Ziele zu erreichen (vgl. Wegge und Rosenstiel 2014 , S. 354). Dabei wird die
Führungsaufgabe gleichberechtigt und lateral auf alle beteiligten Mitarbeiter verteilt. Werden
5 Führungstheorien und -modelle
197
noch weitere Einfl üsse berücksichtigt, die sich durch die Organisation, die Kultur etc. erge-
ben, wird auch von verteilter Führung gesprochen (vgl. Lang und Rybnikova 2014, S. 158 ff.).
Es geht nicht mehr darum eine Gruppe zu führen, sondern Führung durch die Gruppe zu
realisieren. Auf die faktische Umsetzung geteilter Führung haben Rahmenbedingungen ei-
nen erheblichen Einfl uss. Dazu zählen z. B. (vgl. Pearce und Sims 2009 , S. 126):
• Gruppengröße
• Diversität der Gruppenmitglieder
• Fähigkeiten der Individuen
• Aufgabenkomplexität (Routine vs. Projekte)
• Dringlichkeit der Aufgabe
• Unternehmenskultur
• Anreizsysteme usw.
Shared Leadership stößt in Folge verschiedener Paradoxien an Umsetzungsgrenzen bzw.
-schwierigkeiten. So sind hierarchisch sozialisierte Führungskräfte nun aufgefordert, die
demokratische Organisation zu verwirklichen. Auch fokussiert die geteilte Führung auf
einen kollektiven Verständigungsprozess, während häufi g in Belohnungs- und Karriere-
systemen noch gegenläufi ge, individuelle Betrachtungsperspektiven vorherrschen.
Als Ergebnisse des Shared Leaderships werden oftmals eine bessere Team- Performance
(Effektivität), mehr Vertrauen zwischen den Teammitgliedern, mehr Hilfeleistungen sowie ei-
ne höhere Arbeitszufriedenheit genannt (vgl. Wegge und Rosenstiel 2014 , S. 355 f.; Piecha und
Wegge 2015 , S. 82 ff.). Die positiven Wirkungen geteilter Führung können u. a. damit erklärt
werden, dass durch die übertragene Autonomie und die höhere Partizipation motivationale und
affektive Erlebensprozesse bei den Mitarbeitern positiv angeregt werden (vgl. Piecha et al.
2012 , S. 563 f.). Dies wirkt sich wiederum auch auf die Arbeitszufriedenheit aus. Zudem dürf-
ten sich typische Gruppeneffekte im Sinne von „gemeinsam sind wir stark“ förderlich auf das
Vertrauen der Teammitglieder auswirken, übertragene Aufgaben im Kollektiv bewältigen zu
können. Es bleibt aber darauf hinzuweisen, dass keine zwingende Kausalitätsbeziehung derart
besteht, dass mehr geteilte Führung automatisch besser sei. Es sind durchaus auch negative
Effekte geteilter Führung feststellbar. Ausgehend von längeren Bearbeitungsdauern aufgrund
umfangreicherer Abstimmungszyklen reichen solche Phänomene bis hin zu Situationen, in
denen Orientierungslosigkeit (Laissez faire-Führung) oder sogar destruktive Machtausübung
durch Teamkollegen (aversive Führung) eintreten können (vgl. Wegge und Rosenstiel 2014 ,
S. 355 ff.).
Die Erzeugung der positiven Effekte durch die Einführung von geteilter Führung be-
darf eines Entwicklungsprozesses, d. h. Shared Leadership kann nicht kurzfristig imple-
mentiert werden, sondern Bedarf eines Einübungs- und Findungsprozesses für die
Beteiligten. Erste Studienergebnisse (vgl. Piecha und Wegge 2015 , S. 85) deuten darauf
hin, dass ein hoher Frauenanteil und ein geringer Altersdurchschnitt Shared Leadership
begünstigen (vgl. Abb. 5.16 ). Dies gilt auch in Bezug auf eine hohe ethnische Diversität
sowie auf ein ausgeprägt vorhandenes gegenseitiges Vertrauen der Teammitglieder, das
5.5 Transformationale New Leadership-Ansätze
198
idealerweise mit einer hohen Gruppen- bzw. Kollektivorientierung der Mitarbeiter korres-
pondiert. Auch eine stabile personale Zusammensetzung sowie ein demokratisch gepräg-
ter Organisationskontext mit institutionellen und faktischen Beteiligungsmöglichkeiten
ohne hemmende Hierarchien, der auch Selbstführung fördert, wirken sich katalytisch auf
geteilte Führung aus (vgl. Rosenstiel 2014 , S. 357).
Gezielt gefördert werden kann geteilte Führung durch folgende Maßnahmen (Wegge
und Rosenstiel 2014 , S. 357; Biemann und Weckmüller 2015 , S. 15 ff.):
• Entwicklung von Selbstführungsfähigkeiten auf Seiten der Teammitglieder
• Aktives Einfordern von Selbstführungsfähigkeiten.
• Förderung von Empowerment bei den Mitarbeitern.
• Vermeidung von Bestrafung, stattdessen Befürworten des Lernens durch Fehler.
• Formulierung von Fragen statt Ausgeben von Antworten.
• Förderung von Initiative und Kreativität.
• Förderung von Entscheidungsfi ndung auf Individual- und Gruppenebene.
• Schaffung von Interaktion und Interdependenz.
• Implementierung förderlicher Grenzregulation (fl exible Arbeitszeiten, das Kollektiv
fördernde Anreizsysteme usw.).
Zusammengefasst kann Shared Leadership durch einen partizipativen Organisations-
kontext befördert werden, in dem sich der Vorgesetzte als Super Leader zur Unterstützung
von geteilter Führung etabliert und moderierende und grenzregulative Unterstützung orga-
nisiert sowie geteiltes Führungsverhalten positiv unterstützt. Er wirkt dann als Facilitator
Geteilte Führung
in Teams
Organisationale
Partizipation
Organisationale
Demokratie
Vorgesetzter
Selbst-
führung
Mitar-
beiter
Selbstführung
Mediatorvariablen
• Zielbindung/Motivation
• Emotionen und Stimmungen
• Wissensaustausch (Planung)
• Extrarollenverhalten/Identifikation
• Gefühl des Empowerments
Moderatorvariablen I
Grenzregulation, Einfordern von Selbstführung, Akzeptanz von Fehlern usw.
Motivationale
Leistungs- und
Verhaltenseffek-
te auf Individu-
uen-, Gruppen-
und Organisa-
tionsebene
Moderatorvariablen II
Wunsch nach Partizipation/Aufgabenunsicherheit/Vertrauen/Altersdurchschnitt,
ethnische Diversität, stabile personale Zusammensetzung usw.
Abb. 5.16 Förderung geteilter Führung . Quelle: nach Rosenstiel und Wegge ( 2014 , S. 356), leicht
modifi ziert und ergänzt
5 Führungstheorien und -modelle
199
für die notwendigen gruppendynamischen Prozesse. Zudem wirken weitere moderierende
Variable wie Vertrauen, geringer Altersdurchschnitt usw. positiv auf ein gemeinsam getra-
genes, gegenseitiges Führen ein. Im positiven Fall führt dies zu entsprechenden Folgen bei
den Mitarbeitern wie Zielbindung und Extrarollenverhalten aus dem letztlich positive Ver-
haltens- und Leistungsergebnisse resultieren.
Beispiel
Softwareentwicklung nach der Scrum-Methode
In der unternehmerischen Praxis wird Shared Leadership aktuell im Konzept der agilen
Führung, z. B. in der Softwareentwicklungmethodik Scrum, umgesetzt. Scrum kommt
aus dem Rugby-Sport und bezeichnet eine „Gedränge-Formation“, in der sich
Mannschaften nach einer kurzen Spielunterbrechung zur Weiterführung wieder zusam-
menfi nden. Scrum als agiles Führungskonzept setzt auf selbstorganisierende Teams oh-
ne Projektleiter in der Softwareentwicklung, die das Gesamtprojekt in kurze Intervalle
(Sprints) aufteilen, an deren Ende jeweils in sich abgeschlossene Teilergebnisse stehen,
die durch eigenverantwortliche und selbstorganisiert arbeitende Entwicklertandems etc.
realisiert werden. Damit wird auf die bisher sehr umfangreichen, bürokratischen
Planungs- und Vorbereitungsprozesse verzichtet, die letztlich zu einer Trennung von
Planung und Ausführung führten. Scrum bezeichnet dagegen einen iterativ-inkrementel-
len Entwicklungsprozess in kleinen Schritten, der es ermöglicht schnell und unkompli-
ziert, d. h. agil, auf geänderte Kundenforderungen zu reagieren, die im sogenannten
Produkt-Backlog festgehalten werden. Scrum fordert auch den ausdrücklichen Verzicht
auf individuelle Besitzstände derart, dass Programmcodes nicht wie in der Vergangenheit
als Erfi ndung eines Programmierers zu sehen sind. Vielmehr ist der Code infolge von
„dual programming“ ein Gemeinschaftsergebnis. Unterstützt wird der Teamaspekt
durch tägliche Meetings (daily Scrum), in denen auch die nächsten Intervalle gemeinsam
defi niert werden (Sprint planning) und eine Rückschau auf absolvierte Sprints erfolgt
(Review). Dadurch werden kollektive „lessons learned“-Inhalte realisiert. Gerade das
„Sprint planning“ ist Ausdruck geteilter Führung, da das Team hier selbstständig ab-
schätzt, was es im nächsten Schritt leisten kann. Auf einem sogenannten „Burn-Down-
Chart“ wird der Arbeitsfortschritt festgehalten. Scrum verzichtet auf einen Projektleiter
und defi niert stattdessen drei Rollen, die gleichberechtigt zusammenwirken: den
Product-Owner, den Scrum-Master und das Team. Der Product-Owner verkörpert die
fachliche Seite. Er defi niert Anforderungen an die Software und entscheidet, ob eine
Programmfunktion als erfüllt zu betrachten ist oder nicht. Der Scrum-Master fördert den
gesamten Softwareentwicklungsprozess im Sinne der Scrum-Methode. Er coacht das
Team und den Product-Owner in diese Richtung ohne inhaltliche Weisungsbefugnis.
Das Team organisiert sich mittels des Methodeninventars selbstständig und reagiert da-
mit auf die Inputs durch den Product-Owner.
Quelle: Gloger und Margetich ( 2014 ); Grund ( 2015 , S. 159 ff.)
5.5 Transformationale New Leadership-Ansätze
200
Auch außerhalb von Softwareentwicklungsteams steigt der Bedarf an Shared Leadership
bzw. agiler Führung und erlebt aktuell eine verstärkte Beachtung. Agile Führung meint die
Leitung in selbstorganisierten Systemen, die weniger direktiv, sondern mehr prozessorien-
tiert und moderierend ausgelegt ist (vgl. Vigenschow 2008 , S. 86 ff.). Dabei wird agile Füh-
rung als „facilierendes“ Verhalten interpretiert, bei der die Mitarbeiter selbstbestimmt den
Weg der Aufgabenbewältigung festlegen und somit demokratisch in Entscheidungen einge-
bunden werden. Wichtig ist dabei, dass hierarchische Strukturen aufgebrochen werden.
Flexible Reaktionen und Entscheidungen sind in einem starren Einliniensystem mit funkti-
onal geprägten Unternehmensstrukturen nicht möglich. Unter Selbstorganisation im agilen
Kontext fällt auch die eigenständige Verteilung der Aufgaben. Dabei sollen Mitarbeiter ihre
Kompetenzen selber erkennen, einschätzen und sich gegenseitig Feedback geben. Dabei
kann agiles Führen auch bedeuten, dass Führungsfunktionen nach dem Motto „ Mitarbei-
ter wählen ihren Chef “ infolge eines basisdemokratischen Wahlprozesses temporär auf
einzelne Mitarbeiter übertragen werden.
Beispiel
Demokratisch gewählter Chef bei Haufe Umantis
Zusammengefasst Auszüge aus einem Interview mit Marc Stoffel, CEO der Schwei-
zer Firma Umantis, die zur deutschen Haufe-Gruppe gehört:
a) „Herr Stoffel, Sie sind ein demokratisch legitimierter Chef – wie funktionierte
Ihre Wahl und mit was haben Sie versucht, bei den Kollegen zu trumpfen?: Das
wichtigste ist am Anfang immer, dass untereinander diskutiert wird, was die
Chefrolle überhaupt umfassen soll und was das Team braucht.
b) Wann macht man dann sein Kreuzchen für den Chef?: Der wichtigste Schritt
zum Wahlprozess ist, dass sich alle unterhalten und gemeinsam die gewünschte
Führungsrolle defi nieren. Diese geht meistens aus einer Strategie hervor, die
ebenfalls gemeinsam entwickelt wurde und dann lautet die Frage: Wer kann uns
am besten dabei helfen, diese Strategie umzusetzen?
c) An der Stelle haben Sie sich dann beworben?: Richtig, und ich habe versucht
meine Kollegen davon zu überzeugen, dass ich zu diesem Zeitpunkt der richtige
Mann für sie bin. Es fi ndet also in dem Sinn kein Wahlkampf statt, wie Sie das
aus der Politik kennen, sondern man defi niert eine Rolle, auf die man sich dann
bewirbt.
d) Besteht dabei nicht die Gefahr, dass sich Drückeberger denjenigen als Chef wäh-
len, der ihnen am wenigsten abverlangt?: Wenn man denkt, dass Mitarbeiter kei-
nen Erfolg oder einen Vorgesetzten wollen, der sie möglichst in Ruhe lässt,
deutet das auf ein verquertes Menschenbild hin. Wir erleben, dass Mitarbeiter
grundsätzlich das Beste für ihr Unternehmen wollen. Und sie wissen sehr genau,
5 Führungstheorien und -modelle
201
5.6
Systemische Führung
Der Ansatz der systemischen Führung stellt einen grundsätzlichen Paradigmawechsel,
weg von einem kausal-deterministischen Universum mit monokausal steuerbaren Führer-
Geführten- Beziehungen, hin zu einem nichtlinearen, hoch-komplexen Weltbild , in dem
Reaktionen über die verschiedenen Beteiligten hinweg nicht vorherzusehen sind, dar (vgl.
Lutz 1992 , S. 310 ff. sowie Bleicher 2011 ). Auch wenn das Super Leadership oder das
Shared Leadership schon in hohem Maße auf selbstorganisierende Prozesse setzen, wer-
den diese aber immer noch als durch die Führungskraft steuerbar gesehen. Zudem wird
aus der Perspektive der systemischen Führung in den transformationalen Ansätzen einsei-
tig verkürzend die Funktion des Führenden für den Führungserfolg betont, ohne seine
systemische Vernetzung und Integration ausreichend zu beachten; somit wird das
Gesamtsystem „Führung“ unzureichend „trivialisiert“ . In einem systemisch-vernetzen
Sozialgefüge führen Lenkungshandlungen dagegen zu einer Vielzahl von direkten und
indirekten Führungsreaktionen, womit eine klassische, beeinfl ussende Führung „unmög-
lich“ wird (vgl. dazu und im Folgenden Steinkellner 2006 , S. 85 ff.).
Systeme sind Ganzheiten, die sich aus einzelnen Elementen zusammensetzen die mitein-
ander über Relationen verbunden sind und interagieren (vgl. im Folgenden Schirmer 1997 ,
S. 26 ff.; Blessin und Wick 2014 S. 203). Unternehmen stellen mit ihren Subsystemen und
Elementen, d. h. Abteilungen und Mitarbeitern, komplexe Systeme dar. Komplexität be-
schreibt dabei die Fähigkeit eines Systems, eine große Zahl verschiedener Zustände einneh-
men zu können bzw. mit einer großen Zahl unterschiedlich zusammengesetzter Reaktionen
auf Impulse reagieren zu können. Dies ist abhängig von den vielfältigen Verhaltensmöglich-
keiten der Elemente und den veränderlichen Wirkungsverläufen und Beziehungen zwischen
den Elementen (vgl. Nicolis und Prigogine 1987 ). Damit wird die Abgrenzung zu einfachen
Systemen wie einer Maschine deutlich, die auf einen gewissen Input, z. B. Treibstoffzufuhr,
immer nur mit einer Reaktion „Verbrennung des Treibstoffs“ reagieren kann. Gerade soziale
Systeme können auf einen Input, z. B. „veränderte Konjunkturlage“, mit ganz unterschiedli-
chen Handlungen reagieren. Diese reichen z. B. von Kostenreduzierungsprogrammen, über
Produktprogrammerweiterungen bis hin zur Erschließung neuer Absatzmärkte.
Innerhalb der Systemtheorie stellt die Synergetik als „Lehre vom Zusammenwirken“ auf
die allgemeinen Gesetzmäßigkeiten ab, nach denen in komplexen Systemen neue, selbstorga-
nisierte Strukturen und effektive Reaktionen entstehen (vgl. Beisel 1994 ; Graf und Witte 2012 ).
was es braucht, um noch erfolgreicher zu werden. Gerade deshalb macht es ja
Sinn, dass sie an diesem Entscheidungsprozess, wer ihr neuer Chef wird, betei-
ligt sind und so eine zweiseitige Beziehung entsteht.“
Quelle: Kontio ( 2015 )
5.6 Systemische Führung
202
Erkenntnisobjekt ist dabei nicht die Struktur oder die Reaktion an sich, sondern deren
Entstehungsprozess. Selbstorganisation bezeichnet hier die Fähigkeit eines komplexen
Systems, bei sich wandelnden Inputs einen Übergang zu einem angepassteren Systemzustand
zu vollziehen bzw. passende Reaktionen zu generieren, ohne abschließend von außen gesteuert
zu werden. Zwar wirkt ein Input als Initialprozess verändernd auf den aktuellen Systemzustand
ein, allerdings verfügt das System aufgrund seiner Komplexität über eine Eigendynamik , die
dazu führt, dass derselbe Input zu verschiedenen Zeitpunkten eben zu unterschiedlichen
Systemreaktionen führen kann. Komplexe Systeme sind in ihrer Veränderung nicht vorhersag-
bar. Vereinfacht dargestellt erklärt Synergetik die Selbstorganisation in komplexen Systemen
dadurch, dass infolge veränderter Inputs ein System instabil wird und dass sich aus dem resultie-
renden mikroskopischen Chaos (Veränderungen auf der Ebene der Elemente und Subsysteme,
d. h. der Mitarbeiter und Teams etc.) infolge von Zufallsschwankungen als nicht vorhersehbare
Reaktionsmechanismen innerhalb systembedingter Grenzen eine neue Ordnung durchsetzt.
In der Theorie sozialer Systeme nach Luhmann ( 1984 ) werden Systeme als autopoieti-
sche , d. h. sich selbst organisierende und erhaltende, geschlossene Gesamtheiten aufgefasst,
deren Basiselement Kommunikation und nicht der Mensch ist. Durch spezifi sche
Kommunikation werden Systeme geschaffen und funktionsfähig gehalten. So benötigt das
„System Liebe“ eine andere Sprache als das „Wirtschaftssystem“ um sich aufrechterhalten zu
können. Kommunikation beeinfl usst die subjektive Wirklichkeitskonstruktion der Subjekte
und schafft infolge dazu passende Strukturen, die sich in ähnlichen Kommunikationen ganz
unterschiedlich ausgestalten können. So können sich im Wirtschaftssystem z. B. markt- oder
planwirtschaftliche Strukturen entwickeln. Letztlich hängt Kommunikation aber auch wieder
genau von dem konstruierten Wirklichkeitsverständnis und den geschaffenen Strukturen ab
und wird dadurch autopoietisch, d. h. sich selbst erhaltend. Derart geschlossene soziale Systeme
grenzen sich von ihrer Umwelt ab und können damit auch nicht von außen gesteuert werden.
Übertragen auf Unternehmen bedeutet dies, dass eine „außen stehende“ Führungskraft keinen
Steuerungseinfl uss z. B. auf eine Abteilung hat. Die Steuerung des Systems kann stattdessen
nur als Selbststeuerung innerhalb des Systems erfolgen. In den beiden obigen Beispielen z. B.
durch die Kommunikation der Liebenden oder der Wirtschaftssubjekte untereinander. Die
Führungskraft kann bestenfalls „von außen“ intervenierend auf diese Steuerungsprozesse ein-
wirken, in dem sie versucht durch das „Herbeireden“ einer konstruktivistischen Realitätsbildung
solche Interpretationsmuster zu etablieren, die dann zu annähernd gewünschten Ergebnissen,
Handlungen oder Strukturen führen.
Vor diesem Erkenntnishintergrund versucht systemische Führung nicht die Komple-
xität zu begrenzen bzw. zu beherrschen, sondern begreift Komplexität als notwendigen
Bestandteil effektiver Führung. Systemische Führung versucht in einer ganzheitlichen
Perspektive nicht nur die bilateralen, linearen Interaktionen zwischen Führungskraft und
Mitarbeiter, sondern auch die komplexen Interaktionen zwischen Mitarbeitern, Kollegen,
Kunden und weiteren im Zusammenhang stehenden Interessens- und Kommunikations-
gruppen zu erfassen. Die Führungskraft ist nur ein Impulsgeber in diesem Gesamtnetzwerk.
Damit wird auch die Problematik führungsbasierter Interventionen deutlich. Diese sind
von vielen nicht beherrschbaren, selbstregulierenden Einfl üssen abhängig. Damit wird das
5 Führungstheorien und -modelle
203
Misslingen von Lenkungsversuchen eher zum Normalfall als das Gelingen. Undurch-
sch aubarkeit, Unberechenbarkeit und Unvorhersehbarkeit von Organisationen als
Systemen machen gezielte Eingriffe im Sinne von eindimensionalen Weisungen sehr
schwierig. Ansatzpunkt systemischer Führung ist nach dem oben dargelegten Verständnis
sozialer Systeme die Kommunikation als konstituierendem Basiselement . Systemische
Führung ist damit in hohem Maße interaktionale Führung. Systemische Gesprächsführung
ist dabei nicht linear im Sinne von „Sie machen das!“ oder „Wie können wir das errei-
chen?“, sondern versucht durch Refl exivität neue Sichtweisen und Interpretationen zu
schaffen, in deren Folge neue Lösungen und Vorgehensweisen entstehen. Dabei sind
Fragen hilfreich, die nicht darauf abzielen, dass eine einheitliche Sichtweise geschaffen
wird, sondern die einen konstruktiven Dissens fördern. Hilfreich sind hier Klassifi kations-
und Skalen fragen . Erstere fördern Unterschiede gut zu Tage, z. B. „Welche Investition
wird den größten wirtschaftlichen Erfolg erbringen?“ Zweitere dienen der Einschätzung
von Be deutungen oder Wertigkeiten, z. B. „Wie wichtig ist auf einer Skala von eins bis
zehn die Zufriedenheit unserer Mitarbeiter?“ Auch Fragen zur Wirklichkeitskonstruktion
sind hilfreich. Sie dienen dazu, den zu besprechenden Sachverhalt in seiner Mehrdimensio-
nalität und aus verschiedenen Perspektiven zu erfassen, z. B. „Was tun Sie, wenn dieses
Problem auftritt!“, „Wann treten diese Probleme auf?“ und „Treten die Problem alleine auf
oder liegen bestimmte Konstellationen zu anderen Sachverhalten vor?“. Fragen zur
„Möglichkeitskonstruktion“ (Refraiming) helfen den Blick auf neue Lösungsansätze zu
lenken. Dabei geht es darum, den Blick der Mitarbeiter zu öffnen, z. B. „Was würden Sie
in einem solchen Fall tun, wenn Sie keinen Vorgesetzten hätten?“. Ziel dieser systemi-
schen Fragen ist es, den Gesamtzusammenhang von „Realitätsausschnitten“ aufzuzeigen,
um damit den subjektiv-konstruktivistischen Realitätsausschnitt zu erweitern und zu pas-
senderen, den systemischen Problembezug berücksichtigenden Vorgehensweisen zu kom-
men. Generell bietet eine „systemische Führungskraft“ keine einfachen Lösungen, sondern
regt zur selbstorganisierten Lösungsfi ndung auf Basis holistischer Betrachtungen an.
Systemische Führung kann per defi nitionem keine „einfachen“ Handlungsanweisungen
für „komplexe“ soziale Systeme bieten. Sie kann aber versuchen, die wahrgenommen
Realität durch die Mitarbeiter und die Führungskräfte so zu beeinfl ussen, dass passendere
Lösungen von alleine gefunden werden. Systemische Führung versucht durch die Berück-
sichtigung sozialer, sachlicher und zeitlicher Interdependenzen von Problemstellungen zu
einer holistischeren Betrachtung von Herausforderungen zu kommen und diese in einen
ganzheitlichen Bezugsrahmen zu setzen (vgl. Blessin und Wick 2014 , S. 207). Hierfür kön-
nen z. B. Einfl uss-Netzwerk-Karten (Systemlandkarten) gezeichnet werden, die zirkuläre
Kausalitäten enthalten (vgl. Ulrich und Probst 1995 , S. 181 ff.). Die nachfolgende Abb. 5.17
zeigt, welche Fehler bei der trivialisierten Betrachtung komplexer Problemsituationen ent-
stehen können, wenn die vielfältigen Relationen vernachlässigt werden.
Kritisch am Konzept systemischer Führung ist deren sehr spezifi sche Theoriefundierung
zu sehen, die vielen Praktikern schlicht einen „verstehenden“ Zugang verwehrt. Hinzu
kommt, dass sie gerade in der luhmannschen Ausprägung ein Paradox in sich darstellt, da
die ausdrückliche Betonung der autopoietischen Selbststeuerung im Innenbereich sozialer
5.6 Systemische Führung
204
Systeme eigentlich einen intervenierenden Einfl uss – hier durch Führungskräfte – kaum
bis gar nicht zulässt. Zudem liefert der Ansatz keine einfach umsetzbaren Handlungs-
anweisungen, sondern fördert vielmehr das grundlegende Verständnis für ganzheitliche
Prozesse in sozialen Systemen (vgl. Blessin und Wick 2014 , S. 226).
5.7
Zusammenfassung
Im Rahmen der Führungsforschung werden Theorien entwickelt, die Führenden helfen
sollen, ihr Führungsverhalten erfolgreich zu gestalten.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts herrschte die Sichtweise vor, dass Menschen
höherer Gesellschaftsschichten durch angeborene Eigenschaften zum Führen befähigt sind
( Ei genschaftsansatz ). Solche Eigenschaften wurden z. B. schon um 1840 bei außerge-
wöhnlichen Industrie-Führern und Generälen beobachtet ( great man theory ). Eine darauf
basierende Weiterentwicklung dieses Denkens war der charismatische Führungs ansatz
nach Max Weber, der das Zustandekommen von Führung aufgrund außergewöhnlicher
Begabungen einzelner Menschen, später dann auch im Zusammenwirken mit Krisensi-
tuationen und gefolgsbereiten Mitarbeitern, untersuchte. Eine Abkehr von dem „geneti-
schen Führungsansatz“ wurde durch die Verhaltensansätze zu Beginn des 20. Jahrhunderts
eingeleitet. Es dominierte nun der Gedanke, dass durch ein grundsätzlich erlernbares, stabi-
les Führungsverhalten ( Führungsstil ) erfolgreiche Führung möglich ist. Die Führungsstil-
forschung entwickelte hierzu verschiedene Stilvarianten ( Führungsstil typologien ), die
Denkfehler im Umgang mit
komplexen Situationen
Schritte ganzheitlichen Problemlösens
1. Probleme sind objektiv gegeben und
müssen nur noch klar formuliert werden.
2. Jedes Problem ist die direkte Konsequenz
einer Ursache.
3. Um eine Situation zu verstehen, genügt
eine „Fotografie“ des Ist-Zustandes.
4. Verhalten ist prognostizierbar, notwendig
ist nur eine ausreichende Informations-
basis.
5. Problemsituationen lassen sich „beherr-
schen“, es ist lediglich eine Frage des
Aufwandes.
6. Ein „Macher“ kann jede Problemlösung in
der Praxis durchsetzen.
7. Mit der Einführung einer Lösung kann das
Problem endgültig ad acta gelegt werden.
Abgrenzung des Problems: Die Situation ist aus verschiedenen Blick-
winkeln zu definieren und eine Integration zu einer ganzheitlichen Ab-
grenzung anzustreben.
Ermittlung der Vernetzung: Zwischen den Elementen einer Problem-
situation sind die Beziehungen zu erfassen und in ihrer Wirkung zu
analysieren.
Erfassung der Dynamik: Die zeitlichen Aspekte der einzelnen Bezieh-
ungen und einer Situation als Ganzem sind zu ermitteln. Gleichzeitig
ist die Bedeutung der Beziehungen im Netzwerk zu erfassen.
Interpretationen der Verhaltensmöglichkeiten: Künftige Entwicklungs-
pfade sind zu erarbeiten und in ihren Möglichkeiten zu simulieren.
Bestimmung der Lenkungsmöglichkeiten: Die lenkbaren, nicht lenkbaren
und zu überwachenden Aspekte einer Situation sind in einem Lenkungs-
modell abzubilden.
Gestaltung der Lenkungseingriffe: Entsprechend systemischer Regeln
sind die Lenkungseingriffe so zu bestimmen, dass situationsgerecht und
mit optimalen Wirkungsgrad eingegriffen werden kann.
Weiterentwicklung der Problemlösung: Veränderungen in einer Situation
sind in Form lernfähiger Lösungen vorwegzunehmen.
Abb. 5.17 Denkfehler im Umgang mit komplexen Situationen . Quelle: Gomez und Probst ( 1987 ,
S. 62)
5 Führungstheorien und -modelle
205
situationsübergreifend anwendbar sein sollten. Nach den idealtypischen, eindimensiona-
len Führungsstilen , wie autoritäres oder kooperatives Verhalten, setzten sich ab Mitte des
20. Jahrhunderts zuerst Kontinuenansätze durch, die abgestufte Inten sitätsgrade in Bezug
auf das den Führungsstil zugrunde liegende Verhaltensmerkmal propagierten (z. B. das
Führungsstilkontinuum nach Tannenbaum/Schmidt). Begünstigt durch die Erkenntnisse
insbesondere aus den Ohio-Studien erfolgte dann die Hinwendung zu zweidimensionalen
Führungsstilkonzepten. Führende waren nun gefordert, zur gleichen Zeit sowohl aufgaben-
orientiert, als auch mitarbeiterorientiert zu führen. Auch die zweidimensionalen
Führungsstilkonzepte verfolgten einen normativen Anspruch, indem sie ideale
Führungsstile defi nierten, die weitestgehend situationsunabhängig zu Erfolg führen sollten,
so z. B. der 9.9-Führungsstil (Team-Management) im Grid-Modell . Dieser Allgemeingül-
tigkeitsanspruch eines „besten“ Führungsstils wurde durch die mehrdimensionalen
Führungsstilkonzeptionen relativiert. So integrierte Reddin Ende der 1960er-Jahre als
dritte Dimension systematisch die Situation in einen Führungsansatz. Die Situation wurde
als moderierende Variable erkannt, die über die Effektivität eingesetzter Führungsstile ent-
scheidet. Diese Denkweise wurde in der Führungsforschung in den situativen
Führungsansätzen systematisch weiter entwickelt. Die Leitfrage lautet nun: „Welche
Situation erfordert welches Führungsverhalten?“ Eine zentrale Herausforderung dieser
Ansätze stellt die Klassifi kation der Führungssituation dar, die in verschiedenen Theorien
sehr unterschiedlich gelöst wird. Werden z. B. im Kontingenzmodell nach Fiedler drei
Situationsmerkmale betrachtet, reduziert das Reifegradmodell nach Hersey/Blanchard
die Situation auf die Mitarbeiter. Seit Mitte der 1970er-Jahre ist mit dem Aufkommen der
transformationalen
New
Leadership -Ansätze
eine
neue
Sichtweise
in
der
Führungsforschung zu beobachten. Grundsätzlich wird ein stärkeres emotionales
Involvement der Geführten gefordert, um außerordentliche Leistungen erzielen zu können.
Mit den Neo c h arisma - Ansätzen der Führung gewinnt dabei der Eigenschaftsansatz wieder
an Bedeutung, da Führungserfolg stark von der Ausstrahlung der Führenden abhängig ge-
macht wird. Allerdings wird Charisma nun als stärker erlernbar gesehen. Dieser Gedanke
führte dann letztlich zur transformationalen Führung , welche auch auf dem
Austauschgedanken „Geld gegen Leistung “ beruht ( transaktionale Führung ), aber durch
Charisma, Inspiration , Wertschätzung und intellektuelle Stimulierung ein Mitreißen der
Geführten zu höheren Leistungsebenen propagiert ( full range of leadership ) . Mit zuneh-
mender Globalisierung, Dynamisierung und Komplexität der Wirtschaft wurde deutlich,
dass Führende als alleinige Entscheidungsinstanz oftmals überfordert sind. Notwendig sind
aktiv mitdenkende, sich selbst zweckgerichtet steuernde Mitarbeiter. Dieser Gedanke wird
seit Ende der 1980er-Jahre im Super Leadership -Ansatz aufgegriffen, der das Self
Leader ship der Mitarbeiter als zentrales Element enthält. Wichtig für transformationalen
Führungserfolg ist es zudem, dass Vorgesetzte ein authentisches Führen auf der Basis ih-
rer inneren Wertebasis umsetzen und damit Integrität und Vertrauen vermitteln. Vor dem
Hintergrund zunehmender Dynamik im Wirtschaftsgeschehen und verstärkter Demokrati-
sierungsforderungen auf Seiten der Mitarbeiter entwickelt sich der Gedanke der geteilten
Führung, der alle Mitarbeiter in einem partnerschaftlichen Verständnis in die Führungsver-
antwortung einbezieht ( Shared Leadership ). Eine grundsätzliche Abkehr von dem Denken,
5.7 Zusammenfassung
206
das Führung durch allwissende Vorgesetzte intentional und steuerbar umgesetzt werden
könnte, nimmt der systemische Führungsansatz vor. Hier kommt Führenden die Funktion
zu, Mitarbeiter als Elemente in dem vernetzten System Unternehmung durch spezifi sche,
wahrnehmungsverändernde Kommunikation zu einem ganzheitlichen, selbst organisierten
und komplexe Wechselbeziehungen berücksichtigenden Lösungshandeln anzuregen.
5.8
Kontrollaufgaben
Aufgabe 5.1 Erläutern Sie, warum der Eigenschaftsansatz im Sinne der „great man theory“
an Bedeutung verloren hat?
Aufgabe 5.2 Markieren Sie, ob die folgenden Aussagen richtig oder falsch sind!
Idealtypische Führungsstile sind gedankliche Überzeichnungen, um Führungsverhalten
besser unterscheiden zu können.
Richtig □ Falsch □
Im patriarchalischen Führungsstil erfolgen Entscheidungen durch kooperative Einbindung
der Mitarbeiter.
Richtig □ Falsch □
Das Führungsverhaltensgitter defi niert den 5,5-Führungsstil als den anzustrebenden Stil.
Richtig □ Falsch □
Der Führungsstil-Quadrant im Kontingenzmodell nach Fiedler enthält die Verhaltensdi-
mensionen Mitarbeiter- und Aufgabenorientierung .
Richtig □ Falsch □
Das Reifegrad -Modell der Führung fordert von den Führenden, dass sie ihre Mitarbeiter in
Richtung Reifegrad M4 entwickeln.
Richtig □ Falsch □
Der Reifegrad der Mitarbeiter ist im Reifegrad-Modell aufgabenübergreifend und somit
allgemeingültig zu diagnostizieren.
Richtig □ Falsch □
Die Weg-Ziel-Theorie der Führung vollzieht einen Perspektivenwechsel und erklärt Füh-
rungserfolg aus der Sicht der Mitarbeiter auf der Basis erwartungs-wert-theoretischer
Überlegungen.
Richtig □ Falsch □
Authentic Leadership bedeutet, dass die Führungskräfte durch ein begeisterndes und inspirie-
rendes Auftreten die Mitarbeiter zu höherer Leistung transformieren. Dies bedingt auch die
als Grenzregulation bezeichnete exakte Konkretisierung des individuellen Aufgabenfeldes.
Richtig □ Falsch □
5 Führungstheorien und -modelle
207
Transformationale Führung bezeichnet die Austauschbeziehung von Leistung gegen Be-
nefi ts in der Führer-Geführten-Beziehung.
Richtig □ Falsch □
Aufgabe 5.3 Sie sind Leiter der Finanzbuchhaltung und führen ein Team von sieben Mit-
arbeitern. Am vergangenen Montag hat eine neue Mitarbeiterin eine Stelle bei Ihnen an-
getreten. Heute Nachmittag haben Sie einen Gesprächstermin mit ihr vereinbart, um ihr
eine umfangreiche Aufgabe, die sie ca. drei Wochen in Anspruch nehmen wird, zu über-
geben. Begründen Sie Ihr grundsätzliches Führungsverhalten dieser Mitarbeiterin gegen-
über auf der Basis eines passenden situativen Führungsmodells.
Aufgabe: 5.4 Füllen Sie die Lücken im Text mit den entsprechenden Begriffen aus.
Um auf die steigenden Herausforderungen eines globalisierten und dynamischen Wett-
bewerbs reagieren zu können, werden vermehrt ……..……………….. oder .….………….
eingerichtet. Aufgabe des Führenden ist es, die Rahmenbedin gungen der Gruppenarbeit ,
d. h. die ……..…………………., zu organisieren. Die Rolle des Führenden, die Mit-
arbeiter zur Selbstregulation zu befähigen, wird als …………….………….. bezeichnet.
Die angesprochene Fähigkeit bei den Mitarbeitern wird als ……….……………….…….
bezeichnet. Will ein Super Leader effektiv agieren, muss er auch durch ein weitgehendes
Zurücknehmen seiner Interventionen und dem Schaffen von Handlungs- und Entschei-
dungsspielräumen mittelfristig eine ………………………..………… erzeugen.
Aufgabe 5.5 Authentische Führung propagiert eine Überzeugung und Motivation der
Mitarbeiter durch ein introspektiv refl ektiertes moralisch stimmiges Verhalten des Vorge-
setzten. Worin sehen Sie in diesem Ansatz den zentralen Kritikpunkt?
Aufgabe 5.6 Durch welche Grenzregulationen können Führungskräfte den Erfolg des
Shared Leadership unterstützen?
Aufgabe 5.7 Worin sehen Sie auf Basis des systemischen Führungsansatzes ein Kern-
problem im klassischen Führungsverhalten?
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U. Schirmer, S. Woydt, Mitarbeiterführung, BA KOMPAKT,
DOI 10.1007/978-3-662-47915-5_6
6
Führungsinstrumente in der Praxis
Lernziele
Dieses Kapitel vermittelt
• was man unter „Führungsinstrument“ versteht,
• welche wesentlichen Führungsinstrumente es gibt,
• wann und wie man sie in der Praxis erfolgreich einsetzt und
• welche Fehler man vermeiden sollte.
Führungsinstrumente sind die Mittel oder Methoden , mit denen eine Führungskraft
Mitarbeiterverhalten zielgerichtet beeinfl usst (vgl. Weibler 2016 , S. 365). Das können
Gespräche oder auch z. B. Entgeltsysteme sein. So kann man verbale und nonverbale
Instrumente unterscheiden.
Da Führung ein kommunikativer Prozess ist, sind „Gespräche“ das wesentliche
Führungsinstrument. Mann kann dabei – je nach Zielrichtung der Interaktionen – zwi-
schen Monolog-orientierten, Dialog-orientierten und Prozess-orientierten Instrumenten
unterscheiden. Ein Monolog-orientiertes Führungsinstrument ist z. B. die Anweisung , hier
übermittelt die Führungskraft ihre Vorstellung zu einem Sachverhalt und der Mitarbeiter
hört zu. Das Gespräch könnte umgekehrt nicht genauso laufen. Dient das Gespräch der
gemeinsamen Entwicklung von Gedanken, bezeichnen wir das als Dialog-orientiertes
Instrument. Zur Gruppe der Prozess-orientierten Instrumente zählen schließlich die
Gesprächsformen, die mehrere zeitversetzte Interaktionen umfassen.
Hintergrund
Was ist ein Führungsinstrument und was nicht?
Wie grenzt man Führungsinstrumente von Instrumenten der Motivation , der Personal-
entwicklung oder der Arbeitsgestaltung eindeutig ab?
214
All diese Instrumente werden von der Organisation zur Verfügung gestellt, sei es,
dass ein Stelleninhaber mit bestimmten Kompetenzen ausgestattet wird, sei es, dass
organisationsweit Instrumente entwickelt werden, die er nutzen kann oder gelegentlich
auch nutzen muss.
Führungsinstrumente müssen geeignet sein, auf die Determinanten des Arbeits-
verhaltens des Mitarbeiters zielgerichtet einzuwirken, also auf Qualifi kation, Moti-
vation und Arbeitssituation des Mitarbeiters. Dabei kann man noch unterscheiden, ob
diese Instrumente entweder ausdrücklich zur Verbesserung der Führung geschaffen
wurden (z. B. Führungsgrundsätze ) oder ob sich die Führungskraft dieser Instrumente
aktiv im Rahmen des Führungsprozesses bedient (z. B. Mitarbeitergespräch). Es
kommt auf die Blickrichtung an.
Ein Personalentwicklungsinstrument wie der Qualitätszirkel ist solange kein Füh-
rungsinstrument, als die Führungskraft diese Zirkel nicht dazu einsetzt, z. B. die
mangelhafte Dialogfähigkeit ihrer Mitarbeiter zu verbessern. Ansonsten ist der Quali-
tätszirkel lediglich ein Instrument zur Verbesserung der Produktion. Anreize sind so
lange kein Führungsinstrument, als es der Führungskraft nicht gelingt, sie zielorientiert
für ihre Führung einzusetzen. Ansonsten sind sie ein von der Unternehmensleitung zur
Verfügung gestelltes, potenzielles Motivationsinstrument.
(Zur Abgrenzung zu „Führungssubstitut“ vgl. Abschn. 2.3.3 in diesem Buch.)
Quelle: Weibler ( 2016 , S. 365 ff.)
6.1
Monolog-orientierte Führungsinstrumente
Bei monologischen Instrumenten ( Information , Anweisung , Unterweisung , Delegation ,
Feedback ) will die Führungskraft Mitarbeiterverhalten durch Übermittlung ihrer Vor-
stellungen (Sachinformationen, Erwartungen, Urteile, Kompetenzen) beeinfl ussen.
6.1.1
Information
Im betrieblichen Alltag gibt es zahlreiche Anlässe, Mitarbeiter zu informieren, z. B. tem-
porärer Ausfall der Telefonanlage, Vorstellen eines neuen Mitarbeiters, Ergebnisse der
Tarifgespräche uvm.
Eine Information wurde dann erfolgreich übermittelt, wenn der Empfänger sie verstan-
den hat und eigene Handlungsentscheidungen daraus ableiten kann, die der Informa-
tionsintention des Senders entsprechen.
Die Rückfrage „Haben Sie mich verstanden?“ reicht nicht aus, um diese Defi nition zu
erfüllen. Besser ist es, eine Kontrollfrage zu stellen (z. B.: „Was müssen Sie tun, wenn die
Alarmsirene ertönt?“) und anhand der Antwort zu kontrollieren, ob man tatsächlich ver-
standen wurde.
Wie aufwendig die Verständniskontrolle ausfallen muss, ist von der Bedeutung des
Informationsinhalts und der Intention abhängig.
6 Führungsinstrumente in der Praxis
215
6.1.2
Anweisung
Die Intention einer Anweisung ist, dass der Mitarbeiter etwas tun oder unterlassen
und nicht nur etwas wissen oder verstehen soll. Entsprechend ist die Anweisung eindeutig
als höfl icher Befehl zu formulieren.
„Wir müssten die Buchungen hier mal kontrollieren“, ist keine Anweisung , auch wenn
die Führungskraft diese Aussage als Anweisung verstanden wissen will. Wer schwammig
formuliert, darf sich nicht wundern, wenn schwammig reagiert wird. Eine gut formulierte
Arbeitsanweisung hat die Grundform „Bitte, Herr/Frau X, machen Sie …“ und beantwor-
tet die W-Fragen: was – wer – wann – wie – womit – wo – warum.
Mit dem Warum gibt man eine Begründung für seinen Befehl und kann so sicherstel-
len, dass die Anweisung nicht als Schikane verstanden wird bzw. der Mitarbeiter in die
Lage versetzt ist, den Sinn zu erfassen und bei unvorhergesehenen Ereignissen im Sinne
des Ziels fl exibel zu reagieren.
Anweisungen sollten nicht durch Dritte übermittelt werden (z. B. „Sagen Sie X, er
soll Z erledigen“), weil dann die Rückmeldung ausbleibt, ob die Anweisung „richtig“
verstanden wurde.
Häufi g fällt es jungen Führungskräften schwer, älteren Kollegen klare Anweisungen zu
erteilen. Doch mit unklaren Anweisungen verspielt man sich schnell den Respekt, den
man kraft Amtes übertragen bekommen hat. Besonders wichtig ist, in seiner Anweisung
darzulegen, bis wann man die Arbeit erledigt haben und ob und wie man über deren
Erledigung informiert werden möchte.
6.1.3
Unterweisung
Die Intention einer Unterweisung ist, dass der Mitarbeiter etwas lernt und in der Lage
ist, einen Arbeitsgang „korrekt“ und eigenständig durchzuführen.
Die „korrekte“ Durchführung bezieht sich zum einen auf Qualität und Wirtschaftlich-
keit, zum anderen aber auch auf den Gesundheitserhalt des Mitarbeiters. So darf z. B. eine
Maschine nicht unbeaufsichtigt weiterlaufen und Sicherheitsschalter stellen sie automa-
tisch ab, wenn der Bediener sich wegdreht. Die Zeit zum Neuanlauf „kostet“ zwar, aber
die Sicherheit (Gesundheit) geht vor.
In der betrieblichen Praxis sind die „Sicherheitsunterweisungen“ nach den Unfall-
verhütungsvorschriften (UVV) eine Sonderform der Unterweisung , deren Durch führung
Führungskraft und Mitarbeiter durch Unterschrift dokumentieren (vgl. dazu § 4 Vor-
schrift 1 DGUV 2013 ).
Eine gute Unterweisung setzt voraus, dass sich die Führungskraft darauf vorbereitet;
d. h. sich Lernziele überlegt, den Arbeitsgang in Teilschritte zerlegt, einen Übungsfall
entwickelt und Ideen für intelligente Methoden der Verstehenskontrolle sammelt. Erst
dann wird die Unterweisung durchgeführt. Sie besteht nach der sog. Vier-Stufen-
Methode aus folgenden Bestandteilen: Vorbereiten – Vormachen – Nachmachen las-
sen – Üben lassen.
6.1 Monolog-orientierte Führungsinstrumente
216
Hintergrund
Unterweisung in den Unfallverhütungsvorschriften
§ 4 Unterweisung der Versicherten
(1) Der Unternehmer hat die Versicherten über Sicherheit und Gesundheitsschutz bei der
Arbeit, insbesondere über die mit ihrer Arbeit verbundenen Gefährdungen und die
Maßnahmen zu ihrer Verhütung, entsprechend § 12 Absatz 1 Arbeitsschutzgesetz
sowie bei einer Arbeitnehmerüberlassung entsprechend § 12 Absatz 2 Arbeitsschutz-
gesetz zu unterweisen; die Unterweisung muss erforderlichenfalls wiederholt wer-
den, mindestens aber einmal jährlich erfolgen; sie muss dokumentiert werden.
(2) Der Unternehmer hat den Versicherten die für ihren Arbeitsbereich oder für ihre
Tätigkeit relevanten Inhalte der geltenden Unfallverhütungsvorschriften und Regeln
der Unfallversicherungsträger sowie des einschlägigen staatlichen Vorschriften-
und Regelwerks in verständlicher Weise zu vermitteln. […]
Quelle: § 4 Vorschrift 1 DGUV 2013
6.1.4
Delegation
Delegation ist das Übertragen von Aufgaben inkl. der zur Aufgabenerfüllung notwendigen
Entscheidungs- und Gestaltungskompetenzen.
Die Intention einer Delegation ist, dass ein Mitarbeiter eine Aufgabe selbstständig
und zuverlässig erledigt . Die Führungskraft will sich für einen abgegrenzten Bereich
überfl üssig machen.
So gesehen unterscheidet sich die Delegation von der Arbeitsanweisung („Machen Sie
das!“) und der Arbeitsunterweisung („Machen Sie es so!“).
Die Delegation sagt: „Ich übertrage Ihnen die Zuständigkeit für … Ihre Aufgabe ist es,
sicherzustellen, dass … [Ziel]. Wie Sie das tun, bleibt grundsätzlich Ihnen überlassen, al-
lerdings bitte ich Sie, dabei folgende Rahmenvorgaben zu beachten …“ (Abb. 6.1 ).
Checkliste der Besprechungspunkte im Delegationsgespräch
o
Welche Aufgabe übertrage ich Ihnen?
o
Warum übertrage ich gerade Ihnen diese Aufgabe?
o
Was sind die Rahmenbedingungen? (Mitwirkende, Budget)
o
Welche Ergebnisse erwarte ich? Bis wann?
o
Wie wollen Sie vorgehen?
Woran merken Sie selbst, dass alles richtig läuft?
o
Welche Handlungsvollmachten übertrage ich Ihnen, wo möchte ich gefragt werden?
o
Wer soll Ihre bisherigen Aufgaben übernehmen?
o
Wann/ bei welchen Anlässen erwarte ich eine Rückmeldung von Ihnen?
o
Wie sieht meine Unterstützung für Sie aus?
Abb. 6.1 Checkliste der Besprechungspunkte im Delegationsgespräch
6 Führungsinstrumente in der Praxis
217
Bei der Durchführung von Delegationsgesprächen sind folgende Punkte wichtig:
• Zielsetzung (Warum muss die Aufgabe erfüllt werden?)
• Aufgaben- und Kompetenzbeschreibung (Was ist zu tun?)
• Kriterien für die korrekte Kompetenzausübung festlegen (Mindestanforderungen,
Qualitätsmerkmale, Rücksprache-Formen).
Die Fähigkeit, Mitarbeiter zutreffend zu beurteilen, ist für die Delegation eine wichtige
Voraussetzung, denn der „ Reifegrad“ eines Mitarbeiters sollte über die „Freiheitsgrade“ in
einem delegierten Bereich entscheiden. (vgl. Abschn. 6.3 )
6.1.5
Feedback
Feedback ist die zeitnahe und konkrete Rückmeldung der Führungskraft zu einem gezeig-
ten Verhalten des Mitarbeiters. Die Intention ist, erwünschtes Verhalten zu verstärken .
Indem die Führungskraft durch eine anerkennende Bemerkung zeigt, dass sie ein er-
wünschtes Verhalten gesehen hat, verstärkt sie es. Das kann man als positives Feedback
bezeichnen. Negatives Feedback wäre entsprechend die Reaktion auf unerwünschtes
Verhalten. Hier zeigt die Führungskraft unmissverständlich, dass ein Verhalten nicht in
Ordnung ist und erklärt bzw. demonstriert, welches Verhalten richtig gewesen wäre.
Für manchen Feedback -Geber ist Feedback eine Stresssituation. Zum einen fällt ihm
möglicherweise das Loben nicht leicht. Zum anderen mag ihm beim Kritisieren die
Formulierung schwerfallen, oder er fürchtet eine negative Reaktion des Kritisierten.
Auch mancher Feedback -Nehmer empfi ndet Stress. So gibt es Menschen, die Lob ab-
wiegeln, und andere, die sich schämen, bei einem Fehlverhalten ertappt worden zu sein.
Führungskräfte sollten ein regelmäßiges Feedback professionalisieren, z. B. indem sie
sich stets für gut ausgeführte Arbeiten bedanken und dabei hervorheben, was ihnen an der
Ausführung gefallen hat. Bei unerwünschtem Verhalten sollten sie darauf achten, dass sie
das Feedback möglichst unter vier Augen geben und konkret zeigen, wie man es besser
hätte machen können (vgl. auch Abschn. 7.2.1 ).
Hintergrund
Feedback reduziert den „blinden Fleck“
Menschen brauchen Feedback , um ihr Selbstbild durch den Abgleich mit einem im
Feedback geäußerten Fremdbild weiter zu entwickeln. Geht man davon aus, dass es in
unserer Selbstwahrnehmung Dinge gibt, die uns bewusst und andere, die uns unbe-
wusst sind (vgl. das Eisberg-Modell in Abschn. 5.2.1 ) und ebenso Dinge, die unserem
Gesprächspartner bewusst auffallen bzw. von ihm unbemerkt bleiben, so kann man den
sog. „Blinden Fleck“ defi nieren als die Handlungsräume und Verhaltensanteile, die
andere an uns wahrnehmen, wir selbst aber nicht (Abb. 6.2 ).
Die amerikanischen Sozialpsychologen Joseph Luft und Harry Ingham haben 1955
eine veranschaulichende Matrix entwickelt, das sog. Johari-Fenster (vgl. Luft 1961 ).
6.1 Monolog-orientierte Führungsinstrumente
218
Es beinhaltet die Idee, die Mittelsprossen des Fensters durch erfahrenes bzw. eingefor-
dertes Feedback so zu verschieben, dass der „blinde Fleck“ immer kleiner wird. Dies
entspricht dem Ziel, eine realistische Kenntnis der einen selbst betreffenden Fremdbilder
(also dessen, wie uns andere mit Stärken und Schwächen wahrnehmen) zu erlangen.
6.2
Dialog-orientierte Führungsinstrumente
Gespräche als eher dialogische Führungsinstrumente sind im Idealfall dadurch gekenn-
zeichnet, dass die Beteiligten etwa einen gleich großen Redeanteil haben. Sein Gegenüber
zum Sprechen zu motivieren, ist für manche Führungskraft und bei manchem Mitarbeiter
eine Herausforderung.
Eine angenehme Gesprächsatmosphäre trägt wesentlich zum Erfolg aller nachfolgen-
den Instrumente bei. Das bedeutet:
• Das Gespräch wird terminiert und fi ndet unter vier Augen statt.
• Der Mitarbeiter weiß im Vorfeld, worum es bei dem Gespräch gehen wird, sodass er
sich vorbereiten kann.
• Für die Dauer des Gesprächs werden Störungen von außen unterbunden.
• Die Führungskraft bereitet sich auf das Gespräch vor: Fixieren der Zielsetzung,
Notieren der zentralen Besprechungspunkte, Planen der Gesprächsdokumentation.
6.2.1
Kritikgespräch
Ein Kritikgespräch wird geführt, wenn ein Mitarbeiter mehrfach unerwünschtes oder ein-
malig grobes Fehlverhalten gezeigt hat.
mir bekannt
anderen
nicht
bekannt
anderen
bekannt
mir nicht bekannt
Öffentliche
Person
Bereich des
„freien
Handelns“
Unbewusstes
Bereich des
„unbewussten
Handelns“
Intimsphäre
Private Person
Bereich des
„Verbergens“
Blinder Fleck
Bereich des
„inkongruenten
Handelns“
Abb. 6.2 Johari-Fenster. Quelle: nach Joseph Luft und Harry Ingham 1955
6 Führungsinstrumente in der Praxis
219
Arbeitsrechtlich kann die Dokumentation eines solchen Gesprächs relevant werden,
wenn es später zur Abmahnung bzw. Kündigung eines Mitarbeiters kommt.
Die Intention eines Kritikgesprächs ist das Sicherstellen von Qualität , Sicherheit,
Betriebsfrieden o. ä. betrieblichen Werten, wenn diese durch das Fehlverhalten eines
Mitarbeiters gefährdet werden, aber auch die Qualifi zierung und Persönlichkeitsentwick-
lung eines Mitarbeiters.
Bei der Einladung zum Kritikgespräch teilt man dem Mitarbeiter mit, dass man mit ihm
über jene Situation oder jenes Verhalten in Ruhe und unter vier Augen sprechen möchte.
So kann sich der Mitarbeiter darauf einstellen.
Für die eigene Vorbereitung auf das Kritikgespräch ist es wichtig, dass die
Führungskraft zwischen dem sichtbar gewordenen Verhalten und den dadurch bei ihr
ausgelösten Gedanken (z. B. Empörung, Scham, Ärger) unterscheidet. Beim Gesprächs-
termin muss sie in der Lage sein, fair und klar das gewünschte Verhalten beschreiben zu
können.
Im Kritikgespräch selbst spricht die Führungskraft ohne lange Vorrede den fraglichen
Sachverhalt an – ein einleitender Smalltalk über den letzten Urlaub (wie er bei anderen
Gesprächssituationen durchaus angebracht ist) wäre hier fehl am Platz.
Die Führungskraft beginnt das Gespräch mit ihrer Sicht der Dinge. Dabei empfi ehlt
sich die Anwendung der XYZ-Formel (Abb. 6.3 ).
Anschließend fordert man den Mitarbeiter auf, seine Sicht der Situation zu schildern,
mögliche Ursachen seines Verhaltens zu benennen und Ideen zu entwickeln, was er wie
künftig besser machen kann.
Im weiteren Gesprächsverlauf ist es wichtig, eindeutig Position zu den Werten zu be-
ziehen, anhand derer „richtiges“ oder „falsches“ Verhalten im Betrieb beurteilt wird.
Zum Abschluss trifft man konkrete Vereinbarungen, was zur Ursachenbeseitigung und
künftigen Fehlervermeidung getan wird und wann man sich erneut zusammenfi ndet, um
die erfolgreiche Umsetzung zu kontrollieren.
Über diese Vereinbarungen fertigt die Führungskraft ein Protokoll. Wenn der Ge-
sprächsanlass ein gravierendes oder wiederholtes Fehlverhalten war und man sich arbeits-
rechtliche Schritte vorbehalten möchte, sollte man sich den Empfang des Protokolls vom
Mitarbeiter bestätigen lassen und die Personalabteilung informieren.
XYZ-Formel zur Formulierung von Kritik
Ich habe Sie X machen sehen.
Das hat mich Y gemacht.
Ich wünschte, Sie hätten Z getan.
Abb. 6.3 XYZ-Formel zur Formulierung von Kritik , Quelle: unbekannt
6.2 Dialog-orientierte Führungsinstrumente
220
6.2.2
Personalbeurteilungsgespräch
Das Personalbeurteilungsgespräch ist ein „gründliches“ Feedback , weil es nicht „en pas-
sant“ zur kurzfristigen Motivation oder Korrektur gegeben (vgl. 7.1.5), sondern wohl
überlegt, aufgrund sorgfältiger Analyse der Fakten und mit klaren Zielvorstellungen ge-
führt wird. Im Vergleich zum Kritikgespräch , das anlassbezogen geführt wird, fi ndet das
Personalbeurteilungsgespräch in regelmäßigen Zeitabständen (meist einmal im Jahr) statt.
In vielen Betrieben gibt es ein Beurteilungssystem , das zwischen Personalwesen und
Betriebsrat abgestimmte und damit für Führungskräfte verbindliche Beurteilungskriterien ,
Beurteilungsbögen und Beurteilungszeiträume umfasst.
In vielen tarifgebundenen Unternehmen ist das Beurteilungsgespräch und die damit
verbundene „ Leistungsbeurteilung “ ein Instrument des Entlohnungssystems, d. h. die
Beurteilungsergebnisse wirken sich auf die künftige Lohnhöhe aus.
Doch auch in Betrieben ohne systematisiertes Beurteilungswesen und daran gekoppel-
te Leistungszulagen, sind Beurteilungsgespräche ein wichtiges Führungsinstrument.
Beurteilungsgespräche erfüllen verschiedene Funktionen:
• Aufklärungsfunktion : Jeder Mitarbeiter hat ein Recht auf Würdigung seines Beitrags
zum Unternehmenserfolg. Er hat nach § 82 Abs. 2 BetrVG ein Recht, einschätzen zu
können, inwieweit sein Verhalten vom Vorgesetzten als wertvoller Beitrag zum betrieb-
lichen Erfolg gesehen wird und/oder was er verändern kann, damit seine Arbeitsleistung
zu besseren Ergebnissen führt.
• Kontaktfunktion : Regelmäßige Gespräche stützen das soziale Klima.
• Ermittlungsfunktion : Gute Leistung soll sich in angemessener Bezahlung nieder-
schlagen. Dazu ist eine regelmäßige Beurteilung dessen, was als „gute Leistung“ gese-
hen wird, notwendig.
Die Beurteilung soll möglichst objektiv, d. h., anhand nachvollziehbarer und rele-
vanter Kriterien, anhand verschiedener Arbeitsbeispiele und anhand vergleichbarer
Maßstäbe für vergleichbare Tätigkeiten durchgeführt werden.
• Diagnostische Funktion : Der Vorgesetzte hat die menschliche Pfl icht, sich über
Hintergründe beobachteten Verhaltens zu informieren, bevor er es beurteilt. Lässt je-
mand z. B. in seiner Leistung nach, könnte ein familiäres oder gesundheitliches Problem
die Ursache sein, dessen negative Auswirkungen sich durch Veränderungen in der
Arbeitsorganisation möglicherweise einfach vermeiden ließen.
• Motivationsfunktion : Durch die Belohnung erfolgsförderlichen Verhaltens (durch po-
sitive Hervorhebung und/oder materielle Entlohnung) soll dieses verstärkt und der
Mitarbeiter motiviert werden.
Wesentlich für den Erfolg eines Beurteilungsgesprächs ist seine Vorbereitung . Die Füh-
rungskraft sollte sich zunächst über einen längeren Zeitraum Notizen über besondere Leis-
tungen oder Aufgaben eines Mitarbeiters machen, sich z. B. einmal im Monat je Mitarbeiter
notieren, was ihr an positiven oder negativen Verhaltensweisen aufgefallen ist. Hilfreich ist
6 Führungsinstrumente in der Praxis
221
dabei der Einsatz einer Checkliste mit Beurteilungskriterien , wie sie in Abb. 6.4 beispiel-
haft aufgelistet sind. So vermeidet man einseitige Beurteilungsschwerpunkte.
Zu jedem Bewertungskriterium könnte man einen Punktwert notieren, z. B. durch
Anwendung der Beurteilungsstufen aus den tarifl ichen Verfahren der Leistungsbeurteilung :
Arbeitsleistung und Arbeitsqualität
o arbeitet sorgfältig und fehlerfrei
o erledigt Aufgaben in vorgegebener Zeit
o Arbeitsmenge und Arbeitsqualität stehen
in gutem Verhältnis
o kann Arbeit ohne fremde Hilfe erledigen
o greift Aufgaben aus eigener Initiative auf
o findet neue effiziente Möglichkeiten der
Aufgabenlösung
o hat aufgabenbezogen ausreichende
Fachkenntnisse
o eignet sich eigenständig neues Fach-
oder Methodenwissen an
o bringt eigene Kenntnisse und
Erfahrungen zielgerichtet in Gespräche
ein
Kostenbewusstsein
o geht verantwortungsbewusst mit
betrieblichen Ressourcen um
o pflegt die Arbeitsmittel
o macht Vorschläge zur Kostensenkung
bzw. deckt Verlustquellen auf
o zeigt sich flexibel, dort einzuspringen und
auszuhelfen, wo seine Arbeitskraft im
Moment am besten gebraucht wird
Arbeitssicherheit
o hält sich an die Arbeitsschutzvorschriften
o räumt Gefahrenquellen aus dem Weg
o weist auf evtl. Sicherheitsmängel hin und
beseitigt sie, wo möglich, selbständig
o beachtet Hygienebestimmungen und
führt regelmäßig Reinigungs- und
Wartungsarbeiten durch
o achtet beim Lastentragen und bei
Bildschirmarbeit auf die eigene
Ergonomie
Kooperation und Teamverhalten
o nutzt allgemeine Höflichkeitsregeln und
sorgt dadurch für ein gutes Arbeitsklima
o bietet anderen unaufgefordert
notwendige Hilfestellung an
o nimmt Unterstützung von anderen an
o kann sich entschuldigen
o pflegt fachbezogenen
Informationsaustausch mit anderen
o gewährt Einblicke in eigenen
Arbeitsbereich
o zeigt kollegiale Wertschätzung, Achtung
und Anerkennung
o nimmt Rücksicht, wenn es geboten ist
o kann eigene Wünsche, Anliegen
angemessen vortragen und durchsetzen
o greift im Gespräch Argumente anderer
auf und entwickelt sie konstruktiv weiter
Führungsverhalten
o informiert über arbeitsrelevante
Sachverhalte rechtzeitig und
ausreichend
o gibt Mitarbeitern spontan
wertschätzendes Feedback zu deren
Arbeitsverhalten
o gibt Mitarbeitern durch
Zielvereinbarungen Leitlinien für
eigenständiges und
verantwortungsbewusstes Handeln vor
o delegiert qualifizierte, herausfordernde
Aufgaben, lässt Mitarbeitern eigene
Erfolge und mischt sich nicht willkürlich
in deren Aufgabenbereich ein
o kontrolliert und anerkennt Zielerreichung
o scheut auch kritische Situationen nicht
und geht in Gesprächen sachlich vor
o fördert die berufliche (Weiter-)
Qualifikation seiner Mitarbeiter
Abb. 6.4 Beispiel einer Checkliste mit Personalbeurteilungskriterien. Quelle: eigene Erstellung
6.2 Dialog-orientierte Führungsinstrumente
222
A.
entspricht dem Ausgangsniveau der Arbeitsaufgabe
0 Punkte
B.
entspricht im Allgemeinen den Erwartungen
1 Punkt
C.
entspricht in vollem Umfang den Erwartungen
2 Punkte
D.
liegt über den Erwartungen
3 Punkte
E.
liegt weit über den Erwartungen
4 Punkte
Mit monatlichen Bewertungen dieser Art hat man nach Ablauf des Beurteilungszeitraums
eine objektivierte Datengrundlage, um sich auf ein anstehendes Personalbeurteilungsge-
spräch vorzubereiten.
Vor dem eigentlichen Beurteilungsgespräch sollte die Führungskraft sich ihre Notizen zur
Hand nehmen und überlegen, auf welche Beobachtungen sie im Beurteilungsgespräch (mit
welchem Ziel) eingehen möchte. Falls an die Leistungsbeurteilung auch ein Leistungsentgelt
gekoppelt ist, sollte sie die entsprechenden Leistungspunkte auf dem Beurteilungsbogen
vermerken.
In den meisten Tarifverträgen ist im Sinne der Besitzstandswahrung der Mitarbeiter für
den Prozess der Leistungsbeurteilung Folgendes geregelt: Führt die Leistungsbeurteilung
zu einer geringeren Leistungszulage als im Vorjahr, können Betroffene eine Überprüfung
der Leistungsbeurteilung verlangen. In diesem Fall wäre nach einer Wartezeit von vier
Wochen eine erneute Leistungsbeurteilung durchzuführen. Außerdem können tarifl iche
Mitarbeiter innerhalb einer Woche nach Erhalt des schriftlichen Ergebnisses der
Beurteilung Widerspruch gegen die Leistungsbeurteilung einlegen. Ändert der Arbeitgeber
nach einem Widerspruch die Leistungsbeurteilung nicht, kann der Beschäftigte die paritä-
tische Kommission anrufen (vgl. IG Metall 2005 ). Eine solche Widerspruchssituation
kann eintreten, muss aber nicht. Die alleinige Möglichkeit sollte die Führungskraft nicht
dazu verleiten, zur Vermeidung von Widrigkeiten auf eine korrekte Beurteilung zu ver-
zichten.
Meist steht Führungskräften für Leistungszulagen ein Budget zur Verfügung, das sich
im Rahmen der tarifl ichen Vorgaben von z. B. 10 % der Gesamtlohnsumme des Ver-
antwortungsbereichs bewegt. Zum Beispiel könnte ein Mitarbeiter 0 %, ein anderer 30 %
Leistungszulage bekommen. Und zum Beispiel könnte der 30 %-Mitarbeiter in der
Folgeperiode wieder auf Normalleistungsniveau abfallen bzw. ein anderer guter Mitarbeiter
besser als er sein, dann müsste sich die Führungskraft psychisch und argumentativ auf
eine Diskussion vorbereiten, warum die monatliche Leistungszulage nicht mehr z. B.
€ 500, sondern z. B. nur noch € 150 beträgt (Abb. 6.5 ).
Bei ihrer Argumentation soll die Führungskraft darauf achten, nur auf den beurteilten
Mitarbeiter bezogene Beobachtungen anzuführen. Vergleiche mit anderen sind zum einen
datenschutzrechtlich problematisch, zum anderen für einen Beurteilten meist frustrierend.
Vergleiche ziehen im Zweifelsfall eine unnötige Diskussion nach sich. Ferner wäre es ein
grober Gesprächsfehler, „fremde Zeugen“ zu zitieren, um die eigene Beurteilung zu recht-
fertigen. Vielmehr sollte die Führungskraft nach der eigenen Beurteilung den Mitarbeiter
auffordern, seine eigene Einschätzung und seine eigenen Vergleichsmaßstäbe einzubrin-
gen. Je besser man zuvor (in anderen Gesprächen oder zu Beginn des aktuellen Gesprächs)
6 Führungsinstrumente in der Praxis
223
die für den Arbeitsbereich gültigen Beurteilungskriterien dargelegt hat, umso leichter und
überzeugender lässt sich mit diesen Kriterien argumentieren. Darauf aufbauend kann man
eine Perspektive entwickeln, mit welchen Maßnahmen und Verhaltensweisen „in der
Zukunft“ der Mitarbeiter seine Leistungszulage wieder erhöhen kann.
Die Beurteilung eines Mitarbeiters durch die Führungskraft wird manches Mal nicht mit
dessen Selbstwahrnehmung übereinstimmen. Die Führungskraft muss lernen, dass nicht
jede Entscheidung oder Beurteilung spontane Zustimmung und Erkenntnis beim Gegenüber
auslöst. In jedem Fall muss sie ihr Urteil sachlich begründen und im Gespräch so vorgehen,
dass das Gegenüber sein Gesicht wahren kann, ohne sich selbst verleugnen zu müssen.
Schritte im Personalbeurteilungsgespräch
Gesprächseröffnung
Begrüßung. Frage zum Befinden des Mitarbeiters. Ziel des
Gesprächs. Geplanter Gesprächsverlauf.
Themeneinstieg
Skizzieren des Aufgabengebiets d. Mitarbeiters, seines Beitrags
zum Betriebserfolg und der Besonderheiten der
Beurteilungsperiode aus Sicht der Führungskraft.
Überleitende Frage: Wie haben Sie Ihre Arbeit im vergangenen
Jahr erlebt?
Emotionaler
Rückblick
Gefühle und Erlebnisse des Mitarbeiters. Ggf. Hinweise auf
bisher der Führungskraft unbekannte Sachverhalte.
Beurteilung
Besprechung der Leistungskriterien. Leistungsbewertung durch
die Führungskraft. Verhaltensbeispiele als illustrierender Beleg.
Überleitende Frage: In welchen Punkten können Sie meine
Bewertung nachvollziehen?
Selbsteinschätzung
Emotionale Reaktion des Mitarbeiters auf die Beurteilung und
seine eigene Einschätzung. Durch Aktives Zuhören erkunden,
ihn auffordern, eigene Stärken und Schwächen zu benennen.
ggf. Abweichungs-
analyse
Unterschiedliche Auffassungen herausfiltern. Ursachen
ergründen. Klare und verbindliche Aussage der Führungskraft,,
wo sie ihr Urteil aufgrund der gewonnenen Informationen
verändert und wo nicht.
Perspektiven
aufzeigen
Überleiten zur allgemeinen Arbeitszufriedenheit und beruflichen
Entwicklung. Besprechen notwendiger und möglicher
Entwicklungsschritte. Erwartungen für die nächste
Beurteilungsperiode.
Gesprächsabschluss
Zusammenfassen der wesentlichen Ergebnisse (evtl. gleich
schriftlich als Protokoll). Ausblick auf nächste Schritte (z. B.
wann Protokoll oder Rückmeldung zu besprochenen
Maßnahmen). Dank für die Zusammenarbeit und
Verabschiedung.
Abb. 6.5 Ablauf eines Personalbeurteilungsgesprächs. Quelle: eigene erstellung
6.2 Dialog-orientierte Führungsinstrumente
224
6.2.3
Personalentwicklungsgespräch
Personalentwicklung ist die Gesamtheit aller Maßnahmen in Organisationen zur zweckge-
richteten Förderung der arbeitsbezogenen Kompetenzen und Einstellungen der
Mitarbeiter, um die Effi zienz und Effektivität der Organisationen zu steigern. Insofern
kann Personalentwicklung insgesamt als Führungsinstrument bezeichnet werden. Der
Prozess und seine Instrumente sind im Bd. „ Personalmanagement “ ausführlich beschrie-
ben (vgl. Lindner-Lohmann et al. 2016 , S. 161 ff.). In diesem Band „ Mitarbeiterführung “
liegt der Fokus auf der Gesprächsführung.
Grundsätzlich sollte man einmal im Jahr mit jedem Mitarbeiter über seine für den
Betrieb relevanten Kenntnisse, Fähigkeiten und Einstellungen sprechen, d. h. ihm eine
Einschätzung geben, welche seiner Qualifi kationen für sein Arbeitsfeld bedeutsam sind
und wie er seine Beschäftigungsfähigkeit ( Employability , Defi nition vgl. Abschn. 7.3 ) aus-
bauen kann.
Die gängige Literatur beschäftigt sich aktuelle Aufl age vor allem mit der Identifi kation
und Förderung sog. Potenzialkandidaten (vgl. z. B. Olfert 2010 ; Birri 2013 ). Gute Leute
dem Unternehmen zu erhalten, ist eine wichtige Führungsaufgabe. Doch es ist auch wich-
tig, Mitarbeiter mit gutem Willen zu engagierten und einsatzfähigen Mitarbeitern für das
Unternehmen zu entwickeln.
Angesichts der Arbeitsmarktstrukturen, die unter dem Stichwort „Talentmanagement“
in der Literatur refl ektiert werden (vgl. z. B. Meifert 2010 ; Busold 2013 ) und sich auf das
rückläufi ge Angebot qualifi zierter Mitarbeiter auf dem Arbeitsmarkt beziehen, müssen
Führungskräfte mehr denn je in der Lage sein, die Fähigkeiten vorhandener bzw. für das
Unternehmen rekrutierbarer Mitarbeiter zu erkennen und sie zu Personalentwicklungs-
maßnahmen zu motivieren, die ihre Fähigkeiten ausbauen und ihre weitere Beschäftigung
sicherstellen.
In Betrieben mit institutionalisierter Personalarbeit können Führungskräfte auf die
Unterstützung durch spezialisierte Personalentwickler zählen. Doch gibt es auch
Situationen, in denen die Führungskraft kein Schulungsprogramm aus der Schublade zie-
hen oder auf hauseigene Online-Lernangebote zurückgreifen kann. Hier muss sie sich ei-
genständig Entwicklungsziele und -maßnahmen überlegen, um mit gut qualifi zierten
Mitarbeitern künftige Erfolge zu sichern. Sie muss sich Gedanken über die Entwick-
lungspotenziale und die Entwicklungsmotivation der Mitarbeiter machen, um realistische
Lernziele und Leistungserwartungen zu formulieren und die Mitarbeiter zu Eigeninitiative
und Lernbereitschaft anzuregen.
zur Diskussion
Personalentwicklungsfragen in der Praxis
Drei Beispiele aus der Praxis:
• Die Hochschul-Absolventin Tanja Stein wurde zur Direktionsassistentin im Hotel
Rose qualifi ziert. Die Direktorin möchte mit ihr ein Übernahme- und Entwicklungs-
gespräch führen. Sie fürchtet, dass Frau Stein aufgrund der schlechten Arbeitszeit-
bedingungen in der Branche nicht im Unternehmen bleiben will.
6 Führungsinstrumente in der Praxis
225
• In der Kfz-Werkstatt Baum ist Felix Schneider Azubi im dritten Lehrjahr. Er macht
im Betrieb alles, was man ihm aufträgt, aber kein Stück mehr. Seine Schulleistungen
sind mittelmäßig. Der Werkstattleiter möchte ihn dazu motivieren, sich mit aller
Kraft auf einen guten Abschluss vorzubereiten. Die Firma ist dringend auf einen gut
qualifi zierten Gesellen angewiesen, doch Herr Schneider müsste mehr Eigeninitiati-
ve entwickeln, soll er später eine wirkliche Entlastung für die Meister darstellen.
• Ute Walter arbeitet nach ihrem zweijährigen Erziehungsurlaub als Teilzeitkraft in
ihrer „alten“ Steuerkanzlei. Diese ist froh, wieder eine erfahrene Buchhaltungskraft
zu haben. Allerdings arbeitet Frau Walter sehr umständlich und tut sich schwer, die
Neuerungen der Software auszureizen. Ihr Chef will sie zur Teilnahme an Weiterbil-
dungsmaßnahmen in ihrer Freizeit motivieren. Er würde die Kurskosten übernehmen
(und evtl. sogar die Arbeitszeit bezahlen), wenn sich dadurch ihre Arbeitseffi zienz
spürbar steigern würde.
Wie würden Sie sich als die jeweilige Führungskraft auf das Personalentwicklungsgespräch
vorbereiten? Was würden Sie als Mitarbeiter denken/erwarten?
Setzen Sie Ihre Überlegungen in einem Rollenspiel um und diskutieren Sie das Ergebnis.
Zu den Vorbereitungsfragen des Personalentwicklungsgesprächs gehören:
• Welche Aufgaben könnte der Mitarbeiter in den nächsten sechs Monaten bis drei Jahren
übernehmen?
• Wo besteht betrieblicher Bedarf? Mit welchen Anforderungen?
• Für welche Aufgaben ist der Mitarbeiter geeignet? Gibt es die Stelle?
• Welche Qualifi kationen/Erfahrungen fehlen dem Mitarbeiter für künftige Aufgaben?
Wie könnte er sie erwerben?
• Welche eigenen Entwicklungspläne hat der Mitarbeiter? Wo sieht er seine Stärken und
Neigungen? Wie sieht seine Lebensplanung aus? Was ist seine Hauptmotivation zu
arbeiten?
Im Personalentwicklungsgespräch erörtert die Führungskraft diese Fragen gemeinsam mit
dem Mitarbeiter. So ergeben sich Perspektiven, die zur Vereinbarung von Maßnahmen und
weiteren Schritten führen können. (Zur Systematik der Personalentwicklungsmaßnahmen
vgl. Lindner-Lohmann et al. 2016 , S. 161ff.)
6.2.4
Zielvereinbarungsgespräch
Das Zielvereinbarungsgespräch ist ein Instrument des MbO (vgl. Abschn. 6.5 ). Häufi g
wird es als Jahresgespräch geführt und/oder im Zusammenhang mit einer Delegation (vgl.
Abschn. 6.1.4 ). Außerdem ist es nach manchen Tarifverträgen vorgesehen (vgl. Kasten
„Hintergrund“ zum Entgelt-Rahmenabkommen ERA, S. 165).
6.2 Dialog-orientierte Führungsinstrumente
226
Durch vorausschauende Zielplanung, realistische und auf den einzelnen Mitarbeiter
bezogene Teilziele und klare Kommunikation dieser Ziele sichert die Führungskraft den
wirtschaftlichen Erfolg des eigenen Verantwortungsbereichs.
Intentionen der Zielvereinbarung sind (vgl. Weibler 2016 , S. 410.)
• Orientierung : Der Mitarbeiter soll wissen, was er in der nächsten Periode wirtschaft-
lich und fachlich für das Unternehmen erreichen sollte. Die Führungskraft erfährt, wel-
che persönlichen Ziele der Mitarbeiter, z. B. in Bezug auf Ausbau seiner Fähigkeiten ,
verfolgen möchte.
• Leistungssteigerung : Wenn das Ziel bekannt ist, werden die Anstrengungen darauf
ausgerichtet. Wenn mehrere bewusst auf das gleiche Ziel hin arbeiten, wird es mit hö-
herer Wahrscheinlichkeit erreicht.
• Motivation : Durch Beteiligung an der Zielfestlegung identifi ziert sich der Mitarbeiter
mehr mit seiner Aufgabe. Wird die Zielerreichung an monetäre Belohnung gekoppelt,
kann dies verstärkend zu höherer Leistung motivieren.
Das Zielvereinbarungsgespräch muss von beiden Beteiligten vorbereitet werden: Die Füh-
rungskraft informiert den Mitarbeiter über die Unternehmensziele und andere bekannte
organisationale Rahmenbedingungen der nächsten Periode. Vorausgesetzt wird außerdem,
dass dem Mitarbeiter seine Stellenziele bekannt sind. Auf dieser Basis formulieren Mitar-
beiter und Führungskraft für sich getrennt ihre Zielvorstellungen. Dabei sind fachliche und
persönliche Ziele zu unterscheiden. Fachliche Ziele beziehen sich auf wirtschaftliche Un-
ternehmens- bzw. Abteilungsziele, persönliche Ziele auf Entwicklung neuer Fähigkeiten .
Hintergrund
Zielerreichung und Entlohnung
Bei angestellten Geschäftsführern und AT-Mitarbeitern sind Zielvereinbarungen schon
seit vielen Jahren Führungsinstrument und gekoppelt an „Tantiemen“ (meist: Gewinnbe-
teiligung in prozentualer Höhe).
Seit 2003 können auch bei tarifl ichen Mitarbeitern im Rahmen der tarifl ichen
Entlohnung Zielvereinbarungen an Zielerreichungszulagen gekoppelt werden. Damals
wurde mit dem Metall-Tarifvertrag in Baden-Württemberg der erste Tarifvertrag über
ein „Entgelt-Rahmenabkommen“ (ERA) abgeschlossen. Dabei wurden nicht nur die
Unterscheidung zwischen Arbeitern und Angestellten aufgehoben, sondern auch die
Entlohnungsmethode „Zielvereinbarung“ neu in die Tarifverträge eingeführt.
Grundsätzlich gibt es in den Tarifverträgen zwei Entgeltgrundsätze: „Leistungsent-
gelt“ und „Zeitentgelt“, denen verschiedene Entgeltmethoden zugeordnet sind.
Zum Leistungsentgelt gehören die Entgeltmethoden: Akkord- und Prämienentgelt
sowie die Leistungsvereinbarung (sog. Zielvereinbarung (ZV I)). ZV I betrifft sachbe-
zogene Bezugsmerkmale, d. h. Ziele , die sich eindeutig über Kennzahlen bestimmen
lassen, z. B. Reduzierung der Kosten für Ausschuss und Nacharbeit.
6 Führungsinstrumente in der Praxis
227
Beim Zeitentgelt gibt es die Methoden „Zeitentgelt mit Leistungszulage“ und
„Zielvereinbarung mit vereinbarten Beurteilungsmerkmalen für das Leistungsver-
halten“ (sog. ZV II). ZV II bezieht sich auf Verhaltensmerkmale, die ergänzend zur
tarifl ichen Leistungsbeurteilung (wie z. B. Kenntnisse, Initiative, Zusammenarbeit)
aufgabenspezifi sch vereinbart werden, z. B. Einhaltung der Kundentermine.
Umsatz und Ertrag oder die eigene Abwesenheit wegen Krankheit dürfen nicht
Gegenstand einer Zielvereinbarung mit Mitarbeitern sein. Der Abschluss einer
Zielvereinbarung ist für beide Seiten (Mitarbeiter und Arbeitgeber) freiwillig.
Will ein Unternehmen ein Entgeltsystem mit Zielvereinbarungsmethode einführen,
muss der Betriebsrat zustimmen (vgl. § 87 Abs. 1 Nr. 10 BetrVG).
Die Entgeltgrundsätze der Zielvereinbarungsmethoden werden in der Betriebs-
vereinbarung geregelt. Bei ZV I müssen z. B. die Methoden der Ermittlung der
Zielerreichung, die Entgeltmodalitäten (Gewichtung der Ziele, Verhältnis zwischen
Zielerreichungsgrad und Leistungsentgelt) geklärt werden; bei ZV II die Beurtei-
lungsmerkmale und die ihnen zugeordneten Beurteilungspunkte, die mit einem best.
Lohnfaktor multipliziert, den Auszahlungsbetrag ergeben.
Quelle: vgl. Böddecker ( 2008 )
Aus Sicht der Führungskraft besteht die intellektuelle Herausforderung der Zielvereinba-
rung darin, strategische Organisationsziele zunächst auf den eigenen Verantwortungsbe-
reich und dann auf jeden einzelnen Mitarbeiter bzw. dessen Stelle herunterzubrechen.
Dabei sind letztlich die Ziele so zu konkretisieren, dass der Mitarbeiter die für ihn gelten-
den Ziele eigenständig erreichen kann (vgl. Abschn. 1.3.4 ).
Zielvereinbarungen und Stellenbeschreibungen umreißen zusammen den Handlungs-
spielraum des Mitarbeiters. Ihre Vorgaben sollen herausfordernde Orientierung und
motivierender Leistungsanreiz sein. Keinesfalls sollen zu viele Vorgaben Priorisierungs-
konfl ikte auslösen oder ein zu eng gesteckter Rahmen Kreativität und Eigeninitiative
verhindern. „5 ± 2“ ist daher eine praxisbewährte Formel für die Zahl der zu vereinba-
renden Ziele .
Für die Vorbereitung eines einzelnen Zielvereinbarungsgesprächs sollte die Füh-
rungskraft sich ausreichend Zeit reservieren. Zu den vorbereitenden Überlegungen gehört:
• Rückblick alte Ziele , Erreichung, Rahmenbedingungen
• Eigene Formulierung von 5 ± 2 fachlichen (sowohl quantitativen als auch qualitativen)
Zielen für diesen Mitarbeiter
• Bezugsgrößen bzw. Kennzahlen, anhand derer die Zielerreichung festgestellt werden
kann (vgl. dazu Abb. 6.6 )
• Stärken und Schwächen, die das Erreichen der Ziele fördern/gefährden könnten, um
ggf. Entwicklungsziele festzulegen
• Stichpunkte für den geplanten Gesprächsverlauf
6.2 Dialog-orientierte Führungsinstrumente
228
Zur Qualitätssicherung eines Zielvereinbarungsgesprächs ist es wichtig, den Mitar-
beiter nach seinen eigenen Fähigkeiten eigene Ziele formulieren zu lassen und diese
Formulierungen in der eigentlichen Zielvereinbarung, die schriftlich getroffen wird,
aufzugreifen. So kann die Führungskraft kontrollieren, ob der Mitarbeiter die Ziele im
Sinne des Unternehmens verstanden hat. Falls nicht, soll man keinesfalls Ziele einfach
diktieren oder vorschreiben, will man die Zielvereinbarung nicht zum Beleg für die
eigene Planungs- oder Erklärungsschwäche machen. Denn es ist z. B. möglich, dass
sich eine Führungskraft in ihren eigenen Ansprüchen verschätzt oder in ihrer eigenen
Zielvereinbarung unrealistische Ziele übernommen hat.
Ob eine Zielvereinbarung „gut“ ist, lässt sich anhand der in Abb. 6.7 zusammengestell-
ten Kriterien beurteilen.
Das Gespräch selbst beginnt mit einer kurzen Einführung der Führungskraft darüber,
was sich die Organisation von Zielvereinbarungsgesprächen verspricht. Dann folgt ein
quantitative Ziele
qualitative Ziele
prozess-
bezogen
z. B. Stückzeit,
Maschinennutzungsgrad,
Durchlaufzeit,
Auftragsbearbeitungszeiten,
Projektlaufzeiten, Menge,
Ausbringung
kunden-
bezogen
z. B. Kundenreklamation,
Reduzierung Nacharbeit,
Kundenkontakte
z. B. Kundenreklamation,
Kundenzufriedenheit, Kundenkontakte
produkt-
bezogen
z. B. Fertigungsgerechtigkeit
z. B. Problemlösung,
Ideenentwicklung, Produktinnovation,
Fertigungsgerechtigkeit, Ergonomie
mit-
arbeiter-
bezogen
z. B. Fluktuationsrate, Beteiligung
an Qualifizierungsmaßnahmen
z. B. Zusammenarbeit,
Kommunikation, Führungsverhalten,
Personalentwicklung, Arbeitsweise,
Initiative, Einsatz, Umgang mit
Ressourcen, Arbeitssorgfalt,
Sauberkeit in der Arbeitsumgebung,
Beteiligung an
Qualifizierungsmaßnahmen
finanz-
bezogen
z. B. Vertriebsspanne,
Gemeinkosten, Bestände,
Forderungsrückstände,
Ressourcenverbrauch
Abb. 6.6 Beispiele von Bezugsgrößen in Zielvereinbarungen . Quelle: IG Metall 2005 , ERA-TV
Anlage 3
6 Führungsinstrumente in der Praxis
229
gemeinsamer Rückblick auf die „alten Ziele “ und das vergangene Jahr, indem Erfolge und
Misserfolge der Zielerreichung gewürdigt und zu einem beiderseitigen Lern-Fazit zusam-
mengefasst werden.
Schließlich erläutert die Führungskraft , wie sich aus den Firmenzielen die Bereichsziele
(für die Führungskraft) und daraus wiederum die Stellenziele (für den betroffenen Mitar-
beiter) ableiten, und fragt anschließend den Mitarbeiter nach persönlichen Zielen.
Man bespricht gemeinsam, welche Anforderungen wohl künftig an den Arbeitsplatz
gestellt werden und welche Arbeitsweisen, Kenntnisse, Einstellungen und Absprachen
für eine erfolgreiche Aufgabenerfüllung notwendig sind. Schließlich fasst man ge-
meinsam konkrete Ziele , Schwerpunkte und Arbeitsprioritäten zusammen, diskutiert
vorhersehbare Probleme bzw. erforderliche Rahmenbedingungen, die ebenfalls im
Zielvereinbarungsprotokoll festgehalten werden, wie z. B.: Maßstäbe zur Überprüfung
der Zielerreichung (Quantität, Qualität , Kosten etc.), Termine für Zwischenüberprü-
fungen, Zeitspanne bzw. Endtermin, Ressourcen, Kompetenzen, Schulungsbedarf.
Formal könnte die schriftliche Dokumentation der Zielvereinbarung sich an den tarif-
vertraglichen Vorgaben, wie sie das Beispiel in Abb. 6.8 wiedergibt, orientieren. Wichtig
ist, dass beide Parteien die Zielvereinbarung unterschreiben.
Dem Zielvereinbarungsgespräch muss immer ein Zielerfüllungsgespräch folgen. Es
ist dem Beurteilungsgespräch ähnlich: Die Führungskraft muss darlegen, wie sie welchen
Zeilerreichungsgrad ermittelt hat und nach welchen Grundlagen sich die Höhe der
Zielerreichungszulage errechnet.
Das Zielerfüllungsgespräch liefert die Basis für das nächste Zielvereinbarungsgespräch.
Merkmale von Zielvereinbarungen
Allgemein:
o Beitrag des Mitarbeiters zum Abteilungs- und Firmenerfolg wird deutlich.
o Ziele sind überschaubar, realistisch und erreichbar.
o Ziele geben einen zu erreichenden Zustand vor.
Der Mitarbeiter wählt den Weg dorthin aber selbst.
o Über vereinbarte Ziele wird wieder gesprochen.
Erreichen und Nichterreichen hat Folgen.
o Führungskraft hält sich an eigene Verpflichtungen.
Einzelzielbezogen:
o Ziel ist formuliert als „erreichtes Ziel“.
o Mitarbeiter kann das Ziel eigenständig erreichen.
o Mitarbeiter kann die Zielerreichung selbst überwachen.
Abb. 6.7 Checkliste mit Beurteilungskriterien für Zielvereinbarungen . Quelle: eigene Darstellung
6.2 Dialog-orientierte Führungsinstrumente
230
6.3
Nicht-verbale Führungsinstrumente
Von den Führungsinstrumenten, die „ohne Worte“ das Mitarbeiterverhalten beeinfl ussen,
werden im Folgenden Anreizsystem e, Führungsgrundsätze und motivierende Arbeitsum-
gebung aufgegriffen, da sie von der Führungskraft selbst dann als Führungsinstrument
gestaltet werden können, wenn es keine strukturalen Vorgaben durch Führungssubstitute
gibt.
Beispiel: Zielvereinbarung
Für den Zeitraum vom
01.01.20JJ
bis
31.12.20JJ
mit (Name):
Karl Mustermann
Funktion:
Einkäufer
Quantitative Ziele für diesen Zeitraum sind:
Die Verringerung der Lagerbestände
Die max. Zielerreichungszulage für quantitative Ziele beträgt: 30% des Grundentgelts.
Sie wird erreicht wenn: Der Lagerbestand von 1,5 Mio.€ auf 1,2 Mio.€
durch die Optimierung der Materialbeschaffung verringert wird.
Wird das vereinbarte Ziel nur teilweise erreicht, ermittelt sich die Zielerreichungszulage lt.
Betriebsvereinbarung vom 31.12.20JJ wie folgt:
Zielerreichung:
60%
70%
80%
90%
100%
Zulage:
10%
15%
20%
25%
30%
Qualitative Ziele für diesen Zeitraum sind:
a) Die Verbesserung der Kontakte zu den Lieferanten
b) Die bessere Abstimmung zwischen Disposition und Einkauf
Die qualitativen Ziele werden wie folgt beurteilt:
Ziel:
Das Ziel wurde
Das Ziel wurde
Das Ziel wurde
Das Ziel wurde
nicht erreicht
teilweise erreicht
erreicht
übererfüllt
a)
0 Pkt.
5 Pkt.
10 Pkt.
12 Pkt.
b)
0 Pkt.
5 Pkt.
10 Pkt.
12 Pkt.
Die max. Zielerreichungszulage für qualitative Ziele beträgt: 15%
des Grundentgelts.
Sie wird bei einem Punktwert von:
20 Pkt. erreicht.
Der Wert eines Beurteilungspunktes beträgt daher:
0,75 % des Grundentgeltes.
Datum: 31.12.20JJ
Unterschriften:
Anton Vorgesetzt
Karl Mustermann
Abb. 6.8 Beispiel einer Zielvereinbarung nach ERA. Quelle: IG Metall (11/ 2005 )
6 Führungsinstrumente in der Praxis
231
6.3.1
Anreizsystem e
Anreizsystem e versuchen, Ziele des Individuums an Ziele der Organisation zu koppeln
und dadurch Einfl uss auf das Mitarbeiterverhalten zu nehmen. Sie umfassen die Gesamtheit
aller einem Individuum bereitgestellten materiellen und immateriellen Anreize , die es
intrinsisch oder extrinsisch motivieren (vgl. Abschn. 2.3.2 ).
Ziele von Anreizsystemen sind (vgl. u. a. Weibler 2016 , S. 419):
• Informationsfunktion : Anreize drücken aus, welches Verhalten besonders erwünscht ist.
• Aktivierungsfunktion : Mitarbeitermotive sollen aktiviert und für die Organisation
nutzbar gemacht werden.
• Steuerungsfunktion : Zielbezogene Anreize lenken den Handlungsfokus auf das Ziel hin.
• Veränderungsfunktion : Durch Änderung der Bezugswerte im Anreizsystem können
Veränderungsprozesse unterstützt werden.
Materielle Anreizsysteme entsprechen dem Entgeltsystem eines Unternehmens aus Ge-
halt und Zulagen bzw. Erfolgsbeteiligungen. Es wird in Zielvereinbarungs- (vgl. Ab-
schn. 6.2.4 ) und Personalbeurteilungsgesprächen (vgl. Abschn. 6.2.2 ) kommuniziert und
angewendet.
Immaterielle Anreizsystem e umfassen Planungs-, Kommunikations- , Organisations-
und Weiterbildungssysteme und die Organisationskultur (vgl. Weibler 2016 , S. 419).
Verhaltenswissenschaftlich basieren Anreizsystem e auf dem behavioristischen Lern-
verständnis des operanten Konditionierens . Danach wird das Verhalten von Menschen
durch die als positiv oder negativ erlebten Konsequenzen (positive/negative Verstärkung)
geprägt.
Die Verstärkung kann kontinuierlich (bei jedem gezeigten Verhalten) oder intermittie-
rend (nach einer bestimmten Häufi gkeit = Quotenverstärkung bzw. nach einem bestimm-
ten Zeitabstand = Intervallverstärkung) erfolgen. Die intermittierenden Verstärkungspläne
können fi xiert sein (es wird z. B. exakt jede 5. Reaktion verstärkt) oder variabel (dabei
wird durchschnittlich jede 5. Reaktion verstärkt, was die Gewöhnung verzögert und
deshalb oft bessere Effekte erzielt). Verstärkt man jedes gewünschte Verhalten mit einem
„Gutschein“, der erst später gegen eine Belohnung getauscht wird, spricht man von Token-
Konditionierung . Dieses Prinzip wird bei Meilenprogrammen u. ä. angewendet (Abb. 6.9 ).
Kritisch wird im Zusammenhang mit Anreizsystemen der sog. Korrumpierungseffekt
diskutiert: Das ist die Verdrängung von primärer (intrinsischer) Motivation durch sekun-
däre (extrinsische) Motivation (vgl. Deci et al. 1999 ).
1991 hat Sprenger mit seinem Buch „Mythos Motivation “ die Sinnhaftigkeit materiel-
ler Anreizsystem e infrage gestellt. Eingängige Thesen wie „Alles Motivieren ist
Demotivieren“ oder „Boni sind negative Verdachtsstrafen für Nichterfüllung“ provozierten
6.3 Nicht-verbale Führungsinstrumente
232
die Entwickler von Motivationsprogrammen. Sprengers Alternativen liegen im immateriel-
len Motivationsbereich: Mitarbeiter fordern und klare Zielvereinbarungen treffen, Machen
lassen und Gestaltungsfreiräume eröffnen, Demotivationsgespräche führen (um als
Führungskraft zu erkunden, welche Demotivationsquellen man beseitigen kann) (a.a.O.).
Hintergrund
Verhindern negative Sanktionen unerwünschtes Verhalten?
Belohnung und Strafe sind alte Erziehungsprinzipien. Man glaubte lange, uner-
wünschtes Verhalten ließe sich durch Bestrafen „abschalten“. Ein Verdienst behavioris-
tischer Forschung ist, die Grenzen dieser Auffassung empirisch ermittelt zu haben. Für
ein vertieftes Verständnis sind folgende Grundbegriffe des Reiz-Reaktions-Lernens
wichtig:
Verhaltenskontingenz. Kontingenz bezeichnet eine Beziehung vom Typ „Wenn X,
dann Y“. Besteht eine gleichbleibende, schlüssige Beziehung zwischen Reaktion und
Reizbedingungen, erhöht dies die Wahrscheinlichkeit, dass ein Individuum seine Reak-
tion künftig auf den Reiz ausrichtet.
Verstärker. Bedeutsame Ereignisse, die in kontingenter Beziehung zu einem Verhalten
auftreten, werden Verstärker genannt. Ein positiver Verstärker führt zu einem Anstieg der
Auftretenswahrscheinlichkeit einer Reaktion (z. B. Sonderzahlung). Als negativen Verstär-
ker bezeichnet man Umstände, die Reaktionen dann wahrscheinlich machen, wenn sie
nicht vorhanden sind (z. B. schrilles Geräusch). Deshalb werden negative Verstärker
eingesetzt, wenn man Menschen dazu bringen möchte, ein Verhalten zu unterlassen
Verstärker
Beispiele: materiell
Beispiele: immateriell
konti-
nuierlich
jedes
erwünschte
Verhalten
wird verstärkt
Prämien für jedes fehlerlose
Produkt,
Rabattmarken nach jedem
Kauf
Befugnisse,
Kompetenzerweiterung,
Sonderaufgaben
inter-
mittierend
fixe Intervalle
monatliche
Gehaltszahlung mit Zulage
Erwähnung in Monatsbericht,
Mitarbeiterzeitung o.ä.,
Auszeichnungen
variable
Intervalle
Sonderzahlungen,
ggf. Zielerreichungsprämien
Kontrolle der
Sicherheitseinrichtungen in
zeitlich unregelmäßigen
Abständen,
Incentives
fixe Quoten
Bonus für zehn
abgeschlossene
Versicherungsverträge
Stellenbezeichnung,
Titel, Visitenkarten,
Statussymbole
variable
Quoten
Bonus für außergewöhnliche
Leistungen
Teilnahme an
Weiterbildungsmaßnahmen
(Trainings, Messebesuche),
Events, Dienstreisen
Abb. 6.9 Beispiele für Verstärker. Quelle: in Anlehnung an Weibler ( 2012 , S. 278 f.)
6 Führungsinstrumente in der Praxis
233
(Bsp. Pfeifton bei nicht geschlossenem Sicherheitsgurt), und positive, wenn man Ver-
haltens weisen stabilisieren möchte (Bsp. Rabatte bei sofortigem Vertragsabschluss).
Löschen. Unterbleibt bei einer Reaktion der Verstärkungsreiz, ist also die Kontingenz
nicht mehr wirksam, geht die Wahrscheinlichkeit, dass die Reaktion gezeigt wird, wie-
der zurück. Die konditionierte Reaktion ist gelöscht.
Bestrafung. Bestrafung ist die Verabreichung eines aversiven Reizes nach einer
Reaktion. Damit soll die Auftretenswahrscheinlichkeit dieser Reaktion gesenkt wer-
den. Im Erziehungskontext wird häufi g die Intensität der Bestrafung so lange erhöht,
bis die Unterdrückung der unerwünschten Reaktion erfolgt.
Bei Bestrafung ist das unerwünschte Verhalten nicht gelöscht, sondern nur unter-
drückt. Die Nebenwirkungen von Bestrafung sind u. a.:
• Anstieg des Risikos von Gegenaggressionen gegen die strafende Person oder die
Institution
• allgemeiner Anstieg der Gewaltbereitschaft bei der bestraften Person (z. B. gegen
eigene Kinder)
• verletztes Selbstbild der bestraften Person bis hin zu so starken Angstreaktionen,
dass sie verlernt, unerwünschtes Verhalten eigenständig zu kontrollieren.
Aus diesen empirisch erhobenen Erkenntnissen ergibt sich die Empfehlung, Verhalten,
wo immer möglich, durch Verstärkung zu steuern. Unerwünschtes Verhalten sollte
man – wenn möglich – ignorieren (weil in manchen Konstellationen auch „Aufmerk-
samkeit durch Schelte“ als positive Verstärkung wirken kann), erwünschtes Verhalten
belohnen.
In Gefahrensituationen, bei Gewalt- oder Diskriminierungshandlungen ist Ignorieren
nicht möglich, sondern schnelles Handeln und Bestrafen notwendig. Damit die Bestra-
fung (wie z. B. Brüllen, Standpauke, Ausschluss von Veranstaltungen, Abmahnung)
möglichst wenig Schaden anrichtet, sollte man auf Folgendes achten:
• Es wird genau erklärt, was bestraft wird und warum.
• Die Bestrafung erfolgt zeitnah und mit geringstmöglicher Intensität.
• Es gibt eine Verhaltensalternative, die nicht zu Bestrafung führen würde.
• Der Strafende verhält sich eindeutig und sendet keine Doppelbotschaften wie
z. B. Sympathiebekundungen während oder kurz nach einer Standpauke.
• Strafe wird auf das Verhalten bezogen und nicht auf allgemeine Eigenschaften aus-
gedehnt, wie z. B. in der Pauschalkritik „Sie sind unfähig“.
Quelle: Zimbardo und Gerrig ( 2008 , S. 266 ff.)
6.3.2
Motivierende Arbeitsgestaltung
Eine erwünschte Leistung wird umso eher und zügiger erbracht, je mehr das Umfeld qua-
litätshaltiges Arbeiten unterstützt.
6.3 Nicht-verbale Führungsinstrumente
234
Die Ergonomieforschung untersucht sachliche und menschliche Voraussetzungen guter
Arbeitsleistung. Sachliche Voraussetzungen technischer und organisatorischer Art verantwor-
tet der Arbeitgeber (vertreten durch die Führungskraft ). Die menschlichen Voraussetzungen
bringt der einzelne Arbeitnehmer mit, doch wie die Pfeile in Abb. 6.10 zeigen, ist seine
Leistungsfähigkeit und -bereitschaft durch die sachlichen Gegebenheiten beeinfl ussbar.
Die Stellschrauben motivierender Arbeitsgestaltung liegen also in der Aufbau- und
Ablauforganisation, der Aufgabenschwierigkeit und den situativen Faktoren.
Zur Diskussion
Arbeitsgestaltungsoptionen in der Praxis
Beschreiben Sie einen Ihnen bekannten Arbeitsplatz mit Leistungsanforderungen und
Leistungsbedingungen. Diskutieren Sie in der Kleingruppe die Möglichkeiten, die die
zuständige Führungskraft hätte, durch Gestaltung des Arbeitsumfelds die Leistungs-
fähigkeit und -bereitschaft des Stelleninhabers zu erhöhen.
Nutzen Sie Abb. 6.10 als Checkliste, ob Sie an alle Möglichkeiten gedacht haben.
6.3.3
Führungsgrundsätze
Führungsgrundsätze sind selbstverpfl ichtende Aussagen zu angestrebtem Führungs-
und Kooperationsverhalten. Sie können vom Top-Management systematisch entwickelt
und top-down abgestimmt und implementiert sein, aber auch von einer einzelnen
Führungskraft für ihren Verantwortungsbereich formuliert werden (Abb. 6.11 ).
Sachliche Leistungsvoraussetzungen
Menschliche Leistungsvoraussetzungen
Organisatorische
Vorbedingungen
Technische
Vorbedingungen
Leistungs-
fähigkeit
Leistungs-
bereitschaft
Aufbau-
orga-
nisation
Ablauf-
orga-
nisation
Aufgaben-
schwierig-
keit
situative
Faktoren
physiolog.
Leistungs-
fähigkeit
psycholog
.
Leistungs-
fähigkeit
physiolog.
Leistungs-
bereitscha
psycholog
.
Leistungs-
bereitscha
Management-
führung
Entlohnungs-
formen
Weiterbildung
Arbeitszeit
Arbeitsvor-
bereitung
Arbeits-
anweisung
Betriebs-
mittel-
gestaltung
Arbeitsinhalt
Aufgaben-
auslegung
Arbeitsplatz-
gestaltung
anthropom.
Gestaltung
Gestaltung
d. Umwelt
Konstitution
Geschlecht
Alter
Kondition
(Übung u.
Training)
mentale
Anlagen
Bildungs-
niveau
Übung,
Training
Disposition
Tages-
rhythmik
Krankheit
emotionale
Lage
innere Motiv.:
Interesse
Neigung
Stimmungs
lage…
äußere Motiv.
Menschliche Leistung
Arbeitssicherheit
Abb. 6.10 Einfl ussgrößen menschlicher Arbeitsleistung. Quelle: http://www.lfe.mw.tum.de/lehrstuhl-
fachbereich/was-ist-ergonomie/ [2016-04-15]
6 Führungsinstrumente in der Praxis
235
Bosch Siemens Haushaltsgeräte GmbH: Führungsgrundsätze
1. Die BSH bekennt sich zu ihrer gesellschaftlichen Verantwortung und
gesetzestreuem Verhalten.
o Machen Sie sich mit den wesentlichen Grundsätzen in der Richtlinie zu Organisations-
und Aufsichtspflichten sowie den Business Conduct Guidelines vertraut und sorgen Sie
dafür, dass diese in Ihrem Verantwortungsbereich gelebt werden. […]
o Achten Sie auf die Sicherheit und Gesundheit Ihrer Mitarbeiter am Arbeitsplatz. Ihre
Verantwortung in diesem Bereich ist in der Richtlinie zu Arbeits- und Gesundheitsschutz
beschrieben.
2. Unsere Führungskräfte vereinbaren mit ihren Mitarbeitern konkrete und
herausfordernde Ziele, die aus den Strategien und Zielen des Unternehmens
abgeleitet sind.
o Führen Sie mit jedem Ihrer Mitarbeiter jährliche Gespräche nach landesüblichen
Standards und vereinbaren Sie individuelle Ziele. Schaffen Sie Rahmenbedingungen,
die es Ihren Mitarbeitern ermöglichen, die vereinbarten Ziele zu erreichen.
o Besprechen Sie mit Ihren Mitarbeitern regelmäßig den aktuellen Stand der
Zielerreichung.
o Stellen Sie Abweichungen fest, liegt es in Ihrer Verantwortung, gegenzusteuern und
entsprechende Maßnahmen zu ergreifen.
o Fördern Sie die Ergebnisorientierung und lassen Sie die Wege offen, wie Ihre
Mitarbeiter ihre Ziele erreichen. In der Beurteilung Ihrer Mitarbeiter sollten daher auch
die erreichten Ergebnisse im Vordergrund stehen.
3. Alle Führungskräfte stehen in einer besonderen Verantwortung, die am besten
geeigneten Mitarbeiter für unser Unternehmen zu gewinnen, sie zu binden und zu
fördern.
o Wählen Sie neue Mitarbeiter sorgfältig aus und nutzen Sie dabei die auf Basis des
Kompetenzmodells entwickelten Standardinstrumente der Personalauswahl, um die am
besten geeigneten Mitarbeiter zu identifizieren.
o Betrauen Sie Ihre Mitarbeiter mit herausfordernden Aufgaben und geben Sie ihnen die
Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln – auch über den eigenen Bereich hinaus. Die
„Spielregeln“ hierfür sind in der Stellenbesetzungsrichtlinie der BSH festgehalten. […]
Identifizieren Sie Mitarbeiter mit weiterführendem Potenzial und fördern Sie sie
konsequent in ihrer Entwicklung. Unser weltweites Poolkonzept bietet Ihren
Mitarbeitern die Möglichkeit, ihre Stärken noch weiter auszubauen
4. Unsere Führungskräfte leben eine Führungskultur, die von Wertschätzung und
Respekt geprägt ist. Sie führen den Dialog mit ihren Mitarbeitern regelmäßig und
aktiv und geben notwendige Informationen rechtzeitig weiter.
o Führen Sie regelmäßig Mitarbeitergespräche zur jeweiligen Leistung und Entwicklung.
Suchen Sie darüber hinaus den täglichen Dialog mit Ihren Mitarbeitern.
o Nehmen Sie die Mitarbeiterbefragungen ernst. Diskutieren Sie deren Ergebnisse in
Ihrem Team und erarbeiten Sie gemeinsam – soweit erforderlich –
Verbesserungsmaßnahmen.
o Schaffen Sie in Ihrem Arbeitsumfeld einen positiven Teamgeist und wecken Sie
Verständnis für interkulturelle Unterschiede und Vielfältigkeit (Diversity).
o Schaffen Sie eine Führungskultur, in der Ihre Mitarbeiter stärkengerecht eingesetzt und
in der Erfüllung ihrer Arbeitsaufgaben unterstützt werden.
o Geben Sie regelmäßig Lob und Anerkennung für gute Leistungen.
5. Nur wer sich selbst führen kann, kann andere glaubwürdig führen.
o Nutzen Sie regelmäßig die Feedbackmöglichkeiten für Führungskräfte und besprechen
Sie gemeinsam mit Ihren Mitarbeitern, wie Sie Ihr Führungsverhalten optimieren
können. […]
o Achten Sie – zum langfristigen Erhalt der Arbeitskraft – gleichermaßen auf die
Gesundheit Ihrer Mitarbeiter wie auf Ihre eigene.
Abb. 6.11 Ein Beispiel von Führungsgrundsätzen. Quelle: BSH 2010
6.3 Nicht-verbale Führungsinstrumente
236
Führungsgrundsätze beschreiben, wie Führung in einer Organisation gelebt werden
soll. Das impliziert in der Regel Annahmen zum Menschenbild (vgl. Abschn. 2.2 ) sowie
zu grundsätzlichen Umgangsformen, z. B. in Fragen der Mitbestimmung oder der Kontrolle
und Motivation von Mitarbeitern.
Führungsgrundsätze können sich auf Aussagen zum Führungsverhalten beschränken.
In vielen Fällen umfassen sie jedoch das grundsätzliche Miteinander aller Organi-
sationsmitglieder, oft auch hinsichtlich des Verhaltens gegenüber Kunden und Lie-
feranten.
Organisationsweit gültige Führungsgrundsätze sind meist Teil eines ganzen Füh-
rungssystems, das aus Regelsystemen (wie Leitbild, Vision , Führungsgrundsätze),
Planungs- und Kontrollsystemen (wie Leistungs- und Zeiterfassung oder Qualifi zierungs-
datenbanken) und Anreizsystemen (vgl. Abschn. 7.3.1 ) besteht.
Ziele von Führungsgrundsätzen sind (vgl. Wunderer 2011 , S. 391 ff.):
• Entwicklungsfunktion : Der Prozess der Formulierung von Führungsgrundsätzen ist
eine Entwicklungsmaßnahme für die Führungskräfte einer Organisation: Sie refl ektie-
ren dabei Ist und Soll des gewünschten Führungsverhaltens und suchen einen Konsens
im gemeinsamen Führungsverständnis.
• Steuerungsfunktion : Führungsgrundsätze geben Mitarbeitern und Führungskräften
Orientierungslinien für erwünschtes Kooperations- und Leistungsverhalten an die
Hand. In dieser Funktion dienen sie der Mitarbeiterführung .
• Marketingfunktion : Mit der Veröffentlichung ihrer Führungsgrundsätze stellt sich die
Organisation nach außen dar. Damit werden die Führungsgrundsätze ein Instrument
des Personalmarketings bzw. der Öffentlichkeitsarbeit.
Die in Abb. 6.12 zusammengestellten Kriterien geben eine Leitlinie für die Entwicklung
von Führungsgrundsätzen.
Merkmale von Führungsgrundsätzen
o Werte setzend, prägnant und zukunftsgerichtet
o an das Unternehmensleitbild anknüpfend
o als aktive Ich -, Sie- bzw. Wir-Aussagen formuliert
o glaubwürdig, mit Bezug zur bereits gelebten Realität
o schriftlich fixiert mit Selbstverpflichtungscharakter
o in anderen Instrumenten verankert, z. B. in den Beurteilungskriterien der Auswahl bzw.
Leistungsbeurteilung für Führungskräfte
Abb. 6.12 Checkliste mit Beurteilungskriterien für Führungsgrundsätze. Quelle: eigene Erstellung
6 Führungsinstrumente in der Praxis
237
6.3.4
Performancemanagement und Selbstregulation
In Kap. 5 wurden Führungskonzepte beschrieben, die auf die Selbstorganisation der
Mitarbeiter zur Erzielung des Unternehmenserfolgs setzen. Dazu gehören z. B. das Konzept
strukturaler Führung mit Führungssubstituten, das Super und Self Leadership, der Ansatz
des Shared Leadership oder die systemische Führung. Bei diesen Konzepten stellt sich die
Frage, wie ohne spezifi sche, persönliche Lenkungseingriffe zielgerichtete Arbeitserfolge
( Performance ) erzielt werden.
Um das Verhalten von Mitarbeitern in diesem Sinne zu lenken, bedarf es Rahmenbe-
dingungen, die einseiters Grenzen setzen, andererseits aber ausreichend Raum für selbst-
organisiertes Handeln zulassen.
Folgende Führungsinstrumente können zur Realisierung eines solchen regulierenden
Rahmengefüges ausgestaltet bzw. genutzt werden:
• Unternehmenskultur : Wie in Kap. 3.3 ausgeführt ist die bewusste Kommunikation über
Leitbild, Werte und Symbolsystem des Unternehmens wichtige Voraussetzung für ein
systemkonformes und nutzbringendes Handeln von Führungskräften und Mitarbeitern. In
dem Maße, wie darüber gesprochen wird, verstehen sich Führungskräfte und Mitarbeiter
als gleichberechtigte Partner und arbeiten partnerschaftlich zusammen.
• Anreizsysteme : Auch die unter 6.3.1 beschriebenen Anreizsysteme steuern in hohem
Maß das Verhalten der Mitarbeiter, ohne dieses aber in jeder Detailentscheidung zu
determinieren.
• Demokratische Partizipationsmöglichkeiten : Institutionell verankerte Mitwirkungs-
optionen für die Mitarbeiter bieten diesen Möglichkeiten, sich bei Entscheidungen ein-
zubringen und gemeinsame Lösungskonzepte zu entwickeln. Im Kontext gemeinsamer
Werte und motivierender Anreize können dadurch Prozesse der Selbstorganisation po-
sitiv genutzt werden. Instrumente institutionalisierter Demokratie in Unternehmen sind
z. B. der Betriebsrat, Qualitätszirkel, kontinuierliche Verbesserungsprozesse, partner-
schaftlich geführte Teamsitzungen, Scrum-Projektmanagement usw.
• Organisationsstruktur : Flache Hierachien gewährleisten fl exible und schnelle Infor-
mationswege. Entscheidungskompetenzen müssen großzügig verteilt sein, damit
Mitarbeiter sich zu den gewünschten kritisch und selbstverantwortlich mitdenkenden
Intrapreneuren entwickeln, die in einem dynamischen und komplexen Wettbewerb be-
nötigt werden.
• Ziele statt Aufgaben : Ein wichtiges Führungsinstrument für die Übertragung einer
Aufgabe ist die Delegation, wie sie in Abschn. 6.1.4 defi niert und beschrieben wurde:
Die vollständige Übergabe der Verantwortung für die Zielerreichung, der Mitarbeiter
kann über den Weg entscheiden und erhält dafür auch die entsprechenden Ent-
scheidungsbefugnisse. Unerlässlich sind auch Zielvereinbarungs- und -erreichungsge-
spräche sowie Personalentwicklungsgespräche (vgl. Abschn. 6.2.3 und 6.2.4 ) Das
damit verbundende Feedback ist ein wesentliches Regulativ.
6.3 Nicht-verbale Führungsinstrumente
238
• Team-Diversität und -Homogenität : Es gibt Hinwiese darauf, dass Arbeitsgruppen,
die sich aus Mitgliedern verschiedener Ethnien zusammensetzen, positive Selbststeu e-
rungsprozesse realisieren können. Weiter deutet sich an, dass ein geringer Alt ersdurch-
schnitt und ein hoher Frauenanteil ebenfalls positiv auf die Selbststeuerung einwirken
(vgl. dazu Abschn. 5.5.5 ).
6.4
Prozess-orientierte Führungsinstrumente
Zu den Prozess-orientierten Instrumenten, die mehrere zeitversetzte Interaktionen umfas-
sen, zählen Moderation, Coaching und Mediation.
6.4.1
Moderation
Moderation in der Führungspraxis ist nicht zu verwechseln mit Moderation in den Medien.
Während ein Moderator im Fernsehprogramm durch die Sendung führt, geht es bei der
Moderation als Prozess-orientiertes Führungsinstrument darum, die Kommunikation in
Arbeitsgruppen zu steuern (vgl. Mentzel et al. 2014 , S. 103 ff.). Durch die Strukturierung des
gemeinsamen Vorgehens entlang eines Prozesses sollen Teams oder Arbeitsgruppen besser
und schneller zu Ergebnissen kommen, etwa um Ideen zu generieren, Inhalte zu bewerten
oder um Entscheidungen zu treffen. Gemäß der ursprünglichen lateinischen Bedeutung des
Begriffes Moderation sollen ein Moderator bzw. die eingesetzten Mode rationstechniken
dabei mäßigend und ausgleichend wirken. Insbesondere werden dominante und redege-
wandte Personen etwas gebremst, zurückhaltende Personen hingegen aktiviert, um letztlich
ungeachtet der Intro- oder Intra- Extrovertiertheit von Teilnehmern fachlich optimale Lösun-
gen hervorzubringen. Ein Moderator ist somit ein Methodenspezialist, der für die Strukturie-
rung, den Ablauf und die Dokumentation einer Sitzung zuständig ist, während die Inhalte
von den Teilnehmern der Moderation eingebracht werden. Eingesetzt werden Moderations-
techniken vor allem für Workshops, etwa zur Ideenfi ndung, Konfl iktbeilegung oder Ausge-
staltung, Bewertung und Festlegung von Strategien.
Weil ein Moderator in seiner Rolle als Methoden- und nicht als Fachspezialist agiert,
eignen sich Führungskräfte nicht in jedem Fall als Moderator. Wenn z. B. eine Führungskraft
klare Vorstellungen von einer angestrebten Lösung oder Strategie hat und diese über einen
moderierten Workshop legitimieren will, ist die Methode unangebracht. Die im Verlauf ei-
ner Moderation entstehende Gruppendynamik führt i. d. R. dazu, dass die Arbeitsgruppe zu
anderen Erkenntnissen als die Führungskraft kommt. Wenn die Workshopergebnisse letzt-
lich aber nicht umgesetzt oder gar verworfen werden, sind Frustration und Demotivation
der Teilnehmer vorprogrammiert. Insofern ist Moderation nur in den Fällen einzusetzen,
bei denen die Lösung bzw. das Ergebnis offen ist und prinzipiell demokratisch erarbeitet
werden soll. An die Ergebnisse sollte sich auch eine Führungskraft gebunden fühlen.
6 Führungsinstrumente in der Praxis
239
Ein weiteres Verständnis von Moderation , das sich vom Einsatz der eben benannten
Moderationstechniken abhebt, ist das Begleiten und Unterstützen von Teilnehmern einer
Besprechung (vgl. Oppermann-Weber 2004 , S. 99). Ein Besprechungsleiter als Moderator
hat hierbei die Aufgabe, auf die Einhaltung der Tagesordnung, die Zusammenfassung von
Zwischenergebnissen und die Dokumentation von Beschlüssen zu achten und ggf. in ei-
nem Protokoll festzuhalten.
Praxis
„Machen Sie heute mal die Moderation. “
Ahnungslos betritt man als Teilnehmer den Konferenzraum, und dann heißt es plötzlich
vom Einladenden: „Gut, dass Sie da sind. Machen Sie heute mal die Moderation .“
Wenn man um die Aufgabe und Verantwortung eines Moderators weiß, ist klar, dass
es unsinnig ist, jemanden urplötzlich zum Moderator zu ernennen.
Sind Sie selbst der Einladende zu einer Besprechung, fragen Sie sich rechtzeitig, ob
Sie moderieren oder jemand anders den geplanten Termin moderieren soll. Soll jemand
anderes moderieren, müssen Sie sich mit ihm zu einem Vorbereitungsgespräch treffen
und dabei folgende Rollenverteilung klären:
Der Einladende bestimmt:
• die Inhalte der Veranstaltung
• die zu erreichenden Ziele
• die einzuladenden Teilnehmer
Der Moderator bestimmt:
• den Verlauf der Veranstaltung
• die einzusetzenden Techniken und Methoden.
Wenn Sie unvorbereitet unmittelbar vor einer Sitzung um die Moderation gebeten wer-
den, sagen Sie höfl ich ab: „Danke, dass Sie mir eine Moderation zutrauen. Ich kann das
auch und möchte mich deshalb professionell vorbereiten. Gibt es noch die Zeit für eine
Vorbesprechung zu Ihren Zielen und Themen unter vier Augen? Und können Sie mir
anschließend ein paar Minuten Zeit zum Strukturieren des Vorgehens geben?“
Klären Sie mit Ihrem Auftraggeber Thema, Ziele und Gesamtzusammenhang ab. Zu
Letzterem zählt der Zeitrahmen, welche Vorkenntnisse die Teilnehmer haben, wofür
die Ergebnisse verwendet werden, welche Einwände möglicherweise zu erwarten sind.
Dann können Sie sich methodisch auf die Moderation vorbereiten:
• Wie soll auf das Thema hingeführt werden? (Vortrag, Demo usw.)
• Durch welche Methoden und Techniken (Kartenabfrage, Brainstorming am Flip-
chart, Gruppenaufgaben usw.) sollen die Ergebnisse erreicht werden?
• Welche Unterlagen und Materialien müssen vorbereitet vorliegen?
6.4 Prozess-orientierte Führungsinstrumente
240
• Kennen die Teilnehmer die „ Spielregeln “ einer Moderation ? (Arbeitsweisen und
Erwartungen an die Teilnehmer, Rollenverteilung zwischen Einladendem und Mo-
derator, Diskussionsregeln, erwünschtes/unerwünschtes Verhalten)
• Wie werden die Ergebnisse gesichert? (Protokollant, Fotoprotokoll)
Quelle: Kellner ( 1995 , S. 93 ff.)
Auch in diesem Fall wirkt der Moderator mäßigend und ausgleichend auf die Bespre-
chungsteilnehmer ein, wenngleich hierbei keine speziellen Techniken zum Einsatz kom-
men müssen. Ein Besprechungsleiter, der eine Sitzung moderiert, sollte „ruhigere“
Personen gezielt ansprechen, um sie zu aktivieren, und „aktivere“ Teilnehmer ab und an
implizit oder explizit dazu anhalten, sich etwas zurückzunehmen. Die weiter oben im
Zusammenhang mit den Monolog- und Dialog-orientierten Führungsinstrumenten aufge-
zeigten Aspekte der Gesprächsführung können hier wirkungsvoll Anwendung fi nden.
6.4.2
Coaching
Coaching ist ein im Führungszusammenhang inzwischen äußerst vielfältig verwendeter
Begriff. Im ursprünglichen Wortsinne war „Coach“ die Kutsche, bzw. später „der Kutscher“
(vgl. Rauen 1999 , S. 20 f.). Nachdem es die Aufgabe des Kutschers war, Pferde zu lenken
und zu betreuen, wurde „Coaching“ als leitende und betreuende Aufgabe auf andere
Bereiche übertragen. Ausgehend von der Verwendung des Begriffes im Hochleistungs-
sport, bei dem Sportler nicht nur körperlich, sondern auch durch mentale Vorbereitung zu
weiteren Erfolgen geführt werden sollen, etablierte sich Coaching (neben dem Einsatz in
anderen Bereichen wie Psychotherapie oder Consulting) als Instrument der Mitarbei-
terführung bzw. als Personalentwicklungsmaßnahme.
Die Einsatzgebiete des Coachings im Rahmen der Mitarbeiterführung sind vielfältig,
beispielsweise sind zu nennen Selbst- Coaching , Projekt -Coaching, Business-Coaching,
Team -Coaching oder Mitarbeitercoaching. Allen Arten gemeinsam ist, dass ein Coach
(derjenige der coacht) einen Coachee (derjenige der gecoacht wird) darin unterstützt,
Ziele zu fi nden und zu erreichen. Ein Coach wird dabei i. d. R. methodische und fachliche
Anregungen geben oder auch Ressourcen beschaffen. Für den Erfolg des Coaching-
Prozesses ist er allerdings nur bedingt verantwortlich, schließlich ist es Aufgabe des
Coachees, den aufgezeigten Weg auch zu beschreiten. Das dem Coachingbegriff zugrunde
liegende Bild des Kutschers ist hierbei unmittelbar einsichtig: Während der Kutscher
(Coach) die Pferde lenkt und ggf. antreibt (methodisch-fachlicher Input) und für Nahrung
und Ruhepausen (Ressourcen) sorgt, muss der Weg zum Ziel (angestrebte Leistung ) von
den Pferden (Coachees) zurückgelegt werden.
Mit diesem grundlegenden Verständnis ist auch der Führungsstil des Coachings zu be-
trachten (vgl. hierzu Rauen 2004 , S. 140 f.). Ein Vorgesetzter fungiert dabei als Coach seiner
6 Führungsinstrumente in der Praxis
241
Mitarbeiter, die entwicklungsorientiert geführt werden. Insbesondere in hoch qualifi zierten
Aufgabengebieten oder bei heterogenen Teams und Abteilungen ist ein Coaching - Stil ange-
messen. Mitarbeiter werden hierbei ihre Aufgaben selbstständig und eigenverantwortlich
übernehmen, bis sie an ihre persönlichen Grenzen stoßen. Die Führungskraft unterstützt
Mitarbeiter dann nicht als oberster Problemlöser, sondern als methodisch- fachlicher För-
derer und sorgt somit dafür, dass Mitarbeiter selbst besser werden. Die Ergebnisverantwortung
liegt damit weiterhin beim Mitarbeiter (als Coachee ). Anstatt den Mitarbeitern im (drohen-
den) Fall des Scheiterns das Problem abzunehmen, werden sie also mit zusätzlichen oder
anderen (mentalen) Ressourcen ausgestattet, um ihre Aufgaben weiter bearbeiten zu kön-
nen. Neben der Entlastung der Hierarchie im Unternehmen wirkt sich dies i. d. R. auch posi-
tiv auf die Motivation der Mitarbeiter aus.
6.4.3
Mediation
Mediation an sich ist in das Gebiet des Konfl iktmanagements einzuordnen. Die Methode wird
zunehmend bei Rechtsstreitigkeiten eingesetzt, da sich das Verfahren in vielen Fällen als
schnell und im Erfolgsfall als kostengünstig bewährt hat. Im Rahmen der Wirtschaftsmedi-
ation kann die sogenannte innerbetriebliche Mediation auch als Führungsinstrument einge-
setzt werden, um Konfl ikte mit oder zwischen Mitarbeitern zu lösen.
Mediation gehört zu den Konfl iktlösungsansätzen, die sich einer neutralen Instanz
bedienen. Das Besondere daran ist allerdings, dass die Konfl iktparteien dadurch nicht
von der Verantwortung für die Lösung entbunden werden. Ausgangspunkt ist das
Verhandlungsdilemma (vgl. hierzu Duve et al. 2011 , S. 59 ff.). In Analogie zum viel zi-
tierten Gefangenendilemma besteht das Verhandlungsdilemma darin, dass man zwar zu
Zugeständnissen oder zumindest zu mehr Offenheit bereit wäre, sobald man dies jedoch
tut, besteht die Gefahr, dass der Gegner dies ausnutzt. Das Verhandlungsdilemma bietet
demnach die folgenden Szenarien:
• Machen beide Seiten Zugeständnisse , bewegen sich alle auf einen Kompromiss oder
sogar Konsens hin, verbessert das die Situation für beide.
• Macht nur eine Seite Zugeständnisse , so besteht die Gefahr der Ausnutzung durch den
Gegner mit dem Ergebnis, dass man selbst zum Wohle des anderen schlechter dasteht.
• Macht keine Seite Zugeständnisse stehen beide Parteien (nach wie vor) schlecht da,
weil Ziele nicht erreicht werden und die Konfl iktsituation zu eskalieren droht.
Die dominante Strategie ist daher für jeden einzelnen, sich aus Angst der einseitigen Ver-
schlechterung nicht zu öffnen und keine Zugeständnisse zu machen, mit dem Effekt, dass
die Verhandlung nicht vorankommt und sich der Konfl ikt verschärft. Wie auch im Gefan-
genendilemma liegt der Schlüssel zur Lösung des Problems in der Kommunikation zwi-
schen beiden Seiten bzw. in der Information über die jeweils andere Seite.
6.4 Prozess-orientierte Führungsinstrumente
242
Mithilfe des Verfahrens der Mediation kann dieser Informations- und Kommunikations-
prozess in Gang gesetzt werden.
„Von Mediation im engeren Sinne spricht man, wenn ein neutraler Dritter mit ent-
sprechendem Know-how ohne Entscheidungsabsicht die Konfl iktparteien professionell
dabei unterstützt, neue Lösungen zu entwickeln.“ (Hertel 2013 , S. 20). Gemäß dieser
Defi nition skizziert das ALPHA-Modell die entsprechenden Mediationsphasen (vgl.
a.a.O., S. 42 ff.):
• A – Auftragsklärung : Zunächst gilt es zu klären, welcher Konfl ikt bearbeitet werden
soll. Je nach Situation und Größenordnung müssen die Beteiligten kontaktiert und ein
Ziel für die Mediation defi niert werden.
• L – Liste der Themen : Die Liste der Themen bezeichnet die Mediationsphase, in der
die Sach- und evtl. auch Rechtslage aufgearbeitet werden muss.
• P – Positionen und Interessen : Entsprechend dem Harvard-Konzept (vgl. Abschn. 4.4.4 )
müssen Positionen und Interessen getrennt voneinander erfasst werden.
• H – Heureka : Der (griechische) „Schlachtruf der Erfi nder“ bedeutet „Ich habe es ge-
funden“. In dieser Mediationsphase sollen damit die Suche und das Finden von
Konfl iktlösungen bezeichnet werden.
• A – Abschlussvereinbarung : Lösungsideen müssen in der letzten Mediationsphase in
genaue und verbindliche Regelungen überführt werden, an die sich die (ehemaligen)
Konfl iktgegner dann auch halten müssen.
Die ALPHA-Struktur kann neben der Bearbeitung von Konfl ikten auch generell zur Lö-
sung von Problemen oder zur Entscheidungsfi ndung herangezogen werden. Denkbar wäre
dies beispielsweise in einer Besprechung, bei der es neue Ansätze zu entwickeln gilt, oder
wenn zwischen zwei sich widersprechenden Strategien zu entscheiden ist (weitere Bei-
spiele für Mediationstechniken vgl. Proksch 2014 ).
6.5
Zusammenfassung
Führungsinstrumente dienen Führungskräften dazu, das Mitarbeiterverhalten zielgerichtet
zu beeinfl ussen. Monolog-orientierte Führungsinstrumente gehen von der Führungskraft
aus und sind dazu geeignet, die Wünsche, Vorstellungen, Aufgaben etc. der Vorgesetzten
an Mitarbeiter zu übermitteln. Dialog-orientierte Instrumente dienen dem ziel- und ergeb-
nisorientierten Austausch von Führungskraft und Mitarbeiter. Nicht-verbale Instrumente
sind häufi g strukturell angelegt und damit gleichzeitig auch Führungssubstitute . Anreiz-
system e z. B. sind Führungssubstitute, die instrumentell eingesetzt werden können, um
Mitarbeiterver halten zielgerichtet zu beeinfl ussen. Prozessuale Instrumente sind metho-
denorientierte Ver fahren, die allerdings nicht strukturell angelegt sind, sondern situativ
zum Einsatz kommen.
6 Führungsinstrumente in der Praxis
243
6.6
Kontrollaufgaben
Aufgabe 6.1 Markieren Sie, ob die folgenden Aussagen richtig oder falsch sind!
Feedback ist ein Dialog-orientiertes Führungsinstrument.
Richtig □ Falsch □
Ein Personalbeurteilungsgespräch ist nur notwendig, wenn bei Mitarbeitern auf Basis
von Zielvereinbarungen der Zielerreichungsgrad festgestellt werden muss.
Richtig □ Falsch □
Die in der Prüfungsordnung verankerte Aussicht, dass man bei einem erkannten
Täuschungsversuch in einer Klausur durchfällt, ist ein negativer Verstärker des Verhaltens
„Schummeln“.
Richtig □ Falsch □
Aufgabe 6.2 Erklären Sie, in welchen Fällen Moderation ein geeignetes Führungs-
instrument ist, in welchen Fällen nicht.
Aufgabe 6.3 Was ist der Unterschied zwischen Moderation und Mediation ?
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6 Führungsinstrumente in der Praxis
245
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2016
U. Schirmer, S. Woydt, Mitarbeiterführung, BA KOMPAKT,
DOI 10.1007/978-3-662-47915-5_7
7
Soziale Verantwortung der Führungskraft
Lernziele
Dieses Kapitel vermittelt
• welche rechtlichen Vorschriften in Bezug auf den sozialen Umgang im Betrieb zu
beachten sind,
• was unter der Fürsorgepfl icht von Führungskräften zu verstehen ist,
• welche Verantwortung sich aus dem Gleichbehandlungsgesetz ergibt,
• wie Führungskräfte für die Beschäftigungsfähigkeit von sich selbst und ihren Mitar-
beitern sorgen können,
• welchen Beitrag Führungskräfte zur Gesunderhaltung ihrer Mitarbeiter leisten kön-
nen und
• wie man an der Work-Life-Balance arbeiten kann.
Führung muss sich im Kontext gesetzlicher, gesellschaftlicher und unternehmerischer
Anforderungen legitimieren. Führungskräfte haben nicht nur Weisungsbefugnisse, son-
dern auch Erfolgsverantwortung gegenüber dem Unternehmen und Fürsorgeverantwortung
gegenüber den Beschäftigten. Die Fürsorgepfl icht umfasst den Erhalt der qualifi katori-
schen, physischen und psychischen Beschäftigungsfähigkeit, sowohl für sich selbst als
auch für ihre Mitarbeiter sowie die Sicherstellung der fairen und wertschätzenden
Gleichbehandlung aller Mitarbeiter.
7.1
Sicherheit und Gesundheit
Mitarbeiter erbringen ihre Arbeitsleistung im Zusammenspiel mit anderen Menschen und
mit Maschinen. Dies beinhaltet per se die Gefahr von Unfällen und Verletzungen. Aus dem
Arbeitsverhältnis ergeben sich für den Arbeitgeber vor diesem Hintergrund weitergehende
246
Nebenpfl ichten, hier die Fürsorgepfl icht , die der Gestaltung humaner Arbeitsplätze und
damit dem Schutz der Mitarbeiter dient (vgl. im Folgenden Straub 2012 , S. 890 ff.).
7.1.1
Fürsorgepflicht
Unterschieden werden kann zwischen der allgemeinen Fürsorgepfl icht , die in § 618 Abs. 1
BGB als Generalklausel geregelt ist, und der speziellen Fürsorgepfl icht, die in den ein-
schlägigen öffentlich-rechtlichen Arbeitsschutzvorschriften formuliert ist und oftmals
bußgeldbewehrt ist.
Die allgemeine Fürsorgepfl icht verlangt vom Arbeitgeber, dass er Räume, Vorrichtun-
gen, Gerätschaften so einzurichten hat, dass das Leben und die Gesundheit der Arbeitnehmer
soweit geschützt sind, wie es nach der Natur der Arbeit möglich ist. Die Fürsorgepfl icht kann
der Arbeitgeber ebenso wie das Weisungsrecht auf seine Führungskräfte in deren Funktion
des Erfüllungsgehilfen delegieren. Zur allgemeinen Fürsorgepfl icht gehört auch, dass die
Führungskräfte dafür sorgen, dass das Eigentum der Arbeitnehmer, wie z. B. Armbanduhren,
Arbeitskleidung usw. unversehrt bleibt (vgl. Kreitner 2012 , S. 1311). Darüber hinaus ist die
Führungskraft auch dafür verantwortlich, dass Lohnsteuer und Sozialversicherungsbeiträge
ordnungsgemäß an die zuständigen Stellen abgeführt werden und dass sie ihre Mitarbeiter
ausreichend informiert. So z. B. über betrieblich gewährte Vergünstigungen oder die Voraus-
setzungen zur Inanspruchnahme von vermögenswirksamen Leistungen.
Im Rahmen der speziellen Fürsorgepfl icht müssen die Führungskräfte dafür sorgen, dass
die Vorgaben der sozialen und technischen Arbeitsschutzvorschriften eingehalten werden.
Die Umsetzung der Fürsorgepfl icht können die Führungskräfte durch eine arbeits-
schutzbezogene Gestaltung der Arbeitsplätze erreichen (vgl. Berthel und Becker 2013 ,
S. 539 ff.). Dazu gehört neben der Absicherung technischer Anlagen auch die Einhaltung
des sozialen Arbeitsschutzes, wie z. B. das Beachten der täglichen Höchstarbeitszeiten
oder notwendiger Ruhepausen. Weiterhin tragen eine bewusste ergonomische und physo-
logische Gestaltung der Arbeitsbedingungen sowie eine Reduktion der Belastungen durch
Umgebungseinfl üsse dazu bei, die Fürsorgepfl icht umzusetzen.
7.1.2
Work-Life-Balance
Work-Life-Balance wird oft mit „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ übersetzt. In die-
sem Sinne sind Betriebsprogramme gemeint, die durch Teilzeitmöglichkeiten, fl exible
Arbeitszeiten oder Arbeitsplätze (z. B. die Möglichkeit, auch zu Hause zu arbeiten),
Betreuungsangebote etc. Mitarbeitern das Arbeiten erleichtern wollen. Hauptzielgruppe
dieser Programme sind in der Praxis (und deren Vermarktung) in erster Linie Mütter. Doch
die Theorie bezieht auch Väter, Kinderlose und Singles in die Programme ein, denn Work-
Life-Balance bedeutet: Jedem zu ermöglichen, ein ausgewogenes Leben zwischen Arbeit
und Freizeit, sozialem und berufl ichem Engagement zu führen.
7 Soziale Verantwortung der Führungskraft
247
Zur Gestaltung der eigenen Work-Life-Balance gibt es einige Ratgeber-Literatur, die
Anleitung zur persönlichen Lebensplanung geben (z. B. Cassens 2003 ; Seiwert 2011 ;
Demann 2014 ; Seeger 2014 ).
Welche Elemente zur Work-Life-Balance gezählt werden, zeigt beispielhaft Abb. 7.1 .
Die einzelnen Lebensbereiche sind eng miteinander verknüpft und ihre Priorisierung wan-
delt sich im Lebensverlauf.
Manche Entscheidungen, die eine Führungskraft im Kontakt mit ihren Mitarbeitern
treffen muss, haben mit der Work-Life-Balance zu tun. Sei es beispielsweise, dass
Arbeitszeiten mit möglichen Kinderbetreuungszeiten in Einklang gebracht werden müs-
sen, oder dass zu entscheiden ist, ob einem Mitarbeiter ein unbezahlter Urlaub (z. B. für
ein „ Sabbatical “) gewährt werden kann.
Die wirtschaftliche Begründung dafür, dass Firmen auf die Work-Life-Balance ihrer
Beschäftigten Rücksicht nehmen sollten, ist: Krankheits- und Demotivationskosten zu
senken und ein attraktiver Arbeitgeber für attraktive (weil vielfältig interessierte, qualifi -
zierte und engagierte) Mitarbeiter zu sein.
7.1.3
Burnout-Prävention
1974 beschrieb der Psychoanalytiker Herbert J. Freudenberger im „Journal of Social
Issues“ anhand von Beobachtungen an sich selbst und anderen, wie aus aufopferungsvol-
len, pfl ichtbewussten und engagierten Mitarbeitern in helfenden Berufen (Ärzte,
Pfl egeberufe, Rettungsdienstpersonal, Lehrer, Sozialarbeiter, Erzieher) leicht reizbare und
ihren Klienten gegenüber zynische Mitarbeiter wurden. Er nannte dies „Staff Burnout “,
das „Ausbrennen von Mitarbeitern“. Lange war das Burnout-Syndrom den helfenden
Zeit-
Balance
Leistung,
Arbeit
Körper
Kontakt
Sinn
Gesundheit, Ernährung, Erholung,
Entspannung, Fitness,
Lebenserwartung
Schöner Beruf,
Geld, Erfolg,
Karriere,
Wohlstand,
Vermögen
Religion,
Liebe,
Selbstver-
wirklichung,
Erfüllung,
Philosophie,
Zukunftsfragen
Freunde, Familie, Zuwendung,
Anerkennung
Abb. 7.1 Work-Life-Balance -Modell. Quelle: vgl. Seiwert und Tracy ( 2001 , S. 29)
7.1 Sicherheit und Gesundheit
248
Berufen gewissermaßen vorbehalten, bis prominente Beispiele die Aufmerksamkeit dafür
schulten, dass das Syndrom jeden Beruf treffen kann. So beendete der Skispringer Sven
Hannawald deswegen 2004 seine Karriere, der Rapper Eminem sagte 2005 aus gleichem
Grund eine Tournee ab, Fußballtrainer Ottmar Hitzfeld und die Fernsehköche Tim Mälzer
und Johann Lafer begründeten damit jeweils eine Auszeit.
Burnout ist für die Betroffenen mit belastenden, oft rätselhaften Symptomen verbun-
den: Schlafl osigkeit, körperliche und emotionale Erschöpfung , anhaltende physische und
psychische Leistungs- und Antriebsschwäche, sowie der Verlust der Fähigkeit, sich zu
erholen (zur näheren Beschreibung von Burnout-Symptomen vgl. z. B. Schaufeli und
Enzmann 1998 ; Burisch 2014 ).
Burnout entsteht über längere Zeit mit zunehmender Schwere. Burisch ( 2014 ), dessen
Phasen-Modell in Abb. 7.2 beispielhaft aufgeführt wird, sagt: „Wer ausbrennt, muss wahr-
scheinlich einmal gebrannt haben.“ So gelten besonders engagierte Mitarbeiter als beson-
ders anfällig für Burnout.
Etwa neun Millionen Menschen sollen in Deutschland an Burnout-Symptomen leiden,
das ist mehr als jeder Zehnte. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat errechnet, dass
ein Burnout-Fall im Schnitt 30,4 Krankheitstage pro Jahr mit sich bringt. Eine Studie der
Betriebskrankenkassen ermittelte 2009 Ausfallkosten von 6,3 Milliarden €/Jahr, die je-
weils hälftig für die Behandlung und für den Schaden durch den Produktionsausfall ent-
stehen (vgl. Der Spiegel 24.01.2012).
Für Arbeitgeber ist Burnout in mehrfacher Hinsicht ein Kostenrisiko: Es führt nicht nur
zu Krankschreibung, Arbeitsunfähigkeit oder Frühverrentung und belastet dadurch
Arbeitsroutinen und Kollegen, sondern kann auch bei Anwesenheit Fehlleistungen oder
Fehleinschätzungen bei wichtigen Entscheidungen zur Folge haben. Zudem kann die mit
dem Burnout einhergehende zynische, abweisende Grundstimmung gegenüber Kollegen,
Klienten und der eigenen Arbeit schädlich für das Betriebsklima sein und nicht nur demo-
tivierend, sondern auch ansteckend sein. Arbeitsbedingungen zu schaffen, die Burnout
1.
Begeisterung und Idealismus für die Arbeit verbunden mit Hyperaktivität und dem
Gefühl der Unentbehrlichkeit
2.
Reduktion des Arbeitsengagements verbunden mit dem Verlust von Kontakten,
positiven Gefühlen und Empathie
3.
Emotionale Reaktionen verbunden mit der Suche nach dem oder den Schuldigen,
Aggression und depressive Gefühle
4.
Abbau (Leistungsknick) verbunden mit Antriebsverlust, Motivationsverlust und dem
Verlust der Kreativität
5.
Verflachung verbunden mit sozialem oder geistigem Rückzug
6.
Psychosomatische Beschwerden verbunden mit der Unfähigkeit zuentspannen
7.
Krise und Zusammenbruch verbunden mit einem Gefühl der Sinnlosigkeit des Lebens
Abb. 7.2 Phasen einer Burnout-Karriere. Quelle: Burisch ( 2014 , 26 ff.)
7 Soziale Verantwortung der Führungskraft
249
vermeiden, und Betroffene zu unterstützen, die an Burnout leiden, ist daher ein ökonomi-
sches Gebot. Und die Burnout-Prävention damit eine Aufgabe für Führungskräfte.
Prävention soll Ursachen bekämpfen. Die Burnout-Forschung hat dazu einen Katalog von
Risikofaktoren hervorgebracht, die der Person bzw. dem Umfeld zugeordnet werden, um
Ansatzpunkte für die Prävention aufzuzeigen. (vgl. u. a. Kernen 1999 ; Burisch 2014 , S. 52 ff.).
Zu den personenbezogenen Dispositionsmerkmalen zählen:
• hohe Stresssensitivität,
• schwach ausgeprägtes Selbstbewusstsein,
• gering ausgebildetes Problemlösungspotenzial,
• starkes Streben nach Perfektion,
• Negativbewertung des eigenen Tuns,
• Nichterkennen der eigenen Bedürfnisse,
• pessimistische Weltsicht,
• mangelnde Fähigkeit, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen.
Faktoren in der Arbeitsumgebung , die Burnout begünstigen, sind:
• Mangel an Feedback ,
• schlechte Teamarbeit ,
• Druck von Vorgesetzten,
• schlechte Arbeitsorganisation,
• mangelnde Ressourcen (Personal, Finanzmittel),
• problematische institutionelle Vorgaben und Strukturen,
• unzureichende Qualifi kation,
• zu lange Arbeitszeiten bei zu geringer Bezahlung,
• bürokratische oder politische Einschränkungen,
• Diskrepanz zwischen der Zielsetzung und dem Erreichten,
• geringer Handlungs- und Entscheidungsspielraum der Person,
• zu viele Aufgaben,
• Fehlen sozialer Unterstützung.
Zusammenfassend kann man sagen, dass es bei der Burnout-Prävention darum geht, von
zwei Seiten anzusetzen: Zum einen bei der subjektiv erlebten Arbeitsbelastung (Über-
bzw. Unterforderung) und zum anderen an den gegebenen Entscheidungs- und Gestal-
tungsräumen bei der Arbeit. Wenig zu tun zu haben und nichts daran ändern zu können,
macht krank (sog. Boreout), permanent unter Anforderungsdruck zu stehen und ihm nicht
ausweichen zu können, auch.
Als Führungskraft sollte man deshalb auf Mitarbeiter mit den genannten Dispositi-
onsmerkmalen besonders achten, ihnen Feedback und Unterstützung bei der Planung von
Arbeitspaketen geben und so zu einer realistischen Selbsteinschätzung bzw. Arbeitsplanung
beitragen.
7.1 Sicherheit und Gesundheit
250
Ebenso ist die Führungskraft Schlüsselfaktor bei Präventivmaßnahmen, die an den or-
ganisationalen Faktoren ansetzen. Angemessene Delegation , realistische Zielvorgaben,
gute Umgangsformen und durchdachte Arbeitsorganisation im eigenen Verantwortungs-
bereich sind ein wesentlicher Schlüssel.
7.1.4
Verhalten bei vermutetem Alkohol- und Drogenmissbrauch
Auch Alkohol- und Drogenmissbrauch können Folge einer ungünstigen Kombination von
personenbezogenen Dispositionsmerkmalen und organisationalen Belastungsfaktoren bei
der Arbeit sein. Auf weitere Suchterkrankungen , wie Spielsucht, Magersucht o. ä. einzu-
gehen, würde den Rahmen dieses Buches sprengen, für eine Systematik vgl. die Website
( www.sucht.de ) des Fachverbands Sucht e.V. Dort fi nden sich für viele Suchtarten sog.
„Daten und Fakten“-Blätter zum Download, die regelmäßig aktualisiert werden.
Am Beispiel Alkohol soll auf wesentliche Verhaltensregeln im betrieblichen
Kontext eingegangen werden (vgl. dazu das folgende Beispiel einer Dienstvereinbarung).
Praxis
Dienstvereinbarung zur betrieblichen Suchtprävention der Ruhr-Universität
Bochum
Alkohol verursacht betriebswirtschaftlich relevante Kosten durch:
• schlechte Arbeitsleistung bzw. -qualität
• mit fortschreitendem Krankheitsverlauf sinkt die Arbeitsleistung weiter, Fehlentschei-
dungen nehmen zu
• Fehlzeiten: Alkoholkranke sind 2,5-mal häufi ger krank als andere Beschäftigte, sie
bleiben 16-mal häufi ger fern als andere Beschäftigte;
• Verschlechterung des Arbeitsklimas
Alkohol ist ein Sicherheitsproblem für alle:
• 15 – 25 % der Arbeitsunfälle geschehen unter Alkoholeinfl uss,
• die Betroffenen brauchen die 1,4-fache Zeit, um wieder zu gesunden,
• Alkoholkranke sind 3,5-mal häufi ger in Arbeitsunfälle verwickelt
• die Anzahl von alkoholbedingten Verkehrsunfällen steigt
Es gibt kein einheitliches Erscheinungsbild der Alkoholkrankheit.
Wenn aber jemand:
• auffallend trinkfreudig ist
• schnell trinkt
• schon morgens trinkt bzw. in der Mittagspause eher trinkt statt isst,
• vermehrt „Atemreiniger“ verwendet,
• regelmäßig bzw. häufi g seinen Arbeitsplatz (nicht arbeitsbedingt) verlässt,
• Führungskräften aus dem Weg geht,
• häufi g Kurzerkrankungen hat,
7 Soziale Verantwortung der Führungskraft
251
• wiederholt ohne Voranmeldung Kurzurlaub nimmt,
• am Wochenanfang häufi g fehlt,
• sich über Dritte entschuldigen lässt (Partner/-in),
• in seiner Leistung nachlässt
und in seiner psychischen Befi ndlichkeit folgende Merkmale aufweist:
• extreme Stimmungsschwankungen bzw. Niedergeschlagenheit
• Selbstüberschätzung
• mangelnde Kritikfähigkeit
• Selbstmitleid
• Desinteresse
• Unzufriedenheit
• Minderwertigkeitsgefühle
• Kontaktarmut
• Willensschwäche
• herabgesetzte Hemmschwelle, z. B. lautes unkontrolliertes Reden, anpöbeln
• verkrampfte Arbeitsweise
• Argwohn
dann besteht ein großer Verdacht auf eine Gefährdung oder Abhängigkeit.
Alkoholkranke brauchen konsequente Führungskräfte.
Bei Auffälligkeiten (s.o.) fi ndet der 5-Stufenplan gemäß Anlage 1 Anwendung. Die
dieser Anlage beiliegende Checkliste ist für jeden Einzelfall nachzuweisen und zu der
Teilakte der Personalakte zu nehmen.
Quelle: Ruhr Universität Bochum 2001
Der vorstehend erwähnte „5-Stufenplan“ sieht folgende Schritte vor:
1. Stufe : Vertrauliches Konfrontationsgespräch zwischen Vorgesetztem und Betroffenem.
Dabei soll die Führungskraft die Fakten (wann, wo, wie gesehen) klar benennen, ihre
Erwartungen bezüglich Arbeits- und Sozialverhalten deutlich darlegen und klare
Absprachen treffen, auf Beratungsmöglichkeiten hinweisen und die Konsequenzen aufzei-
gen. Dem Betroffenen ist unmissverständlich zu sagen, dass sein suchtbedingtes Verhalten
zum Verlust des Arbeitsplatzes führen kann und dass er in der nächsten Zeit unter erhöhter
Beobachtung steht. Es wird ein dreimonatiger Beobachtungszeitraum vereinbart, in dem
alle vier Wochen ein Gespräch geführt wird. Nach weiteren drei Monaten würde dann das
Gesprächsprotokoll vernichtet. Im negativen Fall greifen die nachfolgenden Stufen.
2. Stufe : Erweitertes Konfrontationsgespräch zwischen Vorgesetztem und Betroffenem
unter Beteiligung eines Suchtberaters und ggf. des Betriebsärztlichen Dienstes bzw.
der Fachkraft für Arbeitssicherheit. Anschließend sind für drei Monate wöchentliche
Gespräche zu führen.
3. Stufe : Mündliche Abmahnung unter zusätzlicher Beteiligung der Personalabteilung
und des Personal- bzw. Betriebsrats. Das Protokoll muss vom Betroffenen unterzeich-
net werden und kommt in die Personalakte.
7.1 Sicherheit und Gesundheit
252
4. Stufe : Tritt nach vier Wochen keine Besserung ein, gibt es ein erneutes Gespräch mit
den Beteiligten aus Stufe 3 und Übergabe einer schriftlichen Abmahnung.
5. Stufe : Kommt es in den folgenden drei Monaten erneut zu Auffälligkeiten, kann ge-
kündigt werden.
Suchtverhalten ist eine häufi ge Begleiterscheinung von Stress. Die Gefährung von Füh-
rungskräften ist dabei ähnlich groß, wie die von Mitarbeitern (vgl. u. a. Stauder 2009 ).
Alkoholmissbrauch ist insbesondere deshalb mit erhöhter Aufmerksamkeit und Konse-
quenz zu betrachten, weil die verminderte Risikowahrnehmung andere Menschen gefähr-
det (vgl. u. a. VBG 2014 ).
7.1.5
Verhalten bei Mobbing
„Der Begriff Mobbing beschreibt negative kommunikative Handlungen, die gegen eine
Person gerichtet sind (von einer oder mehreren anderen) und die sehr oft und über einen
längeren Zeitraum hinaus vorkommen und damit die Beziehung zwischen Opfer und Täter
kennzeichnen.“ (Leymann 2013 , E-Book-Kap. ‚Arten des Angriffs‘)
Die Behauptung, man würde gemobbt, wird heute vielfach genauso leichtfertig gäußert
wie die, dass man an einem Burnout leide. Daher ist es wichtig, die Defi nitionsmerkmale
von Mobbing deutlich herauszuarbeiten.
Unfreundliches Verhalten von Kollegen oder Vorgesetzten kommt vor. Dass man bei
Beförderungen übergangen wird, beim Begrüßen übersehen wird, kommt vor. In den
meisten Fällen handelt es sich dabei um Singularakte. Ähnlich ist es mit sexueller
Belästigung, Gewalt und Diskriminierung . Diese sind meist auch Singularakte und da-
mit kein Mobbing; sie sind jedoch aus anderen Gründen (vgl. Abschn. 7.2 ) konsequent zu
unterbinden.
Bei der Frage, was Mobbing ist und was nicht, helfen folgende Abgrezungskriterien
(vgl. Merk 2014 , S. 6):
• Systematik bzw. Zielgerichtetheit der Handlungen
• Zeitdauer der Handlungsfolgen
• regelmäßige Wiederholung der Handlungen
• asymmetrische Rollenverteilung der Beteiligten/Unterlegenheit des Betroffenen
Praxis
Auszug aus der Systematik zur Erfassung möglicher Mobbinghandlungen (nach
Zuschlag 1997)
1. Eingriffe in die Kommunikationsmöglichkeiten am Arbeitsplatz
1.1. Eingriffe von Vorgesetzten
1.1.1. Einschränkung der Möglichkeiten, sich zu äußern
7 Soziale Verantwortung der Führungskraft
253
z. B. Beschränkung von Duchwahl-Freiheiten, ständiges Unterbrechen,
Anschreien, lautes Schimpfen, Kontaktverweigerung durch abwertende
Blicke oder Gesten
1.1.2. Einschränukung der Möglichkeit, kontaktiert zu werden
z. B. Zensur eingehender Post, Isolierung von Kundenkontakten durch
Veränderung des Arbeitsgebiets
1.2. Eingriffe durch Kollegen
1.2.1. Aktive Behinderung der Kommunikation
z. B. nicht mehr zu Besprechungen einladen, wie Luft behandeln
1.2.2. Passive Kommunikationsverweigerung
z. B. Anfragen nicht beantworten, vom Informationsfl uss abschneiden
1.3. Eingriffe durch Mitarbeiter
1.4. Eingriffe von Externen (wie Geschäftspartnern, Verbänden, Institutionen)
2. Ständige Kritik
2.1. Kritik am arbeitsplatzbezogenen Verhalten
z. B. Leistung, Motivation, Verhalten, Karriereaktivitäten, Fehlzeiten
2.2. Kritik an Einstellungen und Interessen
z. B. politische, religiöse Anschauung, Freizeitgestaltung, Hobbies
2.3. Kritik am Erscheinungsbild
2.4. Kritik am Privatleben
2.5. Kritik am Gesundheitsverhalten
z. B. Essgewohnheiten, Trinkverhalten, Körperpfl ege, Rauchen
2.6. Kritik am Sozialverhalten
3. Angriffe auf die Gesundheit
3.1. Gesundheitsschädliche Beschäftigung
z. B. Staubexposition, Überstunden, Schichtdienst
3.2. Diffamierung und Kompromittierung
3.2.1. Hinter dem Rücken des Betroffenen schlecht über ihn sprechen
3.2.2. Böse Gerüchte über jemanden verbreiten
z. B. Diebstahl, Untreue, Homosexualität, Affaire mit dem Vorgesetzten
3.2.3. Jemanden lächerlich machen (z. B. nachäffen)
3.2.4. Jemanden wegen seiner Hautfarbe verunglimpfen
3.2.5. Arbeitseinsatz oder Arbeitsleistung herabsetzen
3.2.6. Entscheidungen des Betroffenen in Frage stellen
3.3. Körperliche Angriffe
3.3.1. Sexuelle Belästigung, z. B. obszöne Witze, sexuelle Angebote
3.3.2. Körperliche Gewalt ausüben, z. B. Ohrfeigen, Wegschubsen
3.4. Psychoterror (schriftlich, mündlich, telefonisch)
4. Eingriffe am Arbeitsplatz
4.1. Arbeitsbedingungen verschlechtern
z. B. unerfreuliche oder kränkende Arbeiten, ständig neue Aufgaben
7.1 Sicherheit und Gesundheit
254
4.2. Arbeitserfolge torpedieren
z. B. Unterlagen/Werkzeuge verstecken, peinliche Vorgänge unterschieben,
Ergebnisse verfälschen, Unordnung schaffen, Fehlbestellungen veranlassen
4.3. Versetzung, Pensionierung, Kündigung
z. B. grundlos, vorzeitig, zu verschlechterten Bedingungen
Quelle: Zuschlag, Berndt: Mobbing – Schikane am Arbeitsplatz. 2. Aufl . Göttingen
1997. zirtiert bei Merk 2014 , S. 163 ff.
Mobbing ist ein gruppendynamisches Phänomen . Dies zeigt auch seine etymologische
Wurzel: Das Substantiv „Mob“ ist eine Abkürzung des lat. „mobile vulgus“, übersetzbar mit
„wankelmütige Menschenmenge“. „Mob“ fasst als abwertendes Bild Zusammenläufe niedri-
gerer Gesellschaftsschichten, die sich mal vom einen, mal vom anderen mitreißen lassen.
Damit ist „Mob“ geradezu das Gegenteil von einer aufgabenbezogen organisierten und sich
selbst regulierenden Gruppe am Arbeitsplatz (Eisermann und de Constanzo 2012 , S. 14). Für
Mobbing, das vom Vorgesetzten ausgeht, hat sich in Analogie der Begriff „Bossing“ etabliert.
Der deutsche Mobbing-Report von 2002 nennt als Mobbingfolgen : Krankheit (43.9 %),
freiwilliger Arbeitsplatzwechsel im Betrieb (30.8 %) und die eigene Kündigung (22.5 %)
(Meschkutat et al. 2002 , S. 81).
Wenn die Gruppe am Arbeitsplatz zum Mob wird, ist die Führungskraft gefordert, ein-
zuschreiten. Rechtliche Grundlage hierfür ist die Richtlinie 89/391/EWG des EU-Rats
vom 12. Juni 1989, die den Arbeitgeber verpfl ichtet, dafür zu sorgen, dass die Beschäftigten
nicht unter der Arbeit leiden.
Merk ( 2014 , S. 101 ff.) empfi ehlt eine Reihe von „ Maßnahmen gegen Mobbing von
Seiten des Arbeitgebers “. Einige davon seien hier genannt:
• Informations- und Aufklärungskampagnen
• Schulung der Entscheidungsträger
• Einrichten einer Mobbingansprechstelle
• Betriebsvereinbarung über Mobbing
• Vorleben und Fördern eines kooperativen Führungsstils
• Schulung der Vorgesetzten in der Wahrnehmung und Diagnose von Konfl ikten sowie
Techniken der Gesprächsführung und Mediation
• gezieltes Angstmanagement (z. B. vor Fehlern, Unfällen, Über- oder Unterforderung,
Macht- oder Wertschätzungsverlust)
• Entwickeln einer Leitlinie zu Interventionsmöglichkeiten bei Mobbing
7.2
Gleichbehandlung
Mitarbeiter fair und gleich zu behandeln, ist ein ethisch-moralisches Gebot, dem sich wohl
kaum jemand bewusst verschließen wird. Unbewusst jedoch wird die Umsetzung oft von
persönlichen Prägungen, situativen Fehldeutungen und kulturellen Erwartungen behindert.
7 Soziale Verantwortung der Führungskraft
255
Wie reagiert man spontan, wenn ein geistig behinderter Arbeitnehmer einen umarmen
will, eine aufreizend gekleidete Frau sich über sexuelle Belästigung beschwert oder beim
gemeinsamen Kantinenessen ein Schwulenwitz den nächsten jagt?
Gleichbehandlung ist mehr als Gleichberechtigung . Allen Bürgern gleiche Rechte
zuzugestehen, z. B. das Wahlrecht über 18 Jahren, ist etwas anderes als alle Bürger gleich
zu behandeln, z. B. alle über 18-Jährigen als eigenverantwortliche Erwachsene anzusprechen.
Der Gegenbegriff zur Gleichbehandlung ist Diskriminierung , von lat. discrimen
„Trennendes, Unterschied“. Der Etymologie-Duden übersetzt „diskriminieren“ mit „je-
manden von anderen absondern, ihn unterschiedlich behandeln und damit in den Augen
anderer herabsetzen“.
7.2.1
Geschichte des Gleichbehandlungsrechts
Mit der Einführung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) 2006 wollte
der Gesetzgeber das Bewusstsein für die Diskriminierung von Menschen schärfen und die
Situation der Betroffenen stärken.
In § 1 werden als Diskriminierungsmerkmale aufgeführt: Rasse, ethnische Herkunft,
Geschlecht, Religion, Weltanschauung, Behinderung, Alter, sexuelle Identität . Diese Merk-
male können zu unmittelbarer Benachteiligung führen, wenn eine Person aufgrund des
Merkmals eine Begünstigung nicht erhält, die andere erhalten. Zu mittelbarer Benachteiligung
führen sie, wenn scheinbar neutrale Kriterien eine Personengruppe benachteiligen, die diese
Kriterien üblicherweise gar nicht erfüllt.
Historisches Beispiel für die mittelbare Benachteiligung ist der Fall des Unternehmens
Duke Power Co, das nach der Verabschiedung des US-amerikanischen Antidiskriminie-
rungsgesetzes ihre Einstellungspolitik „Whites only“ dahin gehend änderte, dass ein High
School-Abschluss bzw. das Bestehen eines internen „Ability Tests“ Zugangsvoraussetzung
zu Arbeitsstellen war. In einem Gerichtsurteil von 1971 wurde festgestellt, dass dieses
geforderte Ausbildungsniveau für eine ausgeschriebene Stelle gar nicht notwendig und
damit „mittelbar diskriminierend“ war, weil es die Mehrheit der schwarzen Bewerber (die
damals typischerweise keinen High School-Abschluss erreichten) von vornherein aus-
schloss (vgl. Schiek 2011 , S. 42). Unmittelbare Diskriminierung wäre z. B. die Absage an
eine grundsätzlich geeignete Bewerberin unter Hinweis auf ihren möglichen späteren
Arbeitsausfall wegen Schwangerschaft.
Das AGG verpfl ichtet Arbeitgeber zur Schulung ihrer Mitarbeiter in Sachen Gleichbe-
handlung und erklärt Vereinbarungen für unwirksam, die gegen Diskriminierungsvor-
schriften verstoßen. Außerdem spricht es Betroffenen einen Schadensersatzanspruch zu
und kehrt die Beweislast um, d. h. dass Arbeitgeber im Klagefall nachweisen müssen,
nicht diskriminiert zu haben.
Vor allem das letztgenannte Sanktionsrisiko ist die ökonomische Begründung dafür,
warum sich jeder Handlungsbevollmächtigte mit dem Thema Gleichbehandlung beschäf-
tigen muss.
7.2 Gleichbehandlung
256
Rückblickend betrachtet ist das Gleichbehandlungsgebot in Deutschland bereits seit
1949 mit dem Grundgesetz (GG) verankert. Es schützt in Art. 1 die Würde des Menschen,
in Art. 2 die freie Entfaltung der Persönlichkeit und bejaht in Art. 3 die grundsätzliche
Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz ( Gleichberechtigung ). 1957 wurde Art. 3 um
die explizite Aussage „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ ergänzt sowie um das
Gebot, dass niemand aufgrund des Geschlechts, der Abstammung, der Rasse, der Sprache,
der Heimat und Herkunft, des Glaubens, der religiösen oder politischen Anschauungen
benachteiligt oder bevorzugt und niemand wegen einer Behinderung benachteiligt werden
darf (Benennung möglicher Diskriminierungsmerkmale). 1994 wurde in Art. 3 GG die
Ergänzung aufgenommen: „Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleich-
berechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender
Nachteile hin.“ Damit wurde das Streben nach Gleichbehandlung erstmals verfassungs-
mäßig verankert.
1998 wurde das Gleichbehandlungsgebot für Frauen und Männer in § 611a, b BGB
aufgenommen. Dieser Paragraf existiert heute nicht mehr, weil das weiter reichende AGG
in Kraft getreten ist.
Das AGG ist das Ergebnis der Umsetzung der europäischen Antidiskriminie-
rungsrichtlinien, die seit 2003 verabschiedet wurden (vgl. hierzu Oechsler und Klarmann
2008 , S. 24).
Die rechtliche Neuerung von § 611a, b BGB bzw. des AGG war vor allem, dass die
nach dem GG schon immer bestehenden Gleichbehandlungsgebote auch für die
Privatwirtschaft verpfl ichtend wurden. Als ethisch-kulturelle Neuerung kann man den
Umstand bezeichnen, dass das Thema Gleichbehandlung von der „Frauen-Perspektive“
erweitert wurde auf vielschichtigere Diskriminierungsmerkmale, von denen auch mehrere
auf eine Person zutreffen können. Neu war dabei insbesondere die Aufnahme des
Diskriminierungsmerkmals „sexuelle Identität “ als schützenswertes Gut, nachdem männ-
liche (sic!) Homosexuelle noch bis 1994 – dem Jahr als § 175 StGB aufgehoben wurde –
mit strafrechtlicher Verfolgung rechnen mussten.
Zum 01.01.2016 trat das „Gesetz für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und
Männern an Führungspositionen in der Privatwirtschaft und im öffentlichen Dienst“
in Kraft. Diese Umsetzung der sog. Frauenquote in den Führungsetagen war in der
deutschen Wirtschaft ungefähr so beliebt wie der Mindestlohn (vgl. Hamann 2016 ).
Bei Einführung betrug der Frauenanteil in den Aufsichtsräten der TOP-160 Unter-
nehmen in Deutschland 18,9 %. Aufsichtsratsvorsitzende waren gar nur fünf Frauen
aus 160 Aufsichtsräten (ca. 3 %) und von den Vorständen waren 5,8 % weiblich (vgl.
BMFSFJ und BMJV 2015 , S. 1). Mit dem Gesetz sollte ein Signal gesetzt werden.
Einzige Sanktion bei Nichtbeachtung ist, dass Aufsichtsratsplätze unbesetzt bleiben,
bis eine geeignete Quotenfrau (bzw. in ferner Zukunft auch ein Quotenmann) gefun-
den ist.
7 Soziale Verantwortung der Führungskraft
257
7.2.2
Auswirkungen des AGG auf das Personalmanagement
§ 11 AGG regelt die Pfl ichten des Arbeitgebers. Er muss
• Maßnahmen zum Schutz vor Benachteiligung treffen, auch vorbeugende,
• in Schulungen auf die Unzulässigkeit von Benachteiligungen hinweisen,
• darauf hinwirken, dass Benachteiligungen unterbleiben,
• bei Verstößen gegen das Benachteiligungsverbot geeignete Maßnahmen ergreifen, wie
Abmahnung, Umsetzung, Versetzung oder Kündigung
• auch bei der Benachteiligung durch Dritte (z. B. Kunden, Kollegen) geeignete Maß-
nahmen ergreifen,
• über die Regelungen des AGG allgemein informieren, z. B. durch Aushang an geeigne-
ter Stelle.
Zu den Maßnahmen, die ein Arbeitgeber ergreifen kann bzw. muss, gehören entsprechen-
de Führungsgrundsätze , Einrichtung einer Beschwerdestelle, systematische Schulung der
Führungskräfte und die diskriminierungsfreie Gestaltung des personalpolitischen Instru-
mentariums (vgl. Abb. 7.3 ).
Oechsler und Klarmann ( 2008 ) zeigen auf, wie personalpolitische Instrumente gestaltet
sein sollten, damit sie wenig anfällig für unmittelbare und/oder mittelbare Diskriminierung
sind:
• Personalbeschaffung und -auswahl
– Durchführung einer Arbeitsanalyse zur Ermittlung aufgabenorientierter Merkmale
(statt verhaltens- oder eigenschaftsbezogener Merkmale)
– geschlechtsneutrale Stellenausschreibungen
– Stellenausschreibungen in Medien, die keine geschlechterspezifi sche Verzerrung im
Leserkreis haben
– Verzicht auf Auswertung nicht tätigkeitsrelevanter biografi scher Daten, Verzicht auf
Einholung von Bewerbungsfotos
– interne und externe Ausschreibung von Stellen (um bestehende Verhältnisse nicht
einfach zu reproduzieren)
– Einsatz möglichst standardisierter Interviews
Entgelt-
findung
Personal-
beurteilung
Personal-
entwicklung
Personal-
auswahl
Leistungs-
prozesse
Abb. 7.3 Personalpolitische Instrumente. Quelle: Oechsler und Klarmann ( 2008 , S. 28.)
7.2 Gleichbehandlung
258
– Dokumentation der Auswahlkriterien und Ergebnisse für Zertifi zierungen oder evtl.
Beweislastfälle
– neutrale Formulierung von Absagen
• Personalbeurteilung mithilfe von Verfahren, die
– sich auf nachvollziehbare Leistungsprozesse beziehen (statt auf Einstufungen nach
Persönlichkeits- oder Verhaltensmerkmalen)
– erfolgskritische Ziele , Resultate und Tätigkeitsinhalte darstellen,
– argumentations- und diskussionszugänglich sind.
• Entgeltfi ndung
– sachliche Differenzierungsgründe für eine unterschiedliche Behandlung in Sachen
Entgelt sind: Leistungsanforderung und Leistungserfüllung, Dauer der Betriebszuge-
hörigkeit, Lebensalter, Schwerbehinderteneigenschaft, Familienstand, Umfang der
Arbeitszeit, berufl iche Qualifi kation, Bestand des Arbeitsverhältnisses an einem be-
stimmten Stichtag, Zugehörigkeit zu einem stillgelegten Betrieb.
– mittelbare Diskriminierung kann vorliegen, wenn Arbeitsbewertungsverfahren wirt-
schaftlich nicht zu rechtfertigende Anforderungsmerkmale überbewerten, die
vornehmlich von einer Beschäftigtengruppe erbracht werden. Dies kann z. B. ange-
nommen werden, wenn das Merkmal „körperliche Arbeit“ höher vergütet wird als
die wirtschaftlich ebenso relevante „Präzisionsarbeit“, die häufi g von Frauen in der
Produktion ausgeführt wird. Ein Indiz ist, wenn der Frauen- oder Ausländeranteil in
Berufsgruppen mit Niedriglohn ausgesprochen hoch ist.
• Personalentwicklung
– Überprüfung der Instrumente der Potenzialanalyse im Hinblick auf evtl. stereotype
Beurteilungskriterien (z. B. Orientierung an männlichen Führungsbildern bei
Assessment-Center-Übungen).
– Dokumentation der Entscheidungsgründe für eine Beförderung bzw. für die
Ermöglichung der Teilnahme an einer Weiterbildung.
– Einrichtung eines systematischen Weiterbildungs- und Beförderungsmanagements
(statt Spontan- oder Sympathieentscheidungen).
Diese Instrumente zu entwickeln, zu überprüfen und diskriminierungsfrei zu gestalten, ist
vornehmlich Aufgabe der Unternehmensleitung bzw. der Personalabteilung. Sie aber dis-
kriminierungsfrei einzusetzen, ist Aufgabe der Führungskraft .
7.2.3
Gender Mainstreaming
Gender Mainstreaming bedeutet, bei allen gesellschaftlichen Vorhaben die unterschied-
lichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern von vornherein und
regelmäßig zu berücksichtigen, da es keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit gibt (vgl.
http://www.bmfsfj.de , Doblhofer und Küng 2008 ; Klenk 2015 ).
„Gender“ ist das soziale Geschlecht, die erlernte Geschlechterrolle (in Abgrenzung
zu engl. „sex“ als biologisches Geschlecht) und „Mainstreaming“ bedeutet: zum Haupt-
strom machen, ins Bewusstsein bringen.
7 Soziale Verantwortung der Führungskraft
259
Hintergrund
Emanzipation und Gleichberechtigung
Ende des 19. Jh. entstand im Gefolge der sozialistischen Bewegung, in den USA auch
der Anti-Sklaverei-Bewegung, die sog. Frauenrechtsbewegung , deren Bestreben die
Gleichberechtigung (Wahlrecht, Recht auf Erwerbsarbeit und Studium) war. Die
Erfolge dieser ersten Welle der Frauenbewegung in Deutschland waren 1918 die
Einführung des aktiven und passiven Wahlrechts für Frauen (in Wyoming 1869, in
Saudi-Arabien 2015) sowie die Zulassung zum Studium. Das Herzogtum Baden war
1900 das erste deutsche Land, das Frauen zum Studium zuließ, nachdem Frauen zu-
vor und auch noch längere Zeit in anderen deutschen Ländern, nur als Gasthörerinnen
bzw. mit Ausnahmegenehmigungen studieren durften. Bayern erlaubt seit 1903,
Württemberg seit 1904, Preußen seit 1908 die Immatrikulation von Frauen. Lag die
Frauenquote unter den Studierenden anfänglich bei 3 %, liegt sie heute, 100 Jahre spä-
ter, bundesweit insgesamt um die 48 %.
Ab den 1960er-Jahren begann die zweite Welle der Frauenbewegung, die als sog.
Emanzipationsbewegung mit der Studentenbewegung und deren Kampf gegen das
bürgerliche Establishment verbunden war. Ihr Anliegen war die Infragestellung der
Geschlechterhierarchie sowie die körperliche Selbstbestimmung und Enttabuisierung
von Themen wie Sexualität, Missbrauch und Schwangerschaftsabbruch. Erfolge waren
Arbeitsschutzgesetze für Schwangere, Abschaffung der Hausfrauen-Ehe als Leitbild,
Änderung im Namensrecht bei Eheschließung, Aufhebung der Schuldfrage im
Scheidungsfall, Initiativen zur Fristenregelung beim Schwangerschaftsabbruch, Frauen-
för derungsprogramme in Forschung, Politik und Wirtschaft.
Der Beginn der dritten Welle der Frauenbewegung lässt sich auf die 1990er-Jahre
datieren und durch einen Generationswechsel begründen. Anliegen ist, antifeministi-
sche Strömungen zu entkräften, das altbacken-kämpferisch anmutende Image der 68er
zu überwinden und die Gleichbehandlung von Frauen (und allen Menschen) weiter zu
stärken. Letztes ist im Begriff Gender Mainstreaming gefasst.
Quelle: Timeline auf http://womensuffrage.org , s.a. Karl 2009 ; Karl 2011 ; Lenz
2009
Gender Mainstreaming ist ein politisches Konzept, das die Benachteiligung von Frauen
aufheben will. Die Existenz von Benachteiligung wird daran deutlich, dass Frauen nicht
entsprechend ihrem Bevölkerungsanteil an Macht und Einkommen beteiligt sind.
▶ Defi nitionen Gleichheit, Differenz und Dekonstruktion
Das Konzept der Gleichheit strebt eine absolute Gleichbehandlung an: Frauen müssen
wie Männer behandelt werden (Türken wie Deutsche, Heteros wie Homos). Das bedeutet
z. B. egalitäre Verteilung von Familienarbeit, Quotierung von politischen und berufl ichen
Positionen und konsequente Verfolgung jeder Diskriminierung . Daraus resultiert das sog.
Gleichheits-Dilemma: Ungleiches gleich zu behandeln, führt zu Ungleichheit. Zur Illustra-
tion diene ein Vergleich mit dem Sport, bei dem Männer und Frauen in einer Disziplin ge-
geneinander antreten.
7.2 Gleichbehandlung
260
Das Konzept der Differenz stellt auf die Unterschiede zwischen den Ge schlechtern
ab: Frauen haben spezifi sche Merkmale und diese Merkmale müssen z. B. bei der Perso-
nalauswahl oder Entgeltfi ndung als eigenständiges Potenzial gewichtet werden. Kritiker
betonen, dass diese „Ikonisierung des Weiblichen“ zur Festschreibung von Klischees
führt, die schon immer dazu beigetragen haben, Frauen besondere Arbeiten zuzuweisen
(Hausarbeit, Sekretariat, Pfl ege, Konfl iktlösung) und sie von gesellschaftlichen Machtpo-
sitionen fernzuhalten. Das Differenz-Dilemma besagt: Wenn Entscheidungen ausschließ-
lich durch Unterschiede begründet werden, wird das Stigma der Abweichung dadurch
verstärkt.
Das Konzept der Dekonstruktion lehnt jede Legitimation durch Gruppenei-
genschaften ab und betont die Grundsätzlichkeit von Interessenskonfl ikten zwischen Indi-
viduen. Statt einen „blau-rosa Code der Zweigeschlechtlichkeit“ zu konstruieren, stellt es
die dekonstruierende Frage „was die Arbeiterin, die lesbische Studentin, die Direktoren-
gattin und ihre türkische Putzfrau eigentlich verbindet“ (Knapp 2011 , S. 74). Antwort:
Nicht viel mehr (oder weniger) als den Bankkaufmann und die Arbeiterin. Das Dekonst-
ruktions-Dilemma: Wenn man Fragestellungen zu sehr individualisiert, gibt es keine ver-
allgemeinernden Aussagen mehr, die politische Veränderungen bewirken können.
Die Dilemmata zeigen, dass mit einem Ansatz allein keine demokratisch tragfähigen
Lösungen entwickelt werden können. Man muss akzeptieren, dass man Gleichheit er-
reicht, indem man Unterschiede erforscht und aufzeigt. Gleichzeitig muss man allerdings
darauf achten, die Unterschiede nur als Illustration eines Phänomens, nicht aber als ge-
setzte Wirklichkeit zu behandeln.
Quelle: Knapp ( 2011 , S. 71 ff.)
Das Bundesamt für Statistik erhebt die Verdienststruktur in Deutschland, das wirtschafts-
und sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung stellt die Daten auf-
bereitet zusammen (online auf www.wsi.de ). Für das Berichtsjahr 2014 fi nden sich
folgende Angaben [Abruf 2016-04-15]:
• 84 % der erwerbstätigen Männer und 47 % der Frauen arbeiten Vollzeit, der jeweilige
Rest in Teilzeit, geringfügig oder befristet beschäftigt. Diesen Unterschied bezeichnet
man als „ Gender Time Gap “.
• Der Bruttostundenverdienst der Frauen liegt 21,6 % unter dem der Männer. Diese Quote
wird als „ Gender Pay Gap “ bezeichnet.
• 21 % der Frauen mit Hochschulabschluss haben eine Führungsposition, im Vergleich
zu einer Quote von 32 % bei männlichen Hochschulabsolventen. Sie erhalten auch bei
gleicher Hierarchiestufe ein deutlich geringeres Gehalt: eine weibliche (Haupt-)
Abteilungsleiterin erhält im Schnitt € 3.700 Euro monatlich, Männer in derselben
Position dagegen € 5.200 (Angaben nicht von Destatis, sondern durch das WSI selbst
erhoben über das Projekt „lohnspiegel.de“).
7 Soziale Verantwortung der Führungskraft
261
Befürworter der Frauenförderung sagen, dass aufgrund der geringen Anzahl von Frauen
in höheren politischen und wirtschaftlichen Positionen deren Interessen entsprechend
schlechter vertreten werden.
Seit dem 01.01.2016 gilt das Gesetz für die Frauenquote in obersten Leitungsgremien
und zwar in Höhe von 30 % für neu zu besetzende Aufsichtsratsposten in etwa 100 großen
Unternehmen. Etwa 3500 weitere Unternehmen sind nach dem Gesetz verpfl ichtet, sich
eigene Zielgrößen zur Erhöhung des Frauenanteils in Aufsichtsräten, Vorständen und
obersten Management-Ebenen zu setzen. (Angaben vgl. http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/
gleichstellung,did=88098.html [2016-04-15]
7.2.4
Genderforschung
Genderforschung kann als Fachdisziplin zur Erforschung von Entstehen, Relevanz,
Geschichte und Praxis der Geschlechterdifferenz bezeichnet werden. Dazu zählen
Forschungsfragen aus folgenden Bereichen:
• Doing Gender : wie Geschlechterdifferenz durch Erziehung, Schule, Gesellschaft etc.
erzeugt wird und wie typisch männliche/weibliche Verhaltensnormen entstehen,
• Soziale Ungleichheit : wie und wo es im Beruf und in Sozialpolitik usw. zu Benach-
teiligung wegen des Geschlechts kommt, z. B. welche Rahmenbedingungen weibliche
Erwerbstätigkeit fördern oder behindern,
• Soziale Phänomene : Patriarchat, Matriarchat, Frauenwahlrecht, aber auch: Verschrän-
kung der Differenzachsen Geschlecht, Klasse/Schicht/Milieu, Ethnizität/Rasse,
Sexualität etc.,
• Geschlechterpädagogik : z. B. mit welchen Lehrmethoden Mädchen besser Zugang zu
naturwissenschaftlichen Fächern fi nden,
• Queer-Theorie : Erforschung der Konstruktion sexueller Identität ,
• Soziomedizin : welche geschlechtstypischen Unterschiede bei Diagnose, Verlauf und
Therapie von Krankheiten zu beachten sind,
• Kunst : Wie Geschlecht medial (re-)präsentiert wird z. B. in Film, Literatur, Kunst,
Werbung etc.
Genderforschung beschäftigt sich auch mit der Frage, ob es einen typisch weiblichen
Führungsstil gibt und Frauen evtl. besser führen können als Männer. Literatur zu diesem
Aspekt der Personalführung (z. B. Loden 1988 ; Rosener 1990 ) stellt auf Unterschiede
zwischen Männern und Frauen ab und beruft sich auf Grundlagen aus der Hirnforschung
oder aus der Beobachtung typischen Sozialverhaltens. Männer seien linkshirnig und
würden aggressiver, ehrgeiziger und rationaler führen, Frauen hingegen seien rechtshir-
nig und führten empathischer und kooperativer. In empirischen Studien konnten solche
7.2 Gleichbehandlung
262
Differenzierungen bisher nicht eindeutig belegt werden. So existieren Studien, die keine
Unterschiede im Führungsstil ergaben (vgl. Wunderer 2011 , S. 247; Lieber 2007 , S. 233
sowie Neuberger 2002 , S. 772 f.). Vielmehr zeigte sich, dass Frauen und Männer gleich
kooperativ führen. Dagegen belegen andere Untersuchungen den vermuteten „weiblichen
Führungsstil“ (vgl. Sczesny 2003 , S. 134; Weinert 2004 , S. 518 und Bischoff, 2005 , S. 265).
Beachtenswert ist insbesondere das unterschiedliche Sprachverhalten von Männern
und Frauen (vgl. z. B. Tannen 1997 ). Das Sprachverhalten von Frauen kann als ein
Grund dafür angeführt werden, warum Frauen in Machtpositionen unterrepräsentiert
sind: Sie haben ein defensiveres Kommunikationsverhalten und neigen dazu, die eigene
Position und Kompetenz sprachlich schlechter „zu verkaufen“ als Männer (vgl. beispiel-
haft Abb. 7.4 ).
Gieselmann und Krell ( 2008 , S. 341) defi nieren als Lernziel für Führungskräfte:
„Wissen über (Geschlechter-)Unterscheidungen zielt auf die Bewusstmachung und
Problematisierung von Kategorisierungen, Stereotypisierungen und Vorurteilen sowie de-
ren Auswirkungen auf z. B. die Auswahl oder Beurteilung von MitarbeiterInnen. [… Es
geht] nicht darum, die (überwiegend männlichen und weißen) Führungskräfte dafür zu
So reden Frauen oft …
… vermutlich weil …
… mit folgender Wirkung
Konjunktive in Frageform,
wie z. B. „Könnten wir
vielleicht mal …?“
sie nicht zu offensiv
erscheinen wollen
lassen unklar, ob etwas
Frage, Wunsch oder Befehl
ist
Verniedlichungen, wie z. B.
„das ist ja süß“
sie ihren positiven Bezug
zu einer Sache
ausdrücken wollen
verharmlosen Sachverhalte
Unschärfemarkierer, wie
z. B. „irgendwie“,
irgendwas“, „oder so“, „finde
ich“, „Ich denke, dass …“
sie nicht zu grob/
bestimmend/ dominant
wirken wollen
schwächen die eigene
Position, machen die
Aussage unpräzise,
schränken die Gültigkeit
ihrer Aussage ein
Zurücknehmer, wie z. B.
„Das ist nur so eine Idee von
mir“ oder „War auch gar
nicht teuer/ schwer“
sie nicht aufdringlich
erscheinen, keinen Druck
ausüben, bescheiden
wirken wollen
werten sich selbst ab
Rückversicherungsfragen,
wie z. B. „Findest du nicht
auch?“
will Bestätigung durch
Gesprächspartner, sich
vergewissern
offerieren Unsicherheit
Intensivierungsmittel, wie
„wirklich“, „ehrlich“
Empathie zeigen wollen
wirken unglaubwürdig
Wiederholungen und/ oder
Übertreibungen, wie z. B.
„im Leben nicht“,
„gigantisch“
sich die Aufmerksamkeit
des Gesprächspartners
sichern wollen
wirken unglaubwürdig
Abb. 7.4 Frauensprache. Quelle: eigene Erstellung
7 Soziale Verantwortung der Führungskraft
263
sensibilisieren, wie „anders“ Frauen (oder Schwarze) sind , sprechen, fühlen, handeln, son-
dern darum, sie dafür zu sensibilisieren, wie anders Frauen (oder Schwarze) betrachtet und
behandelt werden , und zwar oft unbewusst, und welche Effekte dies hat.“
Hintergrund
Die Opt-out-Revolution
Am 26.10.2003 erschien in der New York Times ein Artikel von Lisa Belkin mit dem
Titel „The Opt-out-Revolution“. Darin ging sie der Frage nach: „Why don’t women run
the world?“, denn nach Jahren der Bemühung um Gleichberechtigung war eine
Frauenquote von 50 % bei den Absolventinnen der Elite-Universitäten erreicht worden.
Mit zahlreichen Interviews spürte sie das Phänomen des „Opting Out“, des „Nicht
mehr Mitmachens“ auf. Viele weiße Karrierefrauen stiegen irgendwann aus dem
Berufsleben aus, meistens weil sich die gewünschte Work-Life-Balance nicht realisie-
ren ließ und der Familie die erste Priorität gegeben wurde. Wertvolles Ausbildungskapital
lag so brach. Belkin endet mit der Ermutigung, dass Firmen Arbeitszeitmodelle für
Frauen entwickeln müssten.
Am 05.05.2012 griff Inge Kloepfer diesen Artikel auf und schrieb in der F.A.Z.
„Was Powerfrauen wirklich wollen“. Kloepfer schreibt, dass die Opt-out-Entscheidung
von Frauen nicht nur durch den Kinderwunsch motiviert sei, sondern – wie aktuelle
Studien (z. B. von Christiane Funken) zeigten – auch Mitte 40, Anfang 50 erfolgen
könne. Zu den Gründen, warum viele Frauen auf dem Höhepunkt ihrer Karriere aus-
steigen: Frauen seien mehr durch Freude und Sinn motiviert als durch Geld und Status.
Nach Jahren des Aufstiegskampfes, der sie in eine einsame Position (allein unter
Männern) gebracht habe, seien sie müde, sich in einer nach männlichen Regeln funkti-
onierenden Arbeitswelt täglich neu beweisen zu müssen. Und sie erachteten innere
Unabhängigkeit und Selbstbestimmung als so bedeutsame Werte, dass sie ihre Karriere
bereitwillig dafür aufgäben. Noch, so Kloepfer, würden nur wenige Unternehmen sich
diesem Problem stellen. Als Ausnahme zitiert sie das Diversity Management der
Telekom, das der Frage nachginge, wie Frauen im Unternehmen gehalten werden kön-
nen. Nicht nur, um den sog. „Brain Drain“ zu verhindern, sondern vor allem weil die
entscheidungsfreien Frauen für den notwendigen Kulturwandel unentbehrlich seien.
Quelle: Belkin ( 2003 ); Kloepfer ( 2012 )
7.2.5
Diversity Management
Während Gender Mainstreaming eher als Anliegen der Politik und Leitkonzept im öffent-
lichen Dienst bezeichnet werden kann, hat sich in der Privatwirtschaft der Begriff des
„ Diversity Managements“ als Konzept der Förderung von Gleichbehandlung in Unterneh-
men durchgesetzt.
„ Diversity “ bedeutet Vielfalt und „ Management “ den wirtschaftlich erfolgreichen
Umgang damit.
7.2 Gleichbehandlung
264
Der Diversity -Ansatz stammt aus den USA, wo die Bevölkerung multikultureller, der
Umgang mit „vielfältigen“ Arbeitnehmern eine alltägliche Herausforderung war und ist.
Er deckt sich aber auch treffl ich mit dem „Vielfalts-Ansatz“ des AGG, das die einseitige
Gerichtetheit auf Frauenbelange überwunden und den Blick auf Belange anderer Gruppen
ausgeweitet hat. Abgesehen von der rechtlichen Verpfl ichtung, sich mit Diversity zu befas-
sen, kommen auch ökonomische Gründe zum Tragen.
Krell ( 2011 , S. 155 ff.) nennt folgende ökonomische Argumente für die Einführung
eines Diversity Managements in Unternehmen:
• Beschäftigtenstruktur : Bedingt durch den demografi schen Wandel steigt der Anteil
der Frauen, Älteren und Menschen mit Migrationshintergrund an der Erwerbs-
bevölkerung. Es gibt Engpässe bei der „Rekrutierung geeigneter Mitarbeiter“, erkannte
beispielsweise die Lufthansa und nennt als einen Grund für die Umsetzung ihres
Diversity -Programms: Der „Bedarf kann nicht allein durch Männer aus dem Inland
gedeckt werden.“ (Rühl 2011 , S. 190).
• Kostenrisiko : Wenn Frauen und andere Angehörige dominierter Gruppen nicht oder
nicht richtig integriert werden, verursacht das Kosten . Das sind zum einen Schadens-
ersatzleistungen nach erfolgreichen Klagen von Diskriminierten, zum anderen aber
auch die Folgekosten durch von Diskriminierung bewirkter Demotivation bzw. dem
durch Anpassungszwänge verursachten Leistungsabfall.
• Kreativität und Problemlösungskompetenz : Gemischt zusammengesetzte Gruppen
sind kreativer und kommen zu tragfähigeren Problemlösungen.
• Vorteile beim Personalmarketing : Unternehmen, die umfassende Diversity - Programme
oder auch Teilprogramme zur Chancengleichheit der Geschlechter und zur Vereinbarkeit
von Beruf und Familie bzw. Privatleben haben – und dies auch kommunizieren – haben
bessere Chancen, attraktiver Arbeitgeber für qualifi zierte Arbeitnehmer/inn/en zu werden.
• Kundenansprache im Marketing : Eine vielfältig zusammengesetzte und entspre-
chend trainierte Belegschaft kann sich auf die Bedürfnisse und Wünsche der ebenfalls
vielfältigen Kundschaft besser einstellen. Auch bei der Vergabe öffentlicher Aufträge
kann die Einhaltung gesetzlicher Diskriminierungsverbote eine Rolle spielen.
Außerdem können im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit kommunizierte Erfolge in
Sachen Diversity jene Kund/inn/en ansprechen, deren Kaufverhalten auch an solchen
Aspekten orientiert ist.
• Finanzierung : Manche Investorengruppen achten inzwischen auf (ökologische und)
soziale Aspekte. So wird das Vorhandensein von Diversity Management z. B. von Analys-
ten zunehmend bei deren Bewertungen berücksichtigt.
• Flexibilität bei Veränderungen : Multikulturelle Organisationen können eher bereit
und fähig sein, sich an veränderte Bedingungen anzupassen, weil der Konformitätsdruck
in Entscheidungsgremien geringer und der Umgang mit Unsicherheiten gewohnter ist.
• Internationalisierung : Eine multikulturelle Organisation, deren Mitglieder offen ge-
genüber Menschen sind, die „irgendwie anders“ sind als sie selbst und für die die kon-
struktive Zusammenarbeit mit diesen eine Selbstverständlichkeit ist, hat es leichter, in
anderen Ländern und Kulturen zu agieren.
7 Soziale Verantwortung der Führungskraft
265
Zur Umsetzung von Diversity Management werden folgende Substitute und Instrumen-
te gestaltet: Ermittlung und Überprüfung des Bedarfs, strukturelle Institutionalisierung
(Schaffung einer Stelle oder Abteilung), Evaluation der Maßnahmen, Beratungsangebote
für „Minderheiten“-Gruppen, Mentoringprogramme, Diversity- Trainings, diversity-orien-
tierte Betriebsvereinbarungen, diversity-orientierte Gestaltung personalwirtschaftlicher
Aufgabenfelder, diversity-orientierte Einrichtungen (z. B. Kindergärten, Gebetsräume),
Verankerung von Diversity in der Unternehmenskultur , Kommunikation der Diversity-Ak-
tivitäten, fl exible Arbeitszeiten, gemischte Teams (vgl. Krell 2008 , S. 74).
7.2.6
Praktische Implikationen für Führungskräfte
Das AGG bejaht die Weiterentwicklung einer toleranten und multikulturellen Gesellschaft.
Insofern sind Führungskräfte verpfl ichtet, eigene Meinungen, die diesem Ideal widerspre-
chen, auf private Kontexte zu beschränken.
Bewerber dürfen nicht wegen Alter, Herkunft, Religion etc. oder evtl. Empfi ndlichkeiten
von Kunden abgelehnt werden. Ausschließlich sachliche Gründe, wie fehlende Qualifi -
kationen, gezeigte Arbeitsleistung etc., sind zulässig.
Führungskräfte müssen einschreiten, wenn Mitarbeiter von anderen belästigt oder dis-
kriminiert werden.
Wünschenswert ist, dass Führungskräfte sich mit den Werten und Zielen der
Gleichbehandlung so beschäftigen, dass diese Teil ihres Wertekanons werden. Dazu gehört
die eigene Sensibilisierung für Vorurteile und Unsicherheit im Umgang mit Fremdartigem.
Vorurteile und Unsicherheit sind in der Alltagsbewältigung von Menschen „normal“, des-
sen muss man sich bewusst sein. Und man braucht die Fähigkeit, bei Verunsicherung oder
Verstörung über das Fremdartige interessiert und diplomatisch nachzufragen und sich im
Zweifelsfall entschuldigen zu können. Sofern man sich selbst diskriminiert fühlt, ist die
Kompetenz zu entwickeln, Grenzüberschreitungen zu erkennen, eigene Bedürfnisse und
Interessen angemessen zu artikulieren, Unterstützer zu fi nden und konstruktive Lösungen
herbeizuführen.
Hintergrund
Politically correct. Politisch korrekt?!
Mit dem Bemühen um nicht-diskriminierendes Verhalten ist das Bewusstsein über
die Bedeutung von Sprache verbunden. Seit den 1990er-Jahren ist die Suche nach „po-
litisch korrekten“ Bezeichnungen für ein Individuum von den USA nach Europa ge-
kommen. Im Ursprung ging es darum, das verächtlich gebrauchte Wort „Nigger“ und
auch „Negro“, das ein Lehnwort aus dem Spanischen ist durch ein neutrales Wort,
nämlich „black“ (in Unterscheidung zu „white“) zu ersetzen. Mittlerweile gilt die geo-
grafi sche Herkunftsbezeichnung als besser, man wollte z. B. den German-American
gleichwertig nebem dem African American sehen. Da kann die Frage aufkommen über
wie viele Generationen man seine Herkunft in der Bezeichnung nachweisen soll bzw.
wie diese bei geografi schen Mischlingen weiterzuführen wäre.
7.2 Gleichbehandlung
266
In Deutschland hat das Bemühen um politische Korrektheit eine Wurzel in der
Eigenheit der deutschen Sprache, nämlich des generischen Maskulinums (Verwendung
der männlichen Form, wenn Personen beiderlei Geschlechts gemeint sind). Als Varianten
haben sich etabliert: a) Fußnoten, die besagen, dass das generische Maskulinum aus-
drücklich auch weibliche Personen einschließt, b) die Nennung der weiblichen und
männlichen Form (z. B. Kolleginnen und Kollegen), c) die Binnen-I-Schreibung
(ProfessorInnen) oder d) neutrale Formulierungen (Studierende).
Manchmal wird die politische Korrektheit zu einer Waffe der Bildungsdiskriminie-
rung und führt sich damit selbst ad absurdum: Nur bestimmte Bildungsschichten wissen,
dass man statt „Eskimo“ „Inuit“ sagen soll. Und nur die besonders gebildeten Schichten
wiederum wissen, dass „Eskimo“ eine Sammelbezeichnung für alle Bewohner des nörd-
lichen Polarkreises ist, von denen nur ein Stamm (beachtlicher Größe) „Inuit“ heißt.
Interessant ist, dass sich zunächst die Bedeutungen und dann die Bezeichnungen
im Laufe der Zeit wandeln. Ursprünglich neutral gemeinte Bezeichnungen, wie
z. B. Mohammedaner (als Anhänger der Lehre Mohammeds in Analogie zu Christen),
entwickeln eine negative Konnotation und werden durch alternative Bezeichnungen
ersetzt, wie z. B. Moslem, später Muslim/Muslima (lautsprachliche Wiedergabe der
arab. Konsonantensprach-Bezeichnung MSLM, für den „der sich Gott hingibt“).
Sich selbst seiner Sprache bewusst zu sein und nach Formulierungen zu suchen, die
keinen kränken oder ausschließen, ist erstrebenswert. Betroffene zu fragen, wie sie
genannt werden möchten, ist – angesichts von weltweitem Handel, Flüchtlingsströmen
und Migrationen – diplomatisch klug.
7.3
Beschäftigungsfähigkeit (Employability)
Beschäftigungsfähigkeit („ Employability “) ist die Fähigkeit, fachliche, soziale und me-
thodische Kompetenzen unter sich wandelnden Rahmenbedingungen zielgerichtet und
eigenverantwortlich anzupassen und einzusetzen, um eine Beschäftigung zu erlangen oder
zu erhalten (vgl. Rump und Eilers 2006 , S. 47).
Abb. 7.5 listet beispielhaft einige Kriterien auf, die als employability -relevant einge-
schätzt werden. Dabei werden die Aussagen eines männlichen und eines weiblichen
Autorenteams gegenübergestellt.
7.3.1
Hintergrund der Employability-Diskussion
Die Zeiten, wo es Normalität war, einen einmal erlernten Beruf ein Leben lang im glei-
chen Betrieb auszuüben, sind vorbei. So wird Employability angesichts der Veränderungs-
dynamik in allen Lebenskontexten und der schrumpfenden Halbwertzeit des Wissens zu
einer Schlüsselqualifi kation, auch – und aufgrund ihrer Vorbildfunktion insbesondere –
für Führungskräfte.
7 Soziale Verantwortung der Führungskraft
267
Mit der weiter zunehmenden Dequalifi zierung von Arbeitsplätzen sind Führungs kräfte
jedoch zunehmend auch für die Employability ihrer Mitarbeiter verantwortlich. De qua-
lifi zierung bedeutet: Je mehr Arbeitsprozesse auf extern kontrollierte Arbeitssteuerung und
Fehlervermeidung abstellen, umso weniger Herausforderungen bietet Arbeit für den
Ausübenden. Er verlernt Eigenverantwortung, dequalifi ziert sich. Dies führt zu einer
Erweiterung der Fürsorgepfl icht des Arbeitgebers, vertreten durch die Führungskraft : Es
wäre unverantwortlich, Mitarbeiter lediglich einseitig für einen engen Arbeitsausschnitt im
eigenen Betrieb zu qualifi zieren, wenn die Perspektive auf Beschäftigungsalternativen erhal-
ten bleiben soll (z. B. bei Wegfall des Arbeitsplatzes durch Betriebsstättenverlegung). Die
Beschäftigungsfähigkeit zu erhalten, ist wirtschaftlich wichtig: Zum einen wandeln sich
Arbeitsplätze und Arbeitsplatzanforderungen und die Beschäftigten müssen für solch einen
Wandel „fi t“ gehalten werden. Zum anderen sind für neu entstehende Arbeitsanforderungen
Kräfte nicht beliebig „von außen“ und mit „fertiger Qualifi kation“ beschaffbar, sodass der
interne Arbeitsmarkt zunehmend bedeutsam ist (Abb. 7.6 ).
Das, was landläufi g als „demografi scher Wandel“ bezeichnet wird, meint die Überalterung
unserer Gesellschaft. Ein für die Menschheit neues Phänomen unserer Zeit. Die Deutschen
sind heute mit durchschnittlich 40 Lebensjahren schon die ältesten Europäer (destatis 2005).
2050 werden wir durchschnittlich 50 Jahre alt sein (ebd.).
Das bedeutet für die Arbeitswelt, dass die natürlichen Lernimpulse, die auf Organisa-
tionen durch frisch ausgebildeten Nachwuchs, durch dessen Idealismus und neue Ideen
zu kommen, zurückgehen. Führungskräfte müssen deshalb die „Jungen“ früh befähigen,
ihre Ideen einzubringen und die „Alten“ früh ermutigen, experimentierfreudig und kreativ
zu bleiben. Mitarbeiterpotenziale altersspezifi sch verschieden zu fördern und zu fordern,
ist eine bislang in den Unternehmen noch nicht ausreichend geübte Praxis (vgl. grundsätz-
lich Schirmer 2016 ).
7.3.2
Lebenslanges Lernen
In den 1990er-Jahren hat sich in der deutschen Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik ein
sprachlicher und moralischer Wandel vollzogen: weg von der Versorgungsgesellschaft hin
zur Eigenverantwortung.
So setzt die Bundesagentur für Arbeit nicht mehr, wie früher, auf „Arbeitsbeschaffungs-
maßnahmen“, welche dem Staat die Aufgabe zuwiesen, den Bürgerinnen und Bürgern
Arbeitsplätze zu organisieren, sondern auf Maßnahmen zur Steigerung der Be schäftigungs-
fähigkeit.
Die Kultusministerkonferenz verwendet in ihren Empfehlungen zur berufl ichen
Weiterbildung den Begriff des „Lebenslangen Lernens“: „In den 70er - und 80er-Jahren
waren die Teilnehmerzahlen und die Aufwendungen für Weiterbildung erheblich gestie-
gen: Lebenslanges Lernen wurde unerlässlich, um die gesellschaftlichen und wirtschaftli-
chen Veränderungen bewältigen und diese mitgestalten zu können.“ (KMK 2001 , S. 3).
„Im Kontext des lebenslangen Lernens bestimmt sich die Eigenverantwortung der
Lernenden neu. (…) Verantwortung für die Weiterbildung und deren Finanzierung tragen
7.3 Beschäftigungsfähigkeit (Employability)
268
Fachkompetenz:
ist fachlich kompetent
Initiative:
ist aktiv, ergreift Initiative,
erkennt und nutzt Chancen
Eigenverantwortung:
übernimmt Verantwortung für sich
selbst, die eigene Entwicklung
und setzt sich Ziele
Unternehmerisches Denken
und Handeln: erkennt die
Konsequenzen eigenen Handelns
Engagement:
ist fleißig und engagiert sich
Lernbereitschaft: lernt
kontinuierlich dazu und bleibt am
Ball
Teamfähigkeit: ist fähig und
bereit zur Zusammenarbeit
Kommunikationsfähigkeit:
ist in der Lage, das, was
sie meint und will, auszudrücken
und zur Geltung zu bringen
Empathie,
Einfühlungsvermögen: versetzt
sich in andere hinein und hört zu,
Belastbarkeit: behält in
ungewohnten bzw. belastenden
Situationen einen klaren Kopf
Konfliktfähigkeit,
Frustrationstoleranz:
geht konstruktiv mit schwierigen
Situationen und Misserfolgen
Offenheit,
Veränderungsbereitschaft:
ist offen für Neues, neugierig
Reflexionsfähigkeit:
weiß, was sie kann und denkt
regelmäßig über sich und ihre
Beschäftigungsfähigkeit nach.
Innovationsfähigkeit:
stellt Vorgaben, Prozesse und Systeme immer
wieder kreativ und konstruktiv infrage und setzt
daraus abgeleitete Neuentwicklungen und
Veränderungen konsequent um.
Managementfähigkeit:
durchschaut komplexe ökonomische
Zusammenhänge, macht sich aktiv Gedanken über
die Verbesserung der Position des eigenen
Unternehmens, trifft Entscheidungen konsequent
und auf konkrete Handlungsmöglichkeiten
ausgerichtet.
Durchsetzungsfähigkeit:
kann den eignen Standpunkt überzeugend
vermitteln und zielgerichtet vertreten und ist bei
Widerständen konfliktfähig und belastbar.
Netzwerkfähigkeit:
entwickelt und pflegt persönliche Kontakte durch
Einfühlungs-, Kommunikations- und
Kooperationsvermögen.
Servicefähigkeit: zeigt in Innen- und
Außenbeziehungen die nötige Bedarfs- und
Dienstleistungsorientierung, ist qualitätsorientiert.
Balancefähigkeit: kann beruflichen Aufgaben und
Verpflichtungen mit den anderen Dingen des Lebens
(z. B. Familie, Hobbies) synchronisieren.
Wirkungsfähigkeit:
zeigt sich in Harmonie, Qualität, Schlüssigkeit und
Wiedererkennungswert des eigenen Auftretens, des
Arbeits- und Präsentations-Stils.
Planungsfähigkeit:
richtet den eigenen beruflichen Entwicklungsprozess
konsequent auf das persönliche Lebensziel aus und
gestaltet ihn flexibel.
Lernfähigkeit:
hinterfragt die Kenntnisse, die zur Lösung beruflicher
Problemstellungen zur Verfügung stehen, immer
wieder hinsichtlich ihrer Aktualität, ist bereit, die
derzeitige Basis permanent zu ergänzen, weiter zu
entwickeln oder aber auch zu verlassen.
Abb. 7.5 Kriterien der Employability (Beispiele). Quelle: Rump und Eilers (2006, S. 47 f.) und
Lombriser/ Uepping (2001, S. 219 f.)
die einzelnen Bürgerinnen und Bürger, aber auch die Öffentliche Hand (Kommunen,
Länder, Bund, Europäische Union), die Wirtschaft, die gesellschaftlichen Gruppen, die
Weiterbildungseinrichtungen und die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Sie
7 Soziale Verantwortung der Führungskraft
269
fördern durch ihr Verhalten die Weiterbildungsbereitschaft und schaffen die Voraus-
setzungen für ein aufgeschlossenes Weiterbildungsklima.“ (KMK 2001 , S. 6)
Von Gewerkschaften und Sozialwissenschaftlern wurde die Tatsache, dass damit die
Beschäftigungsverantwortung vom Staat auf den einzelnen übertragen wird, kritisch
begleitet. Sie stellen infrage, dass jeder Mensch in der Lage sein kann, sich selbst um
seine Beschäftigungsfähigkeit zu kümmern und weisen den Firmen und Bildungs-
einrichtungen zu Recht eine hohe Übergangsverantwortung zu.
7.3.3
Employability der Mitarbeiter
Employability -Programme in Unternehmen führen zu einer Umdefi nition des psychologi-
schen Arbeitsvertrags: Der alte psychologische Arbeitsvertrag „Arbeitsplatzsicherheit gegen
Loyalität “ wird abgelöst durch einen Vertrag mit dem Tauschobjekt „Anpassungsbereitschaft
gegen Qualifi zierung“ (vgl. Lombriser und Uepping 2001 ).
Für die Führungskraft geht es nicht mehr nur darum, den Mitarbeitern Aufgaben zuzu-
weisen, sie anzulernen und zu überwachen, sondern sie muss sie auch coachen und weiter-
entwickeln. Und sie muss mit der Erkenntnis leben lernen, dass die besten ihrer Mitarbeiter
sie als erste verlassen werden.
Führungskräfte müssen sich im Rahmen ihrer Fürsorgepfl icht also nicht nur um
Sicherheit, Gesundheit und Altersvorsorge ihrer Mitarbeiter kümmern, sondern die elter-
liche Bereitschaft haben, sie gut zu qualifi zieren und ziehen zu lassen.
Für das Unternehmen
Für den Einzelnen
schnelle Reaktionsgeschwindigkeit
höhere Anpassungsfähigkeit
Steigerung der Innovationsfähigkeit
Verbesserung der betrieblichen
Wandlungs- und
Veränderungsfähigkeit
zunehmende Flexibilität beim
Personaleinsatz
Steigerung der Attraktivität
als Arbeitgeber
Entschärfung von Konflikten bei
Personalanpassungs -Prozessen
Steigerung der Karrierechancen im Unternehmen
Steigerung der Karrierechancen auf dem
externen Arbeitsmarkt
Aktualität des eigenen Qualifikationsstandes
verbesserte Einschätzungsfähigkeit bezüglich
nachgefragter Kompetenzen und Fähigkeiten
Aufdecken bislang nicht genutzter Talente
Erhöhung von Selbstbewusstsein und
Eigenverantwortung
Wissen um die eigenen Stärken und Schwächen
Mitgestaltungsmöglichkeiten der eigenen
beruflichen Zukunft
gleichberechtigte Partnerschaftsbeziehung zum
Arbeitgeber
Abb. 7.6 Nutzen von Employability . Quelle: Rump und Eilers ( 2006 , S. 9 ff.)
7.3 Beschäftigungsfähigkeit (Employability)
270
7.3.4
Die eigene Employability
Zur Sicherung der eigenen Beschäftigungsfähigkeit gehören die Beobachtung der eigenen
Berufsbiografi e und der Entwicklungen im eigenen Berufsfeld, um den eigenen
Qualifi zierungsbedarf steuern zu können. Aber auch Lebensplanungsfragen, wie die, was
das eigene (Berufs-)Leben lebenswert macht, gehören dazu. Hierunter sind auch Fragen
der Work-Life-Balance zu fassen.
Wer sich auf diese Aufgabe vorbereiten und dabei gleichzeitig noch Englisch üben
möchte, dem sei Cottrell 2015 zur weiteren Lektüre empfohlen. Es ist ein Arbeitsbuch zur
Karriereplanung für Studierende.
7.4
Zusammenfassung
Die soziale Verantwortung eines Unternehmers ist in den Arbeitsschutzgesetzen und im
Gleichbehandlungsgesetz beschrieben. Mit der Übertragung einer Führungsaufgabe über-
trägt der Unternehmer auch diese Verantwortung an die Führungskraft : Sie ist für
Sicherheit, Gesunderhalt und Gleichbehandlung der Mitarbeiter zuständig.
Darüber hinaus besteht eine Verantwortung für den qualifi katorischen Erhalt der
Beschäftigungsfähigkeit und die Organisation eines motivations- und leistungsfördernden
Umfelds.
7.5
Kontrollaufgaben
Aufgabe 7.1 Erläutern Sie, warum es sinnvoll ist, die Generalklausel der allgemeinen
Fürsorgepfl icht durch weiterführende öffentlich-rechtliche Schutzvorschriften zu
ergänzen.
Aufgabe 7.2 Warum darf eine Führungskraft den Verdacht auf Alkoholmissbrauch am
Arbeitsplatz nicht bagatellisieren?
Aufgabe 7.3 Welche Rückschlüsse lassen sich aus nachstehender Abb. 7.7 über den
Stand der Gleichbehandlung am deutschen Arbeitsmarkt im Jahr 2001 ziehen?
Aufgabe 7.4 Was ist – bezogen auf das Führungsverhalten – der Unterschied zwischen
Gender- und Diversity -Ansatz?
Aufgabe 7.5 Beim Einsatz welcher Führungsinstrumente sollten Führungskräfte den
Aspekt der Beschäftigungsfähigkeit berücksichtigen?
7 Soziale Verantwortung der Führungskraft
271
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Verdienste Männer
2001
Verdienste Frauen
2001
Frauenanteil
1997
in Euro
Rangplatz
in Euro
Rangplatz
in%
GeschäftsführerInnen,
FilialleiterInnen
5.765
1
3.939
3
20
ChemikerInnen, Che-
mie-IngenieurInnen
5.079
2
3.849
-
19
Leitende
Verwaltungsfachleute
5.027
3
3.616
-
40
Unternehmensberater,
OrganisatorInnen
4.931
-
4.050
1
25
ElektroingenieurInnen
4.672
-
4.005
2
4
SekretärInnen
3.517
-
2.916
-
97
KassiererInnen
2.604
drittletzter
1.956
vorletzter
91
VerkäuferInnen
2.602
vorletzter
1.764
letzter
79
TelefonistInnen
1.972
letzter
2.134
drittletzter
84
Abb. 7.7 Berufl iche Segregation und Entgeltdifferenzen. Quelle: Jochmann-Döll ( 2005 ), zit. nach
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Lösungen zu den Kontrollfragen
Lösungshinweise zu den Aufgaben aus Kapitel 1
Aufgabe 1.1 Personalführung umschreibt den dynamischen, wechselseitigen und ethisch
legitimierten Prozess der zielgerichteten Verhaltensbeeinfl ussung von Mitarbeitern in einer
interaktionalen Beziehung auf die Einhaltung bzw. Erreichung bestimmter Werte und Ziele
des Unternehmens hin. Die direkte Führung (personale Führung) kann dabei durch be-
stimmte Rahmenbedingungen im Unternehmen unterstützt (strukturale Führung) werden,
muss sich andererseits aber auch an diesen Gegebenheiten ausrichten. Eine Führung gegen
die strukturalen Gegebenheiten hat wenig Aussicht auf Erfolg. Ebenso können aber falsch
gesetzte Rahmenbedingungen, wie z. B. fehlsteuernde Anreizsysteme, gute Führungsarbeit
konterkarieren.
Aufgabe 1.2 Funktionaler, strukturalen, Vorstellungs- und Interpretationsmuster, präg-
nant, verbreitet, verankert.
Aufgabe 1.3 Mit Lokomotionsfunktion wird die Kernfunktion bezeichnet, die Leistung
und Fähigkeiten der Mitarbeiter auf die angestrebten Sachziele hin auszurichten. Kohä-
s ionsfunktion umschreibt die Aufgabe der Vorgesetzten, das „Wirgefühl“ unter ihren
Mitarbeitern zu stärken, d. h. das Zusammengehörigkeitsgefühl. Letzteres steht in einer
plausiblen Mittel-Zweck-Beziehung zur Lokomotionsfunktion: zufriedene Mitarbeiter
sind leistungsbereiter.
Aufgabe 1.4 Im funktionalistischen Rollenkonzept erfolgt eine Perspektivenänderung da-
hingehend, dass Rolle defi niert wird, als das Set an zu erbringenden, bestandssichernden
Funktionen für die Organisation. Die Bedeutung der Position ergibt sich somit aus dem
Beitrag zum Erhalt des Unternehmens und wird durch die Systemerfordernisse defi niert.
276
Aufgabe 1.5 Die hoch belastbaren Führungsbeziehungen zwischen Vorgesetzten und „In-
Group-Mitarbeitern“ sind dadurch gekennzeichnet, dass sich Führungskraft und Mitarbeiter
engagiert einbringen und gemeinsam Beiträge leisten, um die Ziele zu erreichen, sich loyal
zueinander verhalten und sich unterstützen sowie sich fachlich als auch emotional schätzen.
Aufgabe 1.6 Gesellschaftlicher Kontext (Wertewandel), Globalisierung und diversifi zierte
Belegschaften, Digitalisierung.
Aufgabe 1.7 Fühlen sich Mitarbeiter infolge eines fairen, wertschätzenden aber auch
fordernden Umgangs durch ihre Vorgesetzten wohl im Unternehmen, entstehen
Zufriedenheit und Commitment dem Unternehmen gegenüber. Dies stellt die Basis dafür
dar, dass sich Mitarbeiter über die von ihnen im Rahmen von Arbeitsverträgen und
Stellenbeschreibungen hinaus geforderten Pfl ichtbeiträge für das Unternehmen engagie-
ren. Dadurch kann die Organisation insgesamt eine höhere Leistungsstufe im Sinne ei-
ner Hochleistungsorganisation (Performance Management) realisieren. Dies stellt einen
klaren Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Unternehmen dar.
Aufgabe 1.8 Zielkaskadierung umschreibt das systematisch abgeleitete Konkretisieren
von Zielen, beginnend von der Unternehmensführungsebene bis zu den operativ täti-
gen Mitarbeitern. Im Sinne eines Wasserfalls (Kaskade) „ergießen“ sich die Ziele über
die verschiedenen Hierarchieebenen eines Unternehmens. Dabei beziehen sich die
Zielfor mulierungen einer Hierarchieebene immer auf die Ziele der übergeordneten
Führungsebene. Die Zielkaskadierung ist ein tragendes Element im Management by
objectives, d. h. im Führen durch Zielvereinbarungen.
Aufgabe 1.9 R, F, R, F, F.
Aufgabe 1.10 Legitimation – Belohnung, Zwang, Persönlichkeitswirkung, Wissen und
Fähigkeiten, Information, Überzeugung, Charisma, Gestaltungsmacht
Aufgabe 1.11 Mit „light side of leadership“ wird der unterstellte Führungs-Harmonismus
bezeichnet. Dieser drückt aus, dass es keine Konfl ikte zwischen Führungsethik und
Führungserfolg gibt, da eine hohe Sachzielerreichung nur mit zufriedenen Mitarbeitern
erfolgen kann. Erfolgreiche Führung muss somit ethisch sein.
Aufgabe 1.12
a) Unvoreingenommenheit: alle wollen die kooperative Wahrheitssuche.
b) Jeder Teilnehmer ist bereit, eine Festlegung auf alle anderen gleichartigen Fälle an-
zuwenden.
c) Machtfreie Diskussion: Jeder darf seine Überzeugungen äußern.
d) Bereitschaft, eigene Standpunkte zu hinterfragen und zu verändern.
e) Jedes Thema darf eingebracht und angesprochen werden.
Lösungen zu den Kontrollfragen
277
Aufgabe 1.13 Die Umsetzung kann z. B. durch
• das Setzen von Grundwerten (z. B. „Code of Conduct“ oder „Ethikleitfaden“) unter Mit-
wirkung der Mitarbeiter,
• das strikte Einhalten und Durchsetzen des „Code of Conduct“ sowie gesetzlicher Vorgaben,
• die Aufnahme der „ethischen“-Dimension in Kompetenzmodelle, die Aufnahme der
Führungsethik als Kriterium bei der Mitarbeiterbeurteilung und Entlohnung,
• einen ethischen Situationsbezug bei Trainingsmaßnahmen,
• das Einsetzen einer innerbetrieblichen „Ethik“-Kommission und eines Ethikbeauf-
tragten,
• verantwortliches Verhalten der Geschäftsführung („ethische Vorbilder“) oder
• die Entwicklung einer „Geführten-Ethik“ („whistle-blowing“) usw. unterstützt werden.
Aufgabe 1.14 Führungskompetenz ist die Fähigkeit eines Menschen, auf der Grundlage
subjektiv bewerteter Situationsanforderungen, eigener Fähigkeiten und Kenntnisse sowie
der vorherrschenden Unternehmenskultur, allein oder im Zusammenwirken mit anderen,
ein zweckmäßiges Handlungsmuster zum Erreichen von Führungszielen zu entwerfen,
umzusetzen und zu kontrollieren. Führungskompetenz beinhaltet Selbstorganisationsfä-
higkeit.
Lösungshinweise zu den Aufgaben aus Kapitel 2
Aufgabe 2.1 Neurotizismus, Extraversion, Offenheit für Erfahrungen, Verträglichkeit und
Gewissenhaftigkeit
Aufgabe 2.2 Vergesellschaftung beschreibt die Vermittlung der zur Teilnahme am sozi-
alen Leben notwendigen Werte und Normen an ein Individuum. Erst dadurch wird der
Mensch „gesellschaftsfähig“. Die Herausforderung im Rahmen der Vergesellschaftung
des Einzelnen liegt in der Individuation, d. h. darin, den Einzelnen zu einem sozialen,
aber auch eigenständigen Individuum zu entwickeln, das auf der Basis einer kritischen
Auseinandersetzung mit den sozialen Normen sein eigenes Persönlichkeitsprofi l
entwickelt.
Aufgabe 2.3 Dadurch, dass der Prozess der Umweltwahrnehmung selektiv ist, u. a. von
der Kontexteinbettung der Reize sowie der Reizeindeutigkeit abhängt, entsteht im Kopf
des Menschen kein objektives Abbild der Umwelt, sondern eine auf Basis erlernter
Heuristiken subjektiv konstruierte Realität.
Aufgabe 2.4 Bei der Begründung von Verhalten kommt es sehr häufi g zu einem fundamen-
talen Attributionsfehler derart, dass der Einfl uss von Situationsfaktoren auf das Verhalten
Lösungen zu den Kontrollfragen
278
unterschätzt, dagegen der Einfl uss von Personenfaktoren überschätzt wird. Kommt zum
Beispiel ein Mitarbeiter zu spät zu einem Besprechungstermin, wird ihm oftmals spontan
unterstellt, dass er einfach nicht in der Lage sei, pünktlich zu erscheinen. Dass der Mitarbeiter
aber eventuell durch den nächst höheren Vorgesetzten aufgehalten wurde und sein spätes
Erscheinen nicht selbst zu verantworten hat, wird nicht gesehen.
Aufgabe 2.5 F, F, F.
Aufgabe 2.6 Im Homöostase-Prinzip bedürfnistheoretischer Motivation besteht das Ziel
innerlich motivierten, d. h. bedürfnisgestützten Handelns darin, erneut ein organismisches
Gleichgewicht herzustellen. Beispiele für solche Beweggründe menschlichen Verhaltens
sind z. B. Durst, Hunger, persönliche Interessen, Verlangen nach Zugehörigkeit usw.
Aufgabe 2.7 Maslow defi nierte ganze Bedürfnisgruppen, die eben nicht gleichberechtigt
nebeneinander stehen, sondern in einer hierarchischen Abfolge im Prozess der Persön-
lichkeitsentwicklung angeordnet sind. Die Bedürfniskategorien sind dabei physiologische
Grundbedürfnisse, Sicherheitsbedürfnis, soziale Bedürfnisse, Wertschätzungsbedürfnisse
und das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung.
Aufgabe 2.8 Im VIE-Modell wählt der Mensch diejenige Handlungsalternative, bei der
das Produkt aus Nutzen und Erfolgszuversicht, die notwendige Handlung ausführen zu
können, am größten ist. Zwar hat eine Taube einen hohen Nutzwert (Valenz), zumindest
für den Vogelliebhaber, aber die Chance diese auf dem Dach zu ergreifen, tendiert gegen
Null (Erfolgszuversicht). Dagegen ist die Möglichkeit (Erfolgszuversicht), einen viel-
leicht nicht so hübschen Spatz (Valenz) zu ergreifen deutlich höher. Im Ergebnis wird
versucht, den Spatz zu ergreifen.
Aufgabe 2.9 Mit dem Setzen eines verbindlichen Zieles, das der Mensch erreichen will,
wird die Schwelle, der „Rubikon“, vom Wunsch zum Ziel überschritten. Es entsteht im
Sinne einer inneren Selbstverpfl ichtung ein starkes Commitment, dieses Ziel tatsächlich
zu realisieren.
Lösungshinweise zu den Aufgaben aus Kapitel 3
Aufgabe 3.1 Der Begriff Gruppendynamik geht auf Kurt Lewin zurück, der 1944 das
Research Center for Group Dynamics in den USA gründete. Gruppendynamik meint,
dass Gruppen ein Eigenleben unabhängig von ihren konkreten Mitgliedern haben.
Bestimmte Verhaltensweisen von Gruppen sind bei unterschiedlicher Besetzung wieder-
holbar festzustellen.
Aufgabe 3.2 Laterale (seitliche) Führung ist Führung von Personen, obwohl man diesen
gegenüber disziplinarisch kein Weisungsrecht besitzt. Es gilt beispielsweise, Mitarbeiter aus
Lösungen zu den Kontrollfragen
279
anderen Abteilungen zu führen. Laterale Führung kann z. B. über rationale Argumentation,
ein Vorteilsversprechen oder Drohung erfolgen.
Aufgabe 3.3 Z. B. räumliche Nähe, regelmäßige Kontakte, direkte Kommunikationsmög-
lichkeiten, aufeinander aufbauende Arbeitsinhalte.
Aufgabe 3.4 Falsch, Konfl ikte könnten immer noch entstehen, wenn die Kommuni-
kationsregeln nicht akzeptiert werden. Viele „Spielregeln“ sind zudem unbewusst.
Aufgabe 3.5 Unterschiedliche Wertvorstellungen von Mitarbeitern können zu Konfl ikten
führen; ein gesellschaftlicher Wertewandel muss berücksichtigt werden; es kann „Dienst
nach Vorschrift“ oder Demotivation drohen, wenn sich die Unternehmensführung nicht an
gemeinsamen Werten orientiert.
Aufgabe 3.6 F, F, R.
Aufgabe 3.7 Auf der Ebene der Basisannahmen existieren grundlegende Orientierungs-
und Vorstellungsmuster, die Wahrnehmung und Handeln von Menschen leiten. Dazu gehö-
ren insbesondere Annahmen darüber, welchen Wert z. B. Zeit hat oder was in einer
Organisation als wahr angesehen wird. Auf der Ebene der Werte, Regeln und Standards
befi nden sich u. a. Normen und Richtlinien, die implizit oder explizit formuliert sind und
ganz konkret das Verhalten der Mitarbeiter beeinfl ussen: „Bei uns beginnen Besprechungen
immer pünktlich!“ Die tatsächlich gelebten Verhaltenskonsequenzen sind auf der Sym-
bolebene der Kultur beobachtbar, z. B. am Auftreten der Mitarbeiter, an deren Umgang
miteinander sowie an umgesetzten Bürokonzepten (Großraum- vs. Einzelbüro) usw.
Lösungshinweise zu den Aufgaben aus Kapitel 4
Aufgabe 4.1 Kommunikationsbedürfnisse von Menschen sind z. B. Self Disclosure oder
Impression Management. Menschen sind soziale Wesen und setzen sich daher auch mit
anderen Menschen auseinander, dies geschieht über Kommunikation. Diese grundlegen-
den Bedürfnisse gelten auch in berufl ichen Situationen und sind bei der Mitarbeiterführung
als bei sozialen Interaktionsprozessen zu berücksichtigen.
Aufgabe 4.2 Richtig.
Falsch, es kommt darauf an, was mit der Aussage bezweckt werden soll. Beim Small-
Talk beispielsweise ist es vor allem wichtig, eine gute Beziehung aufzubauen oder diese
zu festigen.
Falsch, wiederum kommt es darauf an, wie der Gesprächspartner angesprochen werden
will und ob man gewillt ist, auf dieser Ebene zu kommunizieren.
Falsch, es kommt nicht darauf an, den 12 %-Anteil zu verringern, sondern Konfl ikte
konstruktiv zu lösen, um dadurch Produktivität, Zufriedenheit und Lösungsqualitäten wei-
ter zu erhöhen.
Lösungen zu den Kontrollfragen
280
Falsch. Ein Konsens ergibt zwar die höchste Zufriedenheit bei allen Konfl iktparteien,
der Aufwand zur Erreichung eines Konsenses ist aber nicht immer gerechtfertigt.
Lösungshinweise zu den Aufgaben aus Kapitel 5
Aufgabe 5.1 Es konnte abschließend kein konsistenter Zusammenhang zwischen ein-
zelnen Persönlichkeitsmerkmalen und Führungserfolg gefunden werden. Vor dem
Hintergrund der Erkenntnisse aus den situativen Ansätzen ist dies gut nachvollziehbar.
Zudem führten zunehmende Bildung und Demokratisierung in Deutschland dazu, dass
dem elitären Gedanken, Führungseigenschaften würden sich nur in höheren Gesell-
schaftsschichten intergenerativ vererben, eine Absage erteilt wurde.
Aufgabe 5.2 R, F, F, F, R, F, R, F, F.
Aufgabe 5.3 Da als einziges Situationsmerkmal die Mitarbeiterin beschrieben wird, ist
die passende Führungstheorie das Reifegradmodell der Führung. Da es sich weiter um
eine neu in das Unternehmen eintretende Mitarbeiter-in handelt, kann sie zwar über for-
males Wissen und Erfahrung, aber noch nicht über organisationale Fähigkeiten verfügen
(geringer umsetzbarer Fähigkeitsstand). Zu ihrer psychologischen Reife wird keine
Aussage getroffen, sodass diese sowohl niedrig als auch stark ausgeprägt sein kann. Es
handelt sich somit um eine Mitarbeiterin auf Reifegradstufe M1 oder M2. Der entspre-
chende Führungsstil ist durch stark direktives Verhalten und mehr (S2) oder weniger (S1)
stark personenbezogenes, unterstützendes Verhalten geprägt.
Aufgabe 5.4 teilautonome Arbeitsgruppen, Projektgruppen, Grenzregulation, Super
Leader, Self Leadership, Kultur der Selbststeuerung.
Aufgabe 5.5 Authentische Führung fordert zwar ein intraindividuell konsistentes, auf
ethischen Werten und daraus abgeleiteten Moralen basierendes Führungsverhalten.
Allerdings werden keine Aussagen zur inhaltlichen Gerichtetheit getroffen. Damit bleibt
die Frage nach dem „ethisch und infolge dazu moralisch richtigen“ Führungsverhalten
wieder offen. Die subjektive Gewissensethik ist nur bedingt geeignet zur Defi nition ethi-
scher Grundpositionen.
Aufgabe 5.6 Das Entstehen und die Wirkung von Shared Leadership kann durch geeig-
nete Rahmenbedingungen unterstützt werden. Dazu zählen z. B. ungestörtes Arbeiten
ohne großen Arbeitsdruck, offene Aufgabenstellungen, Aufgaben mit automatischer
Erfolgs- bzw. Misserfolgsrückmeldung, umfassende Partizipation der Mitarbeiter auf al-
len Unternehmensebenen, Abschaffung hierarchischer Strukturen und Berichtswege,
Defi nition klarer Spielregeln der kollaborativen Entscheidungsfi ndung usw.
Aufgabe 5.7 Nach dem systemischen Führungsansatz ist ein wesentlicher Fehler im
Führungsverhalten, dass Aufgaben, Probleme und Herausforderungen, die zu bearbeiten
Lösungen zu den Kontrollfragen
281
sind, nur ausschnitthaft betrachtet werden, aber nicht in der Komplexität ihrer gesamthaf-
ten, systemischen Einbettung und Wirkbezüge refl ektiert werden. Dadurch sind Führungs-
interventionen der Problemkomplexität meist nicht angemessen und führen öfter zum
Scheitern als zum Gelingen.
Lösungshinweise zu den Aufgaben aus Kapitel 6
Aufgabe 6.1 Falsch, das Feedback geht nur in eine Richtung.
Falsch, Mitarbeiter sollten immer wissen bzw. regelmäßig erfahren, wie ihre Leistung
beurteilt wird. Dies ermöglicht einen Abgleich zwischen Selbst- und Fremdbild und dient
somit der Motivation.
Richtig. Man vermeidet die negative Sanktion „Durchfallen“, wenn man nicht schum-
melt. Aber: Das alleinige Risiko reicht manchmal nicht aus, das Verhalten zu unterbinden,
z. B. wenn andere negative Folgen subjektiv als wahrscheinlicher eingeschätzt werden.
Aufgabe 6.2 Moderation ist geeignet, um in Arbeitsgruppen quasi demokratisch zu guten
Lösungen zu kommen. Moderation ist nicht geeignet, um bereits beschlossene Lösungen
von Teams „absegnen“ zu lassen.
Aufgabe 6.3 Moderation ist die Anwendung von Techniken oder ein Verhalten zur Mäßigung
und zum Ausgleich von unterschiedlichen Ansichten. Dabei kommt Moderation vor allem bei
Gruppen mit mehreren Beteiligten bis hin zur Großgruppenmoderation zum Einsatz.
Mediation hingegen ist ein Verfahren zum Konfl iktmanagement, bei dem die Konfl iktparteien
die Verantwortung dafür übernehmen, dass eine Lösung erzielt wird. Ein Mediator unterstützt
die i. d. R. wenigen Beteiligten darin, weiter an der Lösung des Problems zu arbeiten.
Lösungshinweise zu den Aufgaben aus Kapitel 7
Aufgabe 7.1 Die allgemeine Fürsorgepfl icht ist zu wenig konkretisiert, als dass dadurch
ein umfassender Schutz des Lebens und der Gesundheit sowie des Eigentums der
Mitarbeiter garantiert werden könnte. Die Generalklausel beinhaltet zu viel Interpre-
tationsspielraum, der von verschiedenen Arbeitgebern sehr unterschiedlich ausgelegt wer-
den könnte. Aus diesem Grund ist eine verbindliche Konkretisierung in den speziellen
Arbeitsschutzgesetzen (spezielle Fürsorgepfl icht) unumgänglich.
Aufgabe 7.2 Alkohol setzt die Urteils- und Reaktionsfähigkeit herab. Aus Gründen der
wirtschaftlichen und sozialen Sicherheit von Unternehmen und Belegschaft darf
Alkoholmissbrauch am Arbeitsplatz deshalb nicht vernachlässigt werden.
Aufgabe 7.3 Anhand der Daten aus dieser Tabelle (Abb. 7.7 ) lassen sich folgende Beob-
achtungen machen.
Lösungen zu den Kontrollfragen
282
• Die Berufe mit den geringsten Einkommen sind sowohl für Frauen als auch für Männer die
Berufe des Kassierers/der Kassiererin, des Verkäufers/der Verkäuferin und des Telefonisten/
der Telefonistin. Der Frauenanteil dieser Berufe liegt zwischen 79 % und 91 %.
• Die Berufe mit den höchsten Einkommen unterscheiden sich für Männer und Frauen,
nur der Beruf des Geschäftsführers/der Geschäftsführerin oder des Filialleiters/der
Filialleiterin gehört für Männer wie für Frauen zur Spitzengruppe. Der Frauenanteil der
bei Männern am besten bezahlten Berufe liegt zwischen 19 % und 40 %. Der Frauenanteil
der bei Frauen am besten bezahlten Berufe liegt zwischen 4 % und 40 %
• Die höchsten Einkommen erzielen Frauen als Unternehmensberaterinnen oder
Organisatorinnen. Ihr Einkommen liegt hier jedoch immer noch knapp 900 € unter dem
von männlichen Unternehmensberatern oder Organisatoren. Im Vergleich zum bestbezahl-
ten Beruf von Männern verdienen Frauen in ihrem „Top-Beruf“ mehr als 1.700 € weniger.
• Mit Ausnahme der Telefonistinnen verdienen Frauen in allen Berufen weniger als ihre
männlichen Berufskollegen.
Diese Befunde belegen, dass Frauen in Sektoren und Berufen arbeiten, die gering vergütet
werden (vgl. Oechsler und Klarmann 2008, S. 34).
Aufgabe 7.4 Der Gender-Ansatz untersucht das Führungsverhalten von Vorgesetzten auf
der Basis des dichotomisch ausgeprägten Merkmals Geschlechterrolle. Im Vordergrund
steht die Frage, nach dem typisch weiblichen Führungsstil und dessen eventueller Vor-
teilhaftigkeit gegenüber dem männlichen Führungsstil. Der Diversity-Ansatz integriert
diesen Gedanken, erweitert die Perspektive aber auf alle die Individualität konstituieren-
den Merkmale des Vorgesetzten, wie z. B. Alter, Bildung, ethnische Herkunft, Religions-
zugehörigkeit usw.
Aufgabe 7.5 Die Beschäftigungsfähigkeit ist ein Gesprächsaspekt bei Zielverein-
barungen, Delegation und Entwicklungsgesprächen.
Lösungen zu den Kontrollfragen
283
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2016
U. Schirmer, S. Woydt, Mitarbeiterführung, BA KOMPAKT,
DOI 10.1007/978-3-662-47915-5
A
Abteilungsklima, 26
agile Führung, 195
Aktivität, 131
Alkoholmissbrauch, 270
Änderungskündigung, 34–35, 50
Anerkennung, 86, 138
Anforderungsprofi l, 49
Anreize, 8, 37, 181–182, 185, 188, 191,
214, 231
Anreizsystem, 8, 71, 230–231, 242
Anschlussmotiv, 77
Anweisung, 213–215
Arbeitsgestaltung, 213, 233–234
Arbeitsgruppe, 25, 191, 238
Arbeitsumfeld, 190
Arbeitsverhältnis, 34–35
Arbeitszufriedenheit, 25–26, 80, 87, 164
Attribution, 139
Attributionsfehler, 66
Aufgabenorientierung, 31, 206
Aufgabenstil, 172
Authentische Führung, 194
Autorität, 165
B
bad leadership, 39
Balanced Scorecard, 29
Basisannahmen, 6, 124, 126
Bedürfnis, 139, 174
Bedürfnishierarchie, 82
Belohnung, 23, 37–38, 132, 181, 185, 220, 226,
231–232
Benachteiligung, 255, 257, 259, 261
Beobachtung, 165, 251, 261, 270
Beurteilung, 55, 174, 182, 220, 222–223, 262
Beurteilungsbogen, 222
Beurteilungsgespräch, 220, 222, 229
Beurteilungskriterien, 154, 220–221, 223,
229, 258
Beurteilungssystem, 220
Beziehungsebene, 20
Beziehungsstil, 172
Burnout, 247–249
Burnout-Prävention, 247, 249
Burnout-Syndrom, 247
C
Change Agent, 16
Charisma, 187–188, 205
Charismatische Führung, 188
Coachee, 240–241
Coaching, 10, 182, 240–241
Code of Conduct, 44
Commitment, 16, 26
D
dark side of leadership, 39
Dekonstruktion, 259–260
Delegation, 10, 165, 188, 214, 216–217,
225, 250
Stichwortverzeichnis
284
Delegationsgespräch, 216
Demokratisierung, 20
Dezisionismus, 41
Dialogethik, 42
Differenz, 26, 259–260
Direktionsrecht, 34–35
DISG, 60
Diskriminierung, 255, 257–259, 264
Diskursethik, 49
Diversity, 19, 22, 158, 263–265, 270
Drogenmissbrauch, 250
Durchsetzungsvermögen, 161
E
Ebenenmodell, 27
Effektivität, 154, 164, 172, 177, 179,
182, 205, 224
Effi zienz, 224
Eigenschaftsansatz, 158, 160, 204, 206
Einfl ussversuch, 4, 10–11, 180
Eisberg-Modell, 140, 155, 217
Eltern-Ich, 143, 155
Emanzipation, 259
Employability, 224, 266–270
Empowerment, 33
Engagement, 29, 246
Enkulturation, 55
Entgeltfi ndung, 258, 260
Erfahrung, 76, 178
Erfolgsgrößen, 25, 29
Erschöpfung, 248
Erwachsenen-Ich, 143
Erwartung, 74, 180
Eskalationsstufen, 149
Ethikleitfaden, 44
explizite Motive, 79
Extrarollenverhalten, 26
Extraversion, 57
F
Face-to-Face-Kommunikation, 122
Facilitator, 198
Fähigkeiten, 13, 37, 76, 78, 81, 159–160,
178–179, 185, 192, 224, 226, 228
Feedback, 10, 130, 138, 182, 214, 217–218,
220, 242, 249
Fertigkeiten, 76
Formalziele, 13
Frauensprache, 262
Führung, 1–2, 5–6, 9–11, 13, 21, 23, 25–26, 28,
33–36, 46, 48–49, 60, 95, 123, 155,
157–159, 163–166, 168, 171, 174,
176–178, 180–182, 185–191, 204,
206–207, 213–214, 236
Führungsansätze, 158
Führungsaufgaben, 12, 14, 100, 155
Führungsbeziehung, 60
Führungscontrolling, 25
Führungserfolg, 4, 10, 157, 160, 170, 174, 176,
180, 205–206
Führungsethik, 39
Führungsforschung, 157, 204–205
Führungsgrundsätze, 6, 214, 230, 234, 236, 257
Führungsherausforderungen, 19, 49
Führungsinstrumente, 5, 213–214, 218,
242, 270
Führungskompetenz, 47, 50
Führungskraft, 4, 9, 16, 23, 24, 34–35, 37, 46,
123, 159, 164, 166, 168, 174, 176, 178,
179, 182, 184, 185, 190, 213–220,
222–230, 232, 234, 238, 241, 242, 250,
251, 258, 267, 269, 270
Führungsphilosophie, 6
Führungspolitik, 6
Führungsprozess, 21, 49, 180
Führungsrahmen, 4
Führungsrollen, 13, 15
Führungsstile, 165–166, 168, 170, 172, 177,
179, 181–182, 184, 205–206
Führungsstilkontinuum, 162, 166–168, 184
Führungssubstitute, 4, 6, 48, 230, 242
Führungstheorien, 157–158, 174
Führungsziele, 6, 29, 48, 185
full range of leadership, 205
Fürsorgepfl icht, 245–246, 267, 269–270
G
Genderforschung, 261
General Management-Kompetenz, 46
Gesunderhaltung, 245
Gewinn, 25, 29, 130
Gewissensethik, 40
Gleichbehandlung, 180, 245, 255–256, 259,
263, 265, 270
Gleichberechtigung, 255–256, 259
Stichwortverzeichnis
285
Gleichheit, 256, 259–260
Goodwill-Beiträge, 26
Great Man, 159–160, 163–164
Grid-Modell, 205
Gruppe, 13, 148, 165, 168, 184, 193,
213, 238
Gruppenarbeit, 193, 207
Gruppendynamik, 182, 238
H
Handlungsspielräume, 9
Handlungsvollmacht, 35–36
Harvard-Konzept, 152, 154
Hierarchie, 46, 126, 130, 241
Homöostase-Prinzip, 77
humanistischen Psychologie, 72
Human-Relations-Bewegung, 72
Humanverantwortung, 2
Hygienefaktor, 86
I
Idealisierung, 133
Identität, 124, 128, 255–256, 261
Ideologisierung, 133
implizite Motive, 77
Impression Management, 138
Information, 33, 138, 183, 214, 241
Informationsintention, 214
Informationsmanagement, 15
Inspiration, 188, 205
Instinkte, 78
Instrumentalität, 181–182
Integrationsstil, 172
Intention, 214–217, 219
Internationalisierung, 264
Intervention, 149
Intrapreneurship, 13
Iowa-Studien, 165–166
K
Kardinaltugenden, 41
Kennzahlen, 30
Kindheits-Ich, 143
Koalitionsbildung, 132
Kognitive Dissonanz, 138
Kohäsion, 13, 16, 25, 122
Kommunikation, 9, 12, 20, 28, 121–123, 125,
137–140, 152, 155, 177, 193, 226, 238,
241, 265
Kommunikations-,138, 192, 231
Kompetenz, 262, 265
Kompromiss, 241
Konditionierung, 231
Konfl ikt, 151, 241–242
Konsens, 152, 156, 184, 236, 241
Konsensethik, 42
Kontingenzmodell, 174, 176–177, 205–206
Kontrolle, 1, 165, 236
Kooperation, 23
Kosten, 226, 229, 250, 264
Kritik, 90, 171, 180, 184, 193, 219
Kritikgespräch, 218–220
Kulturdistanz, 19
L
Leadership, 123, 158, 168, 171, 187–188, 191,
193, 205–206
Lebenslanges Lernen, 267
Lebensplanung, 225, 247
Leistung, 13, 26, 34, 76, 78–81, 86, 100, 124,
126, 157, 168, 174, 177, 182, 185,
205–207, 220, 226, 233, 240, 251
Leistungsbereitschaft, 80, 161, 178
Leistungsbeurteilung, 220–222, 227
Leistungsentgrenzung, 163
Leistungsfähigkeit, 13, 76, 234
Leistungsmotiv, 79
Leistungsmotivation, 93
Leistungssteigerung, 226
Leistungsziele, 25
Leistungszulage, 222–223, 227
Leitender Angestellter, 36
Lerntheorie, 192
light side of leadership, 39
Lokomotion, 13
Loyalität, 161, 165, 269
Lückentheorie, 5
M
Macht, 37–38, 59, 132, 241, 259
Machtbasen, 36, 50
Machtgrundlagen, 10, 35–36, 39, 48
Machtmotiv, 77
Stichwortverzeichnis
286
Management by, 31
Managerial Grid, 169, 172
Media Richness, 123
Mediation, 152, 241–243
Medienkompetenz, 123
Menschenbild, 71, 73, 100–101, 159, 236
Mikropolitik, 132–133
Mission, 27–28
Mitarbeiterführung, 1–2, 48, 71, 171,
224, 236, 240
Mitarbeiterorientierung, 168, 172
Mitunternehmertum, 12
Mobbing, 252
Moderation, 238–240, 243
Moral, 41
Motiv, 78
Motivation, 33, 55, 76, 78–81, 87, 91,
100, 132, 177, 185, 213–214, 220,
226, 231, 236, 241
Motivatoren, 85
Münchhausen-Trilemma, 41
N
Naturalismus, 41
New Leadership, 184
Nutzen, 16, 180, 234
O
Ohio-Studien, 167–168, 171, 176, 205
Organisationale Energie, 131
Organisationsentwicklung, 171
Organisationskultur, 123, 126, 129, 231
Organisationsstruktur, 9, 173
P
Partizipation, 160, 184
Personalauswahl, 260
Personalbeschaffung, 257
Personalentwicklung, 16, 71, 213, 224, 258
Personalentwicklungsgespräch, 224–225
Personalentwicklungsmaßnahmen, 224–225
Personalführung, 25, 47, 261
Personalmanagement, 224, 257
Personalmarketing, 264
Persönlichkeit, 10
Pfl ichtbeiträge, 26
Pfl ichtenethik, 43
Planungsprozess, 32
Positionsmacht, 175
Projekt, 35, 130, 240
Projektleiter, 35, 124
Prokura, 35–36
Q
Qualität, 10, 59, 124, 131, 133, 183, 193, 215,
219, 229
Qualitätszirkel, 214
R
Reifegrad, 177–179, 206, 217
Reifegradmodell, 177–180, 205
Rentabilität, 25, 29
Rolle, 15–16, 26, 71, 133, 137, 207, 238, 264
Rollenkonzept, 15
Rubikon-Modell, 96
Rückkoppelungsmodell, 91
S
Sabbatical, 247
Sachinhalt, 155
Scrum, 196
Selbstaktualisierung, 69
Selbstbewusstsein, 68
Selbstkonzept, 55
Selbststeuerung, 23, 192
Selbstvertrauen, 68
Selbstwahrnehmung, 138, 194, 217, 223
Selbstwert, 69
Selbstwirksamkeit, 69
Self Disclosure, 138
Self-Leader, 123, 192–193, 205
Self-Leadership, 192–193, 205
Shared Leadership, 195
Sinnhaftigkeit, 231
situationale Günstigkeit, 176
Situationsansatz, 158
Sozialisation, 55
Spielregeln, 123–124, 240
Stakeholder, 29
Stellenziele, 226, 229
Strafe, 132, 232–233
Suchtprävention, 250
Super Leadership, 191–193, 195, 198,
204–205
Systemische Führung, 201
Stichwortverzeichnis
287
T
Team, 26, 127, 191, 207, 240
Teamarbeit, 249
Teamentwicklung, 118
transaktionale Führung, 158
Transaktionsanalyse, 143, 155
transformationale Führung, 158
Trieb, 78
Typenindikator, 60
U
Überzeugungsqualität, 60
Umsatz, 25, 29, 227
Unfallverhütungsvorschriften (UVV), 215
Unternehmensführung, 1, 27, 47
Unternehmensidentität, 124
Unternehmenskultur, 4, 6, 16, 49, 123,
125, 265
Unternehmensplanung, 28
Unterweisung, 76, 214–216
Unzufriedenheit, 87, 251
V
Valenz, 180–182
Verantwortung, 12, 34–35, 48, 73, 86, 123,
139, 160, 178–179, 191, 193, 239,
241, 245, 267, 270
Verantwortungsethik, 43
Verfahrensstil, 172
Verhaltensansatz, 158
Verhaltensbeeinfl ussung, 2, 191
Versetzung, 34, 257
Versetzungsklausel, 34–35, 50
Verträglichkeit, 57
Vertrauen, 154, 185
Vier-Stufen-Methode, 215
VIE-Theorie, 88
Virtualität, 122
Virtuelle Teams, 122
Vision, 27–29, 48, 133, 188, 191, 236
Vorgesetzter, 34, 240
Vorstellungsmuster, 124
W
Wahrnehmung, 35, 71, 124, 139, 186
Weg-Ziel-Theorie, 180–182, 206
Weisungsrecht, 10, 34–35, 37, 48–50
Werte, 22, 107, 123–124, 127, 185–186
Wertekanon, 22
Wertewandel, 23
Wertschätzung, 24, 37, 168, 188, 205
Wertschöpfungsbeitrag, 25
Work-Life-Balance, 24, 245–247, 270
Workshop, 238
Z
Ziele, 32, 33, 48, 59, 79, 90, 127, 131–133,
166, 168, 175, 177, 180, 185, 186, 191,
192, 226–229, 231, 236, 239–241, 258
Zielkaskadierung, 32, 38, 40, 44, 48–49
Zielsystem, 9, 27, 29, 33
Zielvereinbarungen, 31, 33, 226–229, 232, 243
Zielvereinbarungsgespräch, 225–226, 229
Zufriedenheit, 16, 26, 87
Zusammengehörigkeitsgefühl, 20
Zwei-Faktoren-Theorie, 84
Stichwortverzeichnis